Matriarchat


Hallo,
habe neulich mal zum Thema "Matriarchat" gegoogelt. Dabei stieß ich unter anderem auf die chinesische Ethnie der Mosuo. Streng genommen leben die zwar nicht im Matriarchat, aber zumindest in einer matrinlinearen Gesellschaft. Sprich, jeder gehört der Sippe an, der auch seine Mutter angehört. Desweiteren verwalten Frauen allen Besitz. Wichtige Entscheidungen werden jedoch von Räten getroffen, in denen Frauen UND Männer sitzen. Charakteristisch ist, dass Entscheidungen möglichst einstimmig getroffen werden. Streit und Gewalt scheint den meisten Mosuo völlig fremd zu sein. Die gemeinschaftlichen Interessen stehen immer über den individuellen.

Besonders faszinierend an den Mosuo finde ich jedoch ihr Konzept der "Besuchsehe". Ab einem gewissen Alter erhalten junge Frauen ihr eigenes Zimmer (während die Männer ihr Leben lang in Gemeinschaftsunterkünften schlafen) und können von diesem Moment an theoretisch Geschlechtsverkehr haben, mit welchen und wievielen Männern und wie oft sie wollen. Die Männer, die Interesse haben und von den Frauen als "würdig" erachtet werden, kommen in der Nacht und gehen am morgen wieder in ihre eigene Sippe. Kinder, die dabei gezeugt werden, wachsen in der Sippe ihrer Mutter auf und werden nicht selten nie wissen, wer ihr Vater ist. Die Vaterrolle übernimmt interessanterweise in der Regel der Bruder der Mutter, also der Onkel des Kindes.

"Unser" Konzept der lebenslangen Partnerschaft zweier Menschen ist den Mosuo zwar durchaus bekannt. Doch sie lehnen es dezidiert ab. Gründe: Erstens wird jeder Mann aus einer anderen Sippe als eine Art "Fremdkörper" empfunden, da er nicht in der eigenen aufgewachsen ist. Geschwister untereinander und mit ihrer Mutter bauen stattdessen von Anfang an eine starke Bindung auf. Die Harmonie, die dabei entsteht, soll nicht durch Männer "von außerhalb" gefährdet werden. Zweitens ist das Verliebtsein für sie viel wichtiger als eine Partnerschaft. Lieber 10x verlieben als 1x tiefunglücklich. Tatsächlich ist es aber oft so, dass Frauen über Jahrzehnte nur einen Mann "empfangen". Das ist dann quasi wie unsere Vorstellung von einer "Partnerschaft", nur, dass sie nie zusammenziehen und wenn einer "keine Lust mehr hat", die Beziehung auch problemlos von einen Tag auf den anderen beendet werden kann. Man trifft sich einfach nicht mehr.

Ich weiß, dass hört sich jetzt alles aus "unserer" Ethik heraus ziemlich fragwürdig an. Aber was mich vor allem nachdenklich macht: Es scheint zu funktionieren. Im WWW findet man einige Artikel und Interviews zu den Mosuo und es wird einhellig geschrieben, dass die Harmonie zwischen Mensch und Natur sowie zwischen den Menschen selber beeindruckend sei. Hier ein paar, für mich herausstechende Zitate aus einem Interview mit dem Journalisten Ricardo Coler, der zwei Monate selbst bei den Mosuo lebte:

Zitat:
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bei den Mosuo das Paradies der Feministinnen gefunden?

Coler: Ich hatte erwartet, auf ein umgekehrtes Patriarchat zu treffen. Aber damit hat das Leben der Mosuo absolut nichts zu tun. Frauen dominieren in einer anderen Art und Weise. Wenn Frauen herrschen, ist es Teil ihrer Arbeit. Ihnen gefällt es, wenn einfach alles läuft und es der Familie gut geht. Die Idee, Vermögen anzuhäufen oder viel Geld zu verdienen, kommt ihnen einfach nicht in den Sinn. Kapitalakkumulation scheint eine männliche Triebfeder zu haben. Nicht umsonst sagt der Volksmund, der Unterschied zwischen einen Mann und einem Jungen ist der Preis seines Spielzeugs.


Zitat:
SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie am meisten erstaunt?

Coler: Dass in der matriarchalen Gesellschaft keine Gewalt existiert. Ich weiß, das gleitet schnell in eine Idealisierung ab - jede menschliche Gesellschaft hat ihre Probleme. Aber den Mosuo-Frauen leuchtet einfach nicht ein, warum Konflikte mit Gewalt gelöst werden sollen. Da sie bestimmen, streitet niemand. Schuld- oder Rachegefühle kennen sie nicht, es ist einfach eine Schande, sich zu streiten. Sie schämen sich dafür, und es droht ihnen dann sogar der Verlust ihres sozialen Ansehens.


Zitat:
SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei den Mosuo das Konzept der Heirat, der Ehe?

Coler: Ja, den Kindern wird sogar damit gedroht, 'Wenn du nicht brav bist, dann verheiraten wir dich'. Die Kinder kennen Verheiratetsein als Horrorgeschichte. Mich haben sie gefragt, wie wir das machen. Ich sagte: Mann trifft Frau, sie verlieben sich, haben Kinder und leben ihr ganzes Leben zusammen. Ah, sagten sie, das muss toll sein. Und du weißt, sie lachen sich darüber kaputt, dass wir ständig etwas wiederholen, von dem wir selbst wissen, dass es nicht funktioniert.

Komplettes Interview: http://www.spiegel.de/panorama/gese.....sagen-haben-a-627103.html


Auch aus einem Interview mit der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth habe ich einige besonders markante Punkte rauskopiert:
Zitat:
Sind die klassischen Matriarchate wirklich – so wie wir gern glauben wollen – das Paradies für Frauen?

Wissen Sie, ich rede nie von Paradies. Die Muster sind einfach anders. Matriarchate stärken die Stellung der Frau. Wenn die stark ist, heißt das aber nicht, dass die Stellung des Mannes schwach sein muss. Ich bezeichne Matriarchate als Gesellschaften in Balance. Ihre Muster zeigen deutlich, dass sie von einer Egalität der Geschlechter ausgehen, dass also beide Geschlechter gleichwertig sind. Jedes Geschlecht hat seine eigene Aktionssphäre und seinen eigenen ökonomischen, rituellen und sozialen Bereich. Das übertreten sie auch nicht, weil sie der Auffassung sind, dass sich die Geschlechter gegenseitig respektieren müssen, und der gleiche Respekt gebührt ihren jeweiligen Handlungssphären.


Zitat:
Das heißt, sie leben in einer Art Konsensdemokratie?

Das ist äußerst interessant: All ihre politischen Entscheidungen fallen tatsächlich in Einstimmigkeit. Und das nicht nur im Clan, sondern im ganzen Dorf und in der Region. Das geschieht über ein sehr ausgeklügeltes System von verschiedenen Räten. Der Clan-Rat kommt zusammen, dann der Dorf-Rat und dann der Regional-Rat. Die Beratungen zeugen davon, dass die Menschen eine enorm hohe kommunikative Kompetenz haben. Sie beraten so lange, bis sich über ein Problem, das die Region betrifft, alle Menschen dieser Region einig sind. Ich habe das selbst in China miterlebt. Das funktioniert. Es ist ein politisches Muster, das von vornherein Hierarchie, Klassen, Abwertung und Mundtotmachen von anderen unterbindet. Da sind alle - auch die Minderheiten - integriert, und alle haben was zu sagen. Ich muss natürlich hinzufügen: Es sind keine Riesen-Gesellschaften wie unsere, sondern kleinere.


Zitat:
Es gibt also keine Eheschließungen?

Nein, nicht in unserem Sinne. Es sind freie Beziehungen. Die Frauen wählen sich ihre Liebsten wie sie wollen. Da gibt es dann zum Teil kurze Beziehungen, zum Teil lange, je nachdem, wie die Liebe eben aussieht. Auch die Männer sind in ihren Liebesbeziehungen frei. Das Interessante ist, dass daraus keine sozialen Probleme für die Kinder entstehen, denn die sind ja immer im ganzen Clan zu Haus und können sich ihre Bezugspersonen aussuchen, wie sie wollen. Sie sind bestens aufgehoben.

Komplettes Interview: http://www.n-tv.de/wissen/Frauenher.....Unfug-article3974511.html


Soo, das war jetzt erstmal viel Text^^ Was will ich jetzt damit? Letztlich ist dieses Thema erstmal allgemein als Impuls gedacht. Es kann grundsätzlich nie schaden, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Gerade aus "Begegnungen" mit anderen Kulturen und Ethiksystemen kann man denke ich viel lernen. Darüber hinaus kann dieser Thread natürlich gerne auch zum Diskutieren genutzt werden. Eine matriarchalische (oder zumindest matrilineare) Gesellschaftsform im Allgemeinen und die Besuchsehe im Besonderen bieten sich thematisch dafür förmlich an.

Wer Interesse bekommen haben sollte und sich noch etwas vertiefter über die Kultur der Mosuo informieren möchte, dem sei dieser wie ich finde sehr schöne Artikel ans Herz gelegt:
http://www.zeit.de/1998/40/199840.mosuo_.xml/komplettansicht

Eine eher humorvolle Heranführung ans Thema habe ich auch noch gefunden: http://www.nzz.ch/im-reich-der-frauen-1.4954419
Musste echt ein paar mal gut Schmunzeln bei dem Artikel^^

Jetzt ist aber echt genug gequasselt.

Liebe Grüße,
Cacau
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Die Gottheit lebt in den Details.