Religionen/Philosophien/Weltanschauungen - wann gefaehrlich?


Guten Abend,

aus den hier geführten Diskussionen ist meines Erachtens ziemleich deutlich geworden, daß man jedes Wertesystem auch einer kritischen Analyse unterziehen muß und sich immer irgendwelche Abweichungen von der persönlichen Einstellung finden lassen werden.

Für mich stellt sich nun die Frage:
Welche dieser Abweichungen kann man tolerieren und gegen welche sollte man (möglichst sachlich) Stellung nehmen bzw. sie als auf keinem Fall akzeptabel bezeichnen.

Natürlich kann es hier in vielen Punkten keine Übereinstimmung geben, aber vielleicht läßt sich bei aller unterschiedlicher Meinung doch bis auf wenige Ausnahmen eine gemeinsame Basis zur Beurteilung von Wertesystemen herausfinden.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Lieber Pjotr Kala,

ich werde gern auf deinen Beitrag antworten und mich an der hoffentlich aufkommenden Diskussion beteiligen, aber vorab die Frage: Wie sollte der Beitrag ursprünglich mal überschrieben sein?
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Hallo Sören,

gg, da hast du mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich hab's bereits wieder vergessen.

Wie wär es mit: Religionen, Philosophien, Weltanschauungen, ab wann gefährlich?

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Erledigt. Allerdings war der Titel etwas zu lang.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Es könnte sein, dass schon allein die Religion bzw. Religionsgründung per se eine gefahr ist, nämlich die Gefahr einer Abgrenzung und des damit implizierten Gewaltpotentials. Jesus (und nicht nur er) hat neben anderen Inhalten die Entgrenzung gelehrt und keine Religion gegründet, auch wenn er in der Folgezeit bis heute als Religionsstifter missverstanden wurde.
Ich habe mich schon mit etlichen Religionen befasst und auch etliche Male Begeisterung entwickelt, weil mir diese Religion als 'schön' erschien.

Rückblickend sehe ich, dass es immer die liberaleren Vertreter einer Richtung sind, die mir eine Religion als erstrebenswert erscheinen lassen.
Islam - Khorchide, Katholizismus - von Stosch, Theravada - Ajahn Brahm, Sufismus - Helminski, (und dann gehört auch noch Atheismus - Sam Harris dazu, obwohl er nicht in ganz in die Reihe passt). Es gibt noch andere.
Gemeinsam haben sie wohl, dass sie sich einem humanistischen und toleranten Verständnis verschrieben haben und ohne Drohung ihre religiöse Überzeugung vermitteln. Und in der Lage sind Freundschaften mit Menschen mit anderer Überzeugung einzugehen.

Sie verpflichten sich selbst auf ein bestimmtes Verhalten, ohne andere Menschen einzuengen.

Umgekehrt, gibt es auch in jeder Tradition Vertreter, die mich sehr erschrecken, mit ihren Forderungen, die sie nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere stellen.
Hallo Templer,

So ganz kann ich deine Aussage nicht nachvollziehen.

1. Keine menschliche Gruppierung kommt auf Dauer ohne eine gewisse Abgrenzung zu anderen Gruppierungen aus. Der Unterschied macht sich nur in der Größe der Tolerierung abweichender Meinungen bemerkbar.
Allerdings waren und sind auch heute noch religiöse Fanatiker und stark reaktionäre Splittergruppen von Religionen und Weltanschauungen bereit, für ihre Überzeugungen Gewalt anzuwenden.

2. Bei den Jesus zugeschriebenen Aussagen steht wohl sinngemäß, daß er gekommen ist, die vorgegebenen Gesetze (Altes Testament) zu erfüllen und nicht, daß er die Grenzen dieser Gesetze aufheben will. Somit ein Widerspruch, der sich auch nicht durch seine anderen Sätze ganz auflösen läßt.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Hallo Ziraki,

Zitat:
Gemeinsam haben sie wohl, dass sie sich einem humanistischen und toleranten Verständnis verschrieben haben und ohne Drohung ihre religiöse Überzeugung vermitteln.


Es wäre wirklich schön, wenn sich das durchgehend über alle Religionen und Weltanschaungen durchsetzen würde.

Aber da gibt es in den übermittelten Schriftstellen der Religionsgründer oder Philosophen oder sonstigen Weltanschauungsvermittlern Textstellen, die sich widersprechen oder heute durch neue Erkenntnisse einfach falsch sind, aber von den Vertretern dieser Richtungen vehement verteidigt werden bzw sogar als "Conditio sine qua non" angesehen werden.

Beispiel: Als vor Jahren die Beschneidung von Knaben in die Diskussion geriet, hat ein Rabbi die Bemerkung gemacht, daß die Beschneidung ein wesentlicher, unabdingbarer Teil der jüdischen Religion sei.
Meiner Meinung nach gehört die jüdische Religion abgeschafft, wenn sie ein so marginales, aber dem Anspruch auf körperliche Unversehrtheit entgegenstehendes Merkmal, zum Wesenskern der Religion macht.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr, meine Einsicht weicht von deiner ab.
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:


Beispiel: Als vor Jahren die Beschneidung von Knaben in die Diskussion geriet, hat ein Rabbi die Bemerkung gemacht, daß die Beschneidung ein wesentlicher, unabdingbarer Teil der jüdischen Religion sei.
Meiner Meinung nach gehört die jüdische Religion abgeschafft, wenn sie ein so marginales, aber dem Anspruch auf körperliche Unversehrtheit entgegenstehendes Merkmal, zum Wesenskern der Religion macht.


Ich kann mich bisher nicht entscheiden, ob ich die Beschneidung von männlichen Babys als eher harmlos oder eher gefährlich ansehe.
Beide Seiten in der Kontroverse scheinen einige gute Argumente zu haben, die keineswegs nur religiöser Natur sind.
Jedenfalls würde ich jüdischen Eltern nicht unterstellen, dass sie nicht vorrangig das Wohlbefinden ihrer Kinder zum Ziel haben.
Auch in Israel wird die Debatte geführt.
Was ich aber schon stark in Frage stelle ist, ob das Judentum abzuschaffen nicht ein äußerst sinnloser, weil unmöglicher Lösungsvorschlag ist.
Und selbst wenn die Möglichkeit bestünde, würde das wohl mehr Schaden als Nutzen bringen.
Ich bin etwas erschrocken, so eine Idee in einem deutschen Forum zu lesen.