Religionen/Philosophien/Weltanschauungen - wann gefaehrlich?


Jemanden ernst nehmen und als gleichwertig akzeptieren, ist immer gut. Weshalb das nicht beurteilen können der Reife des Gegenübers, der voraussetzende Faktor für diese Haltung sein sollte, erschließt sich mir nicht.
Ich finde die Begriffe "reif", "altersgemäß" und "kindgerecht" sehr problematisch, zumal sich die Interpretation dieser Begriffe in den letzten 100 Jahren ständig gewandelt haben. Obwohl aus einem sehr liberalen Elternhaus, habe ich natürlich auch Sätze wie "Das verstehst du noch nicht", "Dafür bist du noch zu klein" und ähnlich gehört. Ich habe das immer vermieden und solche Begriffe und Sätze als untauglich abgelehnt.
Okay, ich verstehe es jetzt besser. Meine Mutter, obwohl sie sicher nicht die Bildung hatte, die sie sich gewünscht hätte, hat solche Sätze vermieden.
Sie hat mir dann Taschenbuchausgaben von Büchern mitgebracht. Gut erinnern kann ich mich z.B. an 'Gehe hin und verkünde es vom Berge' von James Baldwin. Einem afro-amerikanischen Schriftsteller, aufgewachsen in einer Pfingstgemeinde. Er hat sich in diesem autobiographisch inspirierten Werk mit Rassismus und der eigenen Homosexualität und dem gescheiterten Versuch der Bewältigung, der daraus resultierenden Spannung, durch Religiosität auseinandersetzt.

Hat mir nicht die eindeutigen Antworten geliefert, die ich mir damals gewünscht hätte. Aber hat mich dazu angeregt, Fragen manchmal mehr zu schätzen als Antworten.
Guten Morgen,

Wenn ich das richtig einschätze, ist die Mehrheit der Schreiber hier der Meinung, daß man mit der unvermeidlichen Konditionierung durch Erziehung doch sehr vorsichtig umgehen sollte, bzw den Kindern einen sehr breiten Freiraum zur eigenen Erfahrungssammlung geben sollte.
Meiner Meinung nach bietet da ein Ethikunterricht mit der Möglichkeit des Kennenlernens verschieder Religionen oder Weltanschauungen einen relativ neutralen Zugang und ist jedem Religionsunterricht mit seiner einseitgen Sichtweise vorzuziehen.
Zwar ist das noch an unseren Schulen Zukunftsmusik, kann aber schneller kommen als man heute noch denkt (gg, wer hätte gedacht, daß die volltständige rechtliche Gleichstellung der Schwulen und Lesben in Bezug auf das Eherecht plötzlich so schnell kommt und die extrem konservativen Religionsanhänger sich kaum noch aus ihren Mauselöchern heraus trauen).

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
@ Pjotr
Den Islam Unterricht an Schulen, fand ich immer eine ganz gute Idee. Weil ich davon ausgehe, dass da eben nicht radikale und kulturell überblendete Ansichten vermittelt werden, sondern ein Verständnis, das mit demokratischen Strukturen vereinbar ist.

Gibt man die religiöse Erziehung, die wohl so oder so stattfinden wird, ab, verliert man auch die Kontrolle über die Inhalte.

Meine Meinung wäre nicht Religion oder Ethik, sondern beides.

Mit der Entscheidung für 'Ehe für alle' bin ich auch sehr einverstanden.
Häme gegenüber denen, die eine andere Meinung vertreten, halte ich für nicht nützlich - sie wird einen weiteren Dialog eher nicht fördern
Hallo ziraki,

Ich bezweifle, daß es es in Religionsunterrichten um die Vermittlung von demokratisch akzeptierten Werten geht. Da geht es doch wohl eher darum, die Vorteile der vermittelten Religion gegenüber anderen Anschauungen voll in den Mittelpunkt zu stellen und hauptsächlich gegen die vermuteten oder wahren Fehler zu argumentieren.

Kontrolle über die Inhalte hat man bei einem neutralen Ethikunterricht bei Abwägung von Religions- oder Weltanschauungsansichten noch am ehesten.
Religionsunterricht in Koranschulen ist sicher nicht der richtige Weg.


Zitat:
Mit der Entscheidung für 'Ehe für alle' bin ich auch sehr einverstanden.
Häme gegenüber denen, die eine andere Meinung vertreten, halte ich für nicht nützlich - sie wird einen weiteren Dialog eher nicht fördern


gg, ich kann micht nicht an einen einzigen Dialog erinnern, an dem es bei der Diskussion mit unserem "Betonchristen" zu einem Eingeständnis von Fehlern oder zweifelhaften Auslegungen seinerseits gekommen ist.
Da gönne ich mir doch ein bißchen Schadenfreude

Pjotr Kala
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@ Pjotr
Schau mal hier: http://www.spiegel.de/lebenundlerne.....twas-davon-a-1104099.html
Hallo ziraki,

ich werd wohl kaum bestreiten, daß ein ethisch kontrollierter Religionsunterricht viel Fanatismus verhindern kann und eventuell breiten Bevölkerungsschichten ermöglicht, ihre eigene Religion mit etwas mehr Abstand und anderen Einstellungen mit mehr Toleranz zu begegnen.
Aber der muß erst einmal flächendeckend für alle Religionen eingerichtet werden. Und schon da gibt es ziemliche Widerstände.
Für mich ist ein übergeordneter Ethikuntericht, der die Vorzüge und die Schattenseiten jeder Religion und Weltanschauung (gg und auch meine Weltsicht wird ihre Schattenseiten haben, auch wenn ich sie zur Zeit noch nicht erkenne) aufgreift und von allen möglichen Seiten beleuchtet, die beste Form der Wertevermittlung.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Ich habe überhaupt nichts gegen Ethikunterricht

Ein Bekannter von mir arbeitet u.a. mit Jugendlichen, die strafrechtlich auffällig wurden. Auch mit muslimischen Jugendlichen.
Die kulturelle Prägung bewirkt teilweise, dass alles was aus einer nicht islamischen Richtung kommt, mit Vorbehalt oder sogar mir Verachtung aufgenommen wird.
Gute Ergebnisse erzielt er dadurch, dass er teilweise Imame in seine Arbeit einbezieht. Sie sind für diese Gruppe natürliche Respektpersonen. Und wenn sie die gleichen Werte vermitteln, die er gerne vermitteln würde, wird das plötzlich angenommen.

Selbstverständlich überlegt er sich gut, mit welchen Personen er zusammenarbeitet.

In der Pädagogik geht es eben nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um die Form wie Wissen angeboten wird, damit es interessiert und akzeptiert werden kann.
Hallo ziraki,
Zitat:
In der Pädagogik geht es eben nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um die Form wie Wissen angeboten wird, damit es interessiert und akzeptiert werden kann.


Ja, da hast du recht.
Und gerade die Auflösung oder Abschwächung einer kulturellen Prägung ist ein langwieriger und oft auch nicht erfolgreicher Prozess, da es zunächst einmal den Willen erfordert, sich mit seiner kulturellen Identität auch kritisch auseinander zu setzen.

Pjotr Kala
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