Religionen/Philosophien/Weltanschauungen - wann gefaehrlich?


Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Die Wiederzuulassung der russisch-orthodoxen Religion in Russland hat nicht zu mehr Toleranz und Weitsicht, sondern eher zu Engstirnigkeit, Nationalismus und Intoleranz geführt.

Pjotr Kala


Die wenigsten Menschen in Russland haben ein grundlegendes Verständnis der russisch-orthodoxen Lehre. Wenn sie sich darauf beziehen, dann meistens in einer Art Volksfrömmigkeit oder einem kulturell-nationalen Bezug.

Ich hoffe das du hier nicht implizit behaupten willst das Religionsfreiheit zu "Engstirnigkeit, Nationalismus und Intoleranz" führe. Das wäre ja ein totalitäres Argument, da du ja implizit behaupten würdest nur deine, atheistische Auffassung sei überhaupt tolerabel.
Hallo Tobias,

ich habe ausdrücklich von Russland geschrieben und nicht von "Religionsfreiheit im Allgemeinen".

Die Geschichte beweist allerdings, daß in vielen Konflikten unterschiedliche Auslegungen von religiösen Ansichten eine bedeutende Rolle gespielt haben, bzw. auch zum Vorwand für die Erzeugung von Konflikten gedient haben.

Eine ganz andere Frage ist, ob sich die Menschen ohne Religionen nicht andere Vorwände zur Erzeugung von Konflikten gesucht hätten.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:

Eine ganz andere Frage ist, ob sich die Menschen ohne Religionen nicht andere Vorwände zur Erzeugung von Konflikten gesucht hätten.


Hallo Pjotr,

haben sie ja!

Als zu sowjetischen Zeiten die Kirche keine Rolle spielte, wurde die marxistisch-leninistische politische Ideologie dafür herangezogen.

Beispiele für Gruppenidentitäten, auch politisch instrumentalisiert zur Abwertung anderer Gruppen, die in keiner Weise auf Religion basieren, gibt es doch zuhauf.

Religion ist da in keiner Weise irgendwie "schlimmer" als andere Grundlagen für Identitätskonstruktionen.

Wobei sich unterschiedliche Religionen, abhängig von ihrer Lehre und Praxis, in unterschiedlichem Maße für derartige Instrumentalisierungen einspannen lassen -- manche lassen sich bestimmt besser missbrauchen als andere.

Gruß,
Bernhard
Hallo Bernhard,

Zitat:
Religion ist da in keiner Weise irgendwie "schlimmer" als andere Grundlagen für Identitätskonstruktionen.

Wobei sich unterschiedliche Religionen, abhängig von ihrer Lehre und Praxis, in unterschiedlichem Maße für derartige Instrumentalisierungen einspannen lassen -- manche lassen sich bestimmt besser missbrauchen als andere.


Religion ist da nicht schlimmer, aber auch keineswegs besser. Dies wird aber oft von konservativen Religionsanhängern behauptet. Daß der Bahai-Offenbarer hier als sehr späte Neugründung einige Fehlkonstruktionen alter Religionen vermieden hat, ist sicher für die Religion von Vorteil. Denn selbst eine relativ friedfertige Religion wie der Buddismus wird auch heute noch in Konflikte mit Waffengewalt eingespannt.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Hallo Bernhard,

Zitat:
Religion ist da in keiner Weise irgendwie "schlimmer" als andere Grundlagen für Identitätskonstruktionen.

Wobei sich unterschiedliche Religionen, abhängig von ihrer Lehre und Praxis, in unterschiedlichem Maße für derartige Instrumentalisierungen einspannen lassen -- manche lassen sich bestimmt besser missbrauchen als andere.


Religion ist da nicht schlimmer, aber auch keineswegs besser. Dies wird aber oft von konservativen Religionsanhängern behauptet. Daß der Bahai-Offenbarer hier als sehr späte Neugründung einige Fehlkonstruktionen alter Religionen vermieden hat, ist sicher für die Religion von Vorteil. Denn selbst eine relativ friedfertige Religion wie der Buddismus wird auch heute noch in Konflikte mit Waffengewalt eingespannt.

Pjotr Kala


Hallo Pjotr,

naja, wie willst du das denn messen, ob Religionen in dieser Hinsicht schlimmer oder besser sind?

Dafür müsste man ja eine Religion komplett aus der Geschichte eines Landes streichen und diese alternative Geschichtsentwicklung mit der realen vergleichen.

Wer sagt denn, dass z.B. trotz Kreuzzügen, Hexenverfolgung und Inquisition, die Geschichte des Westens ohne das Christentum nicht noch viel, viel schlimmer und brutaler gewesen wäre?

Oder ob die islamische Welt ohne islamischen Radikalismus tatsächlich friedlicher wäre?

Das sind so Hypothesen, die man nicht wirklich wird beantworten können. Weder in die eine, noch die andere Richtung.


Da bleibt es nur, sich die Lehren der jeweiligen Religionen anzusehen, um gewisse Vermutungen anzustellen. So, wie man sich auch die Lehren nicht-religiöser Lehren bzw. Ideologien ansehen kann, um auf ihren Einfluss zu schließen:

Wenn eine Religion wie z.B. der Janiismus vorschreibt, dass man unter gar keinen Umständen das Leben irgendeines Lebewesens beenden darf, nichtmal das einer Fliege, dann stelle ich mir vor, dass diese Lehre weit schwieriger für Gewalt zu missbrauchen ist, als z.B. eine Lehre, die unter bestimmten Bedingungen zu Krieg und Gewalt aufruft.

Ein "fanatischer" Janiist zum Beispiel trägt Mundschutz, um nicht versehentlich Fliegen durch Einatmen zu töten. Das ist auch ziemlich radikal, aber in ganz anderer Weise, als z.B. radikale Moslems ihren Aufruf zum Verteidigungskrieg so umdeuten, dass sie Terroranschläge rechtfertigen.

Ebenso macht es einen Unterschied, ob Gleichheit und Respekt vor allen Menschen Teil der Lehre ist, oder ob diese Lehre bestimmte Menschengruppen abwertet oder sich explizit gegen sie richtet (z.B. rassistische Ideologie, die Menschen nach ihrer Abstammung unterschiedlichen Wert zuweist, oder eine kommunistische Lehre, die zu Gewalt gegen den "Klassenfeind" aufruft).

Gruß,
Bernhard
Hallo Bernhard,

Zitat:
naja, wie willst du das denn messen, ob Religionen in dieser Hinsicht schlimmer oder besser sind?

Dafür müsste man ja eine Religion komplett aus der Geschichte eines Landes streichen und diese alternative Geschichtsentwicklung mit der realen vergleichen.

Wer sagt denn, dass z.B. trotz Kreuzzügen, Hexenverfolgung und Inquisition, die Geschichte des Westens ohne das Christentum nicht noch viel, viel schlimmer und brutaler gewesen wäre?

Oder ob die islamische Welt ohne islamischen Radikalismus tatsächlich friedlicher wäre?

Das sind so Hypothesen, die man nicht wirklich wird beantworten können. Weder in die eine, noch die andere Richtung.


Da stimme ich dir zu.
Wir können Geschichte wahrscheinlich nie vollkommen richtig beurteilen.
Dafür ist sie zu komplex und die Bearbeitung greift sich immer einzelne Aspekte heraus. Man muß nur darauf achten, daß man auch neueste Erkenntnisse mit einarbeitet und sie nicht aufgrund irgendwelcher religiösen oder weltanschaulichen Unverträglichkeiten negiert.

Zitat:
Ebenso macht es einen Unterschied, ob Gleichheit und Respekt vor allen Menschen Teil der Lehre ist, oder ob diese Lehre bestimmte Menschengruppen abwertet oder sich explizit gegen sie richtet (z.B. rassistische Ideologie, die Menschen nach ihrer Abstammung unterschiedlichen Wert zuweist, oder eine kommunistische Lehre, die zu Gewalt gegen den "Klassenfeind" aufruft).

Auch deinen anderen Ausführungen kann ich nur zustimmen. Die von so vielen Konservativen angeprangerte Relativierung der Lebenseinstellung bedeutet ja nicht ein Leben nach dem Motto "Alles ist möglich", sondern das Abwägen und Einbinden aller bekannten Fakten und Umgebungsvariablen in die Entscheidungsfindung und gegebenfalls bei neuen Erkenntnissen auch eine Veränderung der Entscheidung. Yin und Yang sind immer vorhanden. Allerdings machen sie oft eine einfache Entscheidung unmöglich.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Es gibt keine Gefahr und damit auch nichts gefährliches. ♥
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Wahrheit ist da wo weder Subjekt noch Objekt existieren. Damit liegt die Wahrheit Jenseits dieser Welt. Solange da noch etwas ist das sich mit einem Subjekt oder einem Objekt identifiziert ist die Wahrheit schon als Relativ zu sehen und damit nicht Wirklichkeit.
http://elisabeth171056.beepworld.de/
Bernh hat folgendes geschrieben:
z.B. trotz Kreuzzügen, Hexenverfolgung und Inquisition


Zumal eine nähere, historische Betrachtung dieser Ereignisse oft weit mehr Zeigt als "die Kirche" oder "die Christen" haben "böse Sachen gemacht". Gerade diese drei Dinge sind heute gerade in der breiten Öffentlichkeit mehr zu einer mythischen Narration geworden, denn als das wirklich jemand weiß was da warum durch wen geschah.
Tobias hat folgendes geschrieben:
Bernh hat folgendes geschrieben:
z.B. trotz Kreuzzügen, Hexenverfolgung und Inquisition


Zumal eine nähere, historische Betrachtung dieser Ereignisse oft weit mehr Zeigt als "die Kirche" oder "die Christen" haben "böse Sachen gemacht". Gerade diese drei Dinge sind heute gerade in der breiten Öffentlichkeit mehr zu einer mythischen Narration geworden, denn als das wirklich jemand weiß was da warum durch wen geschah.


Nabend Tobias!

Ja, Aufklärung ist irgendwann auch Mythos... und vielleicht wurde sie immer nur dann breitenwirksam, wenn sie es war. Und der Mythos enthält immer einen Kern Wahrheit im Sinne von Weltbewältigung ... :o)

Ich wollte mit der Nennung dieser Ereignisse auch keineswegs ihre historische Richtigkeit unterstreichen, sondern habe sie als bekannte Schlagworte eines bestehenden Diskurses genannt, um das Verständnis zu erleichtern ... also etwa so, wie Baha'u'llah die Beeinflussung griechischer Philosophen durch jüdische Propheten, als im islamischen Raum geläufiges Narrativ, zitiert hat, um das Verständnis zu erleichtern... hihi.


Zurück zum Thema: Ich gehe mal stark davon aus, dass das Christentum dem Westen weit mehr Fortschritt ermöglicht hat, als es "Nebenwirkungen" hatte...

Da ist es schade, wenn die Kritik und Überwindung an seiner verkrusteten, überkommenen Form polemische Narrative erzeugt hat, die den "Tod Gottes" lange überlebt haben und bis heute der Standard sind... das Kind mit dem Bade ausschütten und so.
Bernh hat folgendes geschrieben:
Ja, Aufklärung ist irgendwann auch Mythos...


Auch diese wird z.T. so behandelt und dargestellt, allerdings nicht ganz so extrem und natürlich meist ins positive verzerrt.

Ein Beispiel wäre die oft vorgenommene Vermischung von Aufklärung und Demokratisierung, dabei schätzten ein großer Teil der Aufklärer die Nähe zu einem starken Monarchen. Lediglich eine Minderheit machten den Schluss von der Verwendung der Ratio auf die Verwendung der Ratio für alle erwachsenen, mit Einkommen ausgestatteten Männer und dann auch noch dazu, dass diese Männer sich dann auch politisch selbst bestimmen können sollten.

Bernh hat folgendes geschrieben:
Ich wollte mit der Nennung dieser Ereignisse auch keineswegs ihre historische Richtigkeit unterstreichen, sondern habe sie als bekannte Schlagworte eines bestehenden Diskurses genannt, um das Verständnis zu erleichtern ... also etwa so, wie Baha'u'llah die Beeinflussung griechischer Philosophen durch jüdische Propheten, als im islamischen Raum geläufiges Narrativ, zitiert hat, um das Verständnis zu erleichtern... hihi.


Okay.

Bernh hat folgendes geschrieben:
Zurück zum Thema: Ich gehe mal stark davon aus, dass das Christentum dem Westen weit mehr Fortschritt ermöglicht hat, als es "Nebenwirkungen" hatte...

Da ist es schade, wenn die Kritik und Überwindung an seiner verkrusteten, überkommenen Form polemische Narrative erzeugt hat, die den "Tod Gottes" lange überlebt haben und bis heute der Standard sind... das Kind mit dem Bade ausschütten und so.


Es ist oft schwer zu erkennen das ein Phänomen positive wie negative Auswirkungen hat und das oft aus dem Phänomen selbst heraus, weil es verschieden wirkt und das auf verschiedenste Art und Weise.

Die Problematik sieht man nicht beim Thema "Geschichte des Christentums", sondern bei allerlei Thematiken.