Die Spiritualität der Templer


Zuerst muss gesagt werden, dass ich hier und in anderen Beiträgen nicht für "die" Templer spreche. Wahrscheinlich setzen andere unserer Gemeinschaft die Akzente anders, interpretieren anders, denken und handeln anders. Es gibt keine Dogmen, an die man glauben muss, ob es einem nun einleuchtet oder nicht. Es gibt aber die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit den Inhalten der Bibel und dem Kern der Lehre Jesu, und da ist der Jesus vor seiner Hinrichtung gemeint.
(Ich nenne ihn übrigens persönlich lieber Jeschua, "Jesus" ist aus meiner Sicht eher der Begriff für das theologische Konstrukt der Großkirchen. Der Mann hieß außerdem einfach nicht Jesus, sondern Jeschu oder Jeschua, zu seinen Lebzeiten ein ganz verbreiteter Name in Palästina.)
Wenn ich also dumm oder verschroben argumentiere, so lastet das bitte nicht den Templern, sondern mir persönlich an.
Es gibt keine Dogmen, habe ich gesagt, aber es gibt doch Grundsätze, denen alle Templer zustimmen. Dies sind die im Folgenden dargestellten Inhalte, nicht umfassend, aber doch für eine erste Einsicht ausreichend, denke ich.
Die in Anführungszeichen gesetzten Textteile sind Zitate aus einer Erklärung der Templer aus dem Jahr 2000.

1 Petr 2,5a:
Ihr als lebendige Steine erbaut euch zum Tempel.

Templer fühlen sich aufgerufen, gemeinsam Gottes geistigen Tempel zu bauen, andererseits verstehen Templer den Menschen als einen Tempel, in dem Gottes Geist wohnt.
Dazu orientieren wir uns an der Lehre Jesu, wie wir sie verstehen.
"Für uns ist Gott eine geistige Realität, die alles erschaffen hat, die in und über allem wirkt, über unser Erkennen und über die diesseitige Welt hinaus.
Er ist für uns persönlicher Gott insofern, als der Einzelne eine persönliche Beziehung zu ihm haben kann, sich ihm verantwortlich und von ihm angenommen weiß.
Wir sind uns der Begrenztheit aller unserer Aussagen über Gott bewusst, weil Gott für den menschlichen Verstand nicht fassbar ist."
"Anders als bei den meisten anderen christlichen Konfessionen ist Jesus für uns Mensch, gottbegnadet und Gott-nahe wie vielleicht keiner oder vielleicht nur wenige außer ihm. Er hat uns gelehrt und vorgelebt die allein wesentlichen Richtlinien, an denen wir unser Leben ausrichten sollen und dürfen: Vertrauen zu Gott und Liebe zum Nächsten im Streben nach dem Reich Gottes.
Er ist für uns nicht menschgewordener Gott, der uns durch seinen Opfertod erlöst hat. Erlöser ist er für uns nicht durch seinen Tod, sondern dadurch, dass seine Gottessicht uns die Angst vor Gott und vor dem Tod nehmen kann. Sein Tod hat keine heilsgeschichtlicheBedeutung; seine Bereitschaft zum Tod ist Ausdruck seiner Hingabe an seinen Auftrag und seines Gottvertrauens.
Jesu Auferstehung ist für uns nicht ein erstmaliges Ereignis, das die unsrige erst möglich macht, sondern eine Manifestation der geistigen Weiterexistenz jenseits des Todes."
"Das Reich Gottes war der Hauptinhalt von Jesu Botschaft. Es bedeutet eine Vervollkommnung des Menschen und der Welt, eine vertrauensvollere Beziehung der Menschen zu Gott und untereinander. Es schließt die irdische Realität ein, aber es erschöpft sich nicht darin.
Wir verstehen unter diesem Reich nicht einen plötzlichen Umbruch am Ende der Zeit, sondern ein allmähliches Wachsen, an dem wir mitwirken sollen und dürfen. Es ist ein fortdauernder Prozess, dessen Ziel und Ende für unser begrenztes Erkennen nicht vorstellbar ist. Wesentlich bleibt der göttliche Auftrag, nach dieser Vervollkommnung zu streben. Deshalb ist unser Motto Mt 6,33:
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch zufallen, wessen ihr bedürft."
Was ist der Auftrag des Menschen, was ist der Sinn unseres Lebens?
"Durch Gottes Schöpferkraft haben wir einen, wenn auch begrenzten, freien Willen und Anlagen zum Guten wie zum Bösen. Wir sind aufgerufen zur Arbeit an uns selbst und an der Welt, von der wir ein Teil und für die wir mitverantwortlich sind."
Welche Rolle spielt dabei die Bibel?
"Als eine Urkunde des christlichen Glaubens enthält die Bibel die grundlegende Lehre des Christentums. Als Christen anerkennen und achten wir die biblischen Schriften und betrachten sie als eine reiche Quelle menschlicher Erfahrungen mit Gott. Wir glauben jedoch nicht daran, dass die biblischen Bücher von Gott »wörtlich diktiert« sind und man ihnen deshalb blindlings folgen muss.
Um die wahre Bedeutung der Lehre Jesu und der ersten christlichen Überlieferung zu erkennen, halten wir es für notwendig, diese Schriften unvoreingenommen zu lesen und an sie den kritischen Maßstab anzulegen, der auch bei allen historischen Dokumenten üblich ist
Darüber hinaus müssen wir prüfen, was von den überlieferten Worten und Geschichten zeitgebunden und was für uns nach wie vor maßgeblich ist - Maßstab müssen die Grund­gedanken der Lehre Jesu sein."
Es geht nicht um das Fürwahrhalten einzelner Glaubenssätze oder ein verbindliches formales Glaubensbekenntnis, sondern um die Bereitschaft zur aktiven Arbeit an der Verwirklichung der obengenannten Punkte.
"Wir erkennen an, dass diese Aufgabe - mit anderem Stellenwert - auch von anderen christlichen Konfessionen und - unter anderen Namen und Voraussetzungen - auch von anderen Religionen gesehen und als Ziel verfolgt wird. Darüber, ob manche dieser Wege besser sind als andere, steht uns kein Urteil zu."
Wie sieht die Praxis des Gottesdienstes und anderer Veranstaltungen aus?
"Kultische Handlungen im Sinne von religiösen Bräuchen zur Vertiefung der Andacht halten wir für richtig; kultische Handlungen mit Sakramentscharakter, d.h. mit dem Anspruch der Heilsvermittlung, wie z.B. die Taufe, lehnen wir ab.
Dementsprechend haben wir keine geweihten Stätten für Gottesdienste, keine geweihten Priester und auch keine hauptberuflichen Pfarrer."
Vielen Dank, Templer für Deine interessante Darstellung!
Im Verständnis der biblischen Texte sehe ich einige Parallelen zur Baha'i-Religion.
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Hallo Minou, welche Parallelen wären das?
Templer hat folgendes geschrieben:
Hallo Minou, welche Parallelen wären das?


Da gibt es bei Baha'i z.B. auch keine Dogmen, aber Grundsätze, denen alle Baha'i zustimmen.

Zitat:
Dazu orientieren wir uns an der Lehre Jesu, wie wir sie verstehen.


Wir orientieren uns an der Lehre Baha'u'llahs, wie wir sie verstehen.

Zitat:
Er ist für uns persönlicher Gott insofern, als der Einzelne eine persönliche Beziehung zu ihm haben kann, sich ihm verantwortlich und von ihm angenommen weiß.
Wir sind uns der Begrenztheit aller unserer Aussagen über Gott bewusst, weil Gott für den menschlichen Verstand nicht fassbar ist."


Gilt auch für uns.

Zitat:
Er ist für uns nicht menschgewordener Gott, der uns durch seinen Opfertod erlöst hat. Erlöser ist er für uns nicht durch seinen Tod, sondern dadurch, dass seine Gottessicht uns die Angst vor Gott und vor dem Tod nehmen kann. Sein Tod hat keine heilsgeschichtlicheBedeutung; seine Bereitschaft zum Tod ist Ausdruck seiner Hingabe an seinen Auftrag und seines Gottvertrauens.


Kann ich als Baha'i auch unterschreiben, wobei ich noch hinzufügen möchte, dass es nicht nur die Gottessicht Jesu sondern hauptsächlich seine gesamte Lehre ist, die für uns Bedeutung hat.

Zitat:
Das Reich Gottes war der Hauptinhalt von Jesu Botschaft. Es bedeutet eine Vervollkommnung des Menschen und der Welt, eine vertrauensvollere Beziehung der Menschen zu Gott und untereinander. Es schließt die irdische Realität ein, aber es erschöpft sich nicht darin.
Wir verstehen unter diesem Reich nicht einen plötzlichen Umbruch am Ende der Zeit, sondern ein allmähliches Wachsen, an dem wir mitwirken sollen und dürfen. Es ist ein fortdauernder Prozess, dessen Ziel und Ende für unser begrenztes Erkennen nicht vorstellbar ist. Wesentlich bleibt der göttliche Auftrag, nach dieser Vervollkommnung zu streben.


Auch das sehe ich ebenso.

Zitat:
"Durch Gottes Schöpferkraft haben wir einen, wenn auch begrenzten, freien Willen und Anlagen zum Guten wie zum Bösen. Wir sind aufgerufen zur Arbeit an uns selbst und an der Welt, von der wir ein Teil und für die wir mitverantwortlich sind."


Unterschreibe.

Zitat:
Als eine Urkunde des christlichen Glaubens enthält die Bibel die grundlegende Lehre des Christentums. Als Christen anerkennen und achten wir die biblischen Schriften und betrachten sie als eine reiche Quelle menschlicher Erfahrungen mit Gott. Wir glauben jedoch nicht daran, dass die biblischen Bücher von Gott »wörtlich diktiert« sind und man ihnen deshalb blindlings folgen muss.


Hier schränke ich ein, dass wir uns nicht als Christen, sondern als Baha'i bezeichnen, aber alle Gottesgesandten gleich ehren, schätzen und an sie glauben; dadurch sind wir durchaus auch Christen.
Wir glauben, dass viele Aussagen der Bibel symbolisch zu verstehen sind.

Zitat:
Um die wahre Bedeutung der Lehre Jesu und der ersten christlichen Überlieferung zu erkennen, halten wir es für notwendig, diese Schriften unvoreingenommen zu lesen und an sie den kritischen Maßstab anzulegen, der auch bei allen historischen Dokumenten üblich ist
Darüber hinaus müssen wir prüfen, was von den überlieferten Worten und Geschichten zeitgebunden und was für uns nach wie vor maßgeblich ist - Maßstab müssen die Grund­gedanken der Lehre Jesu sein."


Sehe ich auch so unter Einbeziehung der Lehre Baha'u'llahs.

Zitat:
kultische Handlungen mit Sakramentscharakter, d.h. mit dem Anspruch der Heilsvermittlung, wie z.B. die Taufe, lehnen wir ab.
Dementsprechend haben wir keine geweihten Stätten für Gottesdienste, keine geweihten Priester und auch keine hauptberuflichen Pfarrer."


Volle Übereinstimmung.
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Nicht einfach ist es zu entscheiden, welche biblischen Texte wortwörtlich, und welche symbolisch oder im übertragenen Sinne zu verstehen sind. Natürlich kann man mit anderen darüber sprechen, die Entscheidung liegt ja aber immer beim Einzelnen.
Ist aber jedenfalls noch besser, als wenn einem die Interpretation von Päpsten, sonstigen Klerikern oder Theologen zwangsweise aufgedrückt wird.
Die sog. "Bibeltreuen" haben es da einfacher, die nehmen die gesamte Bibel wörtlich, da gab es Adam und Eva als menschliche Wesen, und deren Fehltritt hat dann anschließend die gesamte Menschheit zu tragen. Die glauben auch an die Arche Noahs und so weiter. Die Evolution hat natürlich nicht stattgefunden, und die Welt ist erst rund 6000 Jahre alt, die archäologische und geologische Forschung irrt sich eben und fertig.
Ich finde es bemerkenswert, dass keine weiteren Kommentare zu meiner sicher sehr kurzen (zu kurzen?) Darstellung der Templer abgegeben werden.
Keine Häme, das ist ja schon mal was, und selbst Burkl postet keine gelegentlich falsch oder unzureichend übersetzten, aus dem Zusammenhang gerissene Bibelzitate oder Äußerungsfragmente angeblicher Heiliger.
Ich nehme das als Kompliment. Dankeschön!
Es grüßt der Templer
Wie der Ton, so die Musik. Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wer andere Überzeugungen respektiert, wird selbst respektiert, wer nicht, wird die Erfahrung machen, dass sich die Musik schnell ändert und seine eigenen abstrusen Templer-Glaubensfantasien als solche auch bezeichnet werden. Häme und Verachtung wird er ernten, nicht nur vierfach, sondern hundertfach...
Na, ich hoffedoch, nicht. Mal abwarten.
Ok, dann nicht. Einigen wir uns darauf, dass wir einander in Ruhe lassen und uns nicht gegenseitig in die Quere kommen. Dann kann jeder tun, was er will, ohne dabei das Gefühl zu haben von unsichtbaren Bogenschützen im Gebüsch beobachtet zu werden und einen Pfeil in den Rücken zu riskieren.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass "wir einander in die Quere kommen" könnten. Dennoch werde ich selbstverständlich aufmerksam sein und dies zu vermeiden wissen.
Ich wünsche weiterhin viel Spaß im Forum!