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Christenverfolgung












Unter Nero (54-6
Die Christenverfolgung im Jahr 64 hatte nichts mit dem Kaiserkult zu tun. Sie folgte auf einen verheerenden Brand in Rom, der zehn von vierzehn, darunter die ärmeren, gerade von Juden und Christen bewohnten Stadtteile traf. Dies ist vor allem durch Tacitus bekannt.

Ihm zufolge kam danach das Gerücht auf, der Kaiser selbst habe die Brandstiftung befohlen. Nero habe versucht, diesen Verdacht auf die verhasste religiöse Minderheit der „Chrestianer" zu lenken. In diesem Zusammenhang erwähnt Tacitus „Christus" und seine Kreuzigung durch Pilatus und fährt fort:

Man verhaftete zuerst Leute, die bekannten, dann auf ihre Anzeige hin eine riesige Menge. Sie wurden nicht gerade der Brandstiftung, wohl aber des allgemeinen Menschenhasses überführt. Die Todgeweihten benutzte man zum Schauspiel. Man steckte sie in Tierfelle und ließ sie von Hunden zerfleischen, man schlug sie ans Kreuz oder zündete sie an und ließ sie nach Einbruch der Dunkelheit als Fackeln brennen.
Nero habe dafür seinen Park zur Verfügung gestellt, dort ein Zirkusspiel veranstaltet und sich als Wagenlenker unter das Volk gemischt.

So regte sich das Mitleid - obwohl sie schuldig waren und die härtesten Strafen verdienten -, weil sie nicht dem Allgemeinwohl, sondern der Grausamkeit eines Einzelnen zum Opfer fielen.
Tacitus lässt offen, was die Verhafteten bekannten: ihre Schuld am Brand oder ihren Glauben. In beiden Fällen wäre die Denunziation vieler „Mitschuldiger" unlogisch. Diese wurden also willkürlich verhaftet; ihr Christsein reichte aus, um sie verdächtig und als „Sündenbock" geeignet zu machen. Tacitus hätte sie in einem geordneten Verfahren ebenfalls für ihren „Hass gegen das Menschengeschlecht" - also die Ablehnung römischer Sitten und Riten - geopfert, um die Sympathie im Volk für sie zu verringern. Dieser Vorwurf des odium generis hatte zuvor auch schon die Juden getroffen. Er grenzte aus der römischen Gesellschaft aus und konnte somit e Folgen haben.

Nero genoss zuvor einen untadeligen Ruf als Schützer der Bürgerrechte: Es war üblich, ihn als obersten Schiedsrichter anzurufen. Lukas bestätigt, dass auch Paulus sich in seinem Prozess in Jerusalem auf den Kaiser berief (Apg 25,11). Dieser konnte allerdings auch neues Recht und Straftatbestände setzen.

Ob die Christen in Rom sich beim Brand nicht an den Löscharbeiten beteiligten und dadurch zusätzlichen Hass auf sich zogen, ist unbekannt. Paulus hatte ihnen im Römerbrief eingeschärft, alle Verfolger, gerade auch Staatsvertreter, zu segnen und sie mit zuvorkommender Nächstenliebe zu beschämen, um Böses mit Gutem zu überwinden (Röm 12,9-21):

Soviel an Euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden!
Die Verfolgung blieb in Neros Regierungszeit ein Einzelfall und auf Rom begrenzt. Sie wurde erst von den Kirchenvätern mit dem Kaiserkult in Verbindung gebracht. Der christlichen Legende nach sollen auch die Apostel Petrus und Paulus im Verlauf von Neros „Zirkusspiel" hingerichtet worden sein: Paulus als römischer Bürger durch das Schwert, Petrus als Ausländer durch Kreuzigung.
Unter Domitian (81-96)
Nach dem jüdischen Aufstand in Palästina, den ein Kaiserbild im Tempel ausgelöst hatte, wurden Juden reichsweit verstärkt von der Regierung beobachtet und von der römischen Oberschicht verachtet. Diese Situation kann hinter den wenigen verstreuten Notizen aus Domitians Regierungszeit stehen.

Der römische Historiker Dio Cassius berichtet, im Jahr 95 habe der Kaiser neben vielen anderen, die in die jüdischen Sitten verirrt waren, auch seinen Vetter wegen „Gottlosigkeit" hinrichten lassen und dessen Frau verbannt. Der Vorwurf lässt erahnen, dass es um die Ablehnung der Staatsgötter ging: Christen galten deswegen später als atheoi.

Eusebius von Cäsarea zitiert dazu Hegesippus und behauptet, die Frau des Vetters sei Christin gewesen. Domitian habe dann eine Judenverfolgung befohlen, die auch Christen getroffen habe, die als Juden denunziert worden seien. Darunter seien Enkel des Judas, eines Bruders Jesu, gewesen. Man habe sie dem Kaiser vorgeführt, er habe sie verhört und nach der Art ihres Glaubens gefragt. Als sie ihm erklärten, Christi Reich sei nicht weltlich, sondern himmlisch, habe er sie freigelassen und die Verfolgung der Christen eingestellt.

Die Darstellung lässt nicht erkennen, was genau die Verfolgung veranlasste. Sie war zeitlich begrenzt und traf eher Juden als Christen. Dabei können lokale Spannungen zwischen ihnen eine Rolle gespielt haben.
Unter Trajan (98-117)
Erst nach der Trennung vom Judentum (um 100) wurde das Christentum als eigenständige Religion wahrgenommen. Nun mussten Christen wie alle Staatsbürger regelmäßig Weihrauch vor einem Kaiserbild in den Kaisertempeln verbrennen. Dabei konnten sie sich zwar von einem Haussklaven vertreten lassen; aber die meisten lehnten diesen Ausweg für sich ab: Sklavendienste waren in einer christlichen Hausgemeinschaft nicht üblich, und die Bediensteten waren selbst meist Christen.

Anfang des Jahres 100 bat der Statthalter der Provinz Bithynien in Kleinasien, Plinius, in einem Brief den Kaiser um Rat, wie er sich zu den störrischen Christen verhalten solle: Sei schon ihr Name (= ihr Christusbekenntnis) an sich strafbar, auch wenn kein Verbrechen vorliege, oder seien es die Verbrechen, die mit dem Namen zusammenhingen? Er habe sie verhört, mit der Todesstrafe bedroht und die, die sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören, hinrichten lassen. Viele anonym Angeklagte habe er Götter anbeten, dem Kaiserbild opfern und Christus lästern lassen. Wer das erfüllt habe, sei freigelassen worden: Denn zu all dem sollen sich wahre Christen nicht zwingen lassen. Viele hätten daraufhin erklärt, sie seien früher Christen gewesen, hätten sich aber nur am regelmäßigen Lobsingen beteiligt und einen Eid geschworen: nicht etwa zu einem Verbrechen, sondern zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit, Unterschlagung von anvertrautem Gut. Die Zehn Gebote und christliche Lasterkataloge klingen hier an (vgl. 1. Kor 5,11; 1. Tim 1,9f u.a.): Demnach waren Christen an sich gute Staatsbürger. Doch Plinius klagte:

Nicht nur über die Städte, sondern auch über die Dörfer und das flache Land hat sich die Seuche dieses Aberglaubens verbreitet. Es scheint aber, dass es möglich ist, sie aufzuhalten und in die richtige Richtung zu lenken.
Kaiser Trajan billigte sein Verfahren; man könne nicht alle vermuteten Christen gleich behandeln. Er ordnete an:

Sie aufspüren soll man nicht. Wenn sie angezeigt und überführt werden, müssen sie bestraft werden...Klageschriften ohne Autor dürfen bei keiner Straftat Platz haben. Denn das wäre ein sehr schlechtes Beispiel und passt nicht zu unserem Zeitalter."
Das Christentum sollte also eingedämmt, nicht ausgemerzt werden. Dabei bot römische Rechtstradition einen gewissen Schutz vor Willkür: Christen sollten nicht gezielt ausfindig gemacht, anonyme Anzeigen nicht berücksichtigt werden. Nur wer nachweislich den Kaiserkult verweigerte, war wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt hinzurichten. Damit war aber auch klar: Im Fall einer Anklage konnten Christen ihr Leben nur durch Vollzug des Opfers, also Verrat ihres Glaubens retten. Da jeder römische Bürger sie anzeigen konnte, waren sie nun permanent gefährdet; ob sie verfolgt wurden, hing vielfach von „Volkes Stimme" ab. Nach dieser Regelung gingen die Behörden fortan vor.
Regionale Verfolgungen im 2. Jahrhundert
Von Domitian bis zu Commodus (180-192) gab es fast ständig lokal begrenzte Verfolgungen von Christen mit unterschiedlicher Intensität. Eine davon war die blutige Hetzjagd auf sie in der Hafenstadt Smyrna (heute: Izmir). In deren Verlauf wurde 155 auch der damalige Bischof Polykarp verbrannt.

Eine Aufzeichnung seiner Gemeinde, das Zeugnis des Polykarp, erzählt von den Vorgängen und wurde damals unter Christen weit verbreitet. Dieser älteste christliche Märtyrerbericht stilisiert den Bischof zu einem vorbildlichen Märtyrer. Schon bei seiner Festnahme habe er auf Flucht verzichtet und freudig ausgerufen: Des Herrn Wille geschehe! Er sei den Soldaten entgegen geeilt, habe sie als Gäste bewirtet und beschämt, bis sie an ihrem Auftrag zweifelten. Er sei zum Statthalter gebracht worden, der ihn vergeblich bat: Bedenke dein Alter! Opfere dem Kaiser und lästere Christus! Auch Drohen mit Raubtieren habe nichts ausgerichtet. Darauf habe das Volk verlangt: Vor die Löwen! Vor die Löwen! Der Statthalter habe dies abgelehnt und stattdessen einen Scheiterhaufen in der Zirkusarena errichten lassen. Bis zuletzt habe der Brennende Gott gelobt und ihm gedankt, dass er dieses Todes gewürdigt worden sei.

Einen weiteren Bericht dieser Art von 177 in der Regierungszeit Mark Aurels aus Lugdunum (Lyon) in Gallien zitiert Eusebius von Caesarea in seiner Kirchengeschichte. Auch unter ihm wurden viele Christen in die Arena geschickt und fanden dort den Tod. Allerdings wurden manche der seltenen christlichen Märtyrerlegenden erst später angefertigt oder vorhandene tendenziös verändert. Offizielle römische Quellen zur Christenpolitik findet man dagegen kaum.

Noch war das Christentum bloß eine von vielen Sekten im römischen Reich. In Abgrenzung von gnostischen Einflüssen, Marcioniten und Montanisten vollzog es aber einen inneren Wandel und entwickelte eine hierarchische Organisationsform: das monarchische Bischofsamt. Um 180 wurde zudem der Kanon des Neuen Testaments festgelegt. Damit gewannen die Gemeinden innere und äußere Stabilität. Kirchliche Amtsträger hatten nun auch politisches Gewicht gegenüber den lokalen Behörden.

Sie wurden in der nichtchristlichen Bevölkerungsmehrheit zunehmend abgelehnt und von der gebildeten Oberschicht zugleich tief verachtet. So äußerte Caecilius Natalis, der Sprecher des Heidentums um 200 über die Christen:

Es sind Leute, welche aus der untersten Hefe des Volkes unwissende und leichtgläubige Weiber sammeln, die ja schon wegen der Schwäche ihres Geschlechts leicht zu gewinnen sind, und eine ruchlose Verschwörerbande bilden. Sie verbrüdern sich in nächtlichen Zusammenkünften, ein feiges und lichtscheues Volk, stumm in der Öffentlichkeit und nur in Winkeln gesprächig. Die Tempel verachten sie als Grabmäler, die Götter verfemen sie, über die Opfer lachen sie. Obwohl selbst bemitleidenswert, bemitleiden sie die Priester, verschmähen Ehrenstellen und Purpurkleider und können nicht einmal ihre Blöße decken!
Das zeigt Misstrauen gegenüber der Mission der Christen unter den Ärmeren, ihren privaten Hausgottesdiensten und ihrer Ablehnung von Staatsämtern. Da sie als undurchschaubar und staatsgefährdend galten, wurden ihnen bald allerlei unerklärliche Unglücksfälle angelastet. So schrieb Tertullian auch um 200:

Wenn der Tiber bis in die Stadtmauern steigt, wenn der Nil nicht bis über die Feldfluren steigt, wenn die Witterung nicht umschlagen will, wenn die Erde bebt, wenn es eine Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt, sogleich wird das Geschrei gehört: Die Christen vor die Löwen!
Diese Situation spiegeln auch christliche Schriften aus dieser Zeit: der 1. Petrusbrief, der 1. Clemensbrief und die Offenbarung des Johannes. Sie richteten sich u.a. an Gemeinden wie Smyrna und Philippi, die schon Verfolgungen erdulden mussten. Angelehnt an jüdische Märtyrertheologie und die Paulusschule, entwickeln sie Gedanken, die ihnen halfen, mit der ständigen Existenzgefährdung umzugehen. Sie deuten das Leid der Christen als unausweichliche Konsequenz ihres Glaubens: Der Weg in Gottes Reich führt notwendig durch die tödliche Ablehnung der Welt (Apg 14,22). Sie ist die gottferne Fremde (Phil 3,20). Hinter ihren „Mächtigen und Gewaltigen" stehen und seine Dämonen, gegen die nur die „Waffenrüstung Gottes" bestehen kann: Wahrheit, Gerechtigkeit, die Frohbotschaft des Friedens (Eph 6,10-17) - im Vertrauen auf den, dessen Tod den Frieden zwischen Gott und Welt, Nahen und Fernen, Juden und Heiden gestiftet hat (Eph 2,13-16). So mahnt 1. Petr 4,12:

"Meint nicht, euch widerfahre etwas Seltsames, sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben möget. Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet für den Namen Christi...
Darum war aktiver Widerstand gegen staatliche Maßnahmen seitens der Christen sehr selten. Sie beantworteten Feindseligkeiten nicht mit Gewalt, sondern mit verstärkter Erinnerung an ihren Herrn und seinen schon errungenen Sieg über den Tod.
Unter Severus (193-211)
Septimius Severus errang den Kaiserthron erst, nachdem er drei Mitbewerber aus dem Feld geschlagen hatte. Er suchte sich dann als göttlicher Sohn des Mark Aurel zu legitimieren und bevorzugte Syrien und Nordafrika als Machtbasis gegenüber Rom. In diesem Kontext erließ er 202 ein Verbot aller Bekehrungen zum Christentum oder Judentum bei Todesstrafe. Es sollte vor allem die Randprovinzen treffen und den Zulauf zur Kirche dort stoppen. Ein generelles Religionsverbot war damit nicht verbunden und im römischen Recht auch nicht vorgesehen.

Aber das Edikt ermutigte römische Bürger, die verhassten „Menschenverächter" öfter bei den Behörden anzuzeigen. Die Folge waren vermehrte lokale Christenverfolgungen, besonders von Katechumenen, Neugetauften und deren Lehrern. Häufig wurde ihnen Gottlosigkeit (irreligiositas), Inzest oder Mord vorgeworfen: Dahinter stand der Hass auf die Abschottung der Christengemeinden und das Gewohnheitsrecht (institutum) aus dem 1. Jahrhundert, wonach erwiesene Staatsfeinde auch gewöhnlicher Vergehen überführt seien. Christsein wurde nun also per se als Staatsfeindschaft betrachtet. Dennoch gefährdeten örtliche Pogrome die Kirche insgesamt nicht: Sie verlangsamten nur ihre Ausdehnung und sorgten dafür, dass die Neubekehrten ihr Glaubensbekennntis ernster nahmen, stärkten also eher ihre innere Oppositionshaltung zum Staat.

In den folgenden 40 Jahren blieben die Christen relativ unbehelligt. Die Kaiser waren vollauf mit der Abwehr von äußeren Feinden beschäftigt. Eine auf Rom begrenzte Verfolgung fand 235 unter dem Soldatenkaiser Maximinus Thrax (235-238) statt.
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