Der Sinn des Lebens


Der Sinn des Lebens

I - Impulstext

A)
Vielen Menschen fällt es schwer, im Leben einen Sinn zu erkennen. Manche fassen es als ein Trachten nach Macht, Reichtum, Ruhm oder den Annehmlichkeiten des Lebens auf. Andere streben nach Glück, als ob es eine Ware wäre, die man kaufen und besitzen kann. Wieder andere betrachten die Suche nach Liebe, das streben nach guten Familienbeziehungen, nach wissenschaftlichen Entdeckungen, den Dienst am Nächsten und das Bemühen um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung als würdige Ziele des Lebens. Ein gemeinsames Charakteristikum dieser voneinander abweichenden Ansichten ist ihr Mangel an Integration. Mit anderen Worten: Das tägliche Leben des einzelnen, seine allgemeine Ausrichtung im Leben und seine in näherer oder ferner Zukunft liegenden Ziele sind nicht in einem vollkommenen, zusammenhängenden und allumfassenden Lebensentwurf integriert.
Der höchste, eigentliche Sinn jeder Lebensphase muß im Geistigen liegen. Dies ergibt sich aus der Stufe des Menschen, aus seiner geistigen Wirklichkeit. Hier aber leben wir in einer materiellen Welt, in der auch materielle Gesetze wirken und praktische Aufgaben zu bewältigen sind. Dies bedeutet, daß wir beide Aspekte miteinander in Einklang bringen und dabei versuchen müssen richtig zu werten. (aus das Modell des Friedens)

B)
VON VIKTOR E. FRANKL

Was Menschen von heute, besonders den jungen Menschen, unter den Fingernägeln brennt, ist das Leiden am sinnlosen Leben. Das ist nicht bloß meine Meinung. In Fachpublikationen aus aller Welt und in zahlreichen Dissertationen mit streng empirischen Forschungsergebnissen wurde dies bestätigt.

Es wird deutlich, daß heute längst nicht mehr wie zur Zeit Sigmund Freuds die sexuelle Frage verdrängt wird, die Patienten nicht mehr mit Minderwertigkeitsgefühlen zu uns Psychiatern kommen wie zu Alfred Adler. Was verdrängt wird, ist die Sinnfrage, was belastet ist ein Sinnlosigkeitsgefühl, ein Leeregefühl, das, was ich das »existentielle Vakuum« nenne. Es ist dieses Leiden am sinnlosen Leben, das wir Logotherapeuten schon vor Jahrzehnten vorausgesagt haben.

Inzwischen ist die Sinnfrage zum brennendsten Problem der Gegenwart geworden. Der Direktor des Washington Mental Health Center hat berichtet, daß in erster Linie Menschen unter 30 am scheinbar sinnlosen Leben leiden.

Der Mensch, der nach dem Sinn des Lebens fragt oder diesen Sinn sogar in Frage stellt, manifestiert damit nur seine Menschlichkeit. Noch nie hat ein Tier nach dem Sinn des Lebens gefragt: das tut nur der Mensch.

Es ist geistige Mündigkeit, wenn jemand selbständig nach diesem Sinn sucht und darauf verzichtet, eine Antwort allein durch die Tradition zu erhalten.

Aber der Mensch wird bei seiner Suche nach dem Sinn heute meist frustriert. Wohlstandsgesellschaft und Wohlfahrtsstaat können zwar praktisch alle Bedürfnisse befriedigen, nur ein Bedürfnis nicht: das Sinnbedürfnis des Menschen, den »Willen zum Sinn«, das dem Menschen zutiefst innewohnende Bedürfnis, in seinem Leben und in jeder Lebenssituation einen Sinn zu finden und ihn zu erfüllen. Um einer solchen Sinnerfüllung willen ist der Mensch auch zu leiden bereit, wenn es nötig sein sollte. Wenn er jedoch keinen Sinn seines Lebens kennt, dann pfeift er auf sein Leben, auch wenn es ihm äußerlich gut gehen mag, dann schmeißt er es unter Umständen auch weg. Ein Wiener Lehrer hat mir eine Statistik vorgelegt, die Fragen auswertete, zu denen er seine Schüler ermutigt hatte. Sexuelle Themen standen an zweiter, das Thema Rauschgift an dritter Stelle: an erster Stelle rangierte jedoch der Selbstmord. Auch meine Mitarbeiter an der US International University in Kalifornien haben mit Tests und Statistiken nachweisen können, daß sowohl Selbstmord als auch Drogenabhängigkeit auf das Sinnlosigkeitsgefühl zurückzuführen sind.

Ich zitiere wörtlich aus einem Vortrag von Elisabeth Lukas, einer meiner Schülerinnen, die viele Jahre lang als Jugendpsychologin in München reiche Erfahrungen gesammelt hat : »Sie werden staunen, wenn Sie einen Blick in die Praxis des Psychotherapeuten von heute werfen. Die wenigsten Patienten, die Sie da antreffen werden, befinden sich in einer echten äußeren Notlage. Sie verhungern nicht und sie erfrieren nicht, sie haben keine außergewöhnlichen Strapazen zu erdulden, sie müssen sich im allgemeinen nicht einmal mit Arbeit überanstrengen. Die Mehrzahl der Patienten ist im Gegenteil gesund, ohne sich an ihrer Gesundheit zu erfreuen, von den Mitmenschen mit Fürsorge und Nachsicht behandelt, ohne es zu merken, und von allen möglichen Aufgaben entlastet, ohne sich darüber die geringsten Gedanken zu machen. Patienten sind neurotisch ohne reale Bedrängnis und ohne echten Notstand. Und dem gegenüber stehen auch heute noch Arme und Bedürftige, Vertriebene und Heimatlose, Sozialhilfeempfänger, Fabrik- und Gastarbeiter mit großen Familien und hungrigen Kindern, Menschen, die in zu kleinen Unterkünften wohnen aber sie sind psychisch weitgehend gesund, sie haben keine Neurosen und keine Selbstmordgedanken, sie haben keine Zeit für Ängste und kein Geld für teure Therapien. Ich arbeitete in einer städtischen Beratungsstelle für Erziehungs- und Lebensprobleme, also praktisch im öffentlichen Dienst, und alle Therapien, auch die langwierigsten, waren bei uns kostenfrei. Und dennoch war unsere Klientel nicht die Schicht der Armen und Notleidenden. Ausgesprochen psychisch Kranke finden sich in der Mittel- und Oberschicht. Es sind, ob Sie es glauben oder nicht, Menschen, denen es rein äußerlich gut geht und die glücklich sein könnten. Daß sie es nicht sind, liegt vielfach daran, daß sie am Sinn ihres Lebens zweifeln oder daß sie den Sinn ihres Lebens verloren haben.«

Ich kann mein Leben dadurch sinnvoll machen, daß ich eine Tat setze, ein Werk schaffe, aber auch dadurch, daß ich etwas oder jemanden erlebe. Jemanden in seiner ganzen Einmaligkeit erleben heißt, ihn lieben. Es geschieht also entweder im Dienst an einer Sache oder aber in der Liebe zu einer Person, daß wir Sinn erfüllen und damit auch uns selber verwirklichen. Aber auch dort läßt sich das Leben noch immer sinnvoll gestalten, wo wir mit einem unabänderlichen Schicksal konfrontiert sind, einer unheilbaren Krankheit etwa; dann können wir sogar das Menschlichste im Menschen verwirklichen: die Fähigkeit, auch eine Tragödie in einen Triumph zu verwandeln. Denn es ist das Geheimnis der bedingungslosen Sinnträchtigkeit des Lebens, daß der Mensch gerade in Grenzsituationen davon Zeugnis ablegen kann, wessen er und allein er fähig ist. Gerade dort, wo etwas nicht geändert werden kann, ist es uns abverlangt, uns selber zu ändern, nämlich zu reifen, zu wachsen, über uns selber hinauszuwachsen. Und das ist bis in den Tod möglich.

II - Fragen

Was ist für dich der Sinn des Lebens?
Welche Bedeutung hat die Religion für den Sinn des Lebens?
Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?
Wovon ist Glück im Leben abhängig?

III - Bahá'í-Standpunkt

Der Bahá'í-Glaube betrachtet das Leben des Menschen auf unserem Planeten als nur eine Phase in der fortgesetzten Entwicklung der menschlichen Seele. Auf der Reise, die im mütterlichen Leib beginnt, geht der menschliche Geist durch alle Formen der Existenz hindurch und erwirbt Vervollkommnung geistiger Eigenschaften wie Wissen, Liebe, Wohlwollen, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit usw. 'Abdu'l-Bahá beschreibt diese Reise in folgender Weise:

"Die Weisheit für das Erscheinen des Geistes im Körper liegt darin: Der Menschengeist ist ein von Gott anvertrautes Gut und muß alle Stufen durchlaufen; denn seine Entwicklung und sein Schreiten durch die Erscheinungsweisen des Daseins sind das Mittel, Vollkommenheit zu erwerben.

...Außerdem ist es notwendig, daß die Zeichen der Vollkommenheit des Geistes in dieser Welt sichtbar werden, damit die Welt der Schöpfung unendlich viele Früchte hervorbringe und dieser Körper(die Welt) Leben erhalte und die göttlichen Segensgaben offenbare." ('Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, Seite 199)

'Abdu'l-Bahá führt diesen Punkt weiter aus, indem Er das Gleichnis der Sonnenstrahlen und deren Wirkung auf das Leben benützt. Er hebt hervor, daß es ohne die Strahlen und die Wärme der Sonne kein Leben auf der Erde gäbe und deren Existenz bedeutungslos wäre. Dann stellt er fest:
"Ebenso wäre diese Welt finster und völlig tierisch, wenn sich nicht die Vollkommenheit des
Geistes in ihr zeigen würden." ('Abdu'l-Bahá, Beantwortete Fragen, Seite 199 f.)

Die Beziehung zwischen der Welt und dem Menschen ist nach 'Abdu'l-Bahá dieselbe wie die zwischen dem menschlichen Körper und seinem Geist. Auf dieselbe Weise wie der Geist des Menschen seinem Körper Leben verleiht, ist der Mensch der Geist des Körpers der Erde. Und deshalb ist er der Grund ihres Lebens, ihres Fortschritts und ihrer Entwicklung. Damit jedoch der Geist des Menschen Vollkommenheit erlangen kann, und damit das Leben auf dieser Welt himmlisch, friedlich und fröhlich werden kann, besteht ein Bedürfnis nach dem bewußten, erleuchteten Gebrauch menschlichen Wissens und Willens. Deshalb muß der einzelne sich des Sinnes und Zieles dieser Schöpfung bewußt werden.

Dieser Sinn und dieses Ziel, wie in den Baha’u’llah beschreibt, besteht darin, Gott zu erkennen und ihn anzubeten. Gott kann man aber nur durch seine Manifestationen, Seine göttlichen Erzieher wie Moses, Jesus und Muhammad erkennen. Bahá'u'lláh führt das in einem Seiner Sendschreiben aus:

"Das Tor zur Erkenntnis des Altehrwürdigen Seins ist immer vor den Menschen verschlossen gewesen und wird es für immer bleiben. Kein menschliches Begreifen wird jemals zu Seinem heiligen Hofe Zutritt gewinnen. Als Zeichen Seiner Barmherzigkeit und als Beweis Seiner Gnade hat Er Jedoch den Menschen die Sonnen Seiner göttlichen Einheit offenbart und hat verfügt, dass die Erkenntnis dieser geheiligten Wesen mit der Erkenntnis Seines eigenen Selbstes gleichbedeutend sei. Wer auf ihren Ruf hört, hat auf die Stimme Gottes gehört, und wer die Wahrheit ihrer Offenbarung bezeugt, hat die Wahrheit Gottes selbst bezeugt. Wer sich von ihnen abwendet, hat sich von Gott abgewandt, und wer nicht an sie glaubt, hat nicht an Gott geglaubt..."
(Bahá'u'lláh, Ährenlese, Bahá'í-Verlag, Hofheim-Langenhain, 3.revidierte Auflage, 1980, 21:47)

Diese göttlichen Boten befähigen die Menschheit, Gott zu erkennen und vermitteln uns die fundamentalen geistigen Realitäten. Diese geistigen Realitäten werden der Menschheit Schritt für Schritt gegeben, jeweils in Übereinstimmung mit der Aufnahmefähigkeit und dem Bedürfnis eines Volkes zu einer bestimmten Zeit und einer bestimmten geographischen Lage auf der Welt. Bahá'u'lláh ist die jüngste Manifestation Gottes, Deren Botschaft die geistige Führung vermittelt, die der Menschheit zum gegenwärtigen Stand ihrer Entwicklung am meisten gemäß ist. Die Kenntnis Seiner Lehre ist deshalb die einzige Art, auf die ein Mensch Gottes Willen in unserem Zeitalter erkennen kann. Wenn einmal ein Individuum angefangen hat, die Lehre des Boten Gottes zu kennen und beginnt, sein Leben entsprechend Seinen Weisungen zu leben, hat er sich auf die beiden sich gleichzeitig vollziehenden Prozesse der Erkenntnis und der Anbetung Gottes eingelassen.

Der zentrale Aspekt von Bahá'u'lláhs Lehre ist die Einheit der Menschheit und die Schaffung einer Weltkultur, die durch Liebe, Einheit und Frieden gekennzeichnet ist, in der Harmonie zwischen Religion und Wissenschaft, Gleichheit von Männern und Frauen herrscht und in der Vorurteile und Aberglaube ausgerottet sind.

"In jeder Sendung", schreibt 'Abdu'l-Bahá, "war das Licht göttlicher Führung brennpunktartig auf ein zentrales Thema gerichtet... In dieser wundersamen Offenbarung, diesem herrlichen Jahrhundert, ist die Grundlage des Glaubens Gottes und das hervorstechende Merkmal Seines Gesetzes das Bewußtsein der Einheit der Menschheit." Erst im Lichte dieses zentralen Themas des Bahá'í-Glaubens kann die Feststellung Bahá'u'lláhs: "Alle Menschen wurden erschaffen, eine ständig fortschreitende Kultur voranzutragen." Verstanden werden.“

Die direkte Beziehung zwischen dem Sinn des Lebens für den einzelnen und der Errichtung der Einheit der Menschheit ist die einzigartige Lehre des Bahá'í-Glaubens im Hinblick auf Leben und Existenz. Innerhalb des Kontextes des Bahá'í-Glaubens ist ein Individuum nicht in erster Linie auf der Suche nach persönlicher Erlösung. Indem es seine Kräfte darauf konzentriert, ein Bewusstsein von der Einheit der Menschheit zu entwickeln, und indem es seinen Teil dazu beiträgt, "eine ständig fortschreitende Kultur voranzutragen", lebt er zu gleicher Zeit den hauptsächlichen Sinn seines Lebens - Gott zu erkennen und ihn anzubeten. Die Errichtung der Einheit der Menschheit ist jedoch ein komplexes, multi-dimensionales und allumfassendes Ziel. Es erfordert nicht nur eine Vielzahl von Anhängern, die mit aller Kraft und Energie an diesem Ziel arbeiten, sondern auch die Errichtung einer neuen Weltordnung, um die diversen Talente und Beiträge der einzelnen zu einem harmonischen, integrierten Ganzen zusammenzuleiten.

Innerhalb des Rahmens der Weltordnung Bahá'u'lláhs herrscht vollständige Harmonie zwischen den Zielen und Aspiration des einzelnen und den Zielen, dem Streben der Gemeinschaft. Diese Harmonie ist von überragender Wichtigkeit. In der Tat zeigen Untersuchungen von vielen Sozialwissenschaftlern, daß ein Hauptgrund für das ständig anwachsende Vorkommen von Gewalt und Zerstörung in allen Gesellschaftssystemen die Diskrepanz zwischen den Zielen des einzelnen und denen der Gemeinschaft ist, in der er lebt. (Das Modell des Friedens, S187)
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"Alle Religionen lehren, daß wir einander lieben und unsere eigenen Fehler herausfinden sollten, bevor wir uns erkühnen, die Fehler anderer zu verdammen, und daß wir uns nicht über unseren Nächsten erheben dürfen." -- Abdul-Baha