Macht und Gewalt im Islam


Hallo Bernhard,

Zitat:

Ich schrieb:
hmm, wenn ich recht informiert bin, waren die Zeiten der kulturellen Hochblüte des Islams die Zeiten einer großen Toleranz gegenüber Andersgläubigen und eine starke Ausrichtung auf die Wissenschaft.

Du antwortest:
Ja, eben!


gg, ich muß zugeben, daß ich erst jetzt etwas stutzig auf die sogenannten "goldenen Zeiten" des Islams geworden bin. Tatsache ist wohl, daß es eine Blütezeit in Wissenschaft un Kunst gegeben hat. Wie die kritischen ca 200 Suren und die Scharia zu dieser Zeit ausgelegt worden sind, darüber habe ich bis jetzt nichts gefunden.

Zitat:
War die oben genannte Periode vielmehr eine "Blütezeit trotz Islam" als eine "Blütezeit wegen des Islam"?


zitiert von:[url]War die oben genannte Periode vielmehr eine "Blütezeit trotz Islam" als eine "Blütezeit wegen des Islam"?[/url]

Nachtrag 25.07.2017 Sorry falsche Url. Hier die richtigehttp://belgien.exmuslim.org/blutezeit-des-islam.html

Vielleicht weiß irgendjemand doch noch Genaueres über diese Zeit.



Zitat:
So gesehen war die Scharia damals, vor gut 1000 Jahren, sogar ein riesiger Fortschritt, verglichen mit der Rechtsrealität im christlichen Abendland.


Du vergißt hierbei eins. Die Scharia ist ein religiös motiviertes, staatliches Rechtssystem mit Unfehlbarkeitscharakater. Im Christentum gab es kein Rechtssystem ("gib Gott, was Gottes ist und dem Kaiser, was des Kaisers ist"). Rechtssysteme waren hier eher lokal begrenzt (aber sie waren vorhanden) und erst zur Zeit der Inquisition kam es zu länderübergreifenden Rechtsnormen. Aber auch ab dieser Zeit hat das Christentum zwar indirekt Einfluß auf Rechtsnormen ausgeübt, sich aber direkt möglichst wenig beteiligt. So sind wohl nur ca 1000 direkte Beteiligungen der katholischen Kirche an Inquisition und Hexenverfolgung zu belegen. (Nachtrag 25.07.2017 Dieser Satz bezieht sich auf Verurteilungen mit Todesfolge).
Was ist nun vorzuziehen? Ein in Teilen ziemlich barbarisches und auf Macht ausgerichtetes Rechtssystem, oder lokale, auch nicht immer so tolle Rechtssprechungen? Ich kann in beiden keinen übermäßigen Fortschritt erkennen.


Zitat:
Zum Beispiel: Im islamischen Recht wird den Anhängern von "Buchreligionen" (also insb. Juden, Christen und Zoroastriern) das Recht auf Unversehrtheit und Religionsausübung zugestanden. Vergleich das mal mit den brutalen Zwangskonversionen im Christentum zur selben Zeit.

Tja für dieses Recht wurden sie dann auch gut zur Kasse gebeten und zweitens gab es ja auch damals noch andere Religionen. Was mit den Menschen geschah, die keine Zahlungen leisten konnten, darüber muß ich noch mal nachlesen. Und, soweit ich weiß, haben sich die Muslime in ihren Kriegen und besetzten Ländern auch nicht unbedingt an dieses Gebot gehalten.

Zitat:
Auf dieser Grundlage könnte man also durchaus auch spekulieren, dass z.B. der Islam nicht unbedingt ein Fortschritt auch für die christlichen Mitteleuropäer gewesen wäre -- wenn dem so wäre, hätte der Islam sich auch in Mitteleuropa durchgesetzt. Das widerspricht aber keineswegs der Vorstellung, dass der Islam dennoch "die bestmögliche Medizin für die Nöte" speziell des arabischen Volkes, möglicherweise auch den Bereich des ehemaligen orthodoxen Ostroms war.


Er ist vor allem kein Fortschritt im Sinne eines allgemein gültigen Wertesystems, da die kritischen Suren auch heute noch von den konservativen Muslimen als unbedingt einzuhaltende Vorschriften gesehen werden. Buddismus und Christentum haben hier deutlich weniger kritikwürdige Aussagen.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Nach dem die sogenannten Christen sofort nach der Einführung des Christentums als Staatsreligion die europäischen Kulturen plattgemacht hatten, wovon sich Europa mehr als 1000 Jahre nicht erholte, war es den islamischen Kulturen zu verdanken, dass die Einsichten der antiken Philosophie und Wissenschaften überlebten und nach und nach wieder in das europäische Denken einsickerten. Was meine eigene Profession angeht verweise ich beispielsweise auf Rasi (um 900), einen der ersten Psychologen, Psychotherapeuten und psychosomatischen Arzt.
Bernh hat folgendes geschrieben:
@Grubi:

Hallo Grubi,

grundsätzlich sehe ich das ähnlich wie Du, Grubi, dass man die kriegerische Seite des Islams nicht wirklich wegdiskutieren kann.

Was Dir vermutlich ebenfalls als sehr kritikwürdig erscheinen wird, ist meine "Rechtfertigung" dafür, die ich mir zurechtlege, um die Fortschreitende Offenbarung zu begründen:

In der damaligen Zeit, für das damalige Volk, hatte dieses kriegerische Treiben positive Auswirkungen (was nicht heißt, dass es das heute auch noch hätte, wenn man die damaligen Gebote einfach auf heute überträgt). Durch die Kriege Mohammeds wurde unter dem Strich mehr Leid vermindert, als ausgelöst.

Wie meine ich das? Wenn ein Volk in ständigem Bürgerkrieg, in Anarchie lebt, und jeder Clan andauernd in Blutfeden gegen andere Clans verstrickt ist, wenn, mit anderen Worten, permanent Krieg herrscht und ständiges Blutvergießen der Normalzustand in einem Volk ist -- dann ist es das kleinere Übel und zu rechtfertigen, wenn durch Krieg Blut vergossen wird, um diesen Zustand ein für alle Mal zu beenden und das Volk in Frieden zu einen. Um das Volk einem Gesetz zu unterwerfen, das Konfliktlösung auf rechtlichem Wege statt Blutrache und Selbstjustiz ermöglicht.
[...]


Moin Moin

Ich bin nicht sicher ob die Geschichte von den Wilden, die dringend zum Islam bekehrt werden mussten so haltbar ist.
Das Christentum hat auch lange Zeit geglaubt der Welt einen Gefallen zu tun indem alle Wilden zwangs-christianisiert wurden, heute können wir rückblickend feststellen dass diese Missionierungen, Völker entwurzelt haben und dadurch Leid entstanden ist von dem sich manche Kulturen bis heute nicht erholt haben.

Die eigene Religion ist immer die bessere Lösung gewesen, unter dieser Prämisse bekämpfen sich Glaubensgemeinschaften bis heute, es hat sich durch keine Religion etwas an diesem Umstand geändert, Friede durch die richtige Religion ist ein ideologisches Ziel das sich nicht beobachten lässt.

Werfen wir einen Blick auf die Islamische Expansion: https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Expansion

Wir können feststellen dass die Araber nicht nur Wilde unorganisierte Barbaren bekehrt haben, die islamischen Araber haben versucht sich jede Hochkultur in ihrem Grenzbereich einzuverleiben, bis hin zur iberischen Halbinsel, wie man da noch von Notwehr oder Abwehrkrieg reden kann, ist mir ein Rätsel.
In der Geschichte der islamischen Expansion kommen im Prinzip kaum Wilde Barbaren vor wie man im oben verlinkten Text nachlesen kann...

Wir können, nach dem wir die Lektüre durchgegangen sind feststellen, dass die Grossreiche die damals irgendwie von der Islamisierung betroffen waren durchaus ständig in Kriege verwickelt waren, aber ich kann nicht mit Vernunft annehmen, dass die Kriege weniger leidvoll gewesen sind nachdem sich ein weiterer Kandidat, nämlich der Islam, in die kriegerischen Handlungen eingemischt hatte, der Krieg wurde langanhaltend mehr unter neuen Vorzeichen, aber es wurde nicht weniger oder besser, bis heute nicht.

Die damaligen Reiche haben sich bis aufs Blut untereinander bekämpft, die islamischen Herrscher haben vor und nach dem Tode des Propheten an den Kriegshandlungen eifrig teilgenommen und sich zusätzlich wegen der späteren innerislamischen Streitigkeiten gegenseitig bekämpft, was ebenfalls bis in die heutige Zeit anhält...

Anzunehmen dass durch dieses agressive Gewese, welches stets im Namen des einen gerechten Gottes stattfand, die Welt besser wurde und die Kriege weniger Leid verursacht haben, halte ich für sehr sehr fragwürdig und nicht logisch.

Nahezu alle religiösen Ideologien haben stets Leid über die Andersdenkenden und anders Glaubenden gebracht, wobei dieses "notwendige" Leid immer mit Hilfe irgendwelcher göttlichen Worte gerechtfertigt wurde.

Nachdem wir auf eine lange Geschichte der religiös-politisch motivierten Kriege zurückblicken können, kann der vernunftbegabte Mensch zur Einsicht kommen, dass Gewalt keine Lösung sein darf um die Welt ein bischen besser und lebenswerter zu machen... indem eine weitere zusätzliche Form der einzig richtigen Gottesverehrung mit Macht durchgesetzt wird...

Gruss Grubi
_________________
https://youtu.be/f2ROFnA4HRA
Nachtrag


Ich habe noch vergessen zu erwähnen, dass der Prophet des Islam diverse Prophezeiungen gemacht hat, die bis heute von der islamischen Welt als Beweis für seine Heiligkeit und Gottesnähe aufgeführt werden.

Im wesentlichen handelt es sich dabei um die Vorhersage von Schlachten und Eroberungen durch islamische Heere.
Da ist mit keinem Wort die Rede von Verteidigung im Notfall, es ist eher so dass sich der Prophet mit seiner zukünftigen militärischen Macht rühmen wollte.

Man kann diese Prophezeiungen als sich selbst erfüllende Prophezeiungen verstehen.
Es ist kein Wunder wenn Kriegstreiberei in Erfüllung geht, es handelt sich dabei um eine törichte und blinde Vorgehensweise.

Hier ein Link als Beleg: http://www.islamreligion.com/de/art.....n-von-muhammad/#_ftn12780

Als Anmerkung unter den dort aufgeführten Prophezeiungen ist zu lesen:
Zitat:
Diese wohldokumentierten Prophezeiungen sind deutliche Beweise für das Prophetentum Muhammads. Es gibt keine andere Möglichkeit, wie der Prophet Muhammad von diesen Ereignissen Kenntnis erhalten haben könnte, außer dass er diese Inspiration von Gott Selbst bekommen hat, um Muhammads Glaubwürdigkeit zu beweisen, dass er kein Betrüger war, sondern ein Prophet, den Gott berufen hat, damit er die Menschheit vor dem Höllenfeuer bewahrt.


Das muss man sich mal geben, er hatte den Plan die Welt mit Krieg zu überziehen um die Menschheit vor dem Höllenfeuer zu bewahren.
Herzlichen Dank Herr Mohammed, diese bekloppten Ideen und Grossmachtsphantasien haben die Hölle auf Erden ordentlich befeuert und ausgebreitet...


Gruss Grubi
Grubi hat folgendes geschrieben:

Hier ein Link als Beleg: http://www.islamreligion.com/de/art.....n-von-muhammad/#_ftn12780

Als Anmerkung unter den dort aufgeführten Prophezeiungen ist zu lesen:
Zitat:
Diese wohldokumentierten Prophezeiungen sind deutliche Beweise für das Prophetentum Muhammads. Es gibt keine andere Möglichkeit, wie der Prophet Muhammad von diesen Ereignissen Kenntnis erhalten haben könnte, außer dass er diese Inspiration von Gott Selbst bekommen hat, um Muhammads Glaubwürdigkeit zu beweisen, dass er kein Betrüger war, sondern ein Prophet, den Gott berufen hat, damit er die Menschheit vor dem Höllenfeuer bewahrt.



Der Link scheint zu einer von Saudi-Arabien erstellten Internetpräsenz zu führen.
Da wird eine Form des Islamverständnis angeboten, die so sicherlich nicht akzeptabel ist.
Die Quellenverweise kann ich erstmal nicht einordnen. Es wird überwiegend auf eine Hadith-Sammlung verwiesen, ohne die entsprechende Überlieferung zu zitieren oder kenntlich zu machen, wo sie denn jetzt genau zu finden sein soll.
Für mich ist nicht nachvollziehbar, was da denn nun eigentlich steht und wie das eventuell ganz anders beurteilt werden kann, bzw. wie glaubwürdig der Verweis ist.
Moin Moin

Nunja, Saudi Arabien ist ein muslimisches Land wahabitischer Prägung: https://de.wikipedia.org/wiki/Wahhabiten

Millionen von Muslimen pilgern jährlich dorthin um Mekka zu besuchen, Mekka selbst ist fest in wahabitischer Hand und Mekka gilt als Zentrum des Islam.
Die Wahabiten sind sind eine sunnitische Strömung und den Salafisten zuzuordnen, welche bei uns stark unter Beobachtung stehen.

Von daher spricht eigentlich nichts dagegen eine Saudi Arabische Internetpräsenz als Beispiel anzuführen.
Dass das dort abgebildete Islamverständnis nicht akzeptabel ist, sehe ich auch so.
Aber welches Islamverständnis sollen wir uns aus der enormen Vielfalt herraussuchen um damit beruhigt leben zu können?

Der Dschihad welcher zur Zeit die Welt unsicher macht, ist ein nicht unbedeutendes Thema im sunnitischen Islam, von daher würde ich das schon gerne angesprochen haben...

Der Dschihad ist ein komplexes Thema und wird je nach Strömung unterschiedlich betrachtet, im sunnitische Verständnis ist mir da eine gewisse Problematik aufgefallen die ich hier erwähnen möchte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Dschihad

daraus:
Zitat:
Der Dschihad als religiöse Pflicht

Die militärische Expansion des Dar al-Islam ist eine kollektive Pflicht der islamischen Gemeinschaft, d. h., dass, sofern eine ausreichende Anzahl an Truppen bereitsteht, der Rest aller Muslime von dieser Pflicht befreit ist.[76] Sofern sich niemand am Dschihad beteiligt, sündigt die gesamte islamische Gemeinschaft.[77] Der jeweilige muslimische Herrscher hat die Pflicht, mindestens einmal im Jahr den Dar al-Harb anzugreifen.[12] Sofern dies aus irgendeinem Grund vorerst nicht möglich sein sollte, ist es ihm erlaubt, dieses jährliche Unternehmen zu verschieben. (Vgl. Absatz unten: Hudna)

Zu einer individuellen Pflicht wird der Dschihad im Verteidigungsfall, wobei jede wehrfähige Person im angegriffenen Gebiet zu kämpfen hat. Sofern ihre militärische Stärke nicht ausreichen sollte, gilt diese Pflicht auch den jeweiligen benachbarten Gebieten.[78] Des Weiteren wird der Kampf zur individuellen Pflicht der jeweiligen Personen, wenn der Kalif sie zum Kriegsdienst bestimmt oder sie einen Schwur leisten, am Dschihad teilzunehmen.[79]


Wir stellen uns oft die Frage warum sich die muslimische Welt nicht kollektiv gegen die Dschihadisten erhebt.
Solange es islamische Strömungen gibt die den Dschihad als aktive oder passive Verpflichtung betrachten, ist Frieden in weite Ferne gerückt.
Wir müssen aber leider erkennen dass der Dschihad nicht ohne weiteres vom Islam getrennt betrachtet werden kann.

Um auf die Prophezeiungen zurückzukommen, die verlinkte Sammlung ist mir mehrfach von Muslimen in Diskussionen vorgelegt worden, daher gehe ich davon aus dass diese Prophezeiungen nicht unbedeutend sind, unabhängig von der Quellenlage.
In religiösen Angelegenheiten ist die Beurteilung von Quellen eh ein schwieriges Thema, will man alle Aspekte eines Glaubens beleuchten, wird das schnell zu einer Lebensaufgabe.

Zur Zeit hören wir oft durch die Situation in der Türkei von der Gülen Bewegung, werfen wir einen Blick auf deren Website: http://fgulen.com/de/homepage/900-f.....en-des-propheten-muhammad

Dort werden ebenfalls diverse Prophezeiungen aufgelistet die ich ebenfalls als kritisch einstufen würde.
Diese Prophezeiungen über erfolgreiche islamische Feldzüge finden sich im Web zuhauf und werden überwiegend von islamischen Eiferern angeführt um die Überlegenheit des Propheten und des Islam ansich herrauszustellen.

Ich weiss garnicht wo ich anfangen und wo ich aufhören sollte auf diverse merkwürdige Formen von Islamverständis hinzuweisen.

Der Islam ist wahrscheinlich genauso stark zersplittert und in diverse Strömungen aufgespalten wie das Christentum, das eine richtige und gesunde Islamverständnis habe ich noch nicht auffinden können.

Es gibt einige sehr liberale Formen von Islamverständnis, diese leiden allerdings wiederum sehr stark und dem Druck der Fundamentalisten, wie man hier z.B. an diesem recht aktuellen Beispiel sehen kann: https://www.welt.de/politik/deutsch.....e-Moschee-Gruenderin.html

Seyran Ates ist mir inzwischen mehrfach positiv in diversen Artikeln aufgefallen, ich wünschte sie bekäme mehr Zuspruch und Unterstützung bei ihren Unternehmungen, aber leider wird auch sie als innerislamischer Feind betrachtet.
Sie gehört nicht zu den Hütern der Asche, daher macht sie den Fundamentalisten grosse Sorgen...

Gruss Grubi
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https://youtu.be/f2ROFnA4HRA
Grubi hat folgendes geschrieben:
Ich bin nicht sicher ob die Geschichte von den Wilden, die dringend zum Islam bekehrt werden mussten so haltbar ist.


Ob man die Beduinenstämme wirklich als Wilde bezeichnet, hängt immer davon ab, wem man diese Frage stellt. Für die Bewohner der damaligen Handelsstädte - wie dies auch Medina und Mekka waren - bedeuteten die Beduinen mit ihren Überfällen auf Karawanen und Raubzügen zur Sklavenbeschaffung eine stetige Bedrohung, die nicht in den Griff zu bekommen war, die Wirtschaft aber an ihrer empfindlichsten Stelle traf. Insofern ist es aus sicht der Stadtbewohner sicher nachvollziehbar, dass dieser Topos entstanden ist.

Auch panarabische Nationalisten haben seit jeher an die Vereinigung der arabischen Halbinsel durch Mohammed angeknüpft, weil nie zuvor die Araber als Volk ein gemeinsames Ziel verfolgt hatten. Sie hatten sich über Jahrhunderte nur gegenseitig bekämpft und waren daher nie in der Lage, weltpolitisch eine Rolle zu spielen. Erst mit der Vereinigung aller arabischen Stämme änderte sich das. Es ist ja kein Zufall, dass die Araber zu dieser Zeit in der Lage waren, zwei antike Weltmächte hinwegzufegen, als hätte es sie nie gegeben. Das Potential war schon die ganze Zeit da, es konnte nur nie genutzt werden. Genauso sahen und sehen die panarabischen Nationalisten in der Vereinigung aller arabischen Staaten den einzigen Weg, "dem Westen" etwas entgegenzusetzen.

Natürlich sind das beides stilisierende Topoi, die viel mit Hagiographie, aber wenig mit historischen Erkenntnissen zu tun haben. Die würden wahrscheinlich eher davon sprechen, dass das Gewaltpotential der Beduinen ja nicht allein dadurch aufhörte, dass sie nun Muslime und mit dem Rest Arabiens vereint waren. Ihre nomadische Lebensweise erforderte Raubzüge und Plünderungen, weil auf anderem Wege wichtige Bedarfsgüter nicht zu bekommen waren. Das ist schlicht sozialgeschichtliche Zwangsläufigkeit. Und ebenso zwansläufig war ein Staatsmann, der dieses Gewaltpotential vom eigenen Boden fernhalten wollte, gezwungen, es zu kanalisieren.

Dabei muss man auch bedenken, dass der ursprüngliche Plan nur davon ausging, regelmäßig Syrien und Palästina zu plündern, aber nicht, 3/4 des Oströmischen Reiches zu erobern. Erst als man merkte, dass Ostrom überhaupt nicht in der Lage war, auf die Einfälle zu reagieren, und man bis Kleinasien und Ägypten durchmarschieren konnte, ohne irgendwie gestört zu werden, wurde die Besetzung dieser Länder eine Option. Das schreibe ich nicht als Bahá'í, sondern als Archäologe des Frühmittelalters.

Im Übrigen lässt sich beobachten, dass im 7. Jahrhundert fast überhaupt keine Übertritte zum Islam stattfanden. Der Großteil der Bevölkerung lebte sein Leben weiter, als wäre nichts passiert. Die Bauern zahlten sogar weniger Steuern als unter römischer Herrschaft und waren darüber auch in der Mehrzahl sehr froh. Ansonsten blieben die lokalen Eliten in Amt und Würden und leisteten nun dem Kalifen statt dem Kaiser Gefolgschaft. Noch dazu sollte erwähnt werden, dass all die besetzten römischen Provinzen monophysitisch geprägt waren und somit der Reichskirche als Ketzer galten. Religiöse Verfolgung kannten die Ägypter und Syrer also zu Genüge aus der römischen Zeit. Die Ortskirchen erlebten dementsprechend die Araber eher als Befreier denn als Eroberer, weil sie von da an zum ersten Mal ihren Glauben frei ausüben konnten, ohne die Gesinnungspolizei des Kaisers im Nacken zu haben. Für die Muslime waren alle Kirchen gleich.

Noch eins: Der Umstand, dass bis auf den Felsendom keine einzige Moschee aus diesem Zeitraum bekannt ist, deutet stark darauf hin, dass die einzigen Muslime der Städte die arabischen Garnisonen waren - die in der Regel mit den Bischöfen Verträge über eine Mitbenutzung der Kirchen abschlossen. Solche Verträge sind sowohl von arabischer als auch von christlicher Seite vielfach dokumentiert.

Grubi hat folgendes geschrieben:
Das Christentum hat auch lange Zeit geglaubt der Welt einen Gefallen zu tun indem alle Wilden zwangs-christianisiert wurden, heute können wir rückblickend feststellen dass diese Missionierungen, Völker entwurzelt haben und dadurch Leid entstanden ist von dem sich manche Kulturen bis heute nicht erholt haben.


Von einer Zwangsbekehrung kann in diesem Stadium keine Rede sein. Die muslimische Bevölkerung wuchs zwar, aber nur sehr langsam. Noch zur Zeit der Kreuzzüge im 11. und 12. Jahrhundert war die Mehrheit der Bevölkerung Ägyptens, Palästinas und Syriens christlich. Erst ab dem 13. Jahrhundert lassen sich erste Verfolgungswellen und Zwangsbekehrungen von Christen feststellen.

Grubi hat folgendes geschrieben:
Die eigene Religion ist immer die bessere Lösung gewesen, unter dieser Prämisse bekämpfen sich Glaubensgemeinschaften bis heute, es hat sich durch keine Religion etwas an diesem Umstand geändert, Friede durch die richtige Religion ist ein ideologisches Ziel das sich nicht beobachten lässt.


Zumindest nicht, wenn die Prämisse ist, dass erst Frieden herrschen kann, wenn alle Menschen das glauben, was ich glaube. Selbst wenn dem irgendwann so wäre - die Menschen finden immer einen Grund, sich die Köppe einzuschlagen. Und sei es die Frage, ob der Leib Jesu in den drei Tagen, die er im Grab lag, angefangen hatte, zu verwesen... Darum hat es blutige Straßenschlachten im Alexandria des 4. Jahrhunderts gegeben...

Grubi hat folgendes geschrieben:
Wir können feststellen dass die Araber nicht nur Wilde unorganisierte Barbaren bekehrt haben, die islamischen Araber haben versucht sich jede Hochkultur in ihrem Grenzbereich einzuverleiben, bis hin zur iberischen Halbinsel, wie man da noch von Notwehr oder Abwehrkrieg reden kann, ist mir ein Rätsel.


Du vermischt hier zwei Argumentationen. Die Abwehrkriege sind ein Argument, das sich ausschließlich auf Mohammed bezieht. Und dafür lassen sich eben auch koranische Belegstellen anführen. Die Politik der Kalifen ist eine ganz andere, davon unabhängige Frage.

Grubi hat folgendes geschrieben:
Wir können, nach dem wir die Lektüre durchgegangen sind feststellen, dass die Grossreiche die damals irgendwie von der Islamisierung betroffen waren durchaus ständig in Kriege verwickelt waren, aber ich kann nicht mit Vernunft annehmen, dass die Kriege weniger leidvoll gewesen sind nachdem sich ein weiterer Kandidat, nämlich der Islam, in die kriegerischen Handlungen eingemischt hatte, der Krieg wurde langanhaltend mehr unter neuen Vorzeichen, aber es wurde nicht weniger oder besser, bis heute nicht.


Naja, wir können schon festellen, dass im 8. Jahrhundert zum ersten Mal seit dem Untergang des Römischen Reiches ein Reisender von Spanien bis Indien reisen konnte, ohne auch nur ein Mal eine Grenze zu überschreiten. Der Fernhandel war in der Spätantike fast völlig zum Erliegen gekommen und die Städte erbärmlich verarmt. Durch das Kalifat florierten die Wirtschaft und der Handel wieder, sodass tatsächlich ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung von der muslimischen Herrschaft direkt profitierte. Dass es in den ersten 500 Jahren des Islam nicht einen einzigen Aufstand gegeben hat, weder von Adligen noch von Bauern, während dies sowohl im feudalistischen Westen als auch zuvor im Römischen Reich quasi der Dauerzustand war, sollte als Beleg dafür reichen, dass es sich zu dieser Zeit keinesfalls um eine tyrannische Fremdherrschaft handelte. Bis zum Zerfall des Kalifats im 10. Jahrhundert hatte man ein vereintes Reich, in dem es sich auch für Juden und Christen relativ gut leben ließ, vergleicht man die Situation mit derjenigen im Oströmischen Reich. Bis auf kleinere Scharmützel an den Außengrenzen war es zu dieser Zeit im Mittelmeerraum erstaunlich ruhig. Nichts im Vergleich zu den Vernichtungskriegen zwischen Römern und Persern in den drei Jahrhunderten zuvor, die alles von Kleinasien und Ägypten bis Armenien und Mesopotamien in Schutt und Asche gelegt hatten...

Grubi hat folgendes geschrieben:
Anzunehmen dass durch dieses agressive Gewese, welches stets im Namen des einen gerechten Gottes stattfand, die Welt besser wurde und die Kriege weniger Leid verursacht haben, halte ich für sehr sehr fragwürdig und nicht logisch.


Das würde ich für meinen Teil niemals behaupten.

Grubi hat folgendes geschrieben:
Nachdem wir auf eine lange Geschichte der religiös-politisch motivierten Kriege zurückblicken können, kann der vernunftbegabte Mensch zur Einsicht kommen, dass Gewalt keine Lösung sein darf um die Welt ein bischen besser und lebenswerter zu machen... indem eine weitere zusätzliche Form der einzig richtigen Gottesverehrung mit Macht durchgesetzt wird...


Weswegen Bahá'u'lláh genau das auch als sein allererstes Gebot verkündet hat.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Grubi hat folgendes geschrieben:

Nunja, Saudi Arabien ist ein muslimisches Land wahabitischer Prägung: https://de.wikipedia.org/wiki/Wahhabiten

Millionen von Muslimen pilgern jährlich dorthin um Mekka zu besuchen, Mekka selbst ist fest in wahabitischer Hand und Mekka gilt als Zentrum des Islam.
Die Wahabiten sind sind eine sunnitische Strömung und den Salafisten zuzuordnen, welche bei uns stark unter Beobachtung stehen.


Ich glaube das stimmt so nicht ganz, obwohl es wohl viele Übereinstimmungen gibt. Und sich die Bewegungen teilweise gegenseitig stärken: http://www.dw.com/de/wahhabiten-und.....edliche-mittel/a-17304769

Und ja, es pilgern sehr viele Muslime dahin, weil es eben die heiligen Stätten sind, das sagt aber nichts darüber aus, ob sie darüber glücklich sind, dass sich die unter saudi-arabischer Kontrolle befinden.
Zitat:
Der Dschihad welcher zur Zeit die Welt unsicher macht, ist ein nicht unbedeutendes Thema im sunnitischen Islam, von daher würde ich das schon gerne angesprochen haben...

Der Dschihad ist ein komplexes Thema und wird je nach Strömung unterschiedlich betrachtet, im sunnitische Verständnis ist mir da eine gewisse Problematik aufgefallen die ich hier erwähnen möchte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Dschihad

daraus:
Zitat:
Der Dschihad als religiöse Pflicht

Die militärische Expansion des Dar al-Islam ist eine kollektive Pflicht der islamischen Gemeinschaft, d. h., dass, sofern eine ausreichende Anzahl an Truppen bereitsteht, der Rest aller Muslime von dieser Pflicht befreit ist.[76] Sofern sich niemand am Dschihad beteiligt, sündigt die gesamte islamische Gemeinschaft.[77] Der jeweilige muslimische Herrscher hat die Pflicht, mindestens einmal im Jahr den Dar al-Harb anzugreifen.[12] Sofern dies aus irgendeinem Grund vorerst nicht möglich sein sollte, ist es ihm erlaubt, dieses jährliche Unternehmen zu verschieben. (Vgl. Absatz unten: Hudna)

Zu einer individuellen Pflicht wird der Dschihad im Verteidigungsfall, wobei jede wehrfähige Person im angegriffenen Gebiet zu kämpfen hat. Sofern ihre militärische Stärke nicht ausreichen sollte, gilt diese Pflicht auch den jeweiligen benachbarten Gebieten.[78] Des Weiteren wird der Kampf zur individuellen Pflicht der jeweiligen Personen, wenn der Kalif sie zum Kriegsdienst bestimmt oder sie einen Schwur leisten, am Dschihad teilzunehmen.[79]


Ich verstehe das alles nicht so gut, wie ich gerne würde. ZB wusste ich nicht was Dar al-Harb bedeutet und musste nachschauen, was denn die Pflicht einmal im Jahr anzugreifen bedeuten soll.
Ich verlasse mich jetzt auch mal auf Wikipedia:
Da spätestens seit dem Ende des Kalifats 1924 kein islamischer Staats- und Herrschaftsverband mehr existiert, gibt es in den jeweiligen muslimisch dominierten Nationalstaaten sehr unterschiedliche Auslegungen und Anwendungen des islamischen Rechts, so auch des Konzepts von Dār al-Harb. Es hat heutzutage nur noch geringe Bedeutung. [2]
https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Harb
Liebe Foren-User,

nach Beratung im Moderatoren-Team geben wir - versuchsweise - das Islam-Forum wieder frei. Ich für meinen Teil habe den Eindruck, dass die Diskussion bisher sehr gesittet und auf relativ hohem Niveau abläuft.

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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Hallo Sören,

ich denke, den meisten Usern hier geht es nicht um Missionierung oder Lobhudelei auf die eigene Religion, sondern um die möglichst genaue Darstellung von Fakten oder auch von Unterschieden in der Interpretation von religiösen oder weltlichen Ansichten.
Dabei darf es meines Erachtens auch manchmal verbal hart hergehen, da ja Interpretationen fast immer einen sehr großen Anteil persönlichen Erlebens oder persönlicher Ansichten enthalten, die sich nicht mit den allgemein bekannten Fakten in Einklang bringen lassen.

zB würde ich dem Satz aus Wikipedia"....gibt es in den jeweiligen muslimisch dominierten Nationalstaaten sehr unterschiedliche Auslegungen und Anwendungen des islamischen Rechts, so auch des Konzepts von Dār al-Harb. Es hat heutzutage nur noch geringe Bedeutung. [2]"
nicht so unbedingt zustimmen. Ein Erdogan würde sich wahrscheinlich sehr gern darauf berufen.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!