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Eines Tages wurde Tahirih vor den König Nasiri'd-Din Shah gebracht. Als er sie erblickte, sagte er: „Mir gefällt ihre Schönheit. Laßt sie gewähren.“ Aber sie mußte weiter im Hause des Stadtoberhauptes in Gewahrsam bleiben.
Zu Beginn ihrer Gefangenschaft wurde Tahirih in einem kleinen Zimmer festgehalten, zu dem keine Treppen führten. Wenn sie den Raum betrat oder verließ, mußte eine Leiter angelegt werden. Eine der persischen Prinzessinnen, die auch eine Dichterin war, lief an dem Haus vorüber in der Hoffnung, Tahirih zu sehen. Sie wurde mit einem Blick belohnt, als Tahirih auf den Balkon trat. Später berichtete sie in einem ihrer Bücher, welch glücklichen Eindruck Tahirih machte. Gleichgültig, ob wir in Geschichtsbüchern oder in Erzählungen über Tahirih lesen, immer wird sie als glücklicher Mensch geschildert, überglücklich in ihrer Religion. Stets war sie strahlend und voller Begeisterung, und selbst in der größten Gefahr flößte sie den anderen Mut ein. Sie war nicht nur Märtyrerin, sondern eine fröhliche, glückliche und schöne junge Frau.
Außerdem wird berichtet, daß der König ihr über den Bürgermeister eine Botschaft sandte, die sie aufforderte, den Glauben an den Bab aufzugeben und wieder eine rechtgläubige Muslimin zu werden. Wenn sie dies tue, so versprach er ihr, werde er sie zur Frau nehmen, und alle Frauen des königlichen Haushalts ständen unter ihrer Obhut. Tahirih aber schrieb ihre Antwort in Versen auf die Rückseite dieses Briefes und ließ ihn zurückgehen. Übersetzt lautet ihre Botschaft etwa wie folgt:
Reich, Reichtum und Herrschaft seien dein,
Unstete, Armut und Unglück seien mein.
Ist jene Stufe hoch, so sei sie es für dich,
Ist diese Stufe niedrig, so sei sie es-
Ich sehne mich danach - für mich!
Als der König ihre Antwort las, bewunderte er ihren Mut und ihren herrlichen Geist und sagte: „Bis heute haben wir in der Geschichte noch keine solche Frau ielebt.“
Eines Tages fand im Hause des Bürgermeisters eine große Versammlung statt. Es war der Hochzeitstag seines Sohnes. Natürlich waren viele vornehme Damen der Stadt anwesend-Prinzessinnen, Frauen von Ministern und andere hochstehende Damen. Der Bürgermeister hatte sich in große Unkosten für Musik, Tanz und gute Unterhaltung gestürzt. Während des Festes begann Tahirih zu sprechen. Die Damen fanden, was sie sprach, so interessant, daß sie Musik und Tanz vergaßen und von da an nur den Worten Tahirihs lauschten.
Bald nachdem Tahirih in das Haus des Bürgermeisters von Tihran gekommen war, gewannen sie die Damen des Haushaltes so lieb, daß sie für sie um Erlaubnisdbaten, den kleinen treppenlosen Raum verlassen und in ihren Gemächern wohnen zu dürfen. So bekam Tahirih ein schönes Zimmer mit Balkon im zweiten Stock des Hauses, und obwohl sie Gefangene war und das Haus nicht verlassen durfte, konnte sie doch jeden beliebigen Besuch empfangen.
Männer wie Frauen kamen in Tihran zu ihr, um sie zu besuchen und mit ihr zu sprechen. Drei Jahre lang lebte sie auf diese Weise im Hause des Bürgermeisters. Man kann sagen, daß diese Jahre für ihren Dienst im Glauben die wichtigsten waren.
Sie sprach zu den Frauen und machte ihnen klar, welch niedrige Stellung sie im Islam einnahmen, und daß ihnen in der Religion des Bab größere Freiheit und Achtung gewährt würde. Durch diese Gespräche wurden viele Frauen Anhänger des Bab.
So wären die Jahre in gleicher Weise dahingegangen, wenn nicht ein junger Mann einen Anschlag auf den König verübt hätte. Viele Babi wurden zu Unrecht angeklagt, mitschuldig zu sein der Premierminister befahl zwei Geistlichen, Tahirih zu besuchen, um herauszufinden, was sie lehrte. Sieben Mal kamen die Geistlichen zu Tahirih. Jedesmal sprach sie mit ihnen und behauptete, daß der Bab der verheißene, von den Anhängern Muhammads erwartete Imam sei. Die Geistlichen versuchten ihr zu beweisen, daß der Bab nicht der Verheißene sein könne, denn nach den muslimischen Prophezeiungen müßte der Imams aus den Städten Jabulqa und Jabulsa kommen, wogegen der Bab aus der Stadt Shiraz kam. Tahirih antwortete, daß diese Voraussagen von Abschreibern gefälscht wurden, da es Städte wie Jabulqa und Jabulsa gar nicht gäbe-dies konnte nur abergläubischen Gehirnen entsprungen sein! Wie sie auch immer die Lehren des Bab erklärte, sie stieß stets auf dieselbe Argumentation der Geistlichen: der Verheißene müsse aus den Städten Jabulqa und Jabulsa kommen!
Schließlich verlor sie die Geduld und rief aus: „Ihre Gründe sind die eines unwissenden und einfältigen Kindes. Wie lange noch wollen Sie diese Torheiten und Lügen wiederholen? Wann endlich wenden Sie ihre Augen der Sonne der Wahrheit zu?“ Die Geistlichen waren durch diese Worte entgeistert. Sie erhoben sich und sagten: „Weshalb setzen wir unser Gespräch mit einer Ungläubigen fort?“ Sie zogen ab und unterschrieben das Todesurteil -im Namen des Heiligen Qur'an!
Eine Verwandte Tahirihs berichtet, daß sie am Tage vor ihrer Ermordung vor den König gerufen und gefragt wurde: „Warum glaubst du an den Bab?“ Sie antwortete darauf mit einem Vers aus dem Qur'an:
Ich bete nicht an, den du anbetest,
und du betest nicht an, den ich anbete.
Nie werde ich anbeten, den du anbetest,
und nie wirst du anbeten, den ich anbete.
So erlaube, daß ich anbete, wen ich will,
wie du anbetest, wen du willst.
Als der König diesen Qur'an-Vers hörte, neigte er eine Weile schweigend den Kopf, erhob sich dann und ging wortlos aus dem Raum. Der König gab den Befehl zum Mord an Tahirih nicht. Ohne sein Wissen wurde sie am nächsten Tage umgebracht. Als er von der Schandtat hörte, war er traurig und bekümmert.
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Es gibt viele Geschichten über den Tod Tahirihs. Es ist nicht sicher, wie sie getötet wurde. In einem jedoch stimmen die Berichte überein, Tahirih wußte, daß ihre Zeit gekommen war. Sie bereitete sich wie eine Braut für den großen Augenblick vor und stellte sich tapfer und furchtlos ihrem Mörder.
Nach einem Bericht sagte sie in ihrer Todesstunde zu einem Wächter: „Du kannst mich jederzeit töten, aber du kannst die Befreiung der Frauen nicht aufhalten.“
Die Geschichte ihres Todes wird vielleicht am getreuesten von der Frau und dem Sohn des Bürgermeisters berichtet, die in der letzten Nacht bei ihr waren.
Es war ein Tag nach Tahirihs Besuch beim König. Die Geistlichen hatten insgeheim den Befehl zu ihrer Tötung gegeben. Dieser Befehl ging an den Bürgermeister und an die Polizei.
Nach dem Bericht des Sohnes des Bürgermeisters: Es war, als hätte ihr jemand am Tage ihrer geheimen Tötung gesagt, daß es geschehen sollte. Sie badete, wechselte die Kleidung und kam die Treppe herunter zu unserer Familie. Einen nach dem anderen bat sie um Entschuldigung, da sie so lange im Hause gewohnt und uns so viel Mühe bereitet habe. Sie wirkte wie eine Reisende, die sich glücklich und fröhlich zur Reise bereitet. Bei Sonnenuntergang ging sie wie üblich auf dem Balkon hin und her. Sie sprach mit niemandem, nur ganz leise mit sich selbst. Dies dauerte bis drei Stunden nach Sonnenuntergang.
Am Abend kam mein Vater zu mir und sagte: „Ich habe alle notwendigen Vorkehrungen getroffen und die Wächter angewiesen, heute Nacht sehr auf der Hut zu sein, falls jemand von dem Befehl, Tahirih zu töten, erfahren hat und ihn unterbinden möchte. Ich wünsche nun, daß du mit den Wächtern und Tahirih zusammen zur Polizeiwache gehst. Du mußt dort bleiben, bis der Fall ieledigt ist, komme dann zurück und berichte mir, so daß ich zum König gehen und ihm Meldung machen kann.“
Die Frau des Bürgermeisters liebte Tahirih sehr, obwohl sie nie Anhängerin des Bab wurde. Sie berichtet über Tahirihs letzte Nacht:
In jener Nacht rief mich Tahirih in ihr Zimmer. Als ich es betrat, sah ich, daß sie ein Gewand aus schneeweißer Seide trug. Das Zimmer war von Duft erfüllt. Ich war erstaunt, sie so anzutreffen und fragte: `Warum trägst du dieses Kleid und verwendest Parfum?` Sie antwortete: „Ich bereite mich vor, meinem Geliebten zu begegnen. Ich werde nicht länger Gefangene in deinem Hause sein.“ Ich war bestürzt, daß sie uns verlassen sollte, und meine Augen füllten sich unwillkürlich mit Tränen. Tahirih versuchte, mich zu trösten: „Weine nicht! Noch ist die Zeit für Tränen nicht gekommen. Höre! Ich will dir meine letzten Wünsche sagen, denn die Stunde, da ich festgenommen und getötet werde, ist nahe. Dies ist mein Wunsch: Dein Sohn begleite mich zum Ort meines Todes, so daß er mich beschützen kann, wenn die Wächter versuchen sollten, mir die Kleider vom Leib zu reißen. Ich will, daß mein Körper in eine Grube geworfen, und daß die Grube mit Erde und Steinen gefüllt wird. Drei Tage nach meinem Tode wird eine Frau zu dir kommen und dich besuchen. Gib ihr dieses Päckchen, das ich dir jetzt anvertraue. Mein letzter Wunsch ist, daß du niemandem gestattest, mein Zimmer zu betreten, bevor ich dieses Haus verlasse. Niemand darf mich bei meiner letzten Andacht, meinen letzten Gebeten stören. Ich werde an diesem Tage fasten - fasten, bis ich meinem Geliebten von Angesicht zu Angesicht begegne.“
Mit diesen Worten bat mich Tahirih, ihr Zimmer zu verlassen, die Tür zu verriegeln und sie nicht vor ihrer letzten Stunde zu öffnen. Sie bat mich außerdem, ihren baldigen Tod vor anderen zu verschweigen, bis ihn ihre Feinde selbst verkünden würden.
Ich tat, wie sie mich gebeten hatte. Ich verschloß die Tür ihres Zimmers und ging in meines. Ich ließ meinen Tränen freien Lauf. Stundenlang lag ich auf meinem Bett, dachte an die große Tahirih und an ihr bevorstehendes Ende. Ich betete: „Herr, Herr, wenn es Dein Wunsch ist, so wende von ihr den Kelch, den ihre Lippen zu trinken verlangen.“
An diesem Tag, in dieser Nacht ging ich des öfteren leise an ihre Tür und lauschte. Jedesmal hörte ich sie Gebete zu ihrem Geliebten singen. Ihre Stimme erklang so herrlich, daß ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Vier Stunden nach Sonnenuntergang hörte ich ein Klopfen an die Tür. Ich eilte sofort zu meinem Sohn und berichtete ihm Tahirihs Wünsche. Er versprach mir, daß er ihnen bis ins Kleinste nachkommen werde. Mein Sohn ging zur Tür und fand die Wächter am Tore stehen. Sie verlangten, daß Tahirih ihnen ausgeliefert werde.
Große Furcht erfüllte mich, als ich ihre Stimmen hörte. Leise ging ich zu Tahirihs Zimmer, schloß die Türe auf und fand sie verschleiert und bereit, aufzubrechen. Sie ging in ihrem Zimmer auf und ab und sang ein Gebet der Sorge und des Triumphes. Sobald sie mich sah, trat sie zu mir und küßte mich. Sie gab mir den Schlüssel zu ihrem Schrank in die Hand und sagte: „Ich habe ein paar Kleinigkeiten im Schrank für dich zurückgelassen, als Erinnerung an den Aufenthalt in deinem Heim. Wann immer du den Schrank öffnest und die Sachen siehst, die ich zurücklasse, so hoffe ich, daß du an mich denken und glücklich sein wirst in meiner Freude.“ Mit diesen Worten sprach sie ihr letztes Lebewohl und verließ mit meinem Sohn das Haus. Ich stand an der Tür, sah sie das Pferd besteigen, das der Polizeichef für sie geschickt hatte. Mit meinem Sohn und ein paar Wächtern ritt sie aus meinem Hof zur Stätte ihres Martyriums.
Drei Stunden später kam der Sohn tränenüberströmt zurück, die Polizei und die Wachen verfluchend. Er erzählte folgendes:
Mutter, ich kann kaum beschreiben, was meine Augen heute nacht gesehen haben. Von unserem Hause gingen wir geradewegs zum Garten Ilkhani, außerhalb der Stadtmauer. Ich lief zur Polizei und erstattete dem Polizeichef Meldung. Er wartete schon auf uns, war aber betrunken. `Hat euch irgend jemand unterwegs erkannt?` fragte er. „Nein, niemand“, war meine Antwort. Er rief dann einen Diener und sagte: `Nimm dieses Taschentuch, wickle es um den Hals dieser Babi-Frau und erdrossele sie. Sie hat viele Menschen vom Pfade Muhammads abgebracht.` Der Diener verließ das Zimmer, und ich ging mit ihm. Er ging voraus, und ich stand am Tor. Als er zu Tahirih kam, schaute sie ihn an und sprach ein paar Worte. Plötzlich drehte er sich um und lief zurück. Er hielt den Kopf geneigt und murmelte etwas auf türkisch vor sich hin. Er ging zur Tür hinaus und kam nicht wieder.
Tahirih rief mich und bat mich, zum Polizeichef zu gehen mit einer besonderen Bitte. „Es sieht so aus, als wollten sie mich erdrosseln“, sagte sie. „Schon vor langem legte ich mir ein seidenes Tuch bereit, in der Hoffnung, daß es zu diesem Zweck diene. Ich gebe es dir und möchte, daß du diesen Trunkenbold bittest, es zu benutzen, um mich zu töten.“
Als ich zum Polizeichef kam, fand ich ihn vollständig betrunken. Er brüllte mich nur an: `Unterbrich nicht unser Fest! Die Babi-Frau soll erdrosselt und ihr Körper in ein Loch geworfen werden!` Ich war sehr erstaunt von dieser Anordnung, denn genau das war ja ihr Wunsch gewesen! Ich fragte ihn nicht, ob er gestatten würde, daß der Mörder das seidene Tuch verwende. Ich ging zu den beiden Wächtern, die zustimmten, daß dieses Tuch tauglich wäre.
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Ein betrunkener Diener wurde gerufen, und man händigte ihm das Tuch aus. `Du bist ein tapferer Mann`, sagte der Polizist, `bringst du es fertig, diese Frau zu erdrosseln?` Der Diener bejahte es, trat auf Tahirih zu und wickelte rasch das Tuch so fest um ihren Hals, daß sie ohnmächtig wurde und stürzte. Es war ein langsamer Tod. Es schien sehr lange zu dauern. Schließlich trat er sie in die Seite, an die Rippen - die Tat war vollbracht.
Ich eilte nun zu dem zuständigen Gärtner und bat ihn, mir einen Platz zu zeigen, wo ich die Tote beisetzen könnte. Er führte mich zu einem Brunnen, der erst kürzlich gegraben war, und den man hatte liegen lassen. Mit Hilfe einiger Leute hob ich sie in ihr Grab und füllte den Brunnen mit Erde und Steinen, wie sie es gewünscht hatte.
So endete das Leben der herrlichen Tahirih. Am dritten Tage nach ihrem Märtyrertod wurde die Bürgermeisterin von einer Frau besucht. `Ich fragte sie nach ihrem Namen`, sagte die Frau des Bürgermeisters, `und stellte fest, daß es derselbe war, den mir Tahirih genannt hatte. Ich übergab ihr das mir anvertraute Päckchen. Ich hatte diese Frau nie zuvor gesehen und begegnete ihr nie wieder.`
Tahirih starb im August 1852. Sie war 1817 geboren, im selben Jahre wie Baha’u’llah. Mit sechsunddreißig Jahren erlitt sie in Tihran den Tod einer Märtyrerin. Von dem Tag, da sie zum ersten Mal vom Kommen des Bab gehört hatte, bis zu ihrem Märtyrertod vergingen weniger als neun Jahre. Ihr Leben war so erschütternd wie kurz, so tragisch wie ereignisreich. Das Leben der meisten frühen Anhänger des Bab ist der Nachwelt bis zum heutigen Tage unbekannt. Aber Tahirihs Leben wurde bald berühmt und selbst in den großen Städten Europas bekannt. Männer und Frauen vieler Nationen, Berufe und Kulturkreise priesen und bewunderten sie und staunten über ihre Taten und ihren Opfermut.
Die Welt gedenkt Tahirihs als der ersten Märtyrerin für die Gleichberechtigung der Frau. Die Baha'i erinnern sich ihrer voll Verehrung wie in anderen Religionen der Sarah, der Asiyih, der Fatimih und der Jungfrau Maria gedacht wird.
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Stammt dieser Text über Tahirih wirklich aus dem Esslemont-Buch oder aus Nabils Bericht ?
MFG
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