Warum reist die Seele zurück zu Gott?


Warum reist die Seele zurück zu Gott?

"Ihr fragt, warum es der Seele, die von Gott ist, not tut, diese Reise zurück zu Gott zu unternehmen ...

Dieser Frage liegt die Wirklichkeit zugrunde, daß der böse Geist, Satan oder was man immer sonst als das Böse auslegt, die niedere Natur im Menschen bezeichnet. Diese niedere Natur wird auf vielerlei Weise versinnbildlicht. Im Menschen gibt es zwei Ausdrucksformen: Die eine ist der Ausdruck der Natur, die andere der Ausdruck des geistigen Reiches. Die Welt der Natur ist fehlerhaft. Betrachtet sie klaren Auges, werft allen Aberglauben, alle Einbildung ab! Wenn ihr einen Menschen barbarisch und ohne Bildung in den Wildnissen Afrikas aussetztet, kann es dann einen Zweifel geben, daß er unwissend bleibt? Gott hat nie einen bösen Geist erschaffen. Alle solchen Vorstellungen und Benennungen sind nur Sinnbilder für die rein menschliche, irdische Natur des Menschen. Es ist ein Wesenszustand des Bodens, daß Unkräuter, Dorngestrüpp und unfruchtbare Bäume daraus hervorwachsen. Relativ betrachtet ist dies böse; es ist lediglich der niedrigere Zustand, das einfachere Erzeugnis der Natur.

Daraus erhellt, daß der Mensch göttlicher Erziehung und Eingebung bedarf, daß Gottes geistige Gnadengaben für seine Entwicklung unentbehrlich sind. Das heißt, die Lehren Christi und der Propheten sind für die menschliche Erziehung und Führung notwendig. Warum? Weil Christus und die Propheten göttliche Gärtner sind, die den Boden des menschlichen Herzens und Verstandes umgraben. Sie erziehen den Menschen, jäten das Unkraut, verbrennen das Dorngestrüpp und getalten das Ödland zu Gärten und Obsthainen mit fruchtbaren Bäumen. Sinn und Weisheit ihrer Erziehungsarbeit ist, daß der Mensch sich von Stufe zu Stufe fortschreitend entfaltet, bis er Vollkommenheit erlangt. Wenn zum Beispiel jemand sein ganzes Leben in einer einzigen Stadt verbringt, kann er kein Wissen über die ganze Welt erwerben. Um vollkommen unterrichtet zu sein, muß er andere Städte besuchen, Berge und Täler sehen, Flüsse überqueren und Ebenen durchmessen. Mit anderen Worten, ohne fortschreitende, umfassende Erziehung läßt sich keine Vollkommenheit erlangen.

In seiner Aufwärtsentwicklung muß der Mensch viele Pfade beschreiten und mancherlei Prozessen unterworfen werden. Körperlich wird er nicht in seiner vollen Größe geboren; vielmehr durchschreitet er die aufeinanderfolgenden Stufen der Leibesfrucht, des Säuglings, der Kindheit, der Jugend, der Reife und des Alters. Angenommen, er hätte die Macht, sein ganzes Leben lang jung zu bleiben; dann verstünde er die Bedeutung des Alters nicht und könnte nicht glauben, daß es das gibt. Wenn er sich den Zustand des Alters nicht vorstellen könnte, wüßte er auch nicht, daß er jung ist. Ohne die Erfahrung des Alters könnte er den Unterschied zwischen Jugend und Alter nicht erkennen. Wie könntet ihr erkennen, daß das Wesen neben euch ein Kind ist, wenn ihr nicht selbst den Zustand der Kindheit durchschritten hättet? Wie könntet ihr das Rechte erkennen, wenn es kein Unrecht gäbe? Wie könntet ihr die Tugend schätzen, wenn keine Sünde da wäre? Wie könntet ihr gute Taten empfehlen, wenn böse Taten unbekannt wären? Wie verstündet ihr, was Gesundheit ist, wenn es keine Krankheit gäbe? Das Böse hat kein Dasein; es ist die Abwesenheit des Guten. Krankheit ist der Verlust der Gesundheit, Armut der Mangel an Reichtümern. Wenn der Wohlstand verschwindet, seid ihr arm; ihr schaut in das Schatzkästlein, findet aber nichts darinnen. Ohne Wissen herrscht Unwissenheit; folglich ist Unwissenheit einfach der Mangel an Wissen. Der Tod ist die Abwesenheit von Leben. Deshalb haben wir auf der einen Seite das Dasein, auf der anderen das Nichtsein, die Verneinung oder die Abwesenheit des Daseins.

Kurz, die Reise der Seele ist notwendig. Der Weg des Lebens führt zu göttlicher Erkenntnis und göttlichen Eigenschaften. Ohne Übung und Führung könnte die Seele niemals über den Zustand ihrer niederen, unwissenden, fehlerhaften Natur hinaus fortschreiten." Abdu'l Baha (PUP p.294)
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"Alle Religionen lehren, daß wir einander lieben und unsere eigenen Fehler herausfinden sollten, bevor wir uns erkühnen, die Fehler anderer zu verdammen, und daß wir uns nicht über unseren Nächsten erheben dürfen." -- Abdul-Baha