Hanzala und Numan- Ein Christ bekehrt einen arabischen König


Diese Geschichte ist aus dem Buch "Das Geheimnis Göttlicher Kultur", von Abdu'l Baha, erschienen im Baha'i Verlag.

Hanzala und Numan - Ein Christ bekehrt einen arabischen König

Die arabischen Chroniken berichten, wie in der Zeit vor dem Kommen Muhammads Numan, ein arabischer König aus den Tagen der Unwissenheit, dessen Residenz die Stadt Hirih war, dem Wein einmal so sehr zugesprochen hatte, daß sich seine Sinne verfinsterten und der Verstand ihn verließ. In diesem volltrunkenen, gefühllosen Zustand gab er den Befehl, seine beiden Zechbrüder und vertrauten, vielgeliebten Freunde, Khalid und Amr, vom Leben zum Tode zu befördern. Als der König am anderen Morgen erwachte und nach seinen beiden Freunden fragte, wurde er an das entsetzliche Geschehnis erinnert. Kummer befiel sein Herz; in seiner aufrichtigen Liebe und Sehnsucht ließ er über den beiden Gräbern zwei herrliche Denkmäler bauen, die er „die Blutbeschmierten“ benannte. Daraufhin bestimmte er zwei Tage des Jahres zum Gedächtnis an die beiden Gefährten. Den einen hieß er den „Tag des Übels“, den zweiten den „Tag der Gnade“. Jedes Jahr pflegte er an diesen Tagen mit Pomp und Gepränge hinauszuziehen und sich zwischen den beiden Grabmälern niederzulassen. Wenn an dem „Tag des Übels“ sein Auge auf irgend jemanden fiel, wurde dieser umgebracht; wer jedoch am „Tag der Gnade“ vorüberging, wurde mit Geschenken und Gunstbeweisen überschüttet. Solches war sein königliches Gebot, das mit einem mächtigen Eid besiegelt und immer streng eingehalten wurde.

Eines Tages bestieg der König sein Roß und ritt hinaus in die Steppe, um zu jagen. Von ungefähr erblickte er in der Ferne ein Wildpferd, gab seinem Roß die Sporen, um das Wild einzuholen, und hetzte mit solcher Geschwindigkeit davon, daß er von seinem Gefolge abgeschnitten wurde. Die Nacht brach herein, und der König war hoffnungslos verloren. Da entdeckte er fern in der Wüste ein Zelt; er wandte sein Pferd und ritt drauf zu. Als er zum Eingang gekommen war, fragte er den Besitzer, Hanzala: „Nimmst du einen Gast auf?“ Hanzala sagte „Ja“, trat heraus und half Numan beim Absteigen. Dann ging er zu seiner Frau und sprach zu ihr: „Es sind deutliche Anzeichen hohen Ranges in dem Verhalten dieses Mannes. Tue dein Möglichstes, um ihm Gastfreundschaft zu erweisen, und bereite ein Fest.“ Die Frau erwiderte: „Wir haben ein Mutterschaf, das du darbringen könntest, und ich habe noch ein bißchen Mehl für solche Gelegenheiten aufgespart.“ Hanzala molk zunächst das Schaf und bot Numan die Schale zum Trunk, dann schlachtete er das Tier und bereitete ein Festmahl, und dank seiner gütigen Gastfreundschaft verbrachte Numan die Nacht in Frieden und Behagen. Als die Dämmerung heraufzog, machte sich Numan fertig und sagte zu Hanzala: „Du hast mir größte Freigebigkeit erwiesen, wie du mich aufgenommen Und festlich bewirtet hast. Ich bin Numan und freue mich sehr darauf, dich an meinem Hofe begrüßen zu können.“

Die Zeit ging dahin, Hungersnot zog ein im Lande Tayy. Hanzala kam in große Bedrängnis, und darum suchte er den König auf. Ein seltsamer Zufall fügte es, daß er am „Tag des Übels“ eintraf. Numan zeigte sich höchst beunruhigt. Er machte seinem Freund Vorwürfe: „Warum bist du gerade heute zu mir gekommen? Denn dies ist der „Tag des Übels“, der Tag des Zornes und der Pein. Selbst wenn mir heute Qabus, mein einziger Sohn, unter die Augen träte, käme er nicht mit dem Leben davon. Nun bitte mich um irgendeine Gunst, die du willst.“

Hanzala erwiderte: „Ich wußte nichts von deinem „Tag des Übels“. Die Gaben dieser Welt sind für die Lebenden da. Was sollen mir alle Schätze dieser Erde, wenn ich den Tod kosten muß?“

„Daran ist nichts zu ändern“, sagte Numan. Hanzala sprach: „So gewähre mir denn Aufschub, daß ich zu meinem Weib heimkehren und meinen letzten Willen machen kann. Im nächsten Jahr werde ich am „Tag des Übels“ wiederkommen.“

Numan verlangte einen Bürgen, der an Hanzalas Statt hingerichtet wurde, falls dieser nicht zurückkehrte. Bestürzt und hilflos sah sich Hanzala um. Ein Mann namens Qarad stand auf und bot sich als Bürge an; er willigte ein, daß der König mit ihm, Qarad, tun könne, was er wolle, wenn er zum nächsten „Tag des Zornes“ Hanzala nicht beibrächte. Daraufhin schenkte Numan dem Hanzala fünfhundert Kamele und ließ ihn ziehen.

Als im folgenden Jahr der „Tag des Übels“ hereinbrach, zog Numan wie gewohnt mit Pomp und Prunk hinaus zu den beiden Grabmälern, die die Blutbeschmierten hießen. Er führte Qarad mit sich, um seinen königlichen Zorn an ihm auszulassen. Die Pfeiler des Staates lösten ihre Zunge und baten um Gnade; sie flehten den König an, er möge Qarad bis zum Sonnenuntergang Aufschub gewähren, denn sie hofften, Hanzala käme noch. Aber des Königs Absicht war, Hanzalas Leben zu schonen und ihm die Gastfreundschaft zu vergelten, indem er Qarad an seiner Stelle hinrichtete. Als sich die Sonne zum Abend neigte, zog man Qarad die Kleider vom Leibe Und schickte sich an, ihm den Kopf abzuschlagen. Da wurde in der Ferne ein Reiter sichtbar, der in gestrecktem Galopp näherkam. „Warum zögerst du?“ wandte sich Numan an den Henker. Der antwortete: „Vielleicht ist es Hanzala, der da kommt.“ Bald sah man, daß es kein anderer war.

Numan war höchst ungehalten. „Du Dummkopf!“ sagte er. „Einmal bist du den Klauen des Todes entronnen. Mußt du ihn nun zum zweiten Male herausfordern?“ Aber Hanzala erwiderte: „Süß in meinem Munde und angenehm auf meiner Zunge ist das Gift des Todes bei dem Gedanken, daß ich damit mein Unterpfand auslöse.“

Da fragte Numan: „Was ist der Grund für solche Pflichttreue? Weshalb hälts du dich so genau an deine Obliegenheiten, so streng an deinen Eid?“ - „Das macht mein Glaube an den einen Gott und an die Bücher, die vom Himmel kamen“, gab Hanzala zur Antwort. Numan fragte: „Zu welchem Glauben bekennst du dich?“, und Hanzala sagte: „Es war der heilige Odem Jesu, der mir das Leben gab. Ich folge dem geraden Pfad Christi, des Geistes Gottes.“ Numan bat: „Laß auch mich diesen stillen Hauch des Geistes atmen!“

So kam es, daß Hanzala die weiße Hand der Führung aus dem Busen der Liebe Gottes zog und das äußere wie das innere Blickfeld derer, die ihn umstanden, mit dem Lichte des Evangeliums erleuchtete. Dem klaren Klang einer Glocke gleich trug er einige der göttlichen Verse aus der Bibel vor. Da wurden Numan und alle seine Diener ihrer Götzen überdrüssig und wollten diese keinen Augenblick länger anbeten. Im Glauben an Gott wurden sie bestätigt, und sie riefen: „Wehe uns, tausendmal wehe uns, daß wir uns bis heute nicht um diese grenzenlose Gnade kümmerten und sie vor uns verborgen blieb, daß wir dieser Segensströme aus den Wolken der Gunst Gottes beraubt waren!“ Sofort riß der König die beiden Denkmäler ab, die die Blutbeschmierten hießen. Er bereute seine Gewaltherrschaft und ließ fortan Gerechtigkeit walten in seinem Land.

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Bedenket, wie hier ein einfacher Mann aus der Wüste, dem äußeren Anschein nach namenlos und ohne Rang und Würden, imstande war, diesen stolzen Herrscher und eine große Schar anderer aus der Nacht des Unglaubens zu befreien und sie in das Morgenlicht des Heils zu fuhren, wie er sie aus dem Verderben der Götzendienerei an das rettende Gestade der Einheit Gottes brachte und ihren Verwirrungen ein Ende setzte - Verwirrungen von solcher Art, daß sie ganze Gesellschaften verderben und ganze Völker zur Barbarei herabwürdigen - nur weil er eine der Eigenschaften jener aufwies, die reinen Herzens sind. Man muß tief über dies alles nachdenken, um seine volle Bedeutung zu erfassen.
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"Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt, ist das, was wir aus unserer Seele gemacht haben." Shoghi Effendi