Luther & die Reformation im Lichte der Bahá'í-Lehren


Am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal der Thesenanschlag Martin Luthers an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Die Evangelische Kirche in Deutschland ist bereits seit vielen Jahren mit der Planung dieses Jubiläums beschäftigt, während Politiker aller Parteien darüber verhandeln, den Reformationstag einmalig zum bundesweiten gesetzlichen Feiertag zu erklären. Und sicher, die prägende Kraft, die die Reformation insbesondere für die deutsche Geschichte hatte, die Entwicklungen, die sie in Gang gesetzt hat, und der Erfolg ihrer Grundprinzipien deutlich über den Horizont der Lutherischen Tradition hinaus machen deutlich, dass es sich hierbei um ein Ereignis handelt, dessen Nachhall nicht nur die Katholische Kirche unweigerlich einschließen muss, sondern die auch alle anderen am Dialog beteiligten Personen und Gruppen herausfordert, ebenfalls ihren je eigenen Beitrag zur Erinnerungskultur des Reformationsjubiläums beizusteuern.

Dass ein solcher Beitrag aus den Reihen der Bahá'í-Gemeinde kommt, mag zunächst überraschen, doch ist es sicher nicht übertrieben, zu behaupten, dass auch die Bahá'í bereits in ihren Anfängen maßgeblich an dem jahrhundertealten Austausch über Wesen und Inhalt des Christlichen Glaubens partizipierten. Sie haben sich dabei nicht immer nur Freunde gemacht und lange Zeit war das Verhältnis der Evangelischen Kirchen zur Bahá'í-Gemeinde eisig und von aggressiver Apologetik begleitet. In den letzten Jahrzehnten hat sich dieses Bild jedoch grundlegend gewandelt und an vielen Stellen zeigt sich mittlerweile, dass auch die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, die lange Zeit maßgeblich als Produzentin und Verlegerin apologetischer Literatur auftrat, ihr Verhältnis zu den Bahá'í bereinigt hat. Exemplarisch hierfür steht eine Publikation vom Winter 2014 (EZW-Texte 233), an der neben christlichen Theologen und Religionswissenschaftlern mit Armin Eschraghi und Ulrich Gollmer auch zwei Bahá'í-Gelehrte beteiligt waren.

Im Gegenzug hat allerdings seit frühester Zeit keine explizite Beschäftigung der Bahá'í-Religion mit den Evangelischen Kirchen und der Reformation stattgefunden, sicherlich auch, weil jeder Versuch, die Reformation aus Bahá'í-Sicht zu würdigen, automatisch auch eine Wertung einschließt. Dass eine mögliche negative Bewertung der Reformation das interreligiöse Gespräch gewiss belastet hätte, liegt auf der Hand. Inzwischen sind die Beziehungen allerdings weit genug gefestigt, dass ein solcher Versuch respektvoll und auf Augenhöhe erfolgen kann. Dieser Aufsatz soll diejenigen Zitate aus dem Schrifttum der Bahá'í, die sich implizit oder explizit mit der Reformation befassen, zusammenstellen, kommentieren und dadurch eine Bewertung des Reformationsgeschehens aus einer Bahá'í-Perspektive ermöglichen.

Allein durch die Schrift

In diesem Zusammenhang ist zunächst auf das Schriftverständnis sowohl der Bahá'í-Religion als auch der Kirchen der Reformation einzugehen, denn Luther, Calvin und andere fochten die Autorität der Römischen Kirche auf Basis der Schrift selbst an. Zentraler Kern der Schriftlehre der Reformationszeit war die zentrale und alleinige Autorität, die der Schrift im Leben der Kirche Jesu Christi zukommen sollte. Diese zentrale Rolle und Autorität der Heiligen Schrift kann die Bahá'í-Lehre unumwunden bejahen. Dies gilt für die Bibel ebenso wie für alle anderen Heiligen Schriften der Religionsgeschichte, nicht zuletzt die Schriften ihres eigenen Stifters.

Dieses Buch ist das Heilige Buch Gottes, ein Buch der himmlischen Eingebung. Es ist die Bibel der Erlösung, das erhabene Evangelium. Es ist das Geheimnis des Königreiches und sein Licht. Es ist die göttliche Gnadengabe, das Zeichen der Führung Gottes.

Zusätzlich zu der allgemeinen theologischen Bewertung der Bibel durch die Bahá'í-Autoritäten ist jedoch gerade im Gespräch mit dem Protestantismus ein weiteres wesentliches Kriterium ihres Schriftverständnisses zu nennen, nämlich die absolute Beschränkung bindender Autorität an den Wortlaut der Heiligen Schrift und damit gleichermaßen auch den Ausschluss jeglicher Traditionsbildung, wie sie in der frühen Kirche einsetzte und schließlich dazu führte, dass zahlreiche biblische Erzählungen durch apokryphe Stoffe und deren Rezeption innerhalb der Kirchenväterliteratur überlagert und überformt wurden. Der Lutheraner Philipp Melanchthon beschrieb dieses Erfordernis seinerzeit folgendermaßen:

In Glaubensfragen haben die Päpste, die Konzilien und die gesamte Kirche kein Recht, etwas zu verändern oder festzulegen, sondern die Artikel des Glaubens müssen schlicht und einfach an der Vorschrift der Heiligen Schrift überprüft werden.

Eine gleichermaßen radikale Anwendung des reformatorischen Grundsatzes sola scriptura auf die Bahá'í-Literatur war seit frühester Zeit auch Bestandteil der Schriftenlehre Bahá'u'lláhs. Shoghi Effendi fasst die Erfordernisse der Bahá'í-Lehre in Bezug auf den Ausschluss solcher Traditionen wie folgt zusammen:

Gemäß der Lehren Bahá'u'lláhs kann bloßem Hörensagen keinerlei Autorität beigemessen werden, ganz gleich, von wem es geäußert worden sein mag. Die Tafeln, die das Siegel oder die Unterschrift Bahá'u'lláhs oder des Meisters [oder des Hüters oder des Universalen Hauses der Gerechtigkeit] tragen, sind die einzigen Teile der Bahá'í-Literatur, die überhaupt irgendeine Verbindlichkeit haben und daher die Grundlage unseres Glaubens bilden. Alle anderen Formen von Literatur mögen interessante Dinge ansprechen, doch können sie deswegen allein nicht als authentisch betrachtet werden.

Es ist daher (trotzdessen, dass diese Aussage sich zunächst primär auf die islamische, nicht die christliche Traditionsliteratur bezieht) eindeutig, dass zahlreiche Traditionen der Katholischen Kirche, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben und für die es keinen klaren Anhaltspunkt in der Heiligen Schrift selbst gibt, von den Bahá'í ebenfalls nicht anerkannt werden können.

„Auf diesem Felsen“ - Papstamt und Kirchenverfassung

Mit diesem grundlegenden Ansatz vor Augen erschließt sich nun das Bahá'í-Verständnis der Kirchengeschichte und der Prozesse, die schließlich zur Reformation und der Gründung der Lutherischen und Reformierten Kirchen führten. Diese ist untrennbar mit der Frage nach der Stellung Petri verbunden. Sowohl ‘Abdu’l-Bahá als auch Shoghi Effendi zitieren verschiedentlich Jesu Ausspruch „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will Ich Meine Kirche bauen.“ Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie sämtliche Schlüsse akzeptieren würden, die die Katholische Kirche daraus gezogen hat und immer noch zieht. Zwar ist dieses Ereignis unzweifelhaft eine „Auserwählung des Petrus zu besonderer Ehre“, wie ‘Abdu’l-Bahá es ausdrückt, doch ist weder eindeutig umrissen, worin diese Auserwählung bestehen sollte, noch welche praktischen Auswirkungen sich daraus ergeben würden. Für 'Abdu'l-Bahá ist die Erwiderung an Petrus „eine Bestätigung der Treue Petri.“ „Diese Äußerung sollte auf den Glauben Petri verweisen und bedeutete: Dein Glaube, o Petrus, ist wahrlich der Grundstein und eine Botschaft der Einheit für die Völker; er soll zum einigenden Band für die Menschenherzen werden und zur Grundlage für die Einheit der Menschenwelt.“ Petrus ist das „schützende Tabernakel des Christentums“, unter dem Christus die Völker versammelte. Demnach sollte er jedem Gläubigen als Vorbild und Rechtleitung dienen, wie ‘Abdu’l-Bahá an anderer Stelle bestätigt: „Des Menschen Verhalten muss wie das von Paulus sein, des Menschen Glaube wie der von Petrus.“

Was jedoch bei alledem nicht ausgesagt wird, ist eine besonders institutionalisierte Rolle Petri in der urchristlichen Gemeinde. ‘Abdu’l-Bahá erklärt, dass Jesus „keinen Mittelpunkt des Bündnisses“ ernannt habe. Die Rolle, die 'Abdu'l-Bahá selbst im Testament Bahá’u’lláhs zugedacht worden war, wird in der Bahá’í-Literatur für gewöhnlich als absolut singuläre Erscheinung der Religionsgeschichte dargestellt, insbesondere auch im Kontrast zum Christentum und zum Islam, die beide an inneren Streitigkeiten zerbrachen. Bahá’u’lláh wollte durch die Berufung seines eigenen Sohnes die Einheit der Bahá’í-Gemeinde erhalten und eine Anlaufstelle schaffen, die bei internen Streitigkeiten vermitteln und verbindlich entscheiden können sollte. So hatte er bereits in seinem ‚Heiligsten Buch’ verkündet: „Wenn das Meer Meiner Gegenwart verebbt, und das Buch Meiner Offenbarung abgeschlossen ist, wendet euer Angesicht Ihm zu, den Gott bestimmt hat,“ und „legt alles, was ihr im Buche nicht versteht, Ihm vor, der aus diesem mächtigen Stamm entspross.“ Bahá’u’lláh begründet hiermit tatsächlich ein einzigartiges Amt, denn er begrenzte schon zu seinen eigenen Lebzeiten die verbindliche Schriftauslegung auf eine einzelne Person, die er direkt in seine Nachfolge berief und ausdrücklich mit den entsprechenden Kompetenzen ausstattete. Es ist daher nur logisch und folgerichtig, dass ‘Abdu’l-Bahá, wenn er über Petrus spricht, auf das Testament Bahá’u’lláhs direkt Bezug nimmt:

Christus ernannte keinen Mittelpunkt des Bündnisses. Er sagte Seinen Anhängern nicht: „Gehorcht dem, den Ich erwählt habe!“ Einmal fragte Er Seine Jünger: „Wer sagen die Menschen, dass Ich sei?“ Simon Petrus antwortete und sprach: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Christus sprach im Bestreben, den Glauben Petri zu festigen: „Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will Ich meine Kirche bauen“, und meinte damit, dass der Glaube Petri der wahre Glaube war. Es war eine Bestätigung der Treue Petri. Er sagte nicht, dass alle sich Petrus zuwenden sollten. Er sagte nicht: „Er ist der Ast, der dieser Urewigen Wurzel entspross.“ Er sagte nicht: „O Gott! Segne alle, die Petrus dienen. O Gott! Erniedrige, die ihm nicht gehorchen. Meidet die Bündnisbrecher. O Gott! Du bist es gewiss, dass Ich liebe, die standhaft sind in Deinem Bund.“

Auch Shoghi Effendi geht auf diese ‚Mängel’ der Nachfolge Jesu dezidiert ein und relativiert in gewisser Hinsicht die sehr grundsätzlichen Aussagen ‘Abdu’l-Bahás, indem er deutlich trennt zwischen der Führungsrolle innerhalb des Jüngerkreises, die Petrus als Vorbild im Glauben und somit natürliche Autoritätsperson sicherlich gehabt habe, und der Schaffung spezieller Institutionen, deren Rolle innerhalb der Gemeindeordnung so detailreich festgelegt worden wäre, dass es keinen Raum für Uneinigkeit gegeben hätte.

Was den Ausspruch Jesu Christi ‚Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will Ich Meine Kirche bauen’ betrifft; dieser Spruch begründet ohne jeden Zweifel die Vorrangstellung Petri und ebenso den Grundsatz der Nachfolge, doch ist er nicht ausdrücklich genug, was die Wesensart und Funktionsweise der Kirche selbst anbetrifft. Die Katholiken haben zu viel in diesen Ausspruch hineingelesen, und leiteten von diesem gewisse Schlussfolgerungen ab, die überhaupt nicht zu rechtfertigen sind.

Dabei sei außerdem zu beachten, dass die Nachfolgeregelung bereits zu Jesu Lebzeiten getroffen worden sei, es jedoch kein geschriebenes Testament und somit keine schriftliche Festlegung dessen gegeben habe, was mit dieser Auserwählung Petri an Aufgaben und Privilegien einhergehen sollte. Auch beschreibt Shoghi Effendi ausführlich, welche Institutionen und Regelungen (aus der Organisationsstruktur der Bahá’í-Gemeindeordnung) dem frühen Christentum gefehlt hätten, um seine innere Einheit zu bewahren und Spaltungen zu verhindern.

Niemand wird, meine ich, die Tatsache anzweifeln, dass der Hauptgrund, warum die Einheit der Kirche Christi auf nicht wieder gut zu machende Weise erschüttert und ihr Einfluss im Laufe der Zeit untergraben wurde, darin liegt, dass das Bauwerk, das die Kirchenväter nach dem Hinscheiden Seines Ersten Apostels errichtet hatten, nicht auf Christi eigenen und ausdrücklichen Weisungen ruhte. Die Amtsgewalt und die Merkmale ihrer Verwaltung sind nur gefolgert und mittelbar, mehr oder minder berechtigt, aus einigen ungenauen, bruchstückhaften Hinweisen abgeleitet, die sie unter Seinen im Evangelium aufgezeichneten Worten verstreut fanden. ... Nichts davon hat Christus geschaffen, noch hat Er eine dieser Institutionen besonders mit der hinreichenden Vollmacht belehnt, Sein Wort auszulegen oder dem, was Er nicht ausdrücklich geboten hat, etwas hinzuzufügen.

Darüber hinaus ergänzt Shoghi Effendi an anderer Stelle, dass auch die Grundlagen der Verwaltungsstruktur der Kirche bereits ohne Anhaltspunkt in der Heiligen Schrift dastünden, da „die Kirchen Griechenlands und Asiens mit der Institution der Provinzialsynoden den repräsentativen Beratungsgremien ihrer Länder ein Verwaltungsmodell entlehnten“ und somit das Modell der Kirchenverwaltung als eine unrechtmäßige Übertragung weltlicher Institutionen auf den religiösen Bereich zu verstehen sei.

Die fehlende Verbindlichkeit und Begründbarkeit der kirchlichen Verwaltungsordnung sehen sowohl 'Abdu'l-Bahá als auch Shoghi Effendi als einen der elementaren Mängel der christlichen Kirche an. Es gab keine geschriebene Verfassung der Kirche, keine Urkunde, die die Privilegien und Pflichten ihrer Organe und Amtsträger geregelt hätte. So erhoben sich „nach der Himmelfahrt Christi … viele, die maßgeblich daran beteiligt waren, Gruppenbildungen, Spaltungen und theologische Streitigkeiten zu verursachen. Es wurde immer schwieriger, zu wissen, wer dem wahren Pfad folgte.“

Dennoch bleibt ein wesentliches Postulat der Bahá'í-Lehre auch für das Christentum bestehen und wird als Bewertungskriterium an die frühe Kirchengeschichte angelegt: Die Einheit der Offenbarung. Bahá'u'lláh war alles zuwider, was zu Streit und Uneinigkeit führte. In mehreren seiner Sendschreiben verbot er ausdrücklich und in scharfen Worten jede Art von Spaltung.

Das Erhabenste Wesen spricht: O ihr Menschenkinder! Der Hauptzweck, der den Glauben Gottes und Seine Religion beseelt, ist, das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegen. Lasst sie nicht zur Quelle der Uneinigkeit und der Zwietracht, des Hasses und der Feindschaft werden. Dies ist der gerade Pfad, die feste, unverrückbare Grundlage.

Bahá'u'lláh erteilt in seinen Schriften dem religiösen Fanatismus und der Fixierung auf die eigenen Überzeugungen, die sich insbesondere in widerstreitenden Wahrheitsansprüchen äußert, eine klare Absage. Stattdessen sollen sich die Menschen in Bescheidenheit und Demut üben. Dem Instrument der Beratung, das Bahá'u'lláh in seinen Schriften als Mittel gegen Streitigkeiten und Spaltung installiert, kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu. Sie ist nicht nur ein Mittel der Streitschlichtung, sondern Grundkonstante des zwischenmenschlichen Umgangs, die in allen Fragen eingehalten werden soll. Insbesondere ist sie aber auch ein Mittel der religiösen Wahrheitsfindung.

Es ist daher vor diesem Hintergrund offensichtlich, dass die Kirchengeschichte mit ihren zahlreichen Spaltungen nicht die Zustimmung der Bahá'í-Autoritäten findet. Im Gegenteil halten sie diese für äußerst katastrophal. Die „Einheit der Kirche Christi“ sei demnach „auf nicht wieder gut zu machende Art und Weise erschüttert und ihr Einfluss im Laufe der Zeit untergraben“ worden.

Nach der Himmelfahrt Christi erhoben sich zahllose Sekten und Gruppierungen, die alle behaupteten, der wahre Pfad des Christentums zu sein, aber keine von ihnen besaß eine schriftliche Vollmacht Christi; niemand konnte sich direkt auf Ihn berufen; dennoch erhoben sie alle den Anspruch, von Ihm bestätigt worden zu sein.

Nach der Himmelfahrt Christi erschienen viele, die maßgeblich daran beteiligt waren, Gruppenbildungen, Spaltungen und theologische Streitigkeiten zu verursachen. Es wurde immer schwieriger, zu wissen, wer dem wahren Pfad folgte. ... Da es keinen berufenen Ausleger des Evangeliums gab, erhob jeder einzelne den Anspruch, zu sagen: „Dies ist der wahre Pfad und alle anderen gehen in die Irre.“


Angesichts der Tatsache, dass es sich bei all diesen frühen Debatten und Glaubensspaltungen um solche der höheren Theologie und Christologie, also um „solche theologischen Abhandlungen und Kommentare“ handelte, die, in den Worten Shoghi Effendis, „unergiebige Ausflüge in metaphysische Haarspaltereien“ darstellten, die „den Menschengeist eher belasten als ihm helfen, zur Wahrheit zu gelangen“, ist es verständlich, dass Bahá'u'lláh und später Shoghi Effendi sich mit dem Konzept akademischer theologischer Studien schwer taten und einen Stand von Schriftgelehrten innerhalb der Bahá'í-Religion rigoros ablehnten. Theologische Auseinandersetzungen geraten zu leicht zu „eitlen Disputationen“. Die nicht ohne Grund sprichwörtlich gewordene superbia theologorum kann somit sowohl zur Bildung orthodoxer und heterodoxer Strömungen innerhalb der Kirche als auch zu ihrem schlussendlichen Auseinanderfallen durch Schismen und Spaltungen beitragen.

Ein solches Ergebnis sollte in der Bahá'í-Gemeindeordnung durch das 'Haus der Gerechtigkeit' vermieden werden, das „ außer seiner Funktion als Gesetzgeber mit den allgemeineren Aufgaben des Schutzes und der Verwaltung der Sache … sowie mit der Lösung unklarer Fragen und der Entscheidung über Angelegenheiten, die zu Meinungsverschiedenheiten geführt haben“ betraut worden ist. Abdu'l-Bahá erklärt diesen Prozess in einem Sendschreiben wie folgt:

Heute obliegt dieser Prozess der Ableitung allein der Körperschaft des Hauses der Gerechtigkeit. Ableitungen und Schlussfolgerungen einzelner Theologen sind nicht verbindlich, es sei denn, das Haus der Gerechtigkeit bestätigt sie. Der klare Unterschied ist dass Schlussfolgerungen und Bestätigungen der Körperschaft des Hauses der Gerechtigkeit, deren Mitglieder von der weltweiten Bahá'í-Gemeinde gewählt und ihr bekannt sind, nicht zum Meinungsstreit führen, während Schlussfolgerungen einzelner Theologen unweigerlich Konflikte zur Folge haben und in Spaltung und Zersplitterung enden. Die Einheit des Wortes ginge verloren, die Einheit des Glaubens wäre dahin und das Gebäude des Gottesglaubens erschüttert.

Das Universale Haus der Gerechtigkeit ist also nicht dafür zuständig, neue theologische Lehre zu formulieren, wohl aber, die Gemeinde auch in theologischen Fragen vor Spaltung zu bewahren und in dieser Funktion auch Erklärungen zum Inhalt und zur Bedeutung der Glaubenslehren abzugeben. Seine derart formulierte eigene Sichtweise in einer theologischen Debatte innerhalb der Gemeinde stellt es gelegentlich als im Englischen so bezeichnete ‚elucidations’ zur Verfügung, wobei es sich hierbei ausdrücklich nicht um verbindliche Auslegungen handelt, sondern um die „Lösung unklarer Fragen“ sowie die „Entscheidung über Angelegenheiten, die zu Meinungsverschiedenheiten geführt haben“. Dadurch strahlen die Äußerungen des Universalen Hauses der Gerechtigkeit eine besondere Autorität aus und werden innerhalb der Bahá'í-Gemeinde in aller Regel als verbindliches und abschließendes Urteil in theologischen Auseinandersetzungen akzeptiert, obgleich sie nicht im eigentlichen Sinne „enthüllen, was der Heilige Text bedeutet“.

Da die christliche Kirche weder über eine verbindliche Auslegungsinstanz noch über eine Einrichtung wie das Haus der Gerechtigkeit verfügte, kam es schließlich dazu, dass die Einheit der Kirche und der Christenheit über unterschiedlichste theologische Detailfragen verloren ging, sodass sich zahlreiche voneinander unabhängige Konfessionen etablieren konnten, die sich alle gegenseitig verwarfen:

Da es keinen berufenen Ausleger des Evangeliums gab, erhob jeder einzelne den Anspruch, zu sagen: ‚Dies ist der wahre Pfad und alle anderen gehen in die Irre.“

In der Religion Gottes entstanden Spaltungen und es wurde unmöglich, zu wissen, wer dem wahren Pfad folgte, da es keinen berufenen Nachfolger Christi gab, auf den sich Christus bezogen hätte, keinen Nachfolger, dessen Worte den geraden Pfad gewiesen hätten.


Martin Luther und die Reformation

Entsprechend der allgemeinen Beurteilung der Kirchenspaltungen der Spätantike und ihrer Ursachen und Konsequenzen wäre es demnach folgerichtig, zu erwarten, dass auch die Reformatoren eine ähnliche Wertung erfahren würden. Zunächst ist hier jedoch ein Blick auf die Katholische Mutterkirche und ihre weitere Entwicklung angebracht. Denn ebenfalls ein wesentliches Element des Offenbarungsverständnisses der Bahá'í ist, dass jede Religion nach ihrem Aufblühen auch unweigerlich einem Niedergang anheimfallen muss. Diese Entwicklung macht auch vor der Kirche Jesu Christi nicht halt, wie 'Abdu'l-Bahá bestätigt:

Am Anfang stand der Baum in seiner ganzen Schönheit, bedeckt mit Blüten und Früchten; endlich aber wurde er alt, trug keine Früchte mehr und verdorrte und moderte. Darum pflanzt der wahre Gärtner wiederum einen unvergleichlichen jungen Baum derselben Gattung und Art, der Tag für Tag wächst und sich entfaltet, im göttlichen Garten weithin Schatten spendet und köstliche Früchte hervorbringt. Ebenso ist es mit den Religionen: Im Laufe der Zeiten verändern sich ihre ursprünglichen Grundsätze, die Wahrheit der Religion Gottes geht ganz verloren und ihr Geist entflieht; Irrlehren treten auf, und sie wird zu einem Körper ohne Seele. Dies ist der Grund für ihre Erneuerung. … Bedenke noch einmal, wie sehr die Grundlagen der Religion Christi in Vergessenheit geraten und wie viele Irrlehren in sie eingedrungen sind. Zum Beispiel verbot Christus Gewalt und Rache; überdies gebot Er, Unrecht und Böses mit Güte und Verzeihung zu erwidern. Denke nun darüber nach, wie viele blutige Kriege die christlichen Völker unter sich geführt haben, und wie viel Unterdrückung, Grausamkeit, Rohheit und Blutgier sich ergeben hat! Viele dieser Kriege wurden auf Veranlassung der Päpste geführt. Somit ist es klar und offenkundig, dass die Religionen sich im Laufe der Zeit völlig ändern und wandeln. Deshalb werden sie erneuert.

Shoghi Effendi geht in einem Sendschreiben ausführlicher auf die Stellen ein, an denen in seinem Urteil Irrlehren und Niedergang in der Katholischen Kirche Einzug gehalten haben.

Keines der kirchlichen Sakramente, keiner der Riten und keine der Zeremonien, welche die Kirchenväter kunstvoll ausgearbeitet und prunkvoll zelebriert haben, keine der Maßregeln harter Zucht, die sie den einfachen Christen unerbittlich auferlegten - nichts davon beruht unmittelbar auf der Vollmacht Christi oder ging von Seinen ausdrücklichen Worten aus.

Zusammengefasst sind also die Irrlehren, von denen 'Abdu'l-Bahá spricht, im Wesentlichen Abweichungen von Text und Geist des Evangeliums sowie die spätere Hinzufügung von Ritualen und Geboten zur christlichen Lehre, die sich aus dem Evangelientext heraus nicht rechtfertigen lassen.

Fünfzehn Jahrhunderte nach Christus wandte sich Luther, ... der Begründer des protestantischen Glaubens, gegen den Papst, und zwar wegen gewisser Lehraussagen wie des Eheverbots für Mönche, des verehrungsvollen Niederbeugens vor den Bildern von Aposteln und christlichen Führern der Vergangenheit sowie wegen verschiedener anderer religiöser Praktiken und Bräuche, die den Geboten des Evangeliums hinzugefügt worden waren.

'Abdu'l-Bahá sieht in diesen angesprochenen Irrlehren den Kern der Kritik Martin Luthers an der Katholischen Kirche, wobei zu ergänzen wäre, dass Luther lediglich die ausufernde Heiligenverehrung und die mit ihr verbundene Reliquienverehrung kritisierte, während das den Bahá'í viel näher stehende konsequente Beharren auf dem biblischen Bilderverbot ein besonderes Anliegen Calvins war. Auch wenn gemäß 'Abdu'l-Bahás Darstellung der Auseinandersetzung Luthers mit den Lehren der Katholischen Kirche und seiner Konflikte mit dem Papst „nicht klar wurde, welche Zielvorstellung jenen Mann vorantrieb oder wozu er neigte“, werden seine Kritikpunkte doch als absolut berechtigt angesehen.

Dass es sich bei den behandelten Streitpunkten auch nach dem Bahá'í-Verständnis um spätere Hinzufügungen zu den Geboten Jesu handelt, wird noch deutlicher, wenn man Shoghi Effendis Versicherung hinzuzieht, dass sich „Stimmen des Protests erhoben gegen eine selbsternannte Amtsgewalt, die sich Vorrechte und Vollmachten, welche nicht aus dem klaren Text des Evangeliums Jesu Christi hervorgingen, anmaßte und damit eine schwerwiegende Abweichung vom Geist dieses Evangeliums darstellte“. In beiden Fällen werden die erwähnten Abweichungen als Tatsachen geschildert, die keiner weiteren Erörterung bedürfen. Im Gegenteil schließt sich Shoghi Effendi ausdrücklich der Kritik der Reformatoren an, wenn er schreibt:

Mit aller Macht und vollem Recht führten diese Stimmen des Protestes aus, die kanonischen Schriften, wie sie von den Kirchenkonzilien verkündet wurden, seien keine gottgegebenen Gesetze, vielmehr nur menschliche Vorkehrungen, die nicht einmal auf tatsächlichen Äußerungen Jesu beruhten. Ihre Beweisführung kreiste um die Tatsache, dass die ungenauen, kaum beweiskräftigen Worte Christi an Petrus: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will Ich Meine Kirche bauen“, niemals die extremen Zwangsmittel, das kunstvolle Zeremoniell, die einengenden Dogmen und Glaubenssätze rechtfertigen könnten, mit denen Seine Nachfolger Schritt für Schritt Seinen Glauben überbürdet und verfinstert haben.

In diesem Zusammenhang schließt sich Shoghi Effendi auch weiteren dezidiert protestantischen Argumentationen an, denn auch die Siebenzahl der Sakramente, die die Katholische Kirche vertritt, ist nach Luthers Ansicht nicht biblisch begründbar. Martin Luther und Shoghi Effendi stimmen darin überein, dass lediglich ausdrücklich von Jesus eingesetzte Sakramente als solche bezeichnet und behandelt werden sollten.

In Bezug auf die von Jesus eingesetzten Sakramente und Zeremonien würde der Hüter vorschlagen, dass Sie herausstellen sollten, dass Jesus, soweit es im Evangelium aufgezeichnet ist, lediglich zwei Sakramente selbst gestiftet hat. Unser Wissen über Jesu Leben und seine Lehren ist sehr fragmentarisch und so wäre es zutreffender, wenn sie erklären würden, dass diese Sakramente die einzigen sind, die im Evangelium schriftlich niedergelegt wurden, und dass sie nicht die einzigen sein könnten.

Die hier vorgenommene Einschränkung hält zwar den Weg des Dialogs offen, ist aber nicht zuletzt auch dem Bibelverständnis der Bahá'í geschuldet, die nur das als authentisches Jesuswort anerkennen, was von Bahá'u'lláh oder Abdu'l-Bahá als solches bestätigt worden ist. Andere Sakramente wie die Ehe, die als heilige Institution betrachtet wird, tauchen in den Bahá'í-Schriften zwar auf, werden jedoch als einfache Gebote behandelt, so wie auch Luther die Ehe als “ein weltlich Ding” betrachtete. Das von Bahá'u'lláh erwähnte Verbot der Ehescheidung ist für ihn in erster Linie eine rechtliche Frage. Die anderen Sakramente wie die Priesterweihe, die Salbung und ganz besonders die Beichte, die Bahá'u'lláh im Gegensatz zu Luther konsequent ablehnt, werden im Zusammenhang mit Jesus nicht thematisiert und die Sakramente folglich nicht als solche anerkannt.

In gleicher Weise wie Luther hat auch Bahá'u'lláh in seinem Kitáb-i-Aqdas einige wesentliche Lehren und Praktiken der Katholischen Kirche verworfen. Shoghi Effendi bringt dies besonders mit der Abschaffung des Priestertums in der Bahá'í-Religion in Zusammenhang, wenn er schreibt:

Auch sollten wir uns bewusst sein, dass das Unterscheidungsmerkmal der Bahá'í-Offenbarung nicht allein in der Vollständigkeit und der unzweifelhaften Rechtsgültigkeit des Glaubenssystems besteht, das Bahá'u'lláh und 'Abdu'l-Bahá mit ihren Lehren begründet haben. Ihre Vortrefflichkeit liegt auch in der Tatsache des wirksamen Ausschlusses solcher Elemente, die in vergangenen Sendungen ohne die geringste Vollmacht der jeweiligen Religionsstifter Quelle des Verderbs waren und dem Glauben Gottes unabsehbaren Schaden zufügten. Durch den klaren Text der Schriften Bahá'u'lláhs sind sie beseitigt worden. Unberechtigte Bräuche in Verbindung mit dem Sakrament der Taufe, dem Abendmahl, der Beichte, der Askese, der Priesterherrschaft, kunstvollem Zeremoniell, dem heiligen Krieg … sind allesamt durch die Feder Bahá'u'lláhs streng untersagt worden. Andererseits sind gewisse Vorschriften wie das Fasten, die für das Glaubensleben des einzelnen unerlässlich sind, in ihrer Strenge beträchtlich gemildert worden.

Es fällt auf, dass die wesentlichen Veränderungen, die Shoghi Effendi in Bezug auf die Bahá'í-Religion hervorhebt, auch immer wieder in seinen Ausführungen bezüglich des Reformationsgeschehens auftauchen. So sind zum Beispiel die „Aufhebung des berufsmäßigen Priestertums und … das vollkommene Fehlen bischöflicher Autorität mit den sie begleitenden Privilegien, Entstellungen und verbeamtenden Tendenzen“ durch Luthers Lehre vom Priestertum aller Gläubigen bereits im Wesentlichen vorgezeichnet. Luther selbst bestritt die Notwendigkeit einer Vermittlungsinstanz in Form des Priestertums zwischen Gott, Christus und den Gläubigen auf Basis seiner Gnadenlehre (sola gratia):

Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied dann des Amts halben allein. ... Demnach so werden wir allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht. ... Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben.

Die Bahá'í schätzen den Ansatz des Priestertums aller Gläubigen hoch, entstanden doch auch sie im Ursprung als reformatorische Bewegung innerhalb des Islams und hatten sie gegen die Erstarrtheit des schiitischen Klerus anzukämpfen, der die Gläubigen in Abhängigkeit hielt. Die Abhängigkeit der Masse der Gläubigen ist auch der maßgeblich Punkt, der dazu führte, dass das Priestertum innerhalb der sich entwickelnden Bahá'í-Religion in Aufnahme und Erweiterung des reformatorischen Anliegens schließlich gänzlich aufgehoben wurde. Shoghi Effendi beschrieb die Erfordernisse eines solcherart radikalisierten Priestertums aller Gläubigen folgendermaßen:

Bahá'u'lláh hat den Bahá'í die heilige Pflicht des Lehrens auferlegt. Wir haben keine Priester, deshalb wird von jedem einzelnen Bahá'í erwartet, dass er persönlich seiner Religion den Dienst erweist, den früher die Priester in ihren Religionen geleistet haben. Er muss neue Seelen erleuchten, sie bestärken, die auf dem Lebensweg Verwundeten und Ermüdeten heilen und ihnen aus dem Kelch ewigen Lebens zu trinken geben: das Wissen von der Manifestation Gottes an Seinem Tage.

Es ist daher nicht abwegig, zu behaupten, Luther habe einige wesentliche Kritikpunkte der Bahá'í an der Entwicklung der christlichen Religion bereits vorweggenommen, denn „nichts“ von dem, was Luther und Bahá'u'lláh kritisierten, habe „Christus geschaffen“, sodass den Reformatoren letztendlich das Privileg zukommt, im Gegensatz zu den Spaltern der Vergangenheit auf berechtigter Grundlage ebenso berechtigte Zweifel an der Entwicklung zur Sprache gebracht zu haben, die die Katholische Kirche genommen hatte.

Der Beitrag, den die Reformation wirklich geleistet hat, ist, das Gebäude, das die Kirchenväter sich selbst errichtet hatten, ernsthaft herausgefordert und teilweise ins Wanken gebracht und den gänzlich menschlichen Ursprung der kunstvoll ausgearbeiteten Lehren, Zeremonien und Institutionen entlarvt zu haben, die sie ersonnen hatten. Die Reformation war eine notwendige Infragestellung der menschengemachten Struktur der Kirche, und als solche ein Fortschritt.

So berechtigt die Anliegen Luthers jedoch gewesen sein mögen, und so wenig die Bewertung seines Anliegens derjenigen früherer Kirchenspaltungen entspricht, kann dies dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Reformation zu einer erneuten Kirchenspaltung führte. Es wäre aus Bahá‘í-Sicht sicherlich eher im Sinne der Einheit der christlichen Gemeinde gewesen, die Streitigkeiten kirchenintern zu lösen und dabei auf das Modell der Beratung zurückzugreifen. Dies wurde vor allem durch den Widerstand der Papstkirche gegen eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Thesen Luthers unmöglich gemacht, denn Luther selbst hatte mehrmals ausdrücklich erklärt, seine Thesen vor einem Konzil vortragen und sich dessen Urteil beugen zu wollen. So muss denn die durch die Reformation Martin Luthers eingeleitete Kirchenspaltung als ein bedauernswertes Ereignis betrachtet werden, in dem Sinne, dass hierdurch die Einheit der Christenheit schwer geschädigt wurde, kann aber nicht primär ihrem Urheber angelastet werden, sondern liegt vielmehr in den Machtstrukturen der Kirche selbst begründet.

Eine negative Wertung der Reformation verbietet sich daher aus einem ganz entscheidenden Grund: Es gab in der christlichen Kirche vom Bahá‘í-Standpunkt aus keine Institution, die in der Lage oder befugt gewesen wäre, solche theologischen Streitigkeiten zu schlichten und die Einheit der Kirche Christi zu bewahren. Shoghi Effendi lässt keinen Zweifel daran, dass die Entwicklung, die das Christentum in späterer Zeit nahm, zum einen darauf beruhte, dass die Lehren der Katholischen Kirche zu einem guten Teil nicht biblisch verankert waren und zum anderen darauf, dass die Kirche selbst in ihrer konkreten Form bereits ein ungerechtfertigtes Hilfskonstrukt darstellte:

Wäre es den Kirchenvätern, deren ungerechtfertigte Autorität so von allen Seiten heftig angegangen wurde, möglich gewesen, die auf ihr Haupt gehäuften Anklagen dadurch zu widerlegen, dass sie bestimmte Äußerungen Christi zur künftigen Verwaltung Seiner Kirche oder zum Wesen der Amtsmacht Seiner Nachfolger hätten anführen können, dann wären sie sicherlich in der Lage gewesen, die Flammen des Streites zu löschen und die Einheit der Christenheit zu erhalten. Das Evangelium aber, die einzige Schatzkammer der Äußerungen Christi, bot den gequälten Kirchenführern keinen derartigen Schutz. Hilflos standen sie dem unbarmherzigen Angriff ihrer Feinde gegenüber, und schließlich mussten sie sich den Kräften der Spaltung, die in ihre Reihen eindrangen, beugen.

'Abdu'l-Bahá konkretisiert diese allgemeinen Äußerungen noch mit explizitem Rekurs auf Martin Luther:

Obwohl zu jener Zeit die Macht des Papstes so groß war und er mit solcher Ehrfurcht behandelt wurde, dass die Könige Europas vor ihm zitterten und bebten, obwohl der Papst alle wichtigen Belange Europas kontrollierend im Griff hielt, haben doch in den letzten 400 Jahren die Mehrheit der Bevölkerung Amerikas, vier Fünftel von Deutschland und England und ein großer Prozentsatz von Österreichern, alles in allem etwa hundertfünfundzwanzig Millionen Menschen, andere christliche Bekenntnisse verlassen und sind in die protestantische Kirche eingetreten, weil Luthers Einstellung in der Frage der Freiheit von Religionsführern zur Heirat, in seiner Abkehr von der Anbetung und vom Niederknien vor Bildern und Heiligenfiguren, die in Kirchen hingen, und in der Abschaffung von Zeremonien, die dem Evangelium beigefügt worden waren, nachweislich richtig war, ferner weil die richtigen Mittel ergriffen wurden, seine Ansichten zu verbreiten.

Die Schuld an der durch Luther eingeleiteten Kirchenspaltung ist also keinesfalls allein bei ihm und seinen Anhängern zu suchen, denn die Amtsanmaßung der 'Kirchenväter' machte diese Protestbewegung sowohl möglich als auch nötig. Nicht umsonst beschreibt Shoghi Effendi die Reformation als „notwendige Infragestellung der menschengemachten Struktur der Kirche“. Die Reformation war notwendig, um der Kirche ihre Abweichung vom Evangelium bewusst zu machen und sie auf den Weg der Umkehr zu führen, die mit der Gegenreformation und dem Zweiten Vatikanischen Konzil schlussendlich auch einsetzte. Dies schmälert jedoch im Gegenzug, wie Shoghi Effendi klarstellt, nichts an der Achtung und Wertschätzung, die die Bahá’í auch der Katholischen Kirche entgegenbringen.

Der Hüter stimmt mit Ihnen überein, dass die Bahá'í sehr vorsichtig sein sollten, nicht die Kirche zu kritisieren oder gar anzugreifen. Da wir glauben, dass die Römisch-Katholische Kirche, wenn Sie so wollen, die Erbin der Lehren Christi in direkter Linie ist, wenngleich sie durch menschengemachte Dogmen entstellt worden sein mag, wäre es uns gewiss kein Gewinn, ihr Feindschaft entgegenzubringen.

Denn so deutlich auch die Worte gegenüber Katholiken und Protestanten, positiv oder negativ, zum Teil in den obigen Ausführungen ausgefallen sein mögen, sollte dies nicht zu dem Fehlurteil verleiten, die Bahá'í bezögen im ökumenischen Gespräch offen Stellung für oder wider die eine oder die andere Kirche. Die Bahá'í sollen sich im Gegenteil „über jegliche Absonderung und Parteilichkeit … erheben“. Insofern beurteilen sie zwar die Geschehnisse der Kirchengeschichte im Rahmen ihres eigenen theologischen Konzeptes, eine partikulare Stellungnahme würde aber den Sinn all dessen verfehlen, wofür Bahá'u'lláh gekommen ist. Aus Bahá'í-Sicht ist die Lehre keiner Kirche vollständig mit den Bahá'í-Lehren kompatibel, aber ebensowenig ist irgendeine Kirche weiter von der gedachten Wahrheit entfernt als eine andere. Shoghi Effendi macht dies in einem Brief in seinem Auftrag deutlich:

Die Kirchen predigen Lehren – völlig verschiedene in den jeweiligen Konfessionen – die wir als Bahá'í nicht annehmen können; so wie die leibliche Auferstehung, die Beichte oder, in manchen Bekenntnissen, die Leugnung der Jungfrauengeburt. In anderen Worten: Es gibt heutzutage keine Christliche Kirche, von deren Dogmen wir als Bahá'í behaupten könnten, dass wir sie in ihrer Gesamtheit akzeptieren.

Die Kirchen sind also für die Bahá'í grundsätzlich gleichwertig und somit wird im praktischen Dialog mit ihnen kein Unterschied gemacht, wenngleich 'Abdu'l-Bahá und Shoghi Effendi auch eine ideelle Führungsposition Petri im Jüngerkreis verteidigen und die Katholische Kirche unter diesem Blickwinkel, „wenn Sie so wollen, die Erbin der Lehren Christi in direkter Linie ist“. Zudem muss auch bedacht werden, dass die Kirche als Organisation für die Bahá‘í nur ein äußeres Gerüst für die wahre Christenheit bildet – die Gemeinschaft der Gläubigen. 'Abdu'l-Bahá schreibt:

Das Vermächtnis Christi waren nicht die Kirchen, sondern die erleuchteten Seelen derjenigen, die an Ihn glaubten.

Im praktischen Umgang bedeutet dies, dass die Organisationsstruktur der Kirchen und die Berechtigung ihrer Amtsträger im Regelfall nicht Inhalt des interreligiösen Austausches zwischen Christen und Bahá'í sind. Es ist daher für die Bahá'í auch eine unwesentliche Frage, ob es so etwas wie eine 'Apostolische Sukzession', also die Weitergabe einer ursprünglichen Beauftragung der Jünger durch Jesus per Handauflegung, tatsächlich gegeben hat. Jedenfalls konstituiert sie keine Kirchlichkeit und somit sind Lutheraner und Reformierte für die Bahá‘í ebenso im Vollsinn 'Kirche', wie die Römisch-Katholische Konfession. Daher ist es klar, „dass die Bahá'í sehr vorsichtig sein sollten, nicht die Kirche zu kritisieren oder gar anzugreifen“. Dies bezieht sich auf alle Kirchen gleichermaßen, mit denen gleichermaßen freundschaftliche Beziehungen und konstruktive Zusammenarbeit aufgebaut werden sollen:

Man sollte die Begriffe „Eingliederung“ und „Angliederung“ nicht durcheinanderbringen. Während Eingliederung in kirchliche Organisationen nicht statthaft ist, sollte eine Angliederung nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert werden. Auf keine bessere Art und Weise kann man die Universalität der Sache demonstrieren. Bahá'u'lláh drängt in der Tat Seine Anhänger, sich mit allen Religionen und Nationen in äußerster Freundlichkeit und Liebe zu vereinigen. Dies bildet den wirklichen Geist Seiner Botschaft an die Menschheit.

Die Kirchen können von einem solchen Ansatz sicher profitieren und vielleicht bringt die Auseinandersetzung mit der Bahá'í-Religion auch die christlichen Konfessionen wieder näher zueinander, indem sie sich ihrer selbst und ihrer Gemeinsamkeiten mit dem Gegenüber vergewissern. In jedem Fall aber werden die Bahá'í niemals kirchenfeindliche Tendenzen dulden oder sich an kirchenfeindlichen Kampagnen in der Gesellschaft beteiligen: Ganz gleich, wie die Haltung anderer Menschen gegenüber der Kirche allgemein sein mag, hat dies keinen Einfluss auf die Bahá'í-Haltung. Das Verhältnis der Bahá'í zur Reformation bleibt also ambivalent, da einerseits die Notwendigkeit der Reformation und die Richtigkeit ihrer Anliegen anerkannt, andererseits aber deren letztendliches Ende in einer großen Kirchenspaltung negativ beurteilt werden muss. In keinem Fall beeinflusst dies aber das Verhältnis zu einer der christlichen Kirchen, vielmehr werden die Christen von den Bahá'í kollektiv als interreligiöses Gegenüber wahrgenommen, dessen Glaube und Existenzberechtigung sich in erster Linie und maßgeblich aus der Bibel selbst und dem Glauben an Jesus Christus herleiten, nicht aus einer bestimmten kirchlichen Tradition.

Insofern kann aus Bahá'í-Sicht jeder Schritt in Richtung der Ökumene und der Zusammenarbeit der Kirchen nur vollste Zustimmung finden. In diesem Lichte ist die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen auf Weltebene im Jahr 1950 sicherlich einer der entscheidendsten Schritte auf dem Weg zur Wiedervereinigung der Christenheit.

Die Evangelischen Kirchen können darauf vertrauen, dass der Absolutheitsanspruch des Papsttums niemals zum Streitpunkt mit ihren Bahá'í-Gesprächspartnern werden wird, obgleich 'Abdu'l-Bahá und Shoghi Effendi die Vorrangstellung Petri im Grundsatz bestätigen. Auf der anderen Seite kommen die Bahá'í in vielen die Entwicklung der Kirche betreffenden Fragen zu den gleichen Ergebnissen wie Luther, doch wird dies ebenso wenig das Verhältnis zur Römisch-Katholischen Kirche belasten, da die aufgeworfenen Fragen aus Bahá'í-Sicht zwar interessant, aber nicht wesentlich sind. Viel entscheidender ist im interreligiösen Gespräch, die Gemeinsamkeiten in der Ethik und im religiösen Lebenswandel zu betonen.

Für die nahe Zukunft können die Bahá'í der Evangelischen und der Katholischen Kirche nur aus vollstem Herzen wünschen, im Sinne der Bahá'í-Sicht die Reformation als eine Phase der Selbstbesinnung der Christenheit aufzufassen und zu würdigen und entsprechend auch das Reformationsjubiläum 2017 gemeinsam zu feiern.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Die evangelischen (Landes-)Kirchen haben sich bisher noch mit jedem gemein gemacht - warum nicht auch mit den Bahai?
Templer hat folgendes geschrieben:
Die evangelischen (Landes-)Kirchen haben sich bisher noch mit jedem gemein gemacht - warum nicht auch mit den Bahai?


Magst du das vielleicht ein wenig erläutern?
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Ich ziehe meine unüberlegte Bemerkung zurück und bitte um Entschuldigung. Sie möge als nicht geschrieben gelten.