Zen-inspirierte Psalmen


Ich kann Dich nicht fassen, Unfassbarer.
Auf den Flügeln des Windes bist Du zu finden,
im Regentropfen, der zurückkehrt in das weite Meer,
im versengenden Feuer, das nichts zurücklässt.

Als sich die Berge aus den Wassern erhoben
und sich die Täler senkten, war niemand da,
der Dich hätte sehen können:
all Dein Tun ist im Verborgenen.

Die Vögel des Himmels nisten in den Zweigen der Bäume -
wer hört ihren Lobgesang?
Die Klippdachse verstecken sich in den Nischen der Felsen,
die Störche ziehen in den Süden.
Die Sonne weiß nichts von ihrem Untergang,
so wie der Mond nichts weiß von seinem Licht.
Der Löwe kennt nur seinen Hunger.

Wie zahlreich sind die Werke, die niemand versteht.
Wer kennt die Weisheit, die allem zugrunde liegt?

Unermesslich das weite Meer,
unermesslich die Zahl alles Lebendigen,
unermesslich die Zahl derer,
die mit leeren Händen an der Ecke stehen.

Die einen atmen aus, die anderen atmen ein.
Die einen kommen, die anderen gehen.
Dein Atem nimmt, Dein Atem gibt.
Nicht eins, nicht zwei.

Wer könnte all dies begreifen?

Singen nur kann ich von alle dem, solange ich bin.
Schweigen nur kann ich vor alle dem, solange ich bin.
Verstehen kann ich nichts.

(vgl. Psalm 104)

aus: Arndt Büssing "Am anderen Ufer des Meeres. Zen-inspirierte Psalmen", Theseus-Verlag (20043)
Hi Cassiel -

schön... - ich war vor vielen Jahren mal in einer christlichen Zen-Gruppe,
wo als kusen-Texte Psalmen vorgelesen wurden - hat mich etwas gestört,
weil das Denken der Psalmen mir mit dem des Zen eigentlich nicht so ganz
zusammenzugehen schien - dieser Text hätte besser gepasst...
Ja, es geht. Das Problem ist immer nur die "Purity-Control" im Kopf der Puristen - leider auf auf beiden Seiten. - Einfach Tun.
Viele Grüße, Cassiel
- erinnert mich jetzt wieder an ein posting aus einem US-Forum vor ein paar Tagen,
wo ein Teilnehmer zum Thema 'Zen - a Religion or a Philosophy?' schrieb

Zitat:
Ohne schmälern zu wollen, was hier schon an tiefsinnigen Antworten
geschrieben wurde, möchte ich dazu sagen:

Manchen Religionen sind nicht auf Praxis gegründet,
sondern auf Glauben.
Und manche Philosophien sind gegründet auf gar nichts...

Zen ist eine Praxis. Es ist etwas das du tust,
nicht nur etwas das du glaubst.
Es ist nicht etwas, das man 'weiß'.

Ich weiß nichts über Zen, aber ich versuche zu praktizieren
- nach dem was die Lehrer schreiben und sagen - oder
zumindest nach meinem eigenen löchrigen Verständnis
von dem, was sie schreiben oder sagen.
Je mehr ich praktiziere, desto mehr verstehe ich -
und dann schließt sich der Kreis:
je mehr ich verstehe, desto mehr praktiziere ich.

Macht das meine Religion aus? Ich weiß es nicht,
und es kümmert mich auch nicht wirklich.
Ich versuche es einfach zu tun.

Ja. Meinungen, Vorstellungen und schlaue Ideen ablegen - denn die trennen. "Weiß-nicht-Geist". Offen und klar.
Wenn es an der Türe klopft, aufmachen.
Wenn Dich jemand bitte, gib ihm.