Könntet ihr das vergeben?


Hallo an alle,

ich habe dieses Forum gefunden und wollte euch alle etwas fragen, weil ich einfach keine Antwort finden kann.


Es geht um meinen Ex-Partner. Insgesamt waren wir knapp über sechs Jahre zusammen. Die erste große Liebe. In dieser gesamten Zeit haben wir ständig Pläne geschmiedet. (Zusammenziehen, die Namen unserer Kinder etc.). Es lief gut. Emotional, Sexuell. Wir haben viel zusammen unternommen, gelacht. Es war eine unglaubliche Zeit.

Dann ging es ihm schlechter. Er fand keine Lehrstelle, aber ich habe ihn immer unterstützt. Seine Familie hat ihm leider alles wieder ausgeredet. Ausbildung war ihnen zu „spießig“- es sind sehr verkannte Lebemenschen. Einmal war das Geld knapp und sein Vater hat sich vom Ersparten eine neue Kamera gekauft, weil er die unbedingt wollte. Ich habe dieses Verhalten nie verstanden. Leider war er sehr stark auf seinen Vater fixiert und hat all seine Ideen immer gerechtfertigt. Aber ganz ehrlich: Wenn ich meine Familie nicht ernähren kann, muss ich nicht im selben Atemzug drei Katzen aufnehmen.

Jedenfalls ging mein Ex letztes Jahr (November) zum Arzt und dieser stellte Depressionen im Anfangsstadium fest. Seiner Familie war das zu deutsch gesagt „wurscht“. Ich stand zu ihm. Ich bin in meinem Urlaub zu der Psychiatrie gefahren (war ne Strecke von insgesamt 2 Stunden), habe ihm noch mit allem eingedeckt was er gebraucht hat (So ein Adapter zum Aufladen vom MP3 zum Beispiel, weil er immer so gern Musik gehört hat).

Während der gesamten Zeit war er optimistisch, dass unsere Beziehung halten würde. (Hat er zumindest gesagt). Er sackte die Weihnachtsgeschenke meiner Familie ein und dann kam der Tag.

Er durfte zum ersten Mal für einen Tag Nachhause fahren. Er wollte erst zu mir und danach zu seiner Familie. Wir hatten den Tag verplant. Am Telefon des Vorabends war er vollkommen zufrieden und freute sich auf Morgen. Aber als wir bei mir Zuhause waren, zog er seine Schuhe nicht aus. Er setzte sich und machte Schluss. Einfach so. Ohne Andeutung. Ohne Alles.

Als Begründung führte er nur an, er würde mich bereits seit über zwei Jahren nicht mehr lieben. Sex und Abhängen wäre super mit mir aber die Schmetterlinge im Bauch waren wohl hinüber. Ich fiel aus allen Wolken und war vollkommen am Ende. Er ging und seitdem haben wir uns nie wieder gesehen. Wir hatten kurze Zeit Kontakt über Facebook, aber das war eher, weil er niemanden hatte außer mir.

Das Schlimmste ist einfach wie gedemütigt ich mich fühle. Seine Familie hat es wohl schon gewusst. Die Betreuer und Leute von der Psychiatrie ebenfalls. Und ich stand neben denen und SIE alle wussten Bescheid! Er hat einfach alle Geschenke eingesackt, OBWOHL er mich verlassen wollte.

Aber am Schlimmsten ist für mich, dass er alle Erinnerungen an die gute Zeit mit ihm zerstört hat. Wenn ich zurückblicke weiß nicht, ob er mich geliebt hat oder es nur noch vorgespielt hat. Jedes Ich-liebe-dich war seit zwei Jahren gelogen.

Nunja, ich habe meine wahnsinnig tolle Familie, meine Freunde und meinen Hund natürlich. Ich bin durch die Trennungsphasen 1 und 2 durch. Ich will ihn nicht mehr zurück und habe erkannt, dass mein Leben weitergeht. Aber jetzt hänge ich fest und weiß nicht weiter.

Phase 3, diese Vergebungssache...ich schaffe das nicht. Ich kann ihm nicht vergeben, was er mir angetan hat. Seine Lügen, sein Heucheln. Vor allem, dass er mich für alle anderen Lieben zerstört hat. Wie kann ich jemals wieder ein Ich-liebe-dich glauben?

Ich bin noch immer so wütend auf ihn. Einmal habe ich geträumt, wie ich ihn zusammschlage. Richtig blutig. Es hat mir gefallen. Dann bin ich aufgewacht und war so bestürzt darüber, was für ein Monster diese Trennung aus mir macht. Ich habe mit Boxen angefangen um den Hass irgendwie loszuwerden. Es hilft ein wenig. Ich fühle weniger Stress. Aber von Vergebung keine Spur.

Dann habe ich ihm einen Brief geschrieben. Es hat zwei Monate gedauert, aber er war ein Meisterstück. Ehrlich, Freundlich, Dankbar für die Zeit und in der Hoffnung, dass er sein Leben meistert. (Er ist nämlich von selbst raus aus der Psychiatrie und sitzt jetzt Zuhause und macht gar nichts). Ich habe wirklich versucht , ihm die Vorlage für eine Entschuldigung zu bieten. Alles was ich wollte, war Reue. Aufrichtige, ehrliche Reue. Ein simples. „War Sche**e von mir. Ich hätte in Ruhe mit dir reden sollen. Es tut mir leid.“

Bekam ich aber nicht. Nur ein wenig. „Ja, ich fand es auch schön mit dir. Bist ein tolles Mädel. Alles Gute.“

Ich war voller Zorn, doch eine alte Internetweisheit besagt, dass man niemals wütend antworten sollte, also ließ ich es bleiben. Ich antwortete gar nicht. Schweigen war wohl die beste Wahl. Auf so einen Grußkarten-Mist kann man nichts mehr antworten.



Also: Könntet ihr einem solchen Menschen vergeben? Muss man generell vergeben? Kann man vergeben, ohne dass der andere bereut?

Bin für alle Antworten offen.
Ich denke, es war die ganze Sache mit der Depression und seiner nicht sehr verständnisvollen Familie, die ihn zu sowas verleitet hat. Aber im Grunde genommen mag er dich vermutlich trotzdem sehr.
Gwynbleid hat folgendes geschrieben:

Also: Könntet ihr einem solchen Menschen vergeben? Muss man generell vergeben? Kann man vergeben, ohne dass der andere bereut?

Bin für alle Antworten offen.

Klar er ist psychisch krank, wie kann man da große Dankbarkeit erwarten? Ist es nicht geheuchelte Selbstlosigkeit, die dann enttäuscht wurde.
Wer liebt lässt los und erwartet nichts, außer das Beste für den Anderen.
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Freiheit, kann es nur ohne Dogmen geben
Hallo liebe Gwynbleid,

eigentlich halte ich deine Wut für berechtigt.
Falls ich dich richtig verstehe, denkst du, dass Vergebung etwas an deinen Gefühlen ändern wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich da einen Zusammenhang sehe. Wenn mich jemand körperlich verletzt, gehen die Schmerzen auch nicht weg, indem ich dem Täter verzeihe. Und Unrecht wird von einem Menschen eben nicht nur rational, sondern auch emotional betrachtet.
Du scheinst bisher ganz gute Wege gefunden zu haben, um mit der Situation umzugehen. Wut will/muss raus, also boxen.
Und du scheinst auch keinen Gedanken daran zu verschwenden ihm wirklich zu schaden. Den Traum würde ich nicht überbewerten, er macht dich ganz sicher nicht zu einem Monster.
Da die Beziehung sechs Jahre ging, würde es mich eher wundern, wenn jetzt schon alles abgehakt wäre.

Falls du gerne etwas in englischer Sprache anhörst, verlinke ich hier den Vortrag einer Frau, die nach einem sehr schwierigen und aufwühlenden Beziehungsende Hilfe in einer buddhistischen Achtsamskeitstechnik gefunden hat:
http://www.audiodharma.org/talks/audio_player/123.html

Nach meiner Erfahrung löst sich Wut und Hass mit der Zeit in neutrale Gefühle, Gleichgültigkeit auf.

Alles Gute und sei herzlich willkommen im Forum!
Liebe Gwynbleid!

Wenn du ihm nicht vergibst, geht es dir schlecht und nicht ihm, denn er hat mit dir schon längst abgeschlossen. Darum lass los und vergib ihm. Denn es wird zu deinem Wohle sein.

Alles Liebe

Erich
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Es leitet mich die reine Liebe, die frei von Ego und frei von Konditionierungen ist!
Gwynbleid hat folgendes geschrieben:

Phase 3, diese Vergebungssache...ich schaffe das nicht. Ich kann ihm nicht vergeben, was er mir angetan hat. Seine Lügen, sein Heucheln. Vor allem, dass er mich für alle anderen Lieben zerstört hat. Wie kann ich jemals wieder ein Ich-liebe-dich glauben?

Dadurch lässt du ihm weiterhin sehr viel Macht über dein Leben haben.
Wenn du es willst, wirst du wieder lieben können, aber vielleicht vorsichtiger und anders in eine Beziehung gehen.
Es gibt übrigens auch Männer, die ganz Ähnliches wie du mit ihrer Partnerin erlebt haben.

Dein Traum zeigt deine verständliche Wut und sie nicht zu unterdrücken sondern beim Boxen abzureagieren ist eine kluge Lösung.

Vergebung hat mit loslassen zu tun und braucht Zeit. Wie lange liegt diese für dich traumatische Trennung denn zurück?

Zitat:
Dann habe ich ihm einen Brief geschrieben. Es hat zwei Monate gedauert, aber er war ein Meisterstück. Ehrlich, Freundlich, Dankbar für die Zeit und in der Hoffnung, dass er sein Leben meistert. (Er ist nämlich von selbst raus aus der Psychiatrie und sitzt jetzt Zuhause und macht gar nichts). Ich habe wirklich versucht , ihm die Vorlage für eine Entschuldigung zu bieten. Alles was ich wollte, war Reue. Aufrichtige, ehrliche Reue. Ein simples. „War Sche**e von mir. Ich hätte in Ruhe mit dir reden sollen. Es tut mir leid.“

Du beschreibst den Inhalt des Briefes so, als hättest du ihn losgelassen.
Doch dann zeigst du uns, dass du eigentlich immer noch Erwartungen an ihn hast, dass er Fehler eingesteht und um Vergebung bittet.

Zitat:
Also: Könntet ihr einem solchen Menschen vergeben? Muss man generell vergeben? Kann man vergeben, ohne dass der andere bereut?

Vergeben bedeutet ganz loszulassen, frei zu sein von Erwartungen (wie z.B. Reue). Das braucht Zeit und lässt sich, wie die Heilung jeder Wunde fördern aber nicht erzwingen.

Liebe Grüße
Mara
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Hallo und danke für eure Antworten.

Die Trennung ist jetzt ca. 9 Monate her, aber bei einer Dauer von über 6 Jahren rechne ich eh nicht damit, dass es schnell vorbei sein wird.

Klar, bin ich von ihm noch nicht gelöst. Aber es wird auch nie zu 100% möglich sein. Als wir zusammen kamen war ich 16 Jaher alt. Alles, das ABI, die Suche nach dem ersten Job, das auf und ab in dieser Entwicklung ist alles mit ihm verknüpft.

Als Beispiel: Ursprünglich wollte ich mal alle Fotos aussortieren auf denen er drauf ist, aber dann bleibt vielleicht 1/5 übrig. Vielleicht sogar weniger. Wir haben eben viel zusammen unternommen.

Nach der Trennung habe ich einiges aufgegeben oder erstmal in den Keller verbannt. Das half auch ein wenig. Aber Erinnerungen oder Gedanken kann man nicht so leicht loswerden. Alle Insider und Sprüche aus Computerspielen, Filmen oder gemeinsamen Erlebnissen, die wir hatten, die niemand sonst verstand.

Ich habe den Gedanken an eine erneute Beziehung zu ihm losgelassen. Ich will ihn nicht mehr zurück, aber ich will einen geraden Schnitt. Ein sauberes Ende, wenn man so will.

Ihr kennt das doch sicherlich, wenn man einen Faden durch das Nadelöhr bringen will und er vorne zu ausgefranst dafür ist? SO ähnlich fühle ich mich auch. Ich will das Ende abschneiden und dann von Vorne beginnen. Quasi mit einer anderen Nadel.

Aber diese vor-den-Spiegel-stellen-und-ihm-vergeben Nummer klappt gar nicht. Ich fühle mich dabei nur lächerlich. Genauso gut könnte ich sagen: "Ich glaube an den Weihnachtsmann." Schöner Gedanke, aber es entspringt nicht wirklich meinem Innersten.

Also, bleibt nur abwarten? Oder gibt es einen Plan B?

Freue mich auf weitere Antworten.
Eure Gwynbleid
Liebe Gwynbleid!

Ohne Verzeihen kommst du keinen Schritt in deiner Entwicklung weiter. Verzeihen heisst ja nicht vergessen, sondern Loslassen von etwas Unangenehmen, das einen innerlich auffrisst.

Alles Liebe

Erich
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Es leitet mich die reine Liebe, die frei von Ego und frei von Konditionierungen ist!
Wieso meinst du, dass du ihm "vergeben" müsstest? In einer Beziehung hat jede und jeder das Recht, die Beziehung zu beenden. Du selbst hättest diejenige sein können, die die Beziehung beendete. Eine Trennung, die nur einer der beiden will, wird immer mehr oder weniger schmerzhaft sein für den andern. Du hast kein Recht auf ewiges Zusammenbleiben, du hast kein Recht auf eine schmerzlose Trennung.
Im Leben geht schon mal was schief, weil das Leben nun mal so ist.
Und schau dir auch mal deinen Teil an, den du als Trennungsursache hast. Auch dir brauchst du nicht zu vergeben.
Und renn nicht gleich in die nächste Beziehung um jeden Preis, nur, um nicht alleine zu sein. Du bist ok. Dein Schmerz ist ok. Irgendwann hängt dir das mit dem Vergeben und dem Schmerz zum Hals raus, und dein Leben fängt an.
Leben ist manchmal wie eine Achterbahn, und das Kribbeln im Bauch, wenn es abwärts und aufwärts geht, kann zum Kotzen sein oder zum Schreien geil. Leben ist es in jedem Fall.
Willkommen unter den Lebenden!