Mit dem Tod umgehen


Hallo,
Vielleicht kann mir hier ja jemand helfen...
Die Mutter von meinem Freund ist Anfang diesen Jahres gestorben.
Ich bin auch oft traurig darüber und vermisse sie, aber viel mehr Sorge macht mir mein Freund.
Ich habe nur zwei mal darüber mit ihm gesprochen. Er redet darüber nicht, wenn ich es anspreche wird er wütend, selbst spricht er das Thema erst recht nicht an. Er geht eigenrlich nicht auf den Friedhof, und das eine mal wo ich mitbekommen habe dass er da ist, wollte er alleine sein.
Ich dachte, mit der Zeit will er mal darüber sprechen oder sowas, aber er distanziert sich so von dem allen.
Ich weiss, dass er seine Mama sehr vermisst und ihm das alles sehr schwer fällt und ich will ihm helfen besser damit klar zu kommen, aber ich weiß einfach nicht wie..hat jemand eine Idee?
Liebe Ilka,

sicher ist die Tatsache des Todes härter zu verkraften, wenn es um geliebte Menschen wie Eltern, Kinder, Ehegatten, Geschwister geht.
Und doch, wie Papst Franziskus jüngst gesagt hat, „können wir im Licht der Auferstehung des Herrn, der nie auch nur einen von denen verlässt, die der Vater ihm anvertraut hat, dem Tod seinen ›Stachel‹ nehmen, wie der Apostel Paulus gesagt hat; können wir ihn daran hindern, unser Leben zu vergiften, unsere Bindungen zu zerstören, uns in die finsterste Leere fallen zu lassen.
Nichts ist gewisser, als dass Gott uns an seiner Seite haben möchte, damit wir ihn schauen wie er ist, und so glücklich sind. Stärken wir Tag für Tag diese Hoffnung in uns?"

Ich glaube ohne diese Hoffnung, die der Glaube vermittelt, kann es sehr schwer sein aus diesem "schwarzen Loch" wieder herauszufinden.

Du solltest deinem Freund Eines vermitteln - jetzt, wo die Wunde frisch ist, besser ohne große Worte, sondern durch deine liebende Gegenwart: Dass auch der letzte Schritt des Lebens Sinn hat und letztlich etwas Gutes ist - weil wir auf das Größere zugehen. Unser Leben ist nicht dazu da, dass uns der Tod irgendwann willkürlich und zufällig wie ein Jäger aus dem Hinterhalt erlegt. Hinter unserem Tod steht nicht der Fall ins Nichts, sondern in die Liebe hinein, in die endgültige Geborgenheit.

Und Liebe solltest du ihm jetzt besonders geben. Ohne zu drängen mit Geduld. Versuche du für ihn durch deine innere Gewissheit, dass letztlich - wenn wir lieben - Alles zum Guten führt, selbst ein Stück Ruhe und Frieden zu finden. Und habe Geduld, Wunden brauchen Zeit zum Heilen.
Hallo Ilka,

Jeder Mensch hat seine eigene Art, mit Trauer umzugehen.
Männer neigen sowieso eher dazu, mit Gefühlen nonverbal umzugehen.
Überlebende des Holocaust haben teilweise gar nicht oder erst kurz vor Lebensende ihre Erlebnisse schildern können.
Laß das Thema ruhen, bis er von selbst davon anfängt. Es sollte nicht zum Konfliktpunkt in eurer Beziehung werden.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Burkl hat folgendes geschrieben:

Ich glaube ohne diese Hoffnung, die der Glaube vermittelt, kann es sehr schwer sein aus diesem "schwarzen Loch" wieder herauszufinden.

Ohne diesen Glauben an eine postmortale Zukunft hätten vermutlich viele Menschen 0 Hoffnung, deren Alter zum Beispiel fortgeschritten ist und/oder deren Krankheit zu keiner Besserung führt und nur der Tod das Leiden beenden kann.
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Jedes Schicksal ist angemessen, individuell zugeschnitten, denn nichts, was Gott tut, ist sinnlos!
Hallo Ilka, Deine Sorge um Deinen Freund kann ich sehr gut verstehen. Du möchtest helfen und er macht dicht.

Ich finde es ganz generell eine Katastrophe, dass sehr viele Menschen das Thema Tod so von sich wegschieben, obwohl das ja eines der wenigen Dinge ist, die wirklich jeden betreffen.

Für viele Menschen ist das mit großer Angst und Unsicherheit verbunden. Ich kenne viele Leute, die dann, wenn sie ein lieber Mensch verlassen hat überhaupt nicht klar kommen.

Ich habe schon sehr nahestehende Menschen verloren und ich finde es wichtig, dass man sich frühzeitig schon Gedanken darüber macht.

Meine Tochter war 4 Jahre alt, als ein lieber Mensch in unserer Familie ging. Sie hat mir in diesem Alter schon "Löcher in den Bauch gefragt" und ich war gezwungen mich mit Tod und Sterben zu beschäftigen, obwohl ich das bis dahin erfolgreich verdrängen konnte.

Ich glaube es ist gut, wenn Du Geduld und Verständnis hast mit Deinem Freund und bis dahin hast Du ja auch die Möglichkeit Dich selbst noch mehr mit dem Thema zu beschäftigen, damit Du ihm auch wirklich eine gute Hilfe sein kannst.

Alles Gute für Dich/Euch!

Und hier noch mein absolutes Lieblingszitat:

Der Gedanke, dass der Geist nach dem Tod des Körpers zugrunde gehe, ist wie die Vorstellung, dass ein Vogel in einem Käfig umkäme, wenn der Käfig zerbrochen wird, obwohl der Vogel von der Zerstörung des Käfigs nichts zu fürchten hat. Unser Körper ist dem Käfig und der Geist dem Vogel zu vergleichen. Wir sehen, dass dieser Vogel in der Welt des Schlafes ohne Käfig fliegt; wenn daher der Käfig zerbricht, wird der Vogel unversehrt weiterleben; seine Empfindungen werden sogar tiefer, seine Wahrnehmungen weiter und sein Glück größer sein.
Bahai-Schriften


Schöne Grüße
Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Zum Thema "Trauer" hätte ich aus therapeutischer Sicht naturgemäß einiges zu sagen, ich hatte natürlich auch trauernde Klienten bei mir, mein letzter Fall in dieser Richtung war eine Mutter, die ihre Tochter, Ende Zwanzig, durch Krebs verloren hatte, wobei in der Zeit vor ihren Tod beide, Mutter und Tochter, in getrennten Sitzungen Klientinnen bei mir waren, beide mit demselben Thema, dem bevorstehenden Tode der Tochter. Ich begleitete also in der ersten Phase beide parallel bis zum Tod der Tochter, wobei beiden klar war, dass der Tod bevorstand, und nach dem Tod die "überlebende" Mutter.
Gerade dieser Fall hat mich tief bewegt und mich über einiges klar werden lassen, wovon ich hier aber nichts weiter schreiben will.
ZIch werde mich im Folgenden auf einige wenige Punkte beschränken, um den Rahmen dieses Forums nicht zu sprengen, man beklage sich also bitte nicht über Unvollständigkeit.
Religiöse Verheißungen helfen in der Regel nicht oder kaum weiter.
Je nach Religion wird vom Leben nach dem Tod gesprochen, mal im Himmel, mal in der hölle, mal in einer Art Zwischenstation wie das Fegefeur, wo die "Seele" erstmal "gereinigt" wird, bevor sie dann doch noch in den Himmel kommt, wenn ihre Verfehlungen doch nicht ganz so schlimm waren. In anderen Religionen dreht sich das Rad der Wiedergeburten je nach "Karma" in gutem oder schlechtem sinne je nach Verdiensten weiter. Mal passiert vorerst gar nichts, man "schläft" bis zum Jüngsten Tag, wo dann das Gericht stattfindet, mal findet das "Gericht" gleich nach dem Tod statt. Und andere Anschauungen und Fantasien gibt es darüber hinaus auch noch.
Aber wir sollten nicht vergessen: Diese Verheißungen richten sich an die LEBENDEN, und sollen ein bestimmtes Verhalten erreichen, um zB die Hölle oder eine schlechte Wiedergeburt zu vermeiden und anderes mehr.
Aus welchen Gründen sollte also ein Trauernder Traurig sein, wenn er religiös eingestellt ist? Wenn er denkt, dass die Verstorbene im Himmel oder bei Gott ist könnte er ja eigentlich total fröhlich sein. Trauern aus religiösen Gründen geht doch eigentlich nur, wenn der Trauernde annimmt, die Verstorbene ist jetzt in der Hölle oder sonst einem miesen Ort oder hätte eine schlechte Wiedergeburt.
Die Hölle taugt wenig als Trost für die Hinterbliebenen, klar, also denkt man lieber daran, die Verstorbene sei jetzt "im Himmel" oder "bei Gott". Aber, wie gesagt, das macht den Trauernden in aller Regel nicht fröhlich, obwohl er dann doch eigentlich allen Grund dazu hätte.
Nein, bei Hinterbliebenen handelt es sich in aller Regel um eine "Verlust-Trauer". Die Hinterbliebenen trauern um einen Verlust, der nicht zu ersetzen ist. Bei der Trauer geht es nicht um den Verstorbenen, sondern um den Trauernden.
Religiöse Verheißungen und Tröstungen helfen da also nicht. Vielleicht noch die, wenn man das denn glaubt, dass man sich "im Himmel" wiedertrifft, aber das ist ja noch eine Weile hin.
Die Verlust-Trauer eines Hinterbliebenen ist oft recht vielschichtig. Man hat ein "Loch" im Leben, das entweder als nicht änderbar bestehen bleibt, man sucht vielleicht nach "Ersatz", was bei einer Mutter gar nicht möglich ist, bei einem Ehepartner oder Freunden vielleicht schon eher, manchmal, meistens, schließt sich die "Lücke" durch Zeit mehr oder weniger von selbst. Manchmal trauert man, weil jetzt einiges nicht mehr geht, weil der Betreffende gestorben ist, man kann zum Beispiel ein Gespräch nicht mehr führen, das einem wichtig gewesen wäre, und anderes.
Was oft nicht offen zugegebn wird: Manche Menschen sind auch tatsächlich froh, das Jemand, und sei es die Mutter endlich tot ist, entweder weil Hass im Spiel war oder weil eine schlimme Krankheit endlich zuende ist. Vor allem Ersterees will man weder anderen noch sich selber eingestehen, das ist sehr tabuisiert.
Bei Trauerarbeit, und die kann nur freiwillig geschehen, ist ausschließlich der überlebende Teil im Fokus. Die therapeutische Situation lässt es zu, so offen wie sonst niemandem gegenüber zu sein und, nach kürzerer oder längerer Zeit auch tabuisierte Aspekte anzusprechen, von denen ich oben eins genannt habe.
Nun ist die Grundvoraussetzung einer Psychotherapie grundsätzlich die völlige Freiwilligkeit des Klienten. Auch in der familie kann nur die Freiwilligkeit, über ein Thema zu sprechen, Voraussetzung sein. Will jemand über ein Thema nicht sprechen, so ist das sein gutes Recht. Man kann die Bereitschaft zum Gespräch immer wieder einmal anbieten, nicht zu oft, nicht jeden Tag und auch nicht jede Woche, wird das Angebot nicht angenommen, dann mit gutem Recht eben nicht.
Hat man den Eindruck übermäßiger negativer Persönlichkeitsveränderungen, kann auch die Psychotherapie von Angehörigen oder Freunden angeboten werden, wird das nicht akzeptiert siehe oben.
Beobachtet man ein gefährlich selbstschädigendes Verhalten und akute Suizidgefährdung, kann u.U. eine temporäre Zwangseinweisung in eine Psychiatrie in Betracht kommen, aber das wäre sozusagen die ultima ratio.
Ich würde folgendes Verhalten anbieten:
- auf religiöse Verheißungenoder Ansichten verzichten, außer, der Trauernde bringt sie selbst zur Sprache.
- freundliches, aber nicht übermäßig verhätschelndes Verhalten gegenüber dem Trauernden, den Alltag so normal wie möglich halten
- gelegentlich die Gesprächsbereitschaft signalisieren, aber diesbezüglich keinen Druck aufbauen
- dem Trauernden Raum zum Alleinsein geben, ohne sich ausgeschlossen zu fühlen
- die völlige Freiwilligkeit des Trauernden umfassend akzeptieren
Personen, die einen Trauernden begleiten, sollten darauf achten, nicht selbst in den möglicherweise depressiven Strudel des Trauernden hineingezogen zu werden, sonst brauchen sie u.U. selber eine Psychotherapie.
Noch eine Möglichkeit: Trauergruppen besuchen. Es gibt religiöse und nichtreligiöse Selbsthilfegruppen für Trauernde und/oder deren Angehörige. Das kann für beide Seiten sehr hilfreich sein und ist erheblich nidrigschwelliger als eine Psychotherapie. Es kann auch sein, dass sich beim Besuch einer Selbsthilfegruppe ein Hinweis auf einen spezialisierten Therapeuten ergibt.
Ich mache hier mal Schluss, obwohl ich noch stundenlang weiterschreiben könnte. Wie gesagt, entschuldigt bitte die Unvollständigkeit und evtl. Oberflächlichkeit meines Beitrags.
Wer mehr Austausch dazu will, kann mir per PN schreiben, ich jedenfalls habe das Meinige getan.
Zitat:
Ich habe nur zwei mal darüber mit ihm gesprochen. Er redet darüber nicht, wenn ich es anspreche wird er wütend, selbst spricht er das Thema erst recht nicht an. Er geht eigenrlich nicht auf den Friedhof, und das eine mal wo ich mitbekommen habe dass er da ist, wollte er alleine sein.
Ich dachte, mit der Zeit will er mal darüber sprechen oder sowas, aber er distanziert sich so von dem allen.
Ich weiss, dass er seine Mama sehr vermisst und ihm das alles sehr schwer fällt und ich will ihm helfen besser damit klar zu kommen, aber ich weiß einfach nicht wie..hat jemand eine Idee?


Man darf nichts erzwingen. Wenn er alleine trauern will, lass ihn.

Zitat:
Ich dachte, mit der Zeit will er mal darüber sprechen oder sowas, aber er distanziert sich so von dem allen.


Jeder verarbeitet Trauer auf seine eigene Art und Weise. Wenn er nicht darüber sprechen will, dann respektiere doch seine Art damit umzugehen. Bewusstsein wählt tendenziell den Weg, welcher Leid vermindert.... auch wenn der Weg "äußerlich" mit deiner Weltanschauung nicht konform geht.
Ich denke, dass es halt so sein muss, dass jemand das Ganze schließlich verarbeitet und positiv abschließt. Wenn es nämlich wer verdrängt, kann das nachhaltig zu ziemlichen Schwierigkeiten führen.
Bei einem Begräbnis hörte ich einmal folgenden Vergleich:
Das Leben ist wie eine Rennbahn.
Der Start ist die Geburt, die Lebenszeit das Rennen und das Ziel der Tod.
Somit hat der Verstorbene „Sein Rennen“ hinter sich. Während die Zurückbleibenden, die Trauernden, sind.
Liebe Grüße!
Monaliesa
Ich konnte hier großartige Antworten lesen. Besonders der Beitrag von Rentner fußt meiner Meinung nach auf große Erfahrung. Vielen Dank dafür.

Nur eine kleine Ergänzung: Das Gespräch anbieten, Dasein und Zeit geben. Es Aushalten können, dass der Partner sich auch zurückzieht und nicht darüber reden will.

Wie bereits geschrieben trauert jeder etwas anders und tendenziell neigen Männer stärker dazu nicht über den Verlust zu reden. Frauen drängen dann umso stärker darauf, dass der Partner redet. Das führt zu Konflikten, bei dem sich die Partner gegenseitig Unverständnis vorwerfen.

Lieben Gruß,
Wohlwollen