Foren-Übersicht
Login | Registrieren | Forum | Impressum | Suche

Tahirih












Dieser Thread ist die Fortsetzung aus dem Thema Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Mann und Frau, in der auch die Geschichte von Tahirih erzählt wurde.
Nachfolgend ein Auszug aus "Baha'u'llah und das Neue Zeitalter", John E. Esslemont, erschienen im Baha'i Verlag.

„Unter den Frauen unserer Zeit ragt Qurratu'l-Ayn (Tahirih) hervor, die Tochter eines muhammadanischen Priesters. Zur Zeit des Auftretens des Bab (Anm. um 1844) zeigte sie so überwältigenden Mut und Kraft, daß alle, die sie hörten, erstaunt waren. Sie warf ihren Schleier beiseite, den uralten Gebräuchen der Perser zum Trotz, und obschon es als ungehörig galt, mit Männern zu sprechen, unternahm es diese heldenhafte Frau, sich mit den gelehrtesten Männern auseinanderzusetzen, und trug auch in jeder derartigen Zusammenkunft den Sieg davon. Die persische Regierung nahm sie gefangen. Sie wurde in den Straßen mit Steinen beworfen, aus dem Islam ausgestoßen, von einer Stadt zur anderen verbannt, mit dem Tode bedroht, aber nie wich sie von ihrem Entschluß ab, für die Freiheit ihrer Schwestern einzutreten. Sie ertrug Verfolgung und Leiden mit größtem Heldenmut. Selbst im Gefängnis gewann sie noch Menschen. Zu einem persischen Minister, in dessen Haus sie gefangen war, sagte sie: ‘Du kannst mich töten, sobald es dir beliebt; aber du kannst die Befreiung der Frauen nicht aufhalten.’ Schließlich nahte das Ende ihres tragischen Lebens; man brachte sie in einen Garten und erdrosselte sie. Sie aber hatte ihr schönstes Kleid angezogen und sich geschmückt, als ob sie eine Brautfahrt machen wollte. Mit solcher Seelengröße und solchem Mut gab sie ihr Leben dahin, daß alle, die sie sahen ergriffen und erschüttert waren. Sie war wahrlich eine große Heldin.“


Tahirih bedeutet „Die Reine“. Diesen Namen verlieh Baha’u’llah der ersten Frau, die an den Bab glaubte, und der Bab bestätigte diesen Namen. Aus der Geschichte Tahirihs, die wir hier erzählen, werdet ihr erfahren, weshalb man sie „Die Reine“ nannte.

Tahirih wurde 1817 in Qazvin im Iran (Persien) geboren, im gleichen Jahr wie Baha’u’llah. Qazvin war damals eine Hochburg des Islam. Ihr Vater war Geistlicher und Lehrer, im Iran ein sehr berühmter, kluger Mann. Ihr Onkel väterlicherseits war ebenfalls Geistlicher und ebenso bekannt. Tahirihs Bruder ähnelte sehr dem Vater, und die drei Männer sprachen im Hause ständig über religiöse Themen. So hörte Tahirih schon von früher Kindheit an viel über Religion.

Tahirih war anders als die meisten Kinder, die lieber spielen als Bücher studieren. Begierig hörte sie den Gesprächen ihrer Angehörigen über Gott und den Islam zu. Sie lernte viel beim Zuhören und merkte auch, daß ihre Familie in Wahrheit von Religion nichts verstand, daß ihnen die geistige Bedeutung der Religion verborgen war. Als sie dies entdeckte, begann sie, die Religion selbst zu erforschen.

Schon früh war sie in Qazvin als Wunderkind bekannt, begabter und klüger als die meisten anderen. Ihr eigentlicher Name war Fatimih Umm-Salamih, aber so wurde sie nie gerufen. Sie war ein solch außergewöhnliches Kind, daß ihre Familie sie „Zarrin-Taj“ nannte, was „goldene Krone“ bedeutet. Wenn ihr Vater Religion unterrichtete, hörten Hunderte von Studenten zu, aber keine Frauen. Zu jener Zeit behandelte man die Frauen fast wie Vieh, besonders im Orient. Die Männer waren der Ansicht, Frauen wären gerade recht für die Hausarbeit und die Aufzucht der Kinder. In der Öffentlichkeit mußten Frauen stets einen Schleier tragen.

Die kleine Zarrin-Taj erhielt von ihrem Vater die Erlaubnis, seinen Unterrichtsstunden zuzuhören. Sie durfte zuhören, mußte aber hinter einem Vorhang sitzen, so daß die Männer nicht merkten, daß sie im Raum war. Zarrin-Tajs Vater sagte einmal, er wünschte, seine Tochter wäre ein Sohn, denn dann könnte sie in seine Fußstapfen treten und den Ruhm der Familie mehren. Er konnte nicht wissen, welch großen Ruhm sie in Zukunft auf seinen Namen häufen würde!

Die kleine Zarrin-Taj war glücklich, daß sie den Vorlesungen ihres Vaters hinter dem Vorhang zuhören durfte. Manchmal aber konnte sie nicht ganz ruhig bleiben. Einmal war sie so erregt über das, was ihr Vater sagte, daß sie ohne nachzudenken hinter ihrem Vorhang einen Fehler rügte. Ihr Vater war zugleich überrascht wie verärgert. Aber Zarrin-Taj konnte beweisen, daß seine Ausführungen falsch gewesen waren. Von da an wußten alle, daß sie hinter dem Vorhang saß, und sie durfte an allen Erörterungen teilnehmen.

Mit dreizehn Jahren wurde Zarrin-Taj mit Mulla Muhammad, einem Vetter, verheiratet. Ihre Eltern hatten die Heirat vereinbart, wie es damals üblich war. Sie hatte Mulla Muhammad nicht als Ehemann gewählt, aber sie lebte eine Zeitlang mit ihm und gebar ihm drei Kinder. Die meiste Zeit jedoch verbrachte sie bei ihren Eltern, bis sie eine Anhängerin Siyyid Kazims wurde und Qazvin verließ.

Zarrin-Taj hörte durch Zufall von Siyyid Kazim. Sie besuchte eines Tages einen Vetter, und wohin sie auch kam, interessierte sie sich sehr dafür, welche Bücher die Menschen lasen und was in ihren Bücherschränken stand. Bei dem Vetter sah sie Bücher von zwei großen Gelehrten: Shaykh Ahmad und Siyyid Kazim. Sie blätterte in diesen Büchern und fragte, ob sie sie ausleihen dürfte. Der Vetter sagte ihr, daß ihr Vater bestimmt nicht erfreut wäre, wenn sie diese Bücher läse, da sie von sehr modernen Denkern verfaßt seien. Ihr Inhalt stimme nicht mit der Richtung im Islam überein, die ihr Vater lehrte. Das gefiel Zarrin-Taj, denn auch sie stimmte mit ihrem Vater nicht überein. Sie versprach, auf die Bücher sorgfältig achtzugeben, und durfte sie mitnehmen.

In einem der Bücher las sie, daß die Zeit nahe sei, da ein neuer Prophet Gottes erscheine. Dieser Prophet werde die Verheißungen aller Religionen erfüllen, besonders aber die Verheißungen Muhammads im Qur'an. Das Buch war von so zwingender Logik, daß Zarrin-Taj unbedingt diese Lehrer treffen wollte. Shaykh Ahmad aber war vor einigen Jahren gestorben, und Siyyid Kazim lebte weit weg in Karbila, im 'Iraq. Auch war es in diesen Ländern Frauen nicht gestattet, alleine zu reisen.

Zarrin-Taj interessierte sich immer mehr für die neuen Lehren von Shaykh Ahmad und Siyyid Kazim und erzählte allen davon. Ihre Familie und ihr Mann schalten sie deswegen, doch ihre Gedanken waren immer bei dem neuen Lehrer, der auf diese Erde kommen werde. Sie sagte sogar ihrem Onkel, daß sie die erste Frau sein möchte, die dem neuen Offenbarer, sobald Er erscheine, dient, wußte sie doch, wie tief der Iran gesunken war, und wie dürftig die Erziehung der Frauen, denen sie helfen wollte. Sie sagte ihrem Onkel: „Wann kommt nur der Tag, an dem neue Gesetze offenbart werden! Ich werde die erste sein, die diesen neuen Lehren folgt, und werde mein Leben für meine Schwestern geben.“

Zarrin-Taj versuchte, über die neuen Lehren mit ihrem Vater zu sprechen, aber er schenkte ihr kein Gehör. So schrieb sie Briefe an Siyyid Kazim selbst, in denen sie Antwort auf ihre vielen Fragen erbat. Siyyid Kazim beantwortete ihre Fragen so gut, daß Zarrin-Tajs Bewunderung für ihn noch größer wurde. Sie war so glücklich über seine Antworten, daß sie eine lange Abhandlung schrieb, in der sie die Lehren Shaykh Ahmads pries und sie verteidigte gegen diejenigen, die sie als falsch hinstellten. Ihre Abhandlung war klug verfaßt und erklärt die Lehren Shaykh Ahmads so unmißverständlich, daß Siyyid Kazim ihr einen Brief schrieb, der mit diesen Worten begann: „0 du, die du der Trost meiner Augen und die Wonne meines Herzens bist!“ „Trost meiner Augen“ heißt in Persien „Qurratu'l-'Ayn“, und unter diesem Namen wurde Zarrin-Taj bekannt.
Nachdem Qurratu'l-'Ayn den Brief Siyyid Kazims erhalten hatte, beschloß sie, ihn unbedingt in Karbila aufzusuchen. Aber wie sollte sie die Reise begründen? Ihr Vater würde ihr zu diesem Vorhaben nie seine Einwilligung geben, noch viel weniger, Hunderte von Kilometern allein durch die Wüste zu reisen! So dachte sich Qurratu'l-'Ayn einen Plan aus.

Karbila ist eine der heiligen Städte des Islam. Viele Pilger besuchen jedes Jahr die dortigen Schreine - wenn sie nicht nach Mekka oder Medina reisen können. Qurratu'l-'Ayn hatte schon immer diese Schreine aufsuchen wollen, wenn man es von ihr als Frau auch nicht erwartete. Sie sprach mit ihrer Schwester darüber und sie beschlossen, ihren Vater für den Besuch der Schreine in Karbila um Erlaubnis zu bitten. Ihr Vater wußte, daß sie, wenn sie nach Karbila ging, auch Siyyid Kazim aufsuchen würde. Aber er beschloß, sie auf jeden Fall gehen zu lassen. Er hoffte, daß sie beim Anblick der heiligen Schreine des Islam ihren Sinn ändern und wieder eine echte Muslimin werden würde.

Die Reise nach Karbila wurde im Jahre 1843 unternommen. Qurratu'l-'Ayn war 26 Jahre alt und Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter. Im ganzen Iran war sie als die schönste und gebildetste Frau des Landes berühmt. Wie schön wäre es, wenn man von dieser großen lranischen Frau ein Bild hätte, aber niemand machte ein Foto von ihr, und kein Maler porträtierte sie zu Lebzeiten. Das Bild von ihr lebt deshalb nur in unserer Vorstellung.

Nach der langen Reise von Qazvin nach Karbila ging Qurratu'l-'Ayn sogleich zu dem Haus, in dem Siyyid Kazim wohnte. Aber wie groß war ihre Enttäuschung! Siyyid Kazim war vor zehn Tagen aus dieser Welt geschieden. Große Traurigkeit überkam sie, und sie weinte viele Tage lang. Sie war so traurig, ihren neuen Lehrer nicht mehr sprechen zu können, daß die Familie Siyyid Kazims sie zu sich einlud. Sie durfte alle seine Schriften lesen, von denen erst wenige veröffentlicht waren. Mit großem Eifer studierte sie die Schriften, ja, sie lehrte unter den Studenten Siyyid Kazims. Während ihrer Vorträge saß sie hinter einem Vorhang, wie sie es schon in Qazvin bei den Vorlesungen ihres Vaters getan hatte. Den Studenten Siyyid Kazims- alle waren Männer-muß es seltsam vorgekommen sein, eine weibliche Stimme zu hören, die sie hinter einem dichten Vorhang lehrte.
Qurratu'l-'Ayn blieb drei Jahre lang in Karbila. Viel geschah während dieser Zeit. Eines der wichtigsten Ereignisse erlebte sie eines Nachts, nachdem sie gefastet und den Tag mit Meditation verbracht hatte. Sie hatte einen Traum, in dem sie einen jungen Mann hoch am Himmel sah, einen Nachkommen des Propheten Muhammad. Dieser junge Mann stand in der Luft, sprach immer wieder bestimmte Worte und betete. Qurratu'l-'Ayn erinnerte sich an einige dieser Worte und schrieb sie beim Erwachen nieder.

Wenige Tage später erfuhr sie, daß ihr Schwager Mirza Muhammad Ali, der Mann ihrer Schwester, bald Qazvin verlassen wollte, um den Verheißenen zu suchen. Kaum hatte sie davon gehört, da sandte sie ihm einen versiegelten Brief und bat ihn, denselben dem Verheißenen zu übergeben, sobald er Ihn gefunden hätte. Sie schrieb: „Du bist auf dem sicheren Weg, den Verheißenen im Laufe deiner Reise zu finden. Sage Ihm von mir: `Das Licht Deines Antlitzes strahlte vor meinen Augen und sein Strahlenglanz erhob sich über mir.` Dann sprich die Worte: `Bin Ich nicht dein Herr?` und: `Du bist es, Du bist es, soll unsere Antwort sein.`“

Mirza Muhammad Ali nahm den Brief von Qurratu'l-'Ayn und brach zu seiner Reise auf. In Shiraz erkannte er den Bab und wurde der sechzehnte Buchstabe des Lebendigen. Sogleich übergab er dem Bab den Brief mit Qurratu'l-'Ayns Botschaft. Als der Bab ihn gelesen hatte, erklärte Er sie sofort zum siebzehnten Buchstaben des Lebendigen. So wurde Qurratu'l-'Ayn der einzige Buchstabe des Lebendigen, der nie in die Gegenwart des Bab gelangte. Allein durch ihren Traum hatte sie Ihn erkannt!

Als Mulla Ali, der vierte Buchstabe des Lebendigen, Shiraz verließ, wies der Bab ihn an, den neuen Glauben nach Karbila zu bringen. Der Bab gab ihm einige Seiner Sendschreiben in arabischer Sprache mit. Als Qurratu'l-'Ayn diese Sendschreiben las, entdeckte sie darin die Worte, die sie in ihrem Traum vernommen und niedergeschrieben hatte. Sie war nun ganz sicher, daß der Bab in Shiraz der Mann war, den sie im Traum erblickt hatte.

Qurratu'l-'Ayn war so begierig auf Nachrichten über den Bab, daß Mulla 'Ali sehr lange bei ihr bleiben und ihre Fragen beantworten mußte. Sie gönnte ihm erst Ruhe, als sie alles erfahren hatte. Die Sendschreiben des Bab studierte sie gründlich und begann dann, sie ins Persische zu übersetzen. Außerdem schrieb sie selbst Bücher und Gedichte in persischer Sprache über den Bab und Seine Lehren.
Qurratu'l-'Ayn war nicht alleine in Karbila. Sie wurde begleitet von einigen Frauen, die euch vielleicht interessieren: die Mutter und Schwester von Mulla Husayn, außerdem eine Frau, bekannt als Shams-i-Duha, was „Morgensonne“ bedeutet. Shams-i-Duhas richtiger Name war Khurshid Bagum, aber diesen gebrauchten die meisten Leute nicht. Später wurde sie die Großmutter von Mirza Jalal, der Abdu’l-Bahas Tochter Ruha Khanum heiratete.

Bald wußte jeder in Karbila, daß sich Qurratu'l-'Ayn zum Bab bekannte und Seinen Glauben in der heiligen Stadt des Islam öffentlich lehrte. Sie lehrte nicht nur Seinen Glauben, sondern weigerte sich auch, die heiligen Tage der islamischen Religion weiterhin zu feiern. Am Jahrestag von Husayns Märtyrertod, dies ist ein hoher Feiertag im Islam, bat Qurratu'l-'Ayn ihre Schwester und ihre Verwandten, nicht wie üblich schwarze, sondern helle, farbenfrohe Kleider anzulegen. Warum? Es war auch der Geburtstag des Bab und deshalb ein Tag des Glücks und der Freude, kein Tag, um Schwarz zu tragen.

Als die Geistlichen von Karbila erfuhren, was Qurratu'l-'Ayn dem Islam an diesem heiligen Tage angetan hatte, verklagten sie sie bei der Regierung und verlangten, daß sie vor den Gouverneur gebracht und bestraft würde. Die Regierungsbeamten suchten nach ihr, verhafteten aber fälschlicherweise Shams-i-Duha. Sobald Qurratu'l-'Ayn dies erfuhr, schrieb sie an den Gouverneur und teilte ihm mit, daß sie die falsche Frau festgenommen hatten, sie sollten kommen und sie statt Shams-i-Duha festnehmen. Der Gouverneur war sehr empört über diese Frauen und ordnete an, Qurratu'l-'Ayn in ihrem Hause zu bewachen. Drei Monate lang durfte sie keine Menschenseele sehen. Niemand durfte das Haus betreten, und sie durfte es nicht verlassen.

Bald darauf hörte Qurratu'l-'Ayn, daß der Bab eine Zusammenkunft der führenden Babi in der lranischen Provinz Khurasan einberufen habe. Sie war überglücklich! Aber sie war gefangen in ihrem eigenen Haus: wie sollte sie dorthin kommen? Nichts sollte sie vom Besuch dieser Zusammenkunft abhalten! So schrieb sie an den Gouverneur und teilte ihm mit, daß sie Karbila verlassen wolle, um nach Baghdad zu reisen. Baghdad lag noch im Iraq, aber der Iranischen Grenze näher und daher auf dem Weg zu diesem Treffen.

Die Geistlichen Karbilas versuchten, die Abreise Qurratu'l-'Ayns zu verhindern und gaben vor, die Reise nach Baghdad sei zur Zeit zu schwierig und gefährlich. Der wahre Grund aber war der, daß der Gouverneur noch nicht verkündet hatte, wie er bestrafen wollte, daß sie den Geburtstag des Bab gefeiert hatte, statt des heiligen Tages der Muslime zu gedenken. Sie hofften noch, daß sie öffentlich bestraft würde. Natürlich ließ sich Qurratu'l-'Ayn von ihren Vorhaltungen nicht beeindrucken. Stattdessen schrieb sie jedem einzelnen einen ausführlichen Brief, in dem sie begründete, warum sie weggehen wollte, und daß sie die Reise durchaus unternehmen könne-denn es gibt keine Gefahren, wenn man den Willen Gottes befolgt.

Bald darauf erhielt sie vom Gouverneur die Erlaubnis, Karbila zu verlassen, allerdings mit der Einschränkung, so lange in Baghdad zu bleiben, bis eine endgültige Entscheidung getroffen wäre. Die Damen packten ihre Sachen, und unter dem Schutz einiger Männer verließen sie die Stadt. Einer der Reisegefährten war Mirza Muhammad 'Ali, der sechzehnte Buchstabe des Lebendigen, der dem Bab das Schreiben Qurratu'l-'Ayns übergeben hatte. Beim Verlassen der Stadt wurde Qurratu'l-'Ayn einige Male von Steinen getroffen, die die Leute nach ihr warfen.

Sobald sie in Baghdad angekommen waren, begann Qurratu'l-'Ayn tagtäglich die Religion des Bab zu lehren. Menschen, die sie von früher kannten, lauschten ihren Vorträgen und waren erstaunt über die Kraft und Macht ihrer Worte. „Dies ist nicht die Frau, die wir vorher kannten“, meinten sie. Zu ihren Vorträgen kamen viele Menschen, und viele davon, besonders Frauen, suchten von da an selbständig nach der Wahrheit. Innerhalb kurzer Zeit kamen viele ihrer früheren Studenten, Männer und Frauen, aus Karbila nach Baghdad, um an ihren Vorlesungen teilnehmen zu können. So groß war ihre Anziehungskraft.

Wie in Karbila, lud sie auch in Baghdad die Geistlichen ein zu einer öffentlichen Diskussion über die neuen religiösen Lehren. Doch die Geistlichen machten Ausflüchte und kamen nicht. Aber sie erhoben ein heftiges Geschrei gegen sie, so laut, daß es dem Gouverneur zu Ohren kam. Um sie zu schützen, ordnete der Gouverneur an, daß alle Damen im Hause des Richters von Baghdad wohnen sollten.

Tahirih lebte mit ihren Damen eine Zeitlang bei diesem Richter, der von ihrer Geistigkeit sehr beeindruckt war. Einige Jahre später erwähnte er in seiner Lebensbeschreibung Qurratu'l-'Ayns Aufenthalt in seinem Haus. Er schrieb, daß sie jeden Morgen in der frühen Dämmerung aufstand, um zu beten und zu meditieren. Sehr oft fastete sie auch. Niemals, schrieb er, habe er eine reinere Frau gesehen, niemals eine Frau mit größerem Wissen kennengelernt. Nie hätte er eine Frau tapferer oder bereitwilliger gefunden, ihr Leben für ihre Überzeugung zu opfern. An einer Stelle sagte er: „Sie verkörpert solches Wissen, solche Bildung und Vornehmheit und solch guten Charakter, wie ich sie selbst bei großen Männern dieses Jahrhunderts nicht feststellen konnte.“

Das war im Jahr 1847, und sie blieb drei Monate im Hause des Richters. Die ganze Zeit über wartete sie auf Anweisungen. Eines Tages brachte ihr der Richter ein Schreiben des Gouverneurs. Er sagte: „Sie sind jetzt frei, aber morgen müssen Sie den Iraq verlassen. Richten Sie Ihre Angelegenheiten für die Reise in den Iran, denn der Sultan befiehlt es.“ Qurratu'l-'Ayn war darüber sehr glücklich, denn sie war begierig, in die Provinz Khurasan zu der Konferenz des Bab aufzubrechen.
Forum -> Baha'i-Religion


1, 2, 3  Weiter