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Qurratu'l-'Ayn traf nun Vorbereitungen für die Rückreise in ihre Heimat. Über dreißig Freunde wollten sie begleiten, einige stammten aus dem 'Iraq, andere waren mit ihr zusammen aus dem Iran gekommen. Sie erwirkte die Erlaubnis, daß die Freunde mit ihr gehen durften. Der Richter sandte zehn Reiter unter dem Befehl eines Kommandanten, um sie auf der Reise zu beschützen.
Mit diesem königlichen Geleit brachen sie auf, und innerhalb weniger Tage erreichten sie die Grenze zum Iran. Von da aus mußten sie ohne den Schutz der Reiter weiterreisen nach der Stadt Kirmanshah. Im Dorf Karand legten sie eine Rast ein von drei Tagen. Als sie von dort wieder aufbrachen, boten sich zwölfhundert Menschen an, Qurratu'l-'Ayn zu begleiten und ihr zu Diensten zu sein.
In Kirmanshah wohnten die Männer der Gruppe in einem Haus, und die Frauen in einem anderen. Sobald die Bewohner der Stadt erfuhren, daß Qurratu'l-'Ayn angekommen war, eilten sie zu ihrem Hause, sogar Adlige, Geistliche und Regierungsangestellte wollten sie sehen. Sie lauschten ihren Worten und waren beeindruckt von ihrem Wissen, von ihrer Ausstrahlungskraft und ihrem herrlichen Wesen. Sie schien keine Furcht zu kennen, las allen, die herbeigeströmt waren, aus den Schriften des Bab vor und beantwortete alle Fragen. Sogar die Gattin des Gouverneurs war unter den Frauen. Als der Gouverneur hörte, wie sie die Botschaft des Bab erklärte, nahm er Dessen Sache an und ließ alle wissen, wie sehr er Qurratu'l-'Ayn schätze und verehre.
Einige der Geistlichen von Kirmanshah allerdings waren nicht so wohlwollend wie der Gouverneur und die Adligen. Sie liefen zum Bürgermeister und machten falsche Anschuldigungen. Daraufhin warf dieser die Babi aus der Stadt. Er erlaubte sogar, daß der Mob ihre Häuser stürmte und ihnen den Besitz raubte. Dann wurden die Bab in einen Pferdewagen gepfercht und in die Wüste hinausgejagt. Dort wurden sie aus dem Wagen geworfen und blieben ohne Nahrung, ohne ausreichende Kleidung, ohne Tücher und Decken. Es war bitterkalt.
Qurratu'l-'Ayn schrieb an den Gouverneur von Kirmanshah und berichtete, wie der Bürgermeister mit ihnen verfahren war. „Wir waren Eure Gäste in dieser Stadt“, schrieb sie, „meint Ihr, es sei richtig, uns so zu behandeln?“ Einer der Gruppe ging nach Kirmanshah, um den Brief zu überbringen. Der Gouverneur war sehr überrascht, als er den Brief empfing, denn er hatte nichts von dem Befehl gewußt. Er lud die ganze Gruppe ein, nach Kirmanshah als seine Gäste zurückzukehren, aber Qurratu'l-'Ayn ging nicht darauf ein. Ihr wichtigstes Ziel war, der Konferenz beizuwohnen, die der Bab einberufen hatte.
Während die Gruppe im Dorf Hamadan weilte, stießen Qurratu'l-'Ayns Brüder aus Qazvin zu ihnen und überbrachten ihr eine Botschaft ihres Vaters. Ihr Vater wünschte, daß sie nach Hause käme und dort eine Zeitlang bliebe. Sie ging nicht gern, aber sie stimmte zu, da es der Wunsch ihres Vaters war. Bevor sie von Hamadan aufbrach, bat sie einige ihrer Gefolgsleute, in den 'Iraq zurückzukehren, andere ließ sie in Hamadan. Nur wenige ihrer Gefährten gingen mit ihr: Shaykh Salik und Mulla Ibrahim, die beide später als Märtyrer starben, der erste in Tihran, der andere in Qazvin, außerdem Shams-i-Duha, Mirza Muhammad-'Ali, ein Buchstabe des Lebendigen, und Siyyid 'Abdu'l-Hadi, der der Tochter von Qurratu'l-'Ayn versprochen war, die beiden letzteren legten den ganzen Weg von Karbila mit ihr zurück.
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Als Qurratu'l-'Ayn in ihres Vaters Haus kam, wurde die Familie zu einem Gespräch zusammengerufen, an dem ihr Vater, ihr Ehemann und ihr Onkel, der gleichzeitig auch ihr Schwiegervater war, teilnahmen. Sie berichtete nun ihrer Familie, daß ihre ganze Liebe den Lehren des Bab gelte. Ihr Vater regte sich sehr darüber auf und versuchte, ihr klarzumachen, für wie klug er sie hielte. Er sagte: `Wenn du, bei all deiner Bildung und deiner Intelligenz behaupten würdest, der Bab zu sein oder mehr, würde ich dir sofort zustimmen und an dich glauben - aber wie könnte es richtig sein, daß du dich dafür entschieden hast, diesem jungen Mann aus Shiraz nachzufolgen?`
Qurratu'l-'Ayn antwortete ihrem Vater: „Nach allem, was ich weiß, kann ich mich unmöglich täuschen, Ihn erkannt zu haben, Ihn, den Herrn der Welten, Ihn, den alle Menschen erwarten. Vernunft und Wissen bestätigen mir, daß ich Ihn erkannt habe. Aber mein Wissen ist nur ein Tropfen, verglichen mit dem gewaltigen Meer des Wissens, über das der Bab verfügt.“
Der Vater war sehr beeindruckt, aber er konnte seiner Tochter nicht folgen. Er sprach: „Wenn du mein Sohn gewesen wärest, nicht meine Tochter, und den Anspruch erhoben hättest, selbst der Bab zu sein, so hätte ich dies geglaubt.“
Qurratu'l-'Ayns Onkel, Mulla Taqi, wurde im Verlauf des Abends sehr gereizt und schmähte den Bab. In seiner Wut verlor er die Beherrschung und schlug Qurratu'l-'Ayn sogar mehrmals. Diese blieb ganz ruhig, wandte sich ihm zu und sprach die prophetischen Worte: „Ach Onkel, ich sehe, wie sich dein Mund mit Blut füllt.“
Am nächsten Tag schickte ihr Ehemann einige Damen zu ihr mit der Aufforderung, in sein Haus zurückzukehren und mit ihm zu leben. Qurratu'l-'Ayn wollte nicht länger mit ihrem Ehemann zusammenleben, da es zwischen ihnen keine Gemeinsamkeiten mehr gab. Sie sagte zu den Frauen: „Sagt meinem unaufrichtigen, stolzen, Mann: `Wenn du wirklich den Wunsch gehabt hättest, mir ein aufrichtiger Gatte und Gefährte zu sein, dann wärst du eilends zu mir nach Karbila gekommen und hättest zu Fuß meine Sänfte auf dem Weg nach Qazvin begleitet. Ich hätte dich auf dieser Reise aus dem Schlaf der Nachlässigkeit aufgerüttelt und dir den Weg der Wahrheit gezeigt. Doch es sollte nicht sein. Drei Jahre sind seit unserer Trennung vergangen. Weder in dieser noch in der nächsten Welt kann ich je mit dir vereinigt sein. Ich habe dich für immer aus meinem Leben verstoßen.`“
Ihre Antwort an den Ehemann war hart und endgültig, und dies versetzte ihn und seinen Vater in Wut. Unverzüglich versuchten sie zu beweisen, daß sie eine schlechte Frau und alles, was sie den Menschen erzähle, Lüge sei. Qurratu'l-'Ayn konnte sich völlig rechtfertigen und bewies durch ihre Taten, daß ihr Charakter edel war, nicht aber der ihres Ehemannes.
Qurratu'l-'Ayns Vater war ein friedfertiger, aufrichtiger Mann. So versuchte er, seine Tochter und ihren Ehemann zu versöhnen, aber ohne Erfolg. Ein paar Wochen später ließ ihr Mann sich scheiden.
In dieser schweren Zeit verübte ein gewisser Mulla 'Abdu'llah in Qazvin einen Mord, der Qurratu'l-'Ayn in große Schwierigkeiten brachte . Mulla 'Abdu'llah tötete Mulla Taqi, ihren Onkel, weil dieser die Verfolgung und den Tod Mulla Ibrahims angeordnet hatte, eines ihrer Gefährten auf der letzten Reise. Dieser Mord erfüllte die Familie Mulla Taqis mit noch heftigerem Haß, größerer Wut auf Qurratu'l-'Ayn als zuvor. Sie beschuldigten sie, den Mordbefehl gegeben zu haben. Man erinnere sich, wie sie zu Mulla Taqi am Tage der Familienzusammenkunft gesagt hatte: „Ach Onkel, ich sehe, wie sich dein Mund mit Blut füllt.“ Daran dachte die Familie und behauptete: „Niemand anders als du bist schuld am Tod unseres Vaters. Du gabst den Befehl zum Mord.“
Natürlich war das Gerede falsch. Trotzdem erreichte die Familie, daß Tahirih im Hause ihres Vaters unter strengen Arrest gestellt wurde. Die Frauen, die sie bewachen sollten, waren angewiesen, sie nur zum Waschen einmal am Tage und sonst nicht aus dem Zimmer zu lassen.
Viele andere Babi wurden nach diesem Mord festgenommen. Die Geistlichen fanden, daß die Zeit günstig sei, so viele Babi wie möglich zu beseitigen. Alle Babi wurden deshalb in das Gefängnis der Hauptstadt, nach Tihran gebracht. Die Familie Mulla Taqis war aber nicht damit zufrieden, daß sie nur ins Gefängnis geworfen wurden. Sie wollten, daß sie getötet würden, weil einer von ihnen ihren Vater umgebracht hatte.
Die Sache wurde vor den Shah gebracht, der befahl, daß nur der Mörder getötet, die übrigen aber freigelassen werden sollten. Die Familie jedoch konnte des Mörders nicht habhaft werden, da er sich verborgen hielt. Sie behaupteten deshalb, ein anderer Babi, Shayk Salih, sei der Mörder. Wir erinnern uns, daß er mit Qurratu'l-'Ayn von ihrer Reise nach Hause gekommen war.
Shayk Salih wurde festgenommen und erfuhr, daß er für den Mord an Mulla Taqi sterben solle. Als er an die Stätte geführt wurde, an der er gehängt werden sollte, strahlte sein Gesicht vor Freude, denn er fürchtete das Sterben nicht. Er war glücklich und eilte seinem Henker wie einem lieben alten Freund entgegen. Bevor man ihn tötete, sprach er in begeisternden Worten über den Bab und sagte: „Was Menschen erhoffen und glauben, habe ich dahingegeben in dem Augenblick, da ich Dich erkannte, o Du meine Hoffnung und mein Glaube!“ Shayk Salih wurde im Hof eines muslimischen Schreins in Tihran beigesetzt.
Der Tod Shayk Salih stellte die Familie Mulla Taqis nicht zufrieden. Sobald die unschuldigen Babi nach Qazvin zurückgebracht waren, wurden alle umgebracht. Ein zusammengerotteter Haufen, bewaffnet mit Messern, Schwertern, Spießen und Äxten, fiel über die schutzlosen Babi her und riß sie in Stücke. Ihre Glieder wurden in alle Winde zerstreut, so daß es unmöglich war, die Körper angemessen zu bestatten. Dies geschah im Namen Muhammads, in der Stadt Qazvin, wo mehr als hundert der höchsten geistlichen Würdenträger des Islam wohnten und ihr Leben verbrachten!
Und noch immer war die Familie Mulla Taqis nicht zufrieden. Jetzt lenkten sie ihre Aufmerksamkeit auf Qurratu'l-'Ayn. Sie bestanden darauf, daß sie dasselbe Schicksal wie die übrigen erdulden müsse.
Während dieser Unruhen war Mulla Muhammad, der frühere Ehemann Qurratu'l-'Ayns, in die Fußstapfen seines Vaters getreten und der höchste religiöse Führer in Qazvin geworden. Als Qurratu'l-'Ayn erfuhr, daß ihre Feinde sie ebenfalls töten wollten, schrieb sie ihrem Mann: „Wenn meine Sache die Sache der Wahrheit ist, wenn der Herr, den ich anbete, kein anderer ist als der eine wahre Gott, dann wird Er mich, ehe neun Tage um sind, aus diesem Hause befreien. Befreit mich Gott aber nicht, dann steht es euch frei zu tun, was euch beliebt.“
Baha’u’llah hatte erfahren, in welcher Gefahr sich Qurratu'l-'Ayn befand, und wie furchtlos sie an ihren Ehemann geschrieben hatte. Er sandte sofort Muhammad-Hadi nach Qazvin, damit er ihr zu entkommen helfe. Baha’u’llah gab ihm einen Brief an Qurratu'l-'Ayn mit, den seine Frau, Khatun-Jan, überbringen sollte.
Khatun-Jan war eine treue Freundin Qurratu'l-'Ayns und die einzige, die mit ihr während ihres Arrestes in ihres Vaters Haus Kontakt hatte. Sie erfand viele Ausflüchte, um Qurratu'l-'Ayn besuchen zu dürfen. Sie gab vor, ihre Kleider waschen zu müssen, oder erfand ähnliche Gründe. Auf diese Weise brachte sie ihr Nahrungsmittel und konnte Qurratu'l-'Ayn in der schweren Zeit helfen.
Baha’u’llah hatte Khatun-Jan angewiesen, Qurratu'l-'Ayn in den Kleidern einer Bettlerin aufzusuchen. Sie sollte ihr den Brief persönlich aushändigen, am Hauseingang warten, bis Qurratu'l-'Ayn zu ihr kam, und dann zu Muhammad-Hadi eilen.
Muhammad-Hadi sollte sich, so wies ihn Baha’u’llah an, sofort nach Tihran aufmachen, sobald Qurratu'l-'Ayn bei ihm war. Baha’u’llah würde in derselben Nacht jemanden mit drei Pferden nach Qazvin senden. Muhammad-Hadi sollte Qurratu'l-'Ayn an eine bestimmte Stelle außerhalb der Stadtmauer bringen, sie sollten die Pferde besteigen und versuchen, noch vor Morgengrauen nach Tihran zu gelangen. Sobald die Stadttore geöffnet wären, sollten sie eiligst zum Hause Baha’u’llahs kommen. Baha’u’llah sagte ihm, er müsse äußerst vorsichtig sein, damit sie niemand erkenne. Er fügte hinzu: „Der Allmächtige wird gewißlich deine Schritte lenken und dich mit Seiner nie versagenden Hilfe umgeben.“
Alles lief so ab, wie Baha’u’llah es angeordnet hatte. Als Qurratu'l-'Ayn den Brief gelesen hatte, sagte sie zu Khatun-Jan: „Geh, ich werde folgen.“ Keine Stunde später war sie auf dem Weg. Sie brachten sie in das Haus eines Zimmermanns, worin niemand sie suchen würde. Von da aus kletterten sie über die Stadtmauer und schlichen zu einem Schlachthaus, wo die Pferde auf sie warteten. Ohne die geringsten Schwierigkeiten erreichten sie Tihran, und zur festgesetzten Stunde gelangten sie zum Hause Baha’u’llahs.
Es waren noch keine neun Tage verstrichen, da war Qurratu'l-'Ayn aus der Gefahr in Qazvln befreit. Qazvin stand Kopf. Die ganze Nacht lang durchsuchten sie die Häuser nach Qurratu'l-'Ayn. Das Haus von Khatun-Jans Vater wurde völlig ausgeplündert. Daß Tahirihs Vorhersage, ihren Bewachern innerhalb von neun Tagen zu entkommen, eingetroffen war, verblüffte alle Welt. Einige Leute erkannten nun die Größe des Glaubens, den Qurratu'l-'Ayn angenommen hatte, und wurden Anhänger des Bab.
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Qurratu'l-'Ayn wußte, als sie das Haus Baha’u’llahs betrat, wer Er war und was Er noch sein würde. Sie hatte den Bab erkannt, ohne Ihn gesehen zu haben, und dieselbe geistige Größe ließ sie die künftige Herrlichkeit Baha’u’llahs erahnen. Schon im Jahre 1844, als sie in Karbila weilte, hatte sie Gedichte geschrieben, aus denen klar hervorgeht, daß sie wußte, daß beide, der Bab und Baha’u’llah, Sendboten Gottes sind. Dieses Wissen allein verlieh ihr den Mut, so zu handeln, wie sie es während der nächsten Monate ihres Lebens tat.
Zu dieser Zeit war 'Abdu’l-Baha ein kleiner drei- oder vierjähriger Junge. Eines Tages besuchte der große Gelehrte Vahid Qurratu'l-'Ayn. Er war einer der ersten Gläubigen und starb später in Nayriz den Märtyrertod. Er wartete schon lange, um mit ihr zu sprechen, aber Qurratu'l-'Ayn hielt gerade Abdu’l-Baha auf dem Schoß, wie sie es oft tat. Die Zeit verrann, und Qurratu'l-'Ayn machte keine Anstalten, mit dem großen Vahid zu sprechen. Eine der Frauen im Hause fragte besorgt: `Solltest du jetzt nicht das Kind lassen und dich mit Vahid unterhalten?` Doch Qurratu'l-'Ayn drückte den kleinen 'Abdu'l-Baha nur fester an sich und sagte: „Soll ich Dich, Du Beschützer des Glaubens, verlassen und mit einem Anhänger des Glaubens sprechen?“
Wer sie so sprechen hörte, war höchst überrascht, denn niemand verstand, was sie meinte. Heute jedoch, obwohl das niemand nachweisen kann, vermuten einige Menschen, daß Baha’u’llah ihr vieles Zukünftige enthüllte, vor allem aber die Bedeutung 'Abdu’l-Bahas als Beschützer Seines Vaters gegen Seine Feinde in späteren Jahren.
Wenige Tage nach Qurratu'l-'Ayns Ankunft in Tihran beschloß Baha’u’llah, sie nach Kurasan zu senden. Die langerwartete Konferenz, die der Bab einberufen hatte, sollte beginnen. Baha’u’llah selbst wollte einige Tage später folgen. Er rief deshalb Seinen Bruder Aqay i-Kalim in Seine Gegenwart und gab ihm Anweisungen für die Reise Qurratu'l-'Ayns. Er ermahnte Aqay-i-Kalim zu größter Vorsicht, wenn er Qurratu'l-'Ayn durch die Stadttore geleitete, denn die Wächter hatten den Befehl, keine Frau passieren zu lassen. Würden sie Qurratu'l-'Ayn erkennen, würden sie sie am Verlassen der Stadt hindern.
Aqay-i-Kalim beachtete alle Anweisungen Baha’u’llahs sorgfältig. Er und Qurratu'l-'Ayn setzten ihr Vertrauen in Gott, und als sie zum Stadttor kamen, beachtete sie keiner der Wächter. Leicht und sicher ritten sie aus der Stadt und unterbrachen ihre Reise viele Meilen weit nicht.
Nach einem zweistündigen Ritt erreichten sie einen lieblichen Obstgarten am Fuße eines Berges. Inmitten dieses Gartens stand ein Haus, in dem scheinbar niemand wohnte. Als Aqay-i-Kalim nach dem Hüter des Hauses Ausschau hielt, entdeckte er einen alten Mann, der die Pflanzen goß. Aqay-i-Kalim fragte ihn nach den Besitzern des Hauses. Der alte Mann antwortete: `Niemand ist hier. Es ist ein Streit darüber entstanden, wem das Grundstück gehört, und bis darüber entschieden ist, wurde ich gebeten, hier zu wachen.`
Aqay-i-Kalim freute sich über diese Auskunft sehr, denn dies bedeutete, daß Qurratu'l-'Ayn an diesem Platz eine Zeitlang sicher sein würde. Sie luden den alten Mann ein, das Essen mit ihnen zu teilen. Dann bat ihn Aqay-i-Kalim, ein paar Stunden für Qurratu'l-'Ayn zu sorgen, während er Vorbereitungen für die Reise nach Khurasan treffe. Der alte Mann stimmte zu, und so wurde es vereinbart. Aqay-i-Kalim verließ Qurratu'l-'Ayn und kehrte durch dasselbe Tor nach Tihran zurück. Er berichtete Baha’u’llah, was geschehen war, und sandte Mulla Baqir einen der Buchstaben des Lebendigen, zu Qur ratu'l-'Ayn in das Haus im Obstgarten. Baha’u’llah war sehr erfreut, daß alles so gut gelungen war, und nannte den Obstgarten „Garten des Paradieses“. Er fügte hinzu: „Dieses Haus war vom Allmächtigen für diesen Zweck ausersehen, damit du die Geliebten Gottes darin beherbergen kannst.“ Sieben Tage blieb Qurratu'l-'Ayn dort. Dann brach sie mit anderen auf zu der großen Konferenz, die der Bab einberufen hatte.
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Diese Konferenz in der Provinz Khurasan wurde in dem kleinen Dorf Badasht abgehalten, das am Weg von Tihran nach Mazindaran liegt. Es war eine abgelegene Sommerfrische mit vielen Gärten und Wiesen und hatte nur wenige Häuser. Der Ort war sehr geeignet für eine private Konferenz. In Tihran eine solche Konferenz abzuhalten wäre zu gefährlich gewesen, so hatte Baha’u’llah Badasht ausgewählt, weil es dort ruhig war.
Es war Anfang des Sommers. Baha’u’llah mietete, als Er nach Badasht kam, dort drei Gärten, einen für Quddus, den Führer der Babi, den zweiten für Qurratu'l-'Ayn und ihre Dienerin, den dritten für sich selbst. In der Mitte zwischen diesen drei Gärten lag ein freier, hofähnlicher Platz. Dort konnten sich die Gläubigen frei und ungestört unterhalten.
Der Bab konnte nicht teilnehmen, da Er im Gefängnis war.
Einundachtzig Menschen versammelten sich in Badasht zu dieser ersten Konferenz des neuen Zeitalters. Jeden Tag offenbarte Baha’u’llah ein neues Tablet, das die Babi einander vorsangen. In diesen Tablets gab Baha’u’llah jedem Anwesenden einen neuen Namen für diesen neuen Tag. Er nahm den Namen „Baha“ an, wie Ihn bereits der Bab genannt hatte. Qurratu'l-'Ayn gab Er den Ehrennamen „Tahirih“, was „Die Reine“ bedeutet. Im Verlauf der Konferenztat Tahirih manches, was einigen Gläubigen nicht sehr rein erschien, und sie zweifelten, ob Baha’u’llah ihr den rechten Namen verliehen hätte. Als der Bab später hörte, daß einige Männer Baha’u’llahs Weisheit anzweifelten, schrieb Er ihnen aus dem Gefängnis: „Was soll Ich sagen über die, welche die Zunge der Macht und Herrlichkeit `Tahirih` nannte?“ In anderen Worten: Der Bab gab klar zu erkennen, daß Er die Weisheit Baha’u’llahs nicht in Frage stellte und den ihr verliehenen Namen billigte. Von da an wurde Qurratu'l-'Ayn Tahirih genannt.
Viele bei der Konferenz anwesende Männer staunten darüber, daß es Tahirih, einer Frau, erlaubt war, mit den Männern zu beraten, wenn auch hinter einem Vorhang verborgen. Als einer sie darüber befragte, gab sie zur Antwort: „Wir sprechen über Gott, über Religion, über geistige Dinge und vor allem darüber, wie wir unser Leben auf dem Pfade der Wahrheit hingeben können. Wisse, daß wir jeden Schritt auf dem Pfade Gottes tun. Bist du bereit, uns nachzufolgen?“
Zu jenem Zeitpunkt der Entwicklung des Glaubens hatte der Bab Seinen Anhängern noch nicht die volle Bedeutung Seiner Sendung offenbart. Er hatte sich als der Bab, das Tor, erklärt, aber Er hatte ihnen noch nicht enthüllt, daß mit Ihm ein völlig neues Zeitalter beginnt, und daß die Gesetze sich notwendigerweise ändern müßten. Baha’u’llah, Tahirih und Quddus hatten die Aufgabe, die übrigen Gläubigen darauf vorzubereiten, diese neuen, umwälzenden Ideen anzunehmen.
Eines Tages wurde Baha’u’llah krank - darin lag gewiß eine Weisheit - und blieb in Seinem Zelt. Quddus kam aus seinem Garten und ging sofort zu Baha’u’llah. Bald versammelten sich auch die anderen Gläubigen um das Zelt Baha’u’llahs, alle bis auf Tahirih. Als Frau durfte sie nicht in der Gegenwart von Männern sein, es sei denn, durch einen Vorhang vor ihnen verborgen, so daß sie niemand sehen konnte.
Als alle um Baha’u’llah versammelt waren, sandte Tahirih eine Nachricht an Quddus, er möchte sie in ihrem Garten aufsuchen. Quddus weigerte sich zu gehen. Niemand wunderte sich darüber, aber was nun geschah, verblüffte alle. Weil Quddus sie nicht aufsuchen wollte, kam sie zu ihm! Und sie kam nicht nur in den Garten Baha’u’llahs, wo alle Männer versammelt waren, sondern kam ohne Schleier, sehr schön angezogen! Ruhig, still und überaus würdevoll schritt Tahirih zu Quddus und setzte sich neben ihn.
Kein Mann hatte dergleichen zuvr dielebt. Alle waren bestürzt, erschrocken, voll Wut und in tiefster Seele verwirrt. Ein Mann war so entsetzt, daß er sich selbst die Kehle durchschnitt und vor dem Angesicht Tahirihs floh. Viele folgten ihm, die übrigen standen sprachlos vor ihr. Die ganze Zeit blieb Quddus an seinem Platz, aber sein Gesichtsausdruck verriet großen Zorn. Es sah aus, als wollte er sein Schwert aufheben und sie töten.
Aber sein Zorn berührte Tahirih nicht im geringsten. Siegesfreude leuchtete aus ihrem Angesicht. Sie erhob sich und begann, ohne ihrer Gefährten Furcht und Zorn zu beachten, zu ihnen zu sprechen, in einer Sprache, die der des Qur'an glich. Sie war eine Dichterin, und nie hatte sie herrlichere Worte gefunden. Sie beendete ihre Ansprache mit einem Qur'an-Vers: „Wahrlich, inmitten von Gärten und Flüssen wird der Fromme weilen, auf dem Sitz der Wahrheit, in Gegenwart des mächtigen Königs.“
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Wirklich, sie saßen ja in diesem Augenblick in Gärten am Ufer von Flüssen! Als sie so sprach, schaute sie auf Baha’u’llah und auf Quddus, so daß niemand hätte sagen können, auf welchen sie als den König anspielte. Dann sprach sie: „Ich bin das Wort, das der Verheißene aussprechen wird, das Wort, welches die Fürsten und Edlen der Erde in Furcht versetzen wird! Die Trompete ertönt! Der große Fanfarenruf erschallt!“ Mit diesen Worten erweckte Tahirih die schlafenden Seelen. Nachdem sie gesprochen hatte, ließ Baha’u’llah die Sure `Die Unvermeidliche` aus dem Qur'an lesen, die vom Tag der Auferstehung handelt. Das beweist, welch ein bedeutsamer Augenblick dies war. Der Tag der Auferstehung war angebrochen!
Tahirih wandte sich nun an Quddus mit den Worten: „Die Art, wie du dem Glauben in Khurasan dientest, war nicht sehr achtsam.“ Quddus antwortete: „Ich tue, wie ich es am besten halte. Ich muß nicht dem Willen und Wohlgefallen meiner Mitgläubigen folgen.“ Tahirih wandte sich von Quddus ab und sprach zu den übrigen: „Dies ist der Tag, glücklich zu sein. An diesem Tag ist alles Vergangene vergessen. Laßt alle, die dieses große Ereignisdieleben, sich erheben und einander umarmen.“
Es ist sehr bedeutsam, daß eine Frau dazu auserwählt war, den Anhängern des Bab das neue Zeitalter zu verkünden. Es beweist tatsächlich, daß das neue Zeitalter von der Vergangenheit völlig verschieden ist. Zum ersten Mal in der Geschichte sollten die Frauen den Männern ebenbürtig sein. Daß eine Frau das Ende der alten Gesetze verkündete, beweist, daß eine große Umwälzung in allen Bereichen bevorstand.
Aber große Veränderungen bringen große Prüfungen mit sich. Als die alten Gesetze über Bord geworfen waren, wurden die Männer mit jedem Tag der Konferenz unsicherer. Manche dachten, es sei falsch, die alten Gesetze zu ändern, zumal der Bab nicht unter ihnen weilte. Einige wandten sich an Tahirih und sahen in ihr den einzigen Richter in diesen Angelegenheiten. Andere hielten Quddus für geeigneter, da er als der wahre Stellvertreter des Bab bei dieser Zusammenkunft angesehen wurde. Wieder andere erkannten beide, Quddus und Tahirih, an und meinten, daß diese Konferenz zur Glaubensprüfung bestimmt sei.
Die Spannungen zwischen Tahirih und Quddus dauerten einige Tage an. Tahirih sagte den Babi: „Quddus hat etliche Fehler gemacht, und der Bab hat mich hierher geschickt, um ihn zu lehren, was er tun soll.“ Quddus antwortete: „Tahirih hat völlig unrecht. Wer ihr folgt, beschreitet den falschen Pfad.“ Nach einigen Tagen griff Baha’u’llah ein und schlichtete den ganzen Streit auf Seine unvergleichliche Art. Tahirih und Quddus versöhnten sich, dienten der Sache und förderten sie.
Die Konferenz von Badasht dauerte zweiundzwanzig Tage. Dann brachen die treuen Gefährten auf. Tahirih und Quddus reisten zusammen. Aber der tiefgreifende Wandel im Leben der Babi, den die Konferenz bewirkt hatte, brachte viel Volk gegen sie auf.
Im Dorf Niyala wurden die Gefährten angegriffen und verloren ihre Habe. Später wurde Baha’u’llah vom Gouverneur in Amul gefangengenommen und Tahirih unter Bewachung nach Tihran verbracht, wo sie im Haus des Bürgermeisters Mahmud Khan unter Arrest gestellt wurde.
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