Sexualität und Partnerschaft


Hallo!

Habe da mal eine Frage:
Wie ja in vielen anderen Religionen auch, ist außerehelicher Sex bei den Baha'i verboten.
Mich würde mal interessieren, wie eng das gesehen wird, wo nun die Grenzen zu Sex liegen und wie mit dem Bruch dieser Regel umgegangen wird.
Speziell im Islam findet man beispielsweise immer wieder den Mord an Mädchen zur "Rettung der Ehre der Familie".

Grüße,
red_hood
Hi Red-Hood,

Willkommen im Forum

red_hood hat folgendes geschrieben:
Habe da mal eine Frage:
Wie ja in vielen anderen Religionen auch, ist außerehelicher Sex bei den Baha'i verboten.


Ja, das ist richtig.

red_hood hat folgendes geschrieben:
Mich würde mal interessieren, wie eng das gesehen wird, wo nun die Grenzen zu Sex liegen und wie mit dem Bruch dieser Regel umgegangen wird.


Das Gebot geht zurück auf den Vers im Heiligsten Buch:

Zitat:
"Mord und Totschlag, der uneheliche Beischlaf, üble Nachrede und Verleumdung sind euch verboten. So haltet euch fern von dem, was in den heiligen Büchern und Tafeln verboten ward."


Es ist ziemlich klar, was damit gemeint ist und es gibt keinen Spielraum für Interpretation. Die Entscheidung, ob man sich einem Baha'i-Gesetz beugen möchte, bleibt dem Einzelnen überlassen und es gibt niemanden, der das kontrolliert (wie auch). Wie in allen anderen Religionen ist es eine Frage des Gewissens, ob man sich daran hält und man ist nur Gott gegenüber verantwortlich. Wo die "Grenzen" sind, bleibt ebenfalls dem Einzelnen überlassen - dabei geht jeder nach seinem eigenen Verständnis der Heiligen Schriften aus.

Liebe Grüße,
Deas
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"Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt, ist das, was wir aus unserer Seele gemacht haben." Shoghi Effendi
red_hood hat folgendes geschrieben:
Hallo!

Habe da mal eine Frage:
Wie ja in vielen anderen Religionen auch, ist außerehelicher Sex bei den Baha'i verboten.
Mich würde mal interessieren, wie eng das gesehen wird, wo nun die Grenzen zu Sex liegen und wie mit dem Bruch dieser Regel umgegangen wird.
...


Hi red_hood,

das ist eine gute und interessante Frage !

Deas hat dazu schon eine gute Antwort gegeben, der ich noch einige Gedanken hinzufügen möchte.

Nach meiner persönlichen Erfahrung steckt hinter jedem religiösen Gebot, sofern es wirklich aus göttlicher Quelle stammt, also mit der ursprünglichen Absicht des Offenbarers übereinstimmt, ein wichtiger, tieferer Sinn, den es zu erfassen gilt.

Was das Bahá´í-Gebot des Verzichts auf außerehelichen Geschlechtsverkehr angeht, denke ich, dass es hier sehr wesentlich um den Schutz des Seelen, um die Förderung ihrer Entwicklung und um den Schutz der Gemeinschaft geht. Was den Schutz der Seelen anbetrifft, kann Sexualität erst dann wirklich ihren Zweck erfüllen und im vollen Umfang genossen werden, wenn zuvor eine stabile, vertrauensvolle und vor allem dauerhafte Verbindung der Herzen aufgebaut worden ist. Der äußere Vollzug dieser Verbindung ist die Ehe. Freilich kollidiert das schon einigermaßen mit dem Zeitgeist, der die Ehe eher als notwendiges Übel betrachtet ... .

Die Förderung der Entwicklung der Seelen ergibt sich einfach aus den mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen, das Gebot einzuhalten . Der Geschlechtstrieb ist sehr, sehr stark und ich denke, dass wohl jeder gläubige Mensch in unserer Zeit seine liebe Not damit hat, sich an die jeweils in seiner Religion gültigen Richtlinien dazu zu halten.

Zum Schutz der Gemeinschaft ist wohl für jeden leicht nachvollziehbar, dass sexuelle Zügellosigkeit in eine Gemeinschaft von Menschen viel Unruhe und Nachteile für alle bringt.

Wie auch schon Deas geschrieben hat, gibt es niemanden in der Bahá´í-Gemeinde, der die Einhaltung des Gebotes kontrolliert, bzw. sie kontrollieren darf. Eine Ausnahme besteht dann, wenn ein Mitglied der Gemeinde den Verstoß gegen das Gebot öffentlich propagiert, d.h. wenn er bewußt dem Ansehen der Gemeinde schadet.

Was mich persönlich betrifft, finde ich es schwer, das Gebot einzuhalten, muß allerdings auch erkennen, dass sich bisher noch jede Nichteinhaltung mit mehr oder weniger schweren seelischen Verletzungen gerächt hat. Ich glaube und hoffe, dass die Menschen in späteren Zeiten es aufgrund ihrer besseren und umfassenderen Erziehung, die das geistige Wesen des Menschen in den Mittelpunkt stellen wird, es viel leichter haben werden, dieses Gebot einzuhalten, vielleicht sogar so leicht, dass sie sich gar nicht vorstellen können, welchen Kampf wir damit hatten.


Liebe Grüße,

Herzlich
Herzlich hat folgendes geschrieben:

Nach meiner persönlichen Erfahrung steckt hinter jedem religiösen Gebot, sofern es wirklich aus göttlicher Quelle stammt, also mit der ursprünglichen Absicht des Offenbarers übereinstimmt, ein wichtiger, tieferer Sinn, den es zu erfassen gilt.

... was natürlich wieder eine Glaubensfrage ist - ohne den Glauben an die Wahrheit einer Offenbarung/Verkündigung ist es nicht möglich, eine Entscheidung zu treffen, was aus göttlicher Quelle stammt und was nicht...
Zitat:
Was das Bahá´í-Gebot des Verzichts auf außerehelichen Geschlechtsverkehr angeht, denke ich, dass es hier sehr wesentlich um den Schutz des Seelen, um die Förderung ihrer Entwicklung und um den Schutz der Gemeinschaft geht. Was den Schutz der Seelen anbetrifft, kann Sexualität erst dann wirklich ihren Zweck erfüllen und im vollen Umfang genossen werden, wenn zuvor eine stabile, vertrauensvolle und vor allem dauerhafte Verbindung der Herzen aufgebaut worden ist. Der äußere Vollzug dieser Verbindung ist die Ehe. Freilich kollidiert das schon einigermaßen mit dem Zeitgeist, der die Ehe eher als notwendiges Übel betrachtet ... .

Ja und nein - bis vor relativ kurzer Zeit war die Ehe nicht ein notwendiges Übel, sondern eine notwendige Versorgungseinrichtung - 'Ehe' und 'Liebe' hatten nur in seltenen Fällen etwas miteinander zu tun, die Menschen wurden verheiratet - und wenn sie danach einander zu lieben lernten, umso besser; wenn nicht - nun, dann war's eben nicht so... Das hat sich im Westen erst in den letzten 100 Jahren wirklich geändert, und in manchen anderen Kulturen ist es heute noch nicht anders...
Man sollte auch daran denken, dass es in 99.5% der Menschheitsgeschichte eine Ehe überhaupt nicht gab, und dass in den meisten außerhalb der Buchreligionen Ehe und Sexualität mit Religion primär nicht viel zu tun haben - und dass auch in diesen häufig zwischen vorehelicher und außerehelicher Sexualität ein grundlegender Unterschied gemacht wird. Wenn eine Frau Ehebruch beging, wurde sie nach der Torah gesteinigt; wenn ein Mann einer Sklavin ein Kind machte, war das sein selbstverständliches Recht. Wenn er eine Jungfrau 'schändete' (im Englischen heißt es immer noch spoil - 'verderben'), musste er ihrem Vater eine Entschädigung zahlen, weil die ja nun keinen 'Marktwert' mehr hatte... Damals ging es nicht um den Schutz der Seelen, sondern um Besitz und Geschäft; und ich glaube diesen Hintergrund sollte man auch bei den sog. 'Ehrenmorden' nicht übersehen...

Zitat:
Was mich persönlich betrifft, finde ich es schwer, das Gebot einzuhalten, muß allerdings auch erkennen, dass sich bisher noch jede Nichteinhaltung mit mehr oder weniger schweren seelischen Verletzungen gerächt hat.

Meine persönliche Erfahrung - und auch die von Anderen, mit denen ich (damals wie heute) darüber gesprochen habe, ist eher umgekehrt - dass religiöse Strenge und eiserne Selbstdisziplin in diesem Punkt meist keine starken Persönlichkeiten schafft, sondern auf lange Sicht psychische Probleme. Die seelischen Verletzungen, die ich beobachten konnte, waren ziemlich unabhängig davon, ob die Beziehung, in der sie auftraten, sexuellen Charakter hatte oder nicht.
Also fuer mich persoenlich ist es mehr ein menschliches Erziehungsgebot als ein goettliches. Gott hat uns mit natuerlichen Beduerfnissen geschaffen und haette er etwas in dieser Art wirklich gewollt, dann haette er uns eine Sperre ins Gehirn gemacht, die nach der Ehe erst wegfiele.
Und hierbei gebe ich Wu recht die religioese Strenge hierbei schafft sehr langanhaltende
psychische Probleme , die sich auch in der Ehe nur sehr schwer loesen. Da man in einem sehr grossen inneren Zwiespalt lebt.Allerdings finde ich es von Vorteil wenn man den Jungen Menschen klarmacht, dass es besser fuer sie ist , wenn sie so lange damit warten bis sie sich selbst innerlich als reif dafuer empfinden und sich sicher sind , dass sie es dann auch wirklich wollen und nicht bloss, weil der Freund oder die Freundin schon ihre Erfahrung auf diesem gebiet vielleicht gemacht hat. Oder der Zeitgeist es als "in" darstellt.
Ich denke, die Unterscheidung zwischen außerehelichem Geschlechtsverkehr und vorehelichem, auf die Wu hingewiesen hat, ist sehr wichtig, auch wenn in der Baha'i-Religion beides zusammengefasst wird.

Darüber, dass außerehelicher Sex destruktiv ist, scheint in fast allen Kulturen, Religionen und Wertsystemen ein Konsens zu bestehen. Eine Ehe ist schließlich eine große Verantwortung, gerade wenn Kinder da sind. Man ist dann eben eine Familie und muss einen Teil seiner "Freiheit" aufgeben, genauso, wie es in der Gesellschaft Regeln gibt, die die "Freiheit" des Einzelnen beschränken, aber erst ein Zusammenleben möglich machen.

Freiheit habe ich hier in Anführungszeichen gesetzt, weil ich denke, dass das Konzept von Freiheit von vielen Leuten gerade heutzutage falsch verstanden und mit Egoismus gleichgesetzt wird. Echte Freiheit kann ohne Regeln und (freiwilligen) Verzicht des Einzelnen auf bestimmte Handlungen gar nicht existieren. So leben wir heute in einer freien Gesellschaft, nicht trotz, sondern wegen des Rechtsstaates und seiner Regeln.

Vorehelicher Sex ist aber heutzutage aufgrund der vorhandenen Verhütungsmethoden ein anderes Thema. Die Ablehnung vorehelichen Geschlechtsverkehrs kommt aus einer Zeit, als es kaum Verhütungsmethoden gab. Die Aufforderung zur sexuellen Enthaltsamkeit vor der Eheschließung hatte den Sinn, zu verhindern, dass unversorgte - uneheliche - Kinder zur Welt kamen, die schließlich sozial stark benachteiligt sein würden. Mit der Eheschließung war dann die Versorgung sichergestellt und eine Familie gegründet, in der die Kinder wohlversorgt aufwachsen konnten.

Ich finde daher, dass es wichtig ist, zwischen außerehelichem und vorehelichem Sex einen Unterschied zu machen. Außereheliche Affären sind für mich moralisch auf jeden Fall verwerflich, besonders dann, wenn man bereits Kinder hat. Vorehelichen Sex in einer festen Beziehung - die später höchstwahrscheinlich zu einer Ehe werden wird - halte ich aber für in Ordnung. Allerdings finde ich, dass vor einer Ehe keine Kinder gezeugt werden sollten (dazu gibt es Verhütungsmethoden) und eine Ehe erst geschlossen werden sollte, wenn ein oder beide Ehepartner ihre Ausbildung beendet und zu arbeiten begonnen haben; denn um Kinder zu versorgen, muss auch eine finanzielle Basis da sein.

In Diskussionen mit Leuten meines Alters (Anfang/Mitte 20) habe ich allerdings zu meiner Überraschung festgestellt, dass meine Ansichten zu diesem Thema offenbar aus heutiger Sicht bereits sehr konservativ sind!
Wu hat folgendes geschrieben:
...
Herzlich hat folgendes geschrieben:
Was mich persönlich betrifft, finde ich es schwer, das Gebot einzuhalten, muß allerdings auch erkennen, dass sich bisher noch jede Nichteinhaltung mit mehr oder weniger schweren seelischen Verletzungen gerächt hat.

Meine persönliche Erfahrung - und auch die von Anderen, mit denen ich (damals wie heute) darüber gesprochen habe, ist eher umgekehrt - dass religiöse Strenge und eiserne Selbstdisziplin in diesem Punkt meist keine starken Persönlichkeiten schafft, sondern auf lange Sicht psychische Probleme. ...


Ich denke, dass es noch eine zweite Alternative gibt, die diese Probleme nicht hervorruft, nämlich die "Liebe zur Schönheit Gottes". Ich habe den Begriff bewußt in Anführungszeichen gesetzt, weil ich davon ausgehe, dass die meisten Menschen in unseren Breitengraden sich darunter gar nichts vorstellen können. Für mich ist er allerdings mit alltäglicher praktischer Erfahrung gefüllt. D.h., ich erlebe in mir selbst eine allmähliche Veränderung, die mich sensibler macht für das Erkennen und Genießen geistiger Schönheit, wo immer sie sich auch zeigt, und entwickle eine ebenso allmählich wachsende Abneigung gegen störende weltliche Ablenkungen. Dabei unterliegt der Inhalt von letzterem bei mir einem ganz beachtlichen Wandel, der mich selbst manchmal verwundert.

Beispielsweise war es für mich früher völlig selbstverständlich und auch mit meiner damaligen Auffassung von Geistigkeit vereinbar, maximalen Erfolg in meiner beruflichen Karriere anzustreben. Das setzte voraus, dass ich bereit war, "mit den Wölfen zu heulen", und in gewissem Maße war das bei mir auch der Fall. Heute empfinde ich das als schlechten Kompromiss, den ich meiner Seele nicht mehr zumuten möchte, weil er mich davon abhält, zu den Menschen, denen ich in meiner Arbeit begegne, eine echte Herzensverbindung aufzubauen und auf diese Weise mit ihnen zusammen der geistigen Welt etwas näher zu sein.

Eine ähnliche, wenn auch weit langsamere Entwicklung erlebe ich bei meiner Sexualität. Nicht dass ich sie als grundsätzlich störend ansehe. Es ist eher eine allmähliche Verschiebung der Schwerpunkte, die ich als wohltuend und befreiend für meine Seele empfinde. Bahá´u´lláh sagt dazu an einer Stelle einen Satz, der mir persönlich in diesem Zusammenhang sehr wichtig ist und mir ein völlig neues Verständnis für das Bemühen um die Einhaltung göttlicher Gebote ermöglicht hat:

Zitat:
... Die Zunge Meiner Macht hat aus dem Himmel Meiner allmächtigen Herrlichkeit diese Worte an Meine Schöpfung gerichtet: "Haltet Meine Gebote aus Liebe zu Meiner Schönheit!" ...


Nach meinem Verständnis ist Bahá´u´lláh in diesem Moment ein Sprachrohr für das Wort Gottes selbst, so wie es auch die anderen Offenbarer zu ihrer Zeit gewesen sind.

Dieser Satz ist mir deshalb so wichtig, weil er klar macht, dass es zu religiöser Strenge und Disziplin eine wesentliche Alternative gibt, die es dem Gläubigen leicht macht, vielleicht sogar überhaupt erst ermöglicht, göttliche Gebote einzuhalten, nämlich die Liebe des gläubigen Menschen zur Schönheit Gottes.


Liebe Grüße,

Herzlich
Ja die Unterscheidung zwischen außerehelich und vorehelich ist sicher wichtig Dio.

Außerehelich (sogenannter 'Seitensprung') ist nicht okay, ich glaub da sind wir uns zumindest mal alle einig. Und wenn ich sage 'wir', dann meine ich Leute, die etwas mit Religion am Hut haben, denn ich habe das Gefühl, daß heutzutage es immer mehr okay ist mal hier und da einen Seitensprung zu machen; das ist leider sehr traurig und egoistisch; einfach ohne Rücksicht auf den Ehepartner, ohne Rücksicht auf die Kinder und die Familie einfach so zu betrügen. Ich meine alle Religionen betrachten Ehebruch als massiven Fehler/Sünde. Man bedenke all die Konsequenzen, die es mit sich bringt. Zerrüttete Ehe, eventuell Scheidung, Kinder werden mit reingezogen und leiden usw.

Und wofür? Für einen kurzen 'Glücksmoment'.

Bei vorehelichem Geschlechtsverkehr kann ich die Leute verstehen, die sagen, es wäre okay, aber ich glaube erst der Verzicht darauf, bedeutet wirkliche Freiheit, wie Baha'u'llah es ausdrückt:

Wahre Freiheit besteht in der Unterwerfung des Menschen unter Meine Gebote, so wenig ihr dies auch versteht. ... Wer ihre Süße kostet, wird es verschmähen, sie gegen alle Herrschaft der Erde und des Himmels zu tauschen.
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"Die beste Art Gott zu danken, ist einander zu lieben."

'Abdu'l-Bahá
Dio hat folgendes geschrieben:
...
In Diskussionen mit Leuten meines Alters (Anfang/Mitte 20) habe ich allerdings zu meiner Überraschung festgestellt, dass meine Ansichten zu diesem Thema offenbar aus heutiger Sicht bereits sehr konservativ sind!


Yep - und es gehört Mut dazu, sie so offen und geradlinig zu äußern. Das bewundere ich.


Liebe Grüße,

Herzlich
Dio hat folgendes geschrieben:

In Diskussionen mit Leuten meines Alters (Anfang/Mitte 20) habe ich allerdings zu meiner Überraschung festgestellt, dass meine Ansichten zu diesem Thema offenbar aus heutiger Sicht bereits sehr konservativ sind!


Wobei es aber auch den gegenteiligen Trend gibt - ich sage nur Britney Spears