Streitgespräch Khorchide und Abdel-Samad


Hallo allerseits.

Ich habe gerade ein Video geschaut, in dem sich ein Politologe und ein Islamwissenschaftler zum Thema Islam unterhalten. Dabei kam die Frage auf, warum Gott kein neues Buch offenbaren sollte. (ab 25:40) Was haltet Ihr von der Antwort? Würde mich interessieren.

https://www.youtube.com/watch?v=aCx1l279Keg
Na gut, dann schreibe ich einfach mal meine persönliche Meinung. Für mich gleicht es einer Art Hypris, was Khorchide sagt. Er vergleicht Gott mit Eltern, von denen man sich unabhängig machen sollte. Dann kann er sich sich aber meiner Meinung nach weder Muslim noch sonstwas nennen, sondern einfach nur noch Atheist. Ich kann verstehen, wenn viele Muslime ihn nicht ernst nehmen.
Naja, ganz so einfach ist es ja nun nicht. Khorchide sagt ganz klar, dass der Koran DIE letztgültige Offenbarung Gottes an die Menschheit ist. Da er aber von Abdel-Samad direkt danach gefragt worden ist, warum Gott den Menschen seit 1500 Jahren nichts mehr zu sagen habe, meinte er dann, dass der Mensch inzwischen reif genug sei, den Text der Heiligen Schriften ohne weitere Hilfestellung auf die modernen Zustände zu beziehen. Daher gilt der Koran nach wie vor, aber es bedarf keiner Offenbarung, um zu entscheiden, ob z.B. Gentechnik oder Präimplantationsdiagnostik positiv oder negativ bewertet werden sollte. Soweit seine Argumentation, die ich, vom Standpunkt eines Theologen, der die Letztgültigkeit der Offenbarung Gottes im Koran verteidigen muss, auch gut nachvollziehen kann.

Dass ich trotzdem anderer Meinung bin (weil ich als Bahá'í glaube, dass Gott auch heute und in Zukunft zu den Menschen spricht), ändert nichts daran, dass ich seine Argumentationsstruktur für gut halte.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Ja, im Grunde ist es ein recht hoffnungsloser Versuch Khorchides, seine Position zu verteidigen. Um die Menschheit mit einem unabhängigen, dreißigjährigen Erwachsenen zu vergleichen, muss man schon sehr blind oder naiv sein, im Angesicht der Lage, in der sich die Welt momentan befindet.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Abdel-Samad argumentativ näher stehen würde als Khorchide, aber in dem Fall muss ich sagen: definitiv.
Menon hat folgendes geschrieben:
Na gut, dann schreibe ich einfach mal meine persönliche Meinung. Für mich gleicht es einer Art Hypris, was Khorchide sagt. Er vergleicht Gott mit Eltern, von denen man sich unabhängig machen sollte. Dann kann er sich sich aber meiner Meinung nach weder Muslim noch sonstwas nennen, sondern einfach nur noch Atheist. Ich kann verstehen, wenn viele Muslime ihn nicht ernst nehmen.


Wieso Hybris? Die Endgültigkeit und Unerschaffenheit des Koran sind zwei zentrale Dogmen des orthodoxen Islam. Gegenüber Zweiflern und Andersgläubigen kommt man aber mit Dogmen nicht weiter. In einer aufgeklärten Welt oft sogar bei den Gläubigen nicht mehr. Man muss sich also etwas einfallen lassen.
Menon hat folgendes geschrieben:
Ich kann verstehen, wenn viele Muslime ihn nicht ernst nehmen.


Die 'vielen Muslime' die ihn nicht ernst nehmen sind halt verschreckt von seinem Ansatz die 'islamische Theologie' an das Paradigma der Aufklärung anzupassen bzw. sie wurden durch konservative oder fundamentalistische Autoritäten gegen ihn aufgestachelt.

Was meinst du denn was ein konservativer oder fundamentalistischer 'islamischer Theologe' gesagt hätte? Der hätte das Dogma genannt, ein paar Verse zitiert und gesagt oder impliziert, dass jeder der das nicht glaubt in die Hölle gehen wird. Damit wäre das Gespräch dann beendet gewesen.
Zitat:
Was meinst du denn was ein konservativer oder fundamentalistischer 'islamischer Theologe' gesagt hätte? Der hätte das Dogma genannt, ein paar Verse zitiert und gesagt oder impliziert, dass jeder der das nicht glaubt in die Hölle gehen wird. Damit wäre das Gespräch dann beendet gewesen.


Ich les grad nur so nebenbei mit, aber diese Formulierung hat mich grad irgendwie geflasht.

Seltsamerweise habe ich für solche Leute irgendwie Verständniss. Wel stell dir dochmal vor, dje ließt jahrzehnte lang nur ein einziges Buch. Da würde ich auch verrückt werden.
Life hat folgendes geschrieben:
Zitat:
Was meinst du denn was ein konservativer oder fundamentalistischer 'islamischer Theologe' gesagt hätte? Der hätte das Dogma genannt, ein paar Verse zitiert und gesagt oder impliziert, dass jeder der das nicht glaubt in die Hölle gehen wird. Damit wäre das Gespräch dann beendet gewesen.


Ich les grad nur so nebenbei mit, aber diese Formulierung hat mich grad irgendwie geflasht.

Seltsamerweise habe ich für solche Leute irgendwie Verständniss. Wel stell dir dochmal vor, dje ließt jahrzehnte lang nur ein einziges Buch. Da würde ich auch verrückt werden.


Es gibt auch 'islamische Theologen' die keine Fundamentalisten oder Fanatiker sind. Die haben sich nicht weniger oder mehr mit dem Koran beschäftigt. Zumal Theologie nicht nur aus dem Studium einer zentralen heiligen Schrift besteht.

Unterschiedliche Ergebnisse lassen sich meist sehr gut auf bereits unterschiedliche Intensionen und Methoden zurückführen, zumindest dort, wo nicht einfach Fehler vorliegen.