Seligpreisungen Jesu + Auslegung vom Hl. J. Chrysostomus


Also, die Auslegung dazu des heiligen Johannes Chrysostomus († 14. September 407; genannt: Goldmund), der ca. im 4. Jahrhundert nach Christus lebte:

Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus
Fünfzehnte Homilie. Kap. V, V.1-12.
1.

V.1: "Als aber Jesus die Menschenmenge sah, sieg er auf den Berg, und als er sich gesetzt hatte, kamen seine Jünger zu ihm.

V.2: Und er öffnete seinen Mund und lehrte sie, indem er sprach:

V.3: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich."

Siehe, wie wenig der Herr Ehre und Ruhm sucht! Er zog nicht mit der Menschenmenge umher; nur wenn es galt, Kranke zu heilen, ging er selbst überall hin und besuchte Städte und Dörfer. Weil sich aber jetzt viel Volk angesammelt hatte, so bleibt er an Ort und Stelle, und zeigt sich weder in der Stadt noch auf offenem Markt, sondern auf einsamem Berge; er will uns damit die Lehre geben, dass wir nichts tun dürfen, bloß um uns vor den Menschen zu zeigen, und dass wir den Lärm der Welt fliehen sollen, besonders wenn es sich um himmlische Dinge handelt, und um Angelegenheiten unseres Seelenheils. Nachdem er aber hinaufgegangen und sich gesetzt hatte, kamen seine Jünger zu ihm. Siehst du da, welchen Fortschritt sie in der Tugend gemacht, und wie sie in kurzer Zeit besser geworden sind? Die große Menge schaut nur auf seine Wunder; sie hingegen verlangten auch etwas Hohes und Erhabenes zu hören. Das bewog denn auch den Herrn, mit seiner Belehrung durch die Bergpredigt zu beginnen. Er wollte eben nicht bloß die Leiber heilen, sondern auch die Seelen auf den rechten Weg bringen und verband darum auch die Sorge für diese mit der Heilung jener. So wechselte er mit seiner Hilfe ab, und verband mit der mündlichen Belehrung auch den sichtbaren Beweis seiner Taten. Indem er also für die leibliche und geistige Seite Sorge trug, benahm er den verwegenen Häretikern jede Möglichkeit eines Einwandes, denn er zeigte ja damit, dass er der Schöpfer des ganzen Menschen ist. Darum erwies er beiden Naturen große Aufmerksamkeit, und hat bald der einen , bald der anderen seine rettende Fürsorge angedeihen lassen. So machte er es denn auch jetzt; denn, heißt es, "er öffnete seinen Mund und lehrte sie." Warum setzt der Evangelist hinzu: "Er öffnete seinen Mund"? Damit du wissest, dass er auch durch Schweigen lehrte, nicht bloß durch Reden; er hat eben das eine Mal den Mund geöffnet, ein andermal ließ es seine Werke reden. Wenn du sodann die Worte hörst: "Er lehrte sie", so denke nicht, er habe sich nur an seine Jünger gewandt, nein, er tat es durch sie an alle. Die große Menge bestand eben aus einfachem Volk, deshalb wählte der Herr aus denen, die sich gelagert hatten, den Kreis seiner Jünger aus, und richtete seine Worte an sie und durch sie auch an alle anderen: Dabei trachtete er, die Lehre seiner Weisheit auch allen denen mundgerecht zu machen, die seiner Belehrung am meisten bedurften. Das deutet auch Lukas an, wenn er sagt, der Herr habe sich mit seiner Rede an seine Jünger gewendet : und Matthäus sagt uns dasselbe, wenn er schreibt: "Seine Jünger kamen zu ihm und lehrte sie" .Auf diese Weise waren auch die übrigen genötigt, besser achtzugeben, als wenn er zu allen geredet hätte.

Womit machte also nun der Herr den Anfang? Was ist das Fundament der neuen Lebenssatzungen, die er uns verkündet? Hören wir mit Aufmerksamkeit auf das, was er sagt; geredet hat er zwar nur zu jenen, die um ihn waren, aber geschrieben ist es für alle, die später leben. Deshalb wandte er sich also mit seiner Predigt an seine Jünger; aber das, was er sagt, beschränkt er nicht auf sie, sondern verkündet seine sämtlichen Seligpreisungen für alle ohne Unterschied. So sagte er nicht: Selig seid ihr, wenn ihr arm werdet, sondern: "Selig sind die Armen." Und wenn er dies auch nur zu den Jüngern sagte, so wollte er doch, dass sein Rat für alle gelte. Auch wenn er sagt: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt", so ist das ebenfalls nicht bloß für sie gesagt, sondern durch sie für die ganze Welt. Und wenn er sie glücklich preist, weil sie verfolgt und vertrieben werden und die ärgsten Dinge zu erdulden haben, so hält er deswegen nicht bloß für sie, sondern für alle, die denselben Weg gehen, seinen Siegeskranz bereit. Damit aber dies noch deutlicher werde und du klar erkennest, dass seine Worte auch dich sehr nahe angehen, und überhaupt jeden, der sie nur hören und verstehen will, so gib jetzt acht darauf, wie er seine wunderbare Rede beginnt: "Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." Wer sind denn diese "Armen im Geiste"? Das sind jene, die demütig sind und ein zerknirschtes Herz haben. Unter "Geist" versteht er nämlich hier die Seele und den freien Willen. Es gibt ja viele, die niedrig und klein sind, aber sie sind es nicht freiwillig, sondern nur durch die Umstände gezwungen; diese übergeht der Herr und preist zuerst jene selig, die sich aus freiem Willen verdemütigen und erniedrigen. Warum sagte der Herr aber nicht "die Demütigen", sondern "die Armen"? Weil das mehr ist als das andere. Er meint eben hier diejenigen, die in Furcht und Zittern die Gebote Gottes beobachten. Von ihnen hat Gott ja schon durch Isaias gesagt, wie sehr sie ihm wohlgefällig seien, denn: "Auf wen soll ich schauen, wenn nicht auf den Sanftmütigen und Friedfertigen, und den, der zittert vor meinem Worte? .


2.

Es gibt zudem auch viele Abstufungen der Demut. Der eine ist mittelmäßig demütig, der andere in ganz ausnehmender Weise. Diese letztere Art von Demut lobt auch der heilige Prophet, denn er redet nicht von einer Seele, die nur so leichthin demütig ist, sondern von einer solchen, die wirklich große Zerknirschung empfindet. Von diesen sagt er: "Ein Opfer für Gott ist ein zerknirschter Geist; ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz wird Gott nicht verachten" . Auch die drei Jünglinge bringen eine solche Gesinnung Gott als großes Opfer dar: "Mit zerknirschter Seele und gedemütigten Geistes mögen wir zu Gnaden angenommen werden" . Dieselbe Gesinnung wird denn auch jetzt von Christus selig gepriesen. Kam ja doch das größte Unheil, das den ganzen Erdkreis befleckt hat, vom Stolze her; durch ihn ist ja der Teufel wirklich zum Teufel geworden, der er vorher nicht war. Das gleiche offenbart uns auch Paulus, da er sagt: "Damit nicht vom Stolze aufgeblasen der Strafe des Teufels verfällt" . Auch der erste Mensch wurde durch solch eitle Hoffnungen vom Teufel stolz gemacht, kam so zu Falle, und ward sterblich. Während er geglaubt hatte, er werde wie Gott werden, verscherzte er auch das, was er schon war. Diesem Stolz hat ihm auch Gott vorgeworfen und hat seine Torheit bloßgestellt mit den Worten: "Da siehe! Adam ist geworden wie einer von uns" . So ist aber noch jeder, der späterhin der Gottlosigkeit verfiel, durch Stolz dahin gekommen, weil er sich Gott gleich wähnte. Da also der Stolz die größte aller Sünden ist und zugleich die Wurzel und Quelle aller Schlechtigkeit, so wollte der Herr für diese Krankheit das rettende Heilmittel bereiten, und hat uns als sicheres, festes Fundament dieses erste Gesetz gegeben. Solange dieses Fundament besteht, kann der Bauherr mit Zuversicht alles andere darauf bauen; wo dieses fehlt, mag einer noch so regelmäßig leben, das ganze Gebäude wird doch leicht zusammenstürzen und ein schlimmes Ende nehmen. Wenn du auch fastest betest, Almosen gibst, keusch lebst und alles erdenkliche Gute tust, ohne Demut wird alles wie Wasser zerrrinnen und zugrunde gehen. So ging es mit dem Pharisäer. Er hatte es bis zur höchsten Vollkommenheit gebracht, und doch hatte er alles verloren, als er ging, weil er die Mutter aller Tugenden nicht besaß. Wie eben der Hochmut die Quelle allen Übels ist, so ist die Demut der Anfang aller Weisheit. Deshalb macht auch der Herr mit ihr den Anfang, und sucht den Stolz recht gründlich aus den Seelen seiner Zuhörer auszurotten.

Aber warum redet er so zu den Jüngern, die doch schon vollkommen demütig waren? Ihnen fehlte ja doch jeder Anlaß zur Selbstüberhebung; sie waren ja nur arme Fischer, ohne Ansehen und ohne Bildung. Nun, wenn es auch nicht gerade den Jüngern galt, so war es doch für diejenigen bestimmt, die damals zugegen waren, und für jene, die späterhin durch die Jünger zum Glauben geführt werden sollten, damit sie dieselben nicht ob ihres niederen Standes erachteten. Aber gleichwohl galt es auch für die Jünger, denn wenn auch nicht schon damals, so sollte ihnen wenigstens späterhin nützlich werden, wenn sie einmal Zeichen und Wunder getan hätten, und sowohl in der Welt Ehre und Ansehen genössen, als auch bei Gott in Gnaden stünden. Weder Reichtum noch Macht, selbst nicht die Königswürde sind so sehr geeignet, zum Stolz zu verleiten, als das, was ihnen zuteil geworden. Indes konnten sie auch schon damals, bevor sie noch Wunder gewirkt hatten, sich leicht zur Eitelkeit verleiten lassen, und beim Anblick der Menschenmenge und der Szene, die ihren Lehrmeister umgab, eine Regung menschlicher Schwäche empfinden. Darum sucht der Herr von vornherein ihren Stolz zu demütigen. Auch bringt er das, was er sagt, nicht in Form einer Ermahnung oder eines Befehles vor, sondern in der einer Seligpreisung, um seine Rede auf diese Weise desto schonender und angenehmer zu gestalten und die Allgemeingültigkeit seiner Lehre darzutun. Er sagte nämlich nicht: dieser und jener, sondern: "Alle, die so handeln, sind selig." Also, wenn du auch ein Sklave wärest, oder ein Bettler, arm, fremd und verlassen, nichts kann dich hindern, selig zu sein, wenn du dich nur um die Tugend bemühst. Nachdem also der Herr den Anfang mit dem gemacht, was am meisten not tat, geht er zu einem anderen Gebot über, das der allgemeinen Anschauung der Menschen direkt zuwider zu sein scheint. Während nämlich jedermann glaubt, diejenigen beneiden zu sollen, die freudig sind, um jene bemitleiden zu müssen, die niedergeschlagen, arm und traurig sind, preist hingegen der Herr gerade diese und nicht jene glücklich, indem er sagt:

V.5: "Selig sind die Trauernden!"

Und doch hat jedermann mit den Trauernden Mitleid! Aber gerade deshalb hat der Herr zum voraus Wunder gewirkt, damit er mit solchen Vorschriften Gehör fände. Übrigens meint er auch hier wieder nicht solche, die aus irgendeinem Grunde trauern, sondern jene, die über ihre Sünden trauern. Ja, jede andere Art von Trauer ist sogar strenge verpönt, nämlich diejenige, die nur irdischen Motiven entspringt. Das nämlich lehrt uns auch Paulus, wenn er sagt: "Die Trauer der Welt bewirkt den Tod; die Trauer in Gott hingegen bringt Reue hervor zum Heil, das keine Trauer kennt" .


3.

Hier preist also der göttliche Heiland nur diejenigen selig, die in solcher Art trauern. Auch redet er nicht einfachhin von denen, die trauern, sondern von denen, die dies mit Ernst und Nachdruck tun. Deshalb sagt er auch nicht: die Betrübten, sondern: "die Trauernden". Denn auch in diesem Gebot liegt wieder der Inbegriff der ganzen Weisheit. Wenn schon diejenigen, die ihre Kinder, oder ihre Frau, oder sonst einen Verwandten verloren haben und deshalb in Trauer sind, keinerlei Verlangen nach Geld und leiblichen Genüssen tragen, solange ihr Schmerz dauert, nicht Ehren nachjagen, über Beleidigungen sich nicht erregen, keinen Neid empfinden, für kein anderes Leid zugänglich sind, sondern sich ganz ihrer Trauer überlassen, so beweisen jene, die ihre eigenen Sünden so bereuen, wie es sich gebührt, noch viel größere Einsicht und Weisheit.

Sodann, welchen Lohn werden sie dafür empfangen? Der Herr sagt: "denn sie werden getröstet werden".Aber sage mir, wo werden sie getröstet werden? Sowohl in diesem, wie im anderen Leben. Da nämlich sein Gebot sehr schwer und unangenehm war, so versprach er als Entgelt etwas, wodurch es recht leicht würde. Wenn du also getröstet werden willst, so traure!" Und glaube nicht, die Worte enthielten einen Widerspruch. Wenn einmal Gott tröstet, so bist du über alles erhaben, und würden die Leiden zahllos wie Schneeflocken über dich kommen. Der Lohn, den Gott gibt, ist eben weit größer, als die aufgewandte Mühe. So ist es auch hier der Fall. Der Herr preist die Trauernden selig, nicht wegen des Wertes der Trauer an sich, sondern wegen seiner Liebe zu uns. Die Trauernden bereuen ja ihre Sünden; diese sind aber zufrieden, wenn sie nur Verzeihung und Rechtfertigung erlangen. Da nun aber Gottes Liebe zu den Menschen sehr groß ist, so wollte er, dass sein Entgelt nicht bloß im Nachlaß der Sündenstrafen bestehe, und in der Verzeihung der Sündenschuld, sondern er macht sie auch glücklich und läßt ihnen großen Trost zuteil werden. Indes befiehlt uns der Herr, nicht bloß über unsere eigenen Sünden zu trauern, sondern auch über die Sünden der anderen. So waren die Seelen der Heiligen gestimmt, eines Moses, Paulus, David; sie alle haben oft für fremde Sünden Buße getan.

V.4: "Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen."

Sage mir, welche Erde? Einige denken an eine geistige Erde. Das ist aber nicht richtig; in der Hl. Schrift finden wir nirgends eine geistige Erde. Was ist aber dann mit dem Wort gemeint? Der Herr verheißt damit einen irdischen Lohn, wie dies auch Paulus getan hat. Seinen Worten: "Ehre deinen Vater und deine Mutter" fügte er ja hinzu: "denn so wirst du lange leben auf Erden" . Ebenso sagt der Herr selbst zum Räuber: "Heute wirst du mit mir im Paradiese sein" . Er will uns eben nicht bloß mit den zukünftigen Belohnungen, sondern auch mit zeitlichen Wohltaten ermuntern, wegen der mehr irdisch gesinnten Zuhörer, denen die zeitlichen Güter mehr gelten, als die zukünftigen. Deshalb sagt er auch im folgenden: "Sei nachgiebig gegen deinen Widersacher" . Dann setzt er auch die Belohnung fest für so weises Handeln, und sagt: "Auf dass dein Widersacher dich nicht dem Richter überliefere, und der Richter dem Henker" . Siehst du, wovon er dich abschrecken wollte? Von der Anhänglichkeit an die irdischen Dinge, an das, was du gerade unmittelbar rings vor den Augen hast. Ein andermal sagt der Herr: "Wer immer zu seinem Bruder sagt: Raka, wird dem Gerichte verfallen sein."

Indes auch der hl. Paulus verspricht uns gar häufig irdische Belohnungen und sucht uns durch zeitliche Beweggründe anzuregen. So z.B. wo er von der Jungfräulichkeit redet; da sagt er nichts vom Himmel, sondern sucht uns zunächst durch irdische Motive zu bewegen indem er sagt: "Wegen des dringenden Zwanges" , und: "Ich aber schone euch" , endlich: "Ich will, dass ihr ohne Sorge seid" . In derselben Weise hat also auch Christus natürliche und übernatürliche Motive verknüpft. Da nämlich die Leute glauben, ein Sanftmütiger werde all das Seine verlieren, so verspricht er das Gegenteil davon und sagt, gerade der werde ganz sicher irdischen Reichtum erwerben, der weder verwegen noch anmaßend ist; wer dies aber ist, wird oft sein ererbtes Vermögen mitsamt seiner Seele verlieren. Schon im Alten Testament sagt der Prophet immerfort: "Die Sanftmütigen werden die Erde zum Erbe erhalten" , und auch deshalb beginnt der Herr seine Rede mit diesen Worten, die seinen Zuhörern vertraut waren. Er wollte ihnen eben nicht lauter Dinge sagen, die ihnen ganz neu und fremd waren. So redet er aber nicht weil er als Entgelt nur Irdisches in Aussicht stellen will, sondern um ihnen dieses und das andere zu ermöglichen. Wenn er nämlich von Geistigem spricht, so will er das Irdische deshalb nicht ausschließen; verspricht er aber irdischen Lohn, so will er seine Verheißung auch nicht darauf allein beschränken. "Suchet das Reich Gottes", sagt er, "und dies alles wird euch drein gegeben werden" ; und an einer anderen Stelle: "Wer immer sein Haus oder seine Brüder verläßt, wird Hundertfältiges dafür in dieser Welt erhalten, und in der zukünftigen das ewige Leben erlangen" .

V.6: "Selig, die Hunger und Durst leiden nach der Gerechtigkeit."

Nach welcher Gerechtigkeit? Meint er diese Tugend überhaupt, oder nur insoweit sie der Habsucht entgegengesetzt ist? Er steht ja eben im Begriff, Vorschriften über das Almosen zu geben; er will also zeigen, wie man Almosen geben soll, nämlich nicht von dem, was man durch Raub oder Habsucht erworben hat. Darum preist er diejenigen selig, die nach Gerechtigkeit streben.


4.

Beachte auch, mit welchem Nachdruck der Herr dies ausspricht. Er sagt nicht: Selig sind diejenigen, die festhalten an der Gerechtigkeit, sondern: "Selig diejenigen, die Hunger und Durst leiden nach der Gerechtigkeit." Wir sollen eben nicht bloß so einfachhin der Gerechtigkeit nachgehen, sondern dabei Eifer und großes Verlangen zeigen. Das ist ja auch ein ganz besonderes Merkmal der Habsucht. Ja, nicht einmal nach Speise und Trank haben wir ein so heftiges Verlangen, wie nach Erwerb und größerem Besitz. Mit ebenso großem Verlangen hieß uns nun der Herr nach jener Tugend streben, die der Habsucht entgegengesetzt ist. Dann bestimmt er auch hier wieder die zeitliche Belohnung: "denn sie werden gesättigt werden". Da nämlich die meisten glauben, Gewinnsucht mache reich, so stellt er fest, dass das Gegenteil davon der Fall ist; denn die Gerechtigkeit vermag dies zu erreichen. Fürchte also nicht, durch rechtschaffenes Handeln arm zu werden, und habe keine Angst, deswegen Hunger leiden zu müssen. Gerade die Diebe und Räuber verlieren am ehesten all das, was sie haben, während der, der die Rechtschaffenheit liebt, all sein Eigentum in Ruhe und Sicherheit genießen kann. Wenn aber schon jene, die nicht nach fremdem Gute trachten, solchen Reichtum erlangen, um wieviel mehr diejenigen, die ihren eigenen Besitz freiwillig dahingeben?

V.7: "Selig sind die Barmherzigen."

Hier scheint mir der Herr nicht bloß diejenigen im Auge zu haben, die mit ihrem Gelde, sondern auch jene, die mit ihren Taten Barmherzigkeit üben. Es gibt ja gar verschiedene Arten, barmherzig zu sein, und weit und umfassend ist dieses Gebot. Welches ist also dann der Lohn dafür? "Denn die werden Barmherzigkeit erlangen." Diese Gegengabe scheint zwar nur gleichwertig zu sein, und doch ist sie weit mehr wert, als das gute Werk. Denn die Barmherzigen üben nur menschliches Erbarmen, aber finden dafür solches bei Gott, dem Herrn aller Dinge. Menschliches und göttliches Erbarmen stehen aber nicht auf einer Stufe, sondern soweit das Böse vom Guten absteht, so groß ist der Unterschied zwischen diesem und jenem.

V.8: "Selig sind diejenigen, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen."

Da hast du wieder eine geistige Belohnung. Unter "rein" versteht aber hier Christus entweder diejenigen, die in jeder Hinsicht tugendhaft sind und keinerlei Sünde auf dem Gewissen haben; oder jene, die in Enthaltsamkeit leben. Keine Tugend haben wir ja so notwendig, um Gott zu schauen, als gerade die Reinheit des Herzens. Darum sagte auch der hl. Paulus: "Suchet den Frieden mit allen und die Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird" . Das "Schauen" meint er hier, insoweit es dem Menschen möglich ist. Da nämlich viele zwar Almosen geben, nicht stehlen und nicht habsüchtig sind. dagegen die Ehe brechen und Unkeuschheit treiben, so wollte er zeigen, dass das erstere nicht genügt; darum fügte er auch diese Seligpreisung hinzu. So bezeugt auch der hl. Paulus den Mazedoniern in seinem Brief an die Korinther, sie hätten nicht bloß durch ihre Almosen sich ausgezeichnet, sondern auch durch die andere Tugend. Nachdem er nämlich davon geredet, wie freigebig sie mit ihrem Gelde seien, sagt er: "Ja, sogar sich selbst haben sie dem Herrn und uns geschenkt" .

V.9: " Selig die Friedfertigen."

Mit diesen Worten verbietet Christus nicht nur Zwiespalt und gegenseitige Feindschaft, sondern verlangt noch mehr, dass wir nämlich andere, die entzweit sind, wieder versöhnen. Auch dafür stellt er eine geistige Belohnung in Aussicht. Und was für eine? "Denn sie werden Kinder Gottes genannt werden." Das ward ja die Aufgabe des Eingeborenen, das Zwiespältige zu vereinigen, und das zu versöhnen, was sich bekämpfte. Und damit du nicht glaubest, der Friede sei überall etwas Gutes, fügte er hinzu:

V.10: "Selig diejenigen, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen", das heißt ihrer Tugendhaftigkeit wegen, weil sie besser und gottesfürchtiger sind als andere. Mit dem Worte "Gerechtigkeit" pflegt er nämlich immer das allseitige Tugendleben der Seele zu bezeichnen.

V.11: "Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen, und lügnerisch alles Schlechte gegen euch sagen um meinetwillen.

V.12: Freuet euch und frohlocket!"

Zum Beispiel, will er sagen, wenn sie euch auch Zauberer nennen, Betrüger, Verführer, oder was immer sonst, selig seid ihr. Könnte es wohl eine größere Neuerung geben, als diese Vorschriften, durch die er gerade das als begehrenswert hinstellt, wovor die anderen zurückschrecken, das ist: Armut, Buße, Verfolgung, üble Nachrede? Aber dennoch hat er es ausgesprochen, und fand Gehör, nicht bloß bei zwei oder zehn, zwanzig, hundert oder tausend Menschen, sondern in der gesamten Welt. Und als die Volksscharen diese Dinge hörten, die doch schwer und unangenehm sind, und der Gewohnheit der meisten Menschen zuwiderlaufen, da wurden sie erschüttert. So groß war die Gewalt seiner Rede.


5.

Damit du indes nicht glaubest, es genüge zur Seligkeit, dass man dir einfach Übles nachredet, so stellt der Herr eine doppelte Bedingung auf: erstens, dass dies seinetwegen geschehe, und zweitens, dass das, was man gegen uns sagt, nicht wahr sei. Wenn nämlich dies nicht der Fall wäre, so wäre derjenige, gegen den man Böses redet, nicht nur nicht glückselig, sondern sogar unglücklich. Beachte dann wiederum, welchen Preis er dafür aussetzt: "Denn euer Lohn ist groß im Himmel." Du sollst aber den Mut nicht verlieren, wenn er auch nicht bei jeder Seligpreisung das Himmelreich verheißt. Denn wenn er auch seinen Belohnungen verschiedene Namen gibt, sie führen doch alle ins Himmelreich ein. Wenn er zum Beisspiel sagt: "Die Trauernden werden getröstet werden", "die Barmherzigen werden Barmherzigkeit erlangen", "die ein reines Herz haben werden Gott anschauen", "die Friedfertigen werden Kinder Gottes genannt werden", so bezeichnet er mit all dem nichts anderes, als das Himmelreich; denn wer diese Belohnungen empfängt, dem wird auch das Himmelreich voll und ganz zuteil werden. Denke also nicht, das Himmelreich sei nur der Lohn für die Armen im Geiste; nein, es gehört auch denen, die nach Gerechtigkeit hungern, sowie den Sanftmütigen, und überhaupt allen anderen auch. Gerade deshalb hat der Herr jedesmal eine Seligpreisung vorausgeschickt, damit du nichts Irdisches erwartest. Derjenige könnte ja doch wohl kaum glücklich sein, der mit Dingen belohnt wird, die mit diesem Leben ein Ende nehmen, die schneller vorbei eilen, als ein Schatten. Zu den Worten: "Euer Lohn ist groß", fügt der Herr aber auch noch einen anderen Trost hinzu; er sagt: "Denn so haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch lebten." Da nämlich gerade das Himmelreich erwartet und erhofft wurde, so tröstet er sie mit ihm, das heißt mit der Gemeinschaft derer, die vor ihnen Böses erduldet hatten. Glaubet nicht, will er sagen, dass ihr solches zu leiden bekommt, weil ihr Dinge sagen und befehlen werdet, die den Menschen zuwider sind, oder dass ihr von ihnen wegen Verkündigung schlechter Lehren werdet verworfen werden; nein, die Nachstellungen und Gefahren kommen nicht von der Schlechtigkeit euerer Predigt, sondern von der Böswilligkeit eurer Zuhörer. Infolgedessen sprechen diese Verfolgungen auch nicht gegen euch, die ihr Böses erduldet, sondern gegen jene, die Böses tun. Dafür ist die ganze Vergangenheit Zeuge. Den Propheten warfen sie auch nicht Lasterhaftigkeit und gottlose Gesinnung vor, wenn sie die einen steinigten, die anderen vertrieben, wieder anderen tausenderlei Böses zufügten. Das soll euch also nicht beunruhigen; denn auch jetzt noch ist für all ihre Handlungen die gleiche Gesinnung maßgebend.

Siehst du da, wie der Herr den Mut seiner Jünger aufrichtet, indem er ihnen ihren Platz nahe bei Moses und Elias anweist? So sagt auch der hl. Paulus in seinem Briefe an die Thessalonicher: "Ihr habt die Kirchen Gottes nachgeahmt, die in Judäa sind. Denn auch ihr habt das gleiche erlitten von euren Stammesgenossen, was jene von den Juden, die auch den Herrn Jesus getötet haben und ihre eigenen Propheten, die euch verfolgt haben, die Gott mißfallen, und aller Menschen Feind sind" . Auf dasselbe hat Christus seine Jünger auch hier vorbereitet. Bei den anderen Seligpreisungen sagte er: "Selig sind die Armen, und die Barmherzigen"; hier dagegen gebraucht er sie nicht in unbestimmter Form, sondern wendet sich direkt an sie mit den Worten: "Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen, und euch alles Schlechte nachsagen."Damit will er zeigen, dass sie gerade dadurch sich von anderen unterscheiden werden, und dass dies vor allen anderen der besondere Anteil der Verkündiger des Evangeliums sei. Zugleich weist er aber auch hier auf seine eigene Würde hin und auf die Gleichheit der Ehre, die ihm mit dem Vater zukommt. "Denn", sagt er, "wie jene um des Vaters willen, so werdet auch ihr solches um meinetwillen leiden." Wenn er aber sagt: "Die Propheten, die vor euch waren", so deutet er damit an, dass auch sie schon Propheten geworden waren. Als sodann der Herr ihnen klar machen wollte, dass gerade das ihnen am meisten nütze und ihnen zum Ruhme gereiche, da sagte er nicht: Sie werden Böses wider euch reden und euch verfolgen, ich aber werde dies verhindern; denn nicht darin sollen sie nach dem Willen des Herrn ihr Heil finden, dass niemand ihnen Böses nachsagt, sondern dadurch, dass die böse Nachrede hochherzig ertragen und die Schmäher durch ihre Taten widerlegen. Das ist viel mehr wert als das andere, wie es auch etwas viel Größeres ist, geschlagen zu werden, ohne es übel zu nehmen, als überhaupt nicht geschlagen zu werden.

Hier also sagt Christus: "Euer Lohn ist groß im Himmel." Lukas dagegen sagt, der Herr habe dies noch mit viel stärkerem und tröstlicheren Worten ausgedrückt. Denn dort preist er nicht bloß diejenigen glücklich, die um Gottes willen böse Nachrede erfahren, sondern ruft auch das Wehe aus über jene, von denen alle Menschen Gutes reden. "Wehe euch", sagt er, "wenn euch alle Menschen loben" . Zwar wurden auch die Apostel gelobt, aber nicht von allen. Darum sagte der Herr nicht: Wenn euch die Menschen loben, sondern:"Wenn euch alle Menschen loben". Denn es ist ja nicht möglich, dass diejenigen, die ein tugendhaftes Leben führen, von allen gelobt werden. Auch sagt er an einer anderen Stelle: "Wenn sie euren Namen verwerfen, als wäre er schlecht, freuet euch und frohlocket" . Er verheißt eben großen Lohn nicht bloß für die Gefahren, denen sie sich unterzogen, sondern auch für die bösen Reden, die sie erfuhren. Darum sagte er auch nicht: Wenn sie euch vertreiben und töten, sondern:"Wenn sie euch schmähen und euch alles Böse nachreden." Böse Reden schmerzen ja meistens mehr, als böse Taten. Bei Verfolgungen gibt es gar vieles, das einem die Mühsal erleichtert; so zum Beispiel, wenn man allseits Ermunterung erfährt, wenn man viele Freunde hat, die einem Beifall klatschen, Ehrenkränze erteilen und Lob spenden. In diesem Falle aber, wo es sich um böse Nachrede handelt, fehlt auch dieser Trost. Freilich ist es scheinbar nichts Großes, üble Nachrede zu ertragen, und doch schmerzt es den, der damit kämpfen muß, mehr als offene Verfolgungen. Ja, es haben schon manche zum Stricke gegriffen, weil sie das böse Gerede nicht ertragen konnten. Doch was brauchen wir uns über andere zu verwundern? Hat ja doch jenen ausgeschmähten und abscheulichen Verräter, der über nichts mehr errötete, gerade das am meisten zum Selbstmord durch den Strick getrieben! Und selbst Job, der härter war, als Diamant und Stein, hat alles leicht ertragen, da ihm sein Eigentum genommenm ward und er unerträgliche Leiden zu erdulden hatte, als er plötzlich seine Kinder verlor und sehen mußte, wie sein eigener Leib eine Brutstätte von Würmern geworden war, und zu gleicher Zeit seine eigene Frau ihn noch belästigte. Als er dagegen sah, wie seine Freunde ihn schmähten und mißhandelten, und schlecht von ihm dachten, und wie sie sagten, er habe all dies seiner Sünden wegen zu leiden, und es sei nur eine Strafe für seine Schlechtigkeit, da verlor selbst dieser ausgezeichnete und große Mann seine Fassung und ward erschüttert.


6.

Auch David hat alles Leid verziehen, das ihm angetan worden; nur für die erlittenen Schmähungen erbat er von Gott Genugtuung. "Laß ihn", sagte er, "seine Verwünschungen ausstoßen, weil der Herr es ihm so befohlen, auf dass der Herr meine Erniedrigung sehr, und mit Genugtuung verschaffe für die Verwünschung, die mir heute widerfahren ist" . Ebenso lobt der hl. Paulus nicht bloß jene, die in Gefahren sind und ihr Hab und Git vberloren, sondern auch diese, indem er also schreibt: "Denket zurücj an die früheren Tage, da ihr das Licht empfangen und einen schweren Kampf voll Leiden zu erdulden hattet, indem ihr ob der erlittenen Schmähungen und Prüfungen zum Schausspiel gheworden seid" . Aus diesem Grunde also hat auch Christus einen großen Lohn dafür verheißen. Es soll auch niemand sagen können:Hier strafst du nicht und bringst die Bösen nicht zum Schweigen, erst dort willst du die Guten belohnen? Deshalb hat er die Propheten erwähnt, um zu zeigen, dass Gott auch im Alten Bunde nicht gleich gestraft hat. Wenn Gott aber schon damals, als die sofortige Vergeltung das Gewöhnliche war, sie auf die Zukunft vertröstete, so ist dies um so mehr jetzt am Platz, wir diese Hoffnung viel deutlicher und das religiöse Bewußt sein viel stärker geworden ist. Beachte aber auch, nach wie vielen Geboten erst der Herr solches verheißen hat. Er hat dies nämlich nicht bloß so einfachhin getan, sondern hat deutlich zu verstehen gegeben, dass derjenige, der nicht zu all dem bereit und gerüstet ist, unmöglich sich diesen Kämpfen unterziehen kann. Darum hat er im stetem Fortschreiten von einem Gebot zum anderen uns gleichsam eine goldene Kette geschmiedet. Wer nämlich demütig ist, wird auch seine eigenen Sünden von Herzen bereuen; wer aber reumütig ist, wird auch sanftmütig sein und gerecht und barmherzig; wer aber barmherzig, gerecht und zerknirschten Sinnes ist, der wird auch durchaus reinen Herzens sein: und wer das ist, wird auch friedfertig sein. Wer sodann alle diese Tugenden sich angeeignet hat, der wird auch gegen Verfolgungen gerüstet sein, und nicht die Fassung verlieren, wenn er schlecht von sich reden hört und zahllose Leiden zu ertragen hat.

Quelle: https://www.unifr.ch/bkv/
Die Fußnoten sind beim Kopieren aus der Word-Datei leider nicht mitübernommen worden. Aber ihr könnt ja bei der Quelle gerne nachgucken.
Ich denke, dass dieser Mann sich wirklich lange ernsthaft über solche tiefgründigen Aussagen Gedanken gemacht hat. Auch ich kann ihm in einigen Dingen zustimmen!