Religionen/Philosophien/Weltanschauungen - wann gefaehrlich?


Ich bin ganz entschieden für rein informativen Unterricht über Religionen als gesellschaftliches und historische Phänomene, aber absolut gegen Religionsunterricht als religiöse Schulung. Letztere soll bitte außerhalb der Schule, finanziert von der jeweiligen Religionsgemeinschaft stattfinden.
hallo Templer,

ich stimme dir da zu.

Wir leben aber immer noch in stark religiös geprägten Kulturen und so wird ein Wandel nur langsam geschehen. Ein gutes Beispiel sind dafür die sexuellen Randgruppen, deren Rechte eigentlich bereits im Grundgesetz verankert sind, die aber gegen den Widerstand religöser Gruppen und "christlichen" Parteien teils vor dem Verfassungsgericht durchgesetzt werden mußten.

Ein Punkt, der meines Erachtens von vielen Religionsanhängern oder auch anderen Gruppierungen nicht beachtet wird, ist die selektive Wahrnehmung.

Selbst Wissenschaftler müssen sich hüten, daß sie nicht nur die ihre eigenen Theorien verstärkende Untersuchungen zitieren, sondern auch berücksichtigen, was gegen ihre Theorie spricht.
Sich selbst oder seine eigene Einschätzung von Fakten in Frage zu stellen, fällt vielen Menschen nicht leicht (mir auch nicht!).
Noch schlimmer wird das allerdings, wenn man sich nur auf metaphysische Inhalte stützt und dabei die Wirklichkeit mit den entsprechenden Fakten gar nicht mehr wahrnimmt.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:

Selbst Wissenschaftler müssen sich hüten, daß sie nicht nur die ihre eigenen Theorien verstärkende Untersuchungen zitieren, sondern auch berücksichtigen, was gegen ihre Theorie spricht.


Das betrifft nicht nur Wissenschaftler. Und ist ein Punkt der mMn nach dagegen spricht, die religiöse Erziehung völlig an Gemeinschaften mit starken Ansichten abzugeben.
Was hindert sie daran, Positionen als einseitig richtig und unanfechtbar hinzustellen und jahrhundertelange Diskussionen einfach auszublenden?

Als Jugendliche habe ich mich auf der Sinnsuche in eine evangelikale Gruppe verirrt. Der Ablösungsprozess gelang mir nicht dadurch, dass ich plötzlich alles metaphysische als Blödsinn betrachtet habe - so eine plötzliche Änderung der Ansicht wird wohl kaum einem Menschen möglich sein, sondern dadurch, dass ich mir mehr an theologischer Bildung angeeignet habe. Hätte ich die früher gehabt, wäre mir diese Erfahrung wahrscheinlich erspart geblieben.
Hallo ziraki,

Zitat:
Das betrifft nicht nur Wissenschaftler. Und ist ein Punkt der mMn nach dagegen spricht, die religiöse Erziehung völlig an Gemeinschaften mit starken Ansichten abzugeben.
Was hindert sie daran, Positionen als einseitig richtig und unanfechtbar hinzustellen und jahrhundertelange Diskussionen einfach auszublenden?


Aber genau diese "starken Gemeinschaften" sind ja die Religionen in den vergangenen Jahrhunderten gewesen und noch heute schlagen wir uns mit den extremistischen religiösen oder pseudoreligiösen Randgruppen herum.

Es geht ja auch nicht um religöse Erziehung durch den Staat, sondern um ein Korrektiv zur religiösen Konditionierung, die ja vorwiegend durch die Erziehungsberechtigten stattfindet.
Einfach ausgedrückt, es geht darum, dem Kind oder Jugendlichen alternative Sichtweisen anzubieten, aus denen es oder er dann möglichst frei unter Abwägung aller Vor- und Nachteile seinen Weg wählen kann.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:


Aber genau diese "starken Gemeinschaften" sind ja die Religionen in den vergangenen Jahrhunderten gewesen und noch heute schlagen wir uns mit den extremistischen religiösen oder pseudoreligiösen Randgruppen herum.


Ist das nicht etwas einseitig? Mir fällt auf Anhieb keine Staatsform ein, die Religion ablehnt oder abgelehnt hat, aber deswegen die Rechte von zB Homosexuellen fördert oder gefördert hat.

Ich hatte auch nicht von starken Gemeinschaften, sondern von starken Ansichten geschrieben.
Gemeint hatte ich, alles was Toleranz erschwert.
Hallo ziraki,

das liegt wohl daran, daß es bis heute wohl kaum eine reine saekulare Staatsform gibt. Sie haben alle irgendwelche Wertevorstellungen aus Kulturen und damit auch Religionen übernommen. Erst jetzt schält sich so langsam ein Kern von gemeinsamen Wertevorstellungen heraus, der aber noch lange nicht von allen Menschen akzeptiert wird (schon gar nicht, wenn damit irgenwelche Gebote oder Verbote eines Offenbarers in Frage gestellt werden).

Starke Ansichten oder besser autoritäre Ansichten werden meist von Gemeinschaften ausgesprochen, die für sich das Recht beanspruchen, die einzige richtige Einstellung zu haben. In der Politik führt das meist zum Despotismus (zB Putin, Erdogan, Trump, Kaczynski, Orban usw), in der Religion zur angeblichen Unfehlbarkeit der Aussagen eines Offenbarers.

Werden diese Aussagen angezweifelt oder widerspricht man den Ansichten eines Despoten, verliert man im schlimmsten Fall seinen Kopf. Da ist dann nicht mehr viel von Toleranz zu spüren.
Eine starke Ansicht ist nur dann akzeptabel, wenn sie von guten Argumenten und nachprüfbaren Fakten gestützt wird oder, wenn die Fakten nicht ausreichen, sie zumindest logisch nachvollziehbar und in sich schlüssig ist.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Ob und wie Religions- bzw. Ethik-Unterricht in unseren Schulen stattfinden soll, ist nicht ein für alle Mal in Stein gemeißelt, sondern wird politisch entschieden. Erfreulicherweise werden bei politischen Entscheidungen religiös begründete Meinungen immer weniger wirksam. Wer also eine Änderung der Unterrichtspraxis bezüglich Religion und/oder Ethik will, muss politisch wirksam werden.
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Guten Abend, aus den hier geführten Diskussionen ist meines Erachtens ziemleich deutlich geworden, daß man jedes Wertesystem auch einer kritischen Analyse unterziehen muß und sich immer irgendwelche Abweichungen von der persönlichen Einstellung finden lassen werden.


Grundsätzlich stimme ich voll zu, nur scheint mir oft der Fehlschluss begangen zu werden, dass die gerade aktuelle, persönliche Einstellung oft als der absolut, vermeintlich sachliche Maßstab für Kritik herangezogen ist, was freilich genauso fraglich ist wie ein externes Wertesystem als absoluten Maßstab heranzuziehen.
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Welche dieser Abweichungen kann man tolerieren und gegen welche sollte man (möglichst sachlich) Stellung nehmen bzw. sie als auf keinem Fall akzeptabel bezeichnen.


Das ist die alte Frage wie weit die eigene Toleranz und Akzeptanz reichen kann, soll oder muss. Das ist aber nur beantwortbar, wenn man zumindest irgendeine gemeinsame Basis der Argumentation hat.

Spätestens jemanden der die gemeinsame Eigenschaft als fühlendes und potentiell zu bemitleidendes Lebewesen ablehnt wird man nicht mehr tolerieren können, da er eine explizite Gefahr darstellt. Ich denke das ergibt sich aus dem Selbsterhaltungstrieb. Man könnte jetzt freilich argumentieren das man alles darüber schon irgendwie tolerieren kann.
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Meiner Meinung nach gehört die jüdische Religion abgeschafft


Kann natürlich deine Meinung sein, ist aber natürlich schon sehr grenzwertig, weil du anderen Menschen (sprich: Juden) ihr recht auf religiöse Selbstbestimmung und Entfaltung nimmst. Deswegen wäre so etwas natürlich auch in jedem Staat der nicht dem Absolutismus oder Totalitarismus verfallen ist unvorstellbar.

Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
, wenn sie ein so marginales, aber dem Anspruch auf körperliche Unversehrtheit entgegenstehendes Merkmal, zum Wesenskern der Religion macht.


Ist es nun marginal oder zentral? Dein Argument enthält hier beide Behauptungen.

Aber um auf das Argument einzugehen: Ja, natürlich ist es potentiell eine Einschränkung in die körperliche Unversehrtheit, aber im Vergleich zu dem starken Eingriff in das Recht auf Religionsfreiheit und das Recht auf Erziehung des eigenen Kindes ein vergleichsweise geringer. Entsprechend ist die Grundrechtsabwägung hier recht klar.


Und mit Verlaub: Bist du auch dafür etwa Schönheitschirurgen "abzuschaffen"? Immerhin greifen die auch für einen relativ geringen Teil der persönlichen Entfaltung in die körperliche Integrität einer Person ein. Vielleicht zeigt dir diese Frage auf wie absurd die ganze Idee ist.

Eine Frage hätte ich auch noch: Wie schaffst du denn das Judentum ab? Dir dürfte ja klar sein, dass ein gesetzliches Verbot sowohl gegen die Menschenrechte als auch gegen das Grundgesetz verstößt. Nachdem du diese aber schon so in die Tonne getreten hast bleiben dir ja alle Möglichkeiten offen. Denn dir dürfte ja klar sein - das zeigt die Geschichte - das Juden ihre Religion nicht so einfach aufgeben werden. Folgen dann entsprechende Enteignungen von Gegenständen und Gebäuden? Wie bestrafst du weiteres Bekenntnis und weitere Praxis der jüdischen Religion? Gibt es nur Geldstrafen oder auch Freiheitsentzug oder gar noch härtere Maßnahmen? Wirst du auch einen ideologisch motivierten Kulturkrieg gegen die jüdische Religion beginnen, damit die Menschen von dieser Abstand nehmen?