Macht und Gewalt im Islam


Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Über die "fortschreitende Offenbarung" haben wir schon mehrfach diskutiert. Mir hat noch kein Bahai nachweisen können, daß die Aufeinanderfolge von Religionen immer einen Fortschritt bedeutet hat.


Hallo Pjotr,
immer - das kann ich für mich auch nicht behaupten, weil ich mich z.B. beim Islam frage, ob die Anwendung von Gewalt beim Missionieren unbedingt einen Fortschritt dem Christentum gegenüber bedeutet.
Hier wird meist argumentiert, dass dies nötig war, weil die damaligen Araber so ein wildes Volk waren. Das muss ich halt auch akzeptieren.
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Hallo Minou,

Zitat:
wenn ich auch über meine Bedenken bei gewissen Themen hier schreiben würde, würde es die Lehre selbst nicht tangieren, es wären also nur Bedenken meines schwachen Egos, sie würden die geistige Realität nicht verändern.


Hmm, das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Als Verfechter einer Religion soll man also über Zweifel an der eigenen Religion nichts sagen, da sie ja nur Ausdruck meines eigenen schwachen Egos ist?

Wenn alle Menschen so gehandelt hätten, hätte es wahrscheinlich nie eine Veränderung in den Wertevorstellungen der Menschen gegeben.


Zitat:
Wir kleinen Menschlein, die wir im Vergleich zum Kosmos wohl nicht größer sind als das Schwarze im Auge einer Ameise, würden vernichtet, sollte dieser Gott mit uns direkt in Kontakt treten.


Dazu braucht es keinen Gott. Wenn wir es nicht selbst schaffen, reicht notfalls ein großer Komet, der Ausbruch eines Supervulkans oder ein Gammablitz.

Zitat:
Diese Menschen werden in der Baha'i-Religion Offenbarer Gottes bzw. Gesandte Gottes genannt, ja, es wäre auch nicht falsch, sie als Gott zu bezeichnen; Jesus, Krishna, Mohammed und unzählige Andere gehören dazu. Viele sind Religionsgründer, und der Ursprung einer solchen Religion ist immer rein und unverfälscht, was sich leider im Laufe der Jahrhunderte langsam ändert, sodass es nötig wird, dass ein neuer Offenbarer die Weltbühne betritt.


Heute bezweifle ich mehr denn je, daß Offenbarer Gesandte Gottes gewesen sind oder selbst Gott.
Offenbarer sind immer Kinder ihrer Zeit und Kultur gewesen und ihre Lehr e ist ebenfalls davon abhängig. Die Lehre ist auch nie rein und unverfälscht weitergegeben worden, sondern die Offenbarer selbst haben sich schon in Widersprüche verwickelt. Die Weiterentwicklung zu einer Religion hat dann zur Mythenbildung und Glorifizierung geführt, indem man kritische Textabschnitte möglichst wenig öffentlich gemacht oder sie sogar vernichtet oder je nach Mehrheitsmeinung uminterpretiert hat.

Über die "fortschreitende Offenbarung" haben wir schon mehrfach diskutiert. Mir hat noch kein Bahai nachweisen können, daß die Aufeinanderfolge von Religionen immer einen Fortschritt bedeutet hat.

Religionen sind immer eine Folge des Gemütszustands von Menschen und Gefühle sind manipulierbar. Wenn die Gemütslage der Menschen es zuläßt und der Verstand des Menschen nur eine untergeordnete Rolle spielt, wird wieder ein großer Manipulierer auftreten (ob nun mit weltlichem Machtanspruch oder als religiöser Führer).
Allerdings denke ich oder besser, hoffe ich, daß mit größerem Wissen auch die Manipulierbarkeit der Menschen etwas abnimmt.

Pjotr Kala


Hallo lieber Pjotr,

wenn ich mich hier einfach mal einklinken darf:

Mein sehr, sehr freies Verständnis der Baha'i-Religion (die ich als "Anker" meiner Überlegungen nehme) führt mich zu folgenden Überlegungen:

Gesetzt den Fall, Du besitzt Göttliches Wissen (ein umfassendes Verständnis darüber, wie der Mensch geistige Vervollkommnung erreichen kann). Nun wachst Du eines Morgens auf und stellst fest, dass Du nun den Auftrag hast, eine Religion zu begründen (wie das wohl bei den Manifestationen mehr oder weniger der Fall war, laut Baha'i-Lehre) -- wie stellst Du das an, ganz praktisch?

Ich vermute, Du kämst dann schnell in Zielkonflikte. Einerseits ist dir das Potential von Dogmatismus, der schnell zu Fanatismus und spiritueller Leere führen kann, bewusst. Deswegen willst Du die Menschen dazu anhalten, nicht blind zu glauben, selbständig zu suchen, und vor allem davon abhalten, "Ungläubige" abzuwerten.

Aber wenn Du offenbaren würdest: "Schaut mal, ich bin die Manifestation Gottes, aber hey, nichts was ich sage ist in Stein gemeißelt, ihr müsst Euren eigenen Weg finden" -- dann wäre das auch kontraproduktiv. Niemand würde Deine Lehre ernst nehmen und befolgen, alle würden einfach irgendwas machen. Und bald wär Deine Lehre vergessen. Ganz ohne Dogmas geht es irgendwie halt auch nicht. Nichtmal Buddha hat das hingekriegt.

Wenn Du aber zu autoritär auftrittst, zu sehr auf Gehorsam gegenüber der Lehre pochst? Schwuppdiwupp, schon hast Du eine Armee von Fanatikern und Dogmatikern um dich geschart, denen jegliche Spiritualität und selbständiges Denken abgeht.

(Ich denke gerade an die Szene aus "Das Leben des Brian", wo Brian den Menschen selbständiges Denken predigen will: "Ihr seid alle Individuen!" -- Die Masse, im Chor: "Ja, wir sind alle Individuen!" -- ein einzelner: "Ich nicht!" )

Wie kannst Du also Führung geben, gerade nachdrücklich genug, um Deine Lehre zur Geltung zu bringen, aber nicht so nachdrücklich, dass sie in Fanatismus ausartet?

Ich stell mir das gar nicht so einfach vor ... aber zum Glück habe ich ja nicht den Auftrag einer Manifestation Gottes.


Wenn ich mir die Anmaßung herausnehmen darf, Baha'u'llah nach den oben genannten Gedanken zu beurteilen, bin ich jedesmal wieder davon begeistert, wie Er sich in dieser Gratwanderung entschieden hat.

Z.B. wird es viele geben, die Seine Worte als unfehlbare Wahrheit ansehen und es als ihre Pflicht betrachten, sie wortwörtlich zu befolgen -- Fundamentalisten. Und was sagt er ihnen wortwörtlich in der Schrift: "Schau nicht mit fremden Augen, sondern suche und forsche selbstsändig, such die Wahrheit mit eigenen Augen!" (sinngemäß)

Ist eigentlich sehr witzig, oder? Der Fundamentalist denkt sich, "ich darf nicht selbstständig denken, ich lese die Schrift und befolge sie wörtlich". Das tut er dann, und dort steht: "Denke selbstständig!". LOL.

Das ist nur ein Beispiel.

Auch ergibt es sehr viel Sinn, dass Baha'u'llah einen Klerus ausdrücklich verboten hat. Damit ist ein riesiges Grundproblem, das viele andere Religionen haben, von vornherein ausgeschlossen.

Trotzdem ist es als Baha'i eine Gratwanderung. Soll ich bei jeder Frage erstmal die Schriften durchforsten, um Zitate zu finden, die mir das Denken abnehmen und sagen, was ich tun soll? Wird auch zuhauf gemacht. Oft ist das ja auch hilfreich... immer selbst zu denken ist oft anstrengend, und manche können das auch nicht so gut wie andere. Es ist eine Verantwortung, die man nicht immer tragen will. Manchmal plagt man sich mit auch mit Selbstzweifeln herum und traut seinem eigenen Urteil nicht. Da ist es dann gut, eine Orientierung zu haben.

Aber ich denke (nur meine persönliche Meinung!), dass das nicht wirklich der Intention Baha'u'llahs entspricht. Er wollte mündige, selbständig denkende und Verantwortung wo möglich übernehmende Anhänger. Die Schriften (und die Weisungen des Hauses) sollen jedoch als Orientierung und "Ankerpunkt" des Denkens dienen.

Wo genau man da die Grenze zieht, ist natürlich schwierig. Das muss jeder für sich herausfinden und erforschen.

Liebe Grüße,
Bernhard
Minou hat folgendes geschrieben:
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Über die "fortschreitende Offenbarung" haben wir schon mehrfach diskutiert. Mir hat noch kein Bahai nachweisen können, daß die Aufeinanderfolge von Religionen immer einen Fortschritt bedeutet hat.


Hallo Pjotr,
immer - das kann ich für mich auch nicht behaupten, weil ich mich z.B. beim Islam frage, ob die Anwendung von Gewalt beim Missionieren unbedingt einen Fortschritt dem Christentum gegenüber bedeutet.
Hier wird meist argumentiert, dass dies nötig war, weil die damaligen Araber so ein wildes Volk waren. Das muss ich halt auch akzeptieren.


Es gibt keine Stelle im Koran, die zur gewaltsamen Missionierung aufruft. Es gibt nur Stellen, in denen dem Pazifismus/Quietismus (also der Haltung, Leid in jedem Fall stillschweigend über sich ergehen zu lassen) eine Absage erteilt und regeln für den Abwehrkampf aufgestellt werden - dazu gehört unter anderem, keine Brunnen zu vergiften - den Feinden im Gegenteil gar Zugang zu Brunnen zu gewähren! - Wohnhäuser, Felder, Plantagen, Frauen, Kinder und Alte nicht anzurühren oder bestimmte Güter des alltäglichen Bedarfs von der Plünderung auszuschließen. Das war für die damalige Zeit ein gewaltiger Fortschritt, wenn man die Methoden der damaligen Kriegsführung bedenkt.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Hi


Mit der gewaltsamen Missionierung ist das so eine Sache, und auch mit der Verteidigung...

Ich komme nicht umhin einen Teil der wirklich kritischen Suren aufzulisten die kaum Rückschluss auf eine friedliche Missionierung zulassen...


Zitat:
Sure 2,191
Pa: Und tötet sie (d.h. die heidnischen Gegner), wo (immer) ihr sie zu fassen bekommt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben!

Sure 2,193
Pa: Und kämpft gegen sie, bis niemand (mehr) versucht, (Gläubige zum Abfall vom Islam) zu verführen, und bis nur noch Allah verehrt wird!

Sure 2,216
Pa: Euch ist vorgeschrieben, (gegen die Ungläubigen) zu kämpfen, obwohl es euch zuwider ist.

Sure 2,244
Pa: Und kämpft um Allahs willen!

Sure 4,74
Pa: Und wenn einer um Allahs willen kämpft, und er wird getötet – oder er siegt -, werden wir ihm (im Jenseits) gewaltigen Lohn geben.

Sure 4,76
Pa: Diejenigen, die gläubig sind, kämpfen um Allahs willen, diejenigen, die ungläubig sind, um der Götzen willen. Kämpft nun gegen die Freunde des Satans!

Sure 4,104
Pa: Und lasst nicht nach in eurer Bereitschaft, den Feind aufzusuchen und zum Kampf zu stellen.

Sure 5,35
Pa: Ihr Gläubigen! Fürchtet Allah und trachtet danach, ihm nahe zu kommen, und führet um seinetwillen Krieg.

Sure 8,12
Pa: Haut (ihnen [ den Ungläubigen ] mit dem Schwert) auf den Nacken und schlagt zu auf jeden Finger von ihnen!

Sure 8,39 [textgleich mit Sure 2,193]
Pa: Und kämpft gegen sie, bis niemand (mehr) versucht, (Gläubige zum Abfall vom Islam) zu verführen, und bis nur noch Allah verehrt wird!

Sure 9,5
Pa: Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf.

Sure 9,36
Pa: Und kämpft allesamt gegen die Heiden, so wie sie allesamt gegen euch kämpfen.

Sure 9,111
Pa: Nun müssen sie (die Gläubigen) um Allahs willen kämpfen und dabei töten oder den Tod erleiden.

Sure 9,123
Pa: Ihr Gläubigen! Kämpft gegen diejenigen von den Ungläubigen, die euch nahe sind! Sie sollen merken, dass ihr hart sein könnt.

Sure 47,35
Pa: Lasst nun (in eurem Kampfeswillen) nicht nach und ruft (die Gegner) nicht (vorzeitig) zum Frieden, wo ihr doch (letzten Endes) die Oberhand haben werdet!

8, 55
Pa: Als die schlimmsten Tiere gelten bei Allah diejenigen, die ungläubig sind und (auch) nicht glauben werden (?).

Pa: Die Ungläubigen aber genießen (ihr kurz befristetes Dasein) und verleiben sich (gedankenlos) ihre Nahrung ein (wörtlich: essen), wie das Vieh es tut. Sie werden ihr Quartier im Höllenfeuer haben.

Pa: Sie [die zuerst gläubig waren, dann aber wieder abgefallen sind] sind die (wahren) Feinde. Darum nimm dich vor ihnen in acht! Diese allahverfluchten (Leute) (wörtlich: Allah bekämpfe sie)!



Sollen wir Sure für Sure durchgehen und auf Friedensbotschaften untersuchen?


Gruss Grubi
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https://youtu.be/f2ROFnA4HRA
Also von Missionierung steht da zum Einen nichts und zum Anderen gehört zu einem Zitat auch immer ein Kontext. Einzelne Verse sagen rein gar nichts aus - zumindest nicht für jemanden, der sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen will. Dass der IS das nicht tut, heißt nicht, dass ich das nicht trotzdem tun sollte.

Ich will auch gar nicht leugnen, dass viele dieser Verse immer wieder in der Geschichte und bis in die heutige Zeit so ausgelegt worden sind, dass sie für die Zwangsmissionierung nutzbar wurden. Das ist eine mögliche Interpretation, aber nicht die einzig mögliche und ganz bestimmt nicht die einzig logische. Das funktioniert aber wie gesagt nur, wenn man den Kontext sieht und zu verstehen versucht.

Mit der gleichen Methode kann man auch Jesu Tauf- und Missionsbefehl "Gehet hin in alle Welt und machet zu Jügern alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" in Verbindung mit so Sätzen wie "Nicht den Frieden bringe ich, sondern das Schwert!" oder "Schlaget meinen Feinden die Köpfe ab und legt sie vor meine Füße" als Begründung für die Ausrottung der Indianer missbrauchen. Auch diese Interpretation ist unstrittig historisch "zum Einsatz" gekommen. Trotzdem würde sie keine ernstzunehmende christliche Gruppe noch als legitim betrachten, weil der Gesamtkontext der Botschaft Jesu diese Lesart (nach heutiger Auffassung) verbietet.

Eine ähnliche Entwicklung wünsche ich mir auch für den Islam, in dem es auch Ansatzpunkte für ein tolerantes interreligiöses Miteinander gibt. "Euch euer Glaube, mir mein Glaube" oder "Wer von den Völkern der Schrift, von den Christen und Juden, wahrhaft gläubig ist, der wird seinen Teil erhalten" sind da gute Ansatzpunkte, von denen aus sich eine solche Lesart entfalten ließe.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Hallo Bernhard,

Zitat:
Auch ergibt es sehr viel Sinn, dass Baha'u'llah einen Klerus ausdrücklich verboten hat. Damit ist ein riesiges Grundproblem, das viele andere Religionen haben, von vornherein ausgeschlossen.


Ob nun ein Klerus, ein bekannter Iman, ein Papst, oder das oberste Gremium der Bahai Fehlentscheidungen im Namen der Religion trifft, ist wohl vollkommen egal.
Tatsache bleibt, die sogenannten "Heiligen Schriften" werden so ausgelegt, wie es den gerade "Entscheidungsbefugten" richtig erscheint und wieweit die Masse der Gläubigen bereit ist, diese Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt mitzutragen. Verlassen die Gläubigen in Scharen eine Religion, hat die Religion nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie paßt sich vorsichtig dem veränderten Empfinden der Menschen an, oder sie geht in die Bedeutungslosigkeit.

Zitat:
... immer selbst zu denken ist oft anstrengend, und manche können das auch nicht so gut wie andere. Es ist eine Verantwortung, die man nicht immer tragen will. Manchmal plagt man sich mit auch mit Selbstzweifeln herum und traut seinem eigenen Urteil nicht. Da ist es dann gut, eine Orientierung zu haben.


Niemand kann dir das Denken abnehmen. Religionen versprechen allerdings, dem Menschen "ewige Wertesysteme" vorzugeben, an die er sich immer halten kann. Das ist eindeutig falsch. Und wer sich ausschließlich auf solche "Ewigkeitswerte" verläßt, darf sich nicht wundern, daß er irgendwann verlassen ist. Eine Orientierung, ohne die eventuell kritischen Punkte zu hinterfragen, ist keine Orientierung, sondern blinder Glaube. Bei kritischer Bewertung kann jede Philosophie und jede Religion einen möglichen Ankerpunkt bieten. Wichtig ist hier, welche Teile passen in ein heutiges Wertekonzept.

Ich finde es immer wieder interessant, wie gegen den sogenannten Zeitgeist gestänkert wird. Teilweise ist das, was früher Zeitgeist war (zB Gleichberechtigungsanspruch der Frau) heute Teil unseres Grundgesetzes.
Überlassen wir es doch der Zeit, ob der Minirock Kulturgut wird oder nur eine Zeiterscheinung (gg mit wiederkehrender Tendenz) ist.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Hallo Sören,

Zitat:
Also von Missionierung steht da zum Einen nichts und zum Anderen gehört zu einem Zitat auch immer ein Kontext.


Das ist sicher richtig. Soweit ich allerdings informiert bin, halten etliche westliche und auch einige arabische Islamwissenschaftler den Islam in Teilen für eine relativ kriegerische Religion. Ganz abgesehen daß Mohammed bei zumindest einem ziemlicher Sexismus nachgesagt wird.

Ich glaube nicht, daß die entsprechenden Suren im Kontext einen völlig anderen Sinn erhalten.

Natürlich kann ich andere Suren mit fast entgegengesetztem Inhalt dagegen
rechnen. Das ist dann ein Widerspruch, den der Gläubige mit sich selbst ausmachen muß. Für mich ist das der Grund, daß ich den Offenbareren jeder Religion keine Unfehlbarkeit zubillige.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Sören hat folgendes geschrieben:
Mit der gleichen Methode kann man auch Jesu Tauf- und Missionsbefehl "Gehet hin in alle Welt und machet zu Jügern alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" in Verbindung mit so Sätzen wie "Nicht den Frieden bringe ich, sondern das Schwert!" oder "Schlaget meinen Feinden die Köpfe ab und legt sie vor meine Füße" als Begründung für die Ausrottung der Indianer missbrauchen. Auch diese Interpretation ist unstrittig historisch "zum Einsatz" gekommen. Trotzdem würde sie keine ernstzunehmende christliche Gruppe noch als legitim betrachten, weil der Gesamtkontext der Botschaft Jesu diese Lesart (nach heutiger Auffassung) verbietet.


"Nicht den Frieden bringe ich, sondern das Schwert" wird meines Wissens als "Schwert" der Zunge verstanden. Wer Jesu Botschaft also annimmt, wird oft gegen Vater, Mutter oder Geschwister stehen, die jeweils am alten Glauben festhalten.
"Schlaget meinen Feinden die Köpfe ab..." habe ich nie irgendwo als Jesuswort gehört.
Außerdem finde ich, dass man trennen muss, was wir durch die Bibel über Jesus wissen und dem, was Christen in späterer Zeit Grausames taten.
Im Koran jedoch kommen die gewaltbetonten Verse von Mohammed, also Allah, selbst. Das ist ein Unterschied.
Übrigens glaube ich auch nicht, dass die von Grubi zitierten Koranverse im Zusammenhang etwas Anderes als Gewalt bedeuten. Ich habe viele dieser Verse selbst im Zusammenhang gelesen, es kam aber kein anderer Sinn heraus. Dass der Prophet lehrte, Gewalt nur zu Zwecken der Selbstverteidigung auszuüben, mag allerdings sein.
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Sören hat folgendes geschrieben:
Also von Missionierung steht da zum Einen nichts und zum Anderen gehört zu einem Zitat auch immer ein Kontext.


Dazu ein Zitat von Baha'u'llah:

"Wir haben das Gebot, den Heiligen Krieg gegeneinander zu führen, aufgehoben."
(aus Brief an den Sohn des Wolfes)


Hier sagt Baha'u'llah dezidiert, dass Gott in der Sendung Mohammeds das Gebot des Heiligen Krieges gegeben hat, und dass dieses in Seiner Sendung wieder aufgehoben wurde.
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Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Liebe Minou,

Minou hat folgendes geschrieben:
"Nicht den Frieden bringe ich, sondern das Schwert" wird meines Wissens als "Schwert" der Zunge verstanden.


Das ist sicher heutzutage die deutlich gängigere Lesart, ja. Aber es gab eben auch die andere, in der das "Schwert" durchaus wörtlich verstanden wurde. Das hielt sich bis in die Predigten der Militärseelsorger im 1. Weltkrieg.

Noch eine andere, pazifistische Interpretation, ist, dass Jesus Seine Anhänger vor künftiger Verfolgung warnt.

Minou hat folgendes geschrieben:
"Schlaget meinen Feinden die Köpfe ab..." habe ich nie irgendwo als Jesuswort gehört.


Die Crux dabei ist, dass es sich zwar um ein Jesuswort handelt, Er diese Worte aber einen König in einem Seiner Gleichnisse in den Mund legt. Ein sehr schönes Beispiel dafür, wie ein einzelner Satz, aus dem Kontext gerissen, völliger Unsinn wird.

Lukas hat folgendes geschrieben:
Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrsche, bringt her und macht sie vor mir nieder. (19,27)


Minou hat folgendes geschrieben:
Außerdem finde ich, dass man trennen muss, was wir durch die Bibel über Jesus wissen und dem, was Christen in späterer Zeit Grausames taten.


Da bin ich absolut bei dir. Aber das gilt eben nicht nur für Jesus, sondern für alle Offenbarer.

Minou hat folgendes geschrieben:
Im Koran jedoch kommen die gewaltbetonten Verse von Mohammed, also Allah, selbst. Das ist ein Unterschied.


Auch hier ist aber die Frage, in welchem Kontext diese Verse stehen und in welchen Fällen zur Gewalt gegriffen werden darf.

Minou hat folgendes geschrieben:
Übrigens glaube ich auch nicht, dass die von Grubi zitierten Koranverse im Zusammenhang etwas Anderes als Gewalt bedeuten. Ich habe viele dieser Verse selbst im Zusammenhang gelesen, es kam aber kein anderer Sinn heraus.


Natürlich geht es in diesen Versen um Gewalt, in dem Fall um kriegerische Auseinandersetzungen. Und natürlich wurde der Kampf der Muslime in Medina gegen die Heiden in Mekka religiös begründet und legitimiert, da es den Mekkanern ja augenscheinlich um die Vernichtung der jungen Religion ging, der man nur durch Gegengewalt begegnen konnte.

Es ist aber ein Unterschied, ob da steht "Kämpft gegen sie, bis sie aufhören. Dann hört ebenfalls auf." oder ob da steht "Tötet alle Ungläubigen aus reiner Mordlust ohne jeden ersichtlichen Grund".

Minou hat folgendes geschrieben:
Dass der Prophet lehrte, Gewalt nur zu Zwecken der Selbstverteidigung auszuüben, mag allerdings sein.


Man muss dabei halt auch immer bedenken, dass Mohammed nicht nur spiritueller Führer, sondern auch Staatsmann war und als solcher per definitionem gezwungen war, militärisch aktiv zu werden - so wie jeder andere Staatsmann der damaligen Zeit auch. Die Bündelung von religiösen und politischen Aufgaben in einer Person kann man sicher zu Recht kritisieren, aber auch da muss man sehen, dass Mohammed sich nicht an die Macht geputscht hatte, sondern er von den Medinensern gebeten worden war, als Stadtoberhaupt die verfeindeten Fraktionen und Stämme zu versöhnen.

Zudem hatte Mohammed aber natürlich auch schon eine Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte war streng pazifistisch. Er ließ über ein Jahrzehnt lang keinen bewaffneten Widerstand Seiner Anhänger zu, sondern schickte sie, als die Verfolgung zu hart wurde, nach Äthiopien ins Exil. Auch seine Flucht nach Medina folgte dieser Logik. Als aber die Mekkaner auch nach der Flucht der Muslime weiterhin versuchten, Mohammed und seinen Anhängern zu schaden, war irgendwann schlicht "das Maß voll".
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523