Ethische Aspekte der Gentechnik


Ethische Aspekte der Gentechnik

I - Impulstext

A)
Dolly scheidet die Geister. Das geklonte Schaf aus dem Roslin-Institut von Edinburgh zwingt Politik und Wissenschaft zur Stellungnahme, weil das Publikum nachhaltig und instinktiv erschrocken ist. Horrorvisionen füllen die Berichterstattung, Frankenstein ist wieder da. Vier von fünf Menschen glauben, daß die Wissenschaftler jetzt auch Menschen klonen werden. 95 Prozent lehnen es ab. Etwas mehr als die Hälfte ist immerhin dafür, das kontrollierte Klonen von Tieren zu gestatten, wenn es denn dem medizinischen Fortschritt diene. Aber 42 Prozent sind auch in diesem Fall für ein Verbot.

Es gibt in der Tat Anlaß für Befürchtungen. Der gefallene Mensch ist zu allem fähig, was ihm machbar erscheint. Aber er kann, rein philosophisch gesehen, nur Schöpfer spielen, nicht Schöpfer sein. Es wird das geklonte Ebenbild des Menschen nicht geben. Denn der Mensch ist mehr als nur die Summe seiner Gene. Eine rein biologistische Betrachtungsweise wird der menschlichen Wirklichkeit nicht gerecht. Die Person bleibt einzigartig und unwiederholbar, weil zu ihrer Identität auch ihre persönliche Geschichte, ihre persönliche Tradition gehört. Selbst der nicht besonders christliche spanische Gesellschaftsphilosoph Ortega y Gasset schrieb schon Anfang des Jahrhunderts: »Yo soy yo y mis * - Mein Ich, meine Identität, das bin ich selbst plus meine Umstände.« Diese Umstände sind ein persönliches Produkt von Raum und Zeit, in denen wir uns bewegen. Ein geklonter Mensch könnte deshalb nur genetisch mit seiner »Vorlage« identisch sein. Die Umstände aber sind nicht wiederholbar. Die Zeit läuft, jedes geklonte Ebenbild lebt in einem anderen, eigenen Beziehungsgeflecht und Raum, die condition humaine von Raum und Zeit übersteigt die Fähigkeiten des Menschen. Übrigens auch die biologischen Fähigkeiten: Das menschliche Gehirn hat rund sechs Milliarden Zellen und jede einzelne hat rund zehntausend Möglichkeiten, mit anderen Zellen, seiner Umwelt, in Kontakt zu treten. Mit anderen Worten: Jedes Gehirn entwickelt sich anders. Deshalb sind eineiige Zwillinge auch zwei Personen. Die äußere Ähnlichkeit ist Fassade.

Es liegt etwas Tröstliches in diesen Tatsachen der Schöpfung. Die menschliche Person bleibt einzigartig. Gott läßt sich nicht austricksen. Wer das glaubt, ist naiv oder überheblich und zwischen diesen beiden Haltungen bewegen sich auch die meisten Kommentare in Funk, Fernsehen und Presse. Es bleiben Fragen. Sie zielen auf die Würde des Menschen. Zum Beispiel: Wird es demnächst reiche Menschen geben, die sich in Edinburgh oder anderswo ein Ebenbild bestellen, um für ihre alten Tage über ein lebendes Organ-Ersatzteillager zu verfügen? Wer setzt den modernen Frankensteins die Grenzen? Solchen Fragen wird die Gesellschaft sich stellen müssen, wenn sie menschlich, das heißt der Würde des Menschen verpflichtet bleiben will.

Erstmals haben Forscher mit Hilfe einer Körperzelle eines Tieres ein zweites, identisches Tier erzeugt. Von der Anwendung neuer Technik beim Tier bis zur Anwendung beim Menschen, das hat die Forschung immer wieder gezeigt, ist es oft nur ein kleiner Schritt. In vielen Fällen der Entwicklung neuer medizinischer Techniken - ich denke an die Erfolge in der Krebsbehandlung - ist dies zum Vorteil des Menschen. Diese Erfolge jedoch dürfen kein Deckmantel für ethisch unvertretbare Experimente mit menschlichem Leben sein. Beim Gedanken, Menschen zu klonieren, besteht für mich eine unverrückbare Grenze.

Theoretisch ist der geklonte Mensch möglich. Der Direktor der schottischen Firma PPL Therapeutics, die die Klonierung des vaterlosen Wesens von Edinburgh finanzierte, gab in der Presse zu, mit derselben Technik könnten sogar gestorbene Menschen geklont werden, wenn man den Toten sofort
nach seinem Ableben einfrieren würde.

Wenn es nicht gelingt, über eine breite öffentliche Diskussion das Klonen weltweit zu ächten und ein internationales Klonierungsverbot gesetzlich zu verankern, dann wird sich diese Kultur des Klonens, die de facto ein Teil der Kultur des Todes ist, über Hirn und Herz der Gesellschaft spannen. Dann kann es zum »homo xerox«, zum kopierten Menschen kommen. Und was dann noch vom Menschen und seiner Würde übrig bleibt, weiß nur der Schöpfer. Beruhigend: Gott zu klonen, das dürfte selbst den verwegensten Wissenschaftlern schwerfallen. (von Jürgen Liminski)

B)
Ziel der Genetik wäre es, die Möglichkeiten zur Veränderung des Erbmaterials zu nutzen, um die Lebensgrundlage des Menschen in bezug auf Gesundheit, Ernährung und Umwelt zu sichern. Soviel Angst die Menschheit auch hat, setzt sie große Hoffnungen in die Genetik. Überall haben genetische Methoden Eingang gefunden, ob es sich um Probleme der Mikrobiologie, der Immunbiologie, der Krebsforschung oder um die Untersuchungen von Erbkrankheiten handelt. Man hofft, daß sich aus den hier gewonnen Erkenntnissen über Aufbau und Funktion der menschlichen Gene in Zukunft Mittel und Wege zu einer wirksamen Behandlung zahlreicher Krankheiten, vielleicht sogar Therapien, die am defekten Gen in den Körperzellen selbst ansetzen, finden lassen.

Ein Lichtblick in der heutigen Zeit ist , daß man die Diagnose für eine Erbkrankheit bereits stellen kann, noch ehe das Leiden ausgebrochen ist. Schwere Erbleiden können durch Ersatz der defekten Gene in den Körperzellen therapiert werden. So lassen sich z. B. Bakterien genetisch so verändern, daß sie industriell nutzbar sind, etwa in der Pharmaindustrie zur Herstellung von Arzneimitteln und Impfstoffen. Sie produzieren dann in enormer Stoffwechselleistung Substanzen, die sonst gar nicht oder nur sehr aufwendig herstellbar sind. Dafür gibt es Beispiele wie das Insulin oder der erst seit wenigen Jahren hergestellte Faktor VIII, mit dem Bluter behandelt werden.

Bisher waren Bluter auf Spenderblut angewiesen - mit all den Gefahren sich mit z.B. Aids oder Hepatitis zu infizieren. Dieser genetisch hergestellte Faktor VIII reduziert dieses Infektionsrisiko auf Null.
Fachleute gehen davon aus, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis mit Hilfe der Gentechnik auch bei bisher noch unheilbaren Krankheiten wie Multiple Sklerose, Krebs oder Aids Durchbrüche erzielt werden. (von Doreen Obst)


II - Fragen

Wie siehst du die Zukunft der Gentechnik, sollte man ihr Grenzen setzen ?
Welche Folgen kann die Gentechnik haben, wenn sie zu falschen Zwecken eingesetzt wird?
Nach welchen Maßstäben kann bzw. muß eine ethische Diskussion über Gentechnik geführt werden?
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"Alle Religionen lehren, daß wir einander lieben und unsere eigenen Fehler herausfinden sollten, bevor wir uns erkühnen, die Fehler anderer zu verdammen, und daß wir uns nicht über unseren Nächsten erheben dürfen." -- Abdul-Baha

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