Prädestination / Vorherbestimmung


Da hier ja wahrscheinlich nicht nur Bahai, sondern auch Christen und andere Religionen, auch Nichtreligiöse bzw. Frei-Religiöse in diesem Forum vertreten sind, meine Frage:
Ist die Geschichte der Welt und der Verlauf des Lebens der Menschen von vornherein festgelegt? Gibt es keinen Zufall? Ist der freie Wille des Menschen real oder eine Illusion?
Wie sehen das eure Religionen bzw. ihr persönlich?
Hallo Rentner,
Wenn die Geschichte der Welt festgelegt wäre, gäbe es keinen freien Willen, jeder wäre unschuldig für sein Fehlverhalten. C.G.Jung sprach von Synchronizitäten, aber auch bei diesen hat man den freien Willen.
Ich persönlich glaube, dass sich unser Leben nach unseren eigenen Glaubenssätzen formt, denke ich schlecht von anderen, werden die sich so verhalten, dass ich wieder wohlgefällig sagen kann, hatte ich doch recht, also selbst erfüllende Prophezeiung. Der Plazebo- Effekt ist vielleicht ein gutes Beispiel dafür was unser Glaube bewirkt.
Wir alle haben einen freien Willen. Es ist nichts von vornherein bestimmt. Das mit der sich selbst erfüllenden Prophezeiung ist durchaus auch ein wichtiger Faktor, weil wir dann dementsprechend leben, dass es möglichst so eintrifft.
Die Bahá'í sehen das recht komplex. Es gibt Dinge im Leben, die durch die Gesetzmäßigkeiten des Universums klar vorherbestimmt sind, wie z.B. dass die Sonne täglich auf- und untergeht, dass es bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt schneit, dass der Mensch eine endliche Lebenserwartung hat usw. An all diesen Dingen können wir im Kern nichts ändern, auch wenn wir durch unseren Verstand die Möglichkeit haben, die Naturgesetze zu erforschen und sie uns zunutze zu machen, sie zu umgehen oder halt irgendwie produktiv mit ihnen zu arbeiten. Trotzdem bleibt ein Rest, der unkontrollierbar ist und der uns auch daran erinnern kann, dass der Freie Wille des Menschen seine Grenzen am gesetzten Rahmen seiner Existenz findet. Insofern sind die Grenzen vorherbestimmt, wie wir uns innerhalb dieser Grenzen bewegen ist aber unsere freie Entscheidung.

Zu dieser freien Entscheidung gehört auch ein etwas anderer Freiheitsbegriff, als man den in Europa gewöhnt ist. Denn Freiheit kann der Mensch nur dann erlangen, wenn er sich frei macht von den Begrenzungen seiner Existenz und Kontrolle über seine Daseinsbedingungen gewinnt (Essen, Schlafen, Fortpflanzung usw.). Dies kann geschehen durch den freiwilligen Vollzug göttlicher Gebote, die nicht dazu gedacht sind, uns einzuschränken, sondern uns zu einem vergeistigten Leben zu befreien. Alle Bedürfnisse, die dem entgegen stehen, sind weltlich und physisch und daher dem höheren Ziel des Seelenlebens unterzuordnen. Dabei verbieten die Gebote Überfluss ebenso wie Askese.

Wenn man den christlichen Prädestinationsbegriff bemühen wollte, dann wären alle Menschen unabhängig ihrer individuellen Konstitution zum Heil berufen und fähig, müssen sich aber bewusst dafür entscheiden. Gott zwingt die Menschen nicht "zu ihrem Glück".

Von der Vorherbestimmung zu unterscheiden ist das Vorherwissen, das Gott selbstverständlich zukommt, allerdings ist das nicht so zu verstehen, dass unser Leben schon geschrieben stände, sondern Gott kennt uns einfach nur so gut, dass er jeden unserer Schritte erahnen kann. Es ist also nicht mit dem Vorherwissen verbunden, dass die Sonne aufgeht, sondern dass meine Freundin sich über ein bestimmtes Geschenk mehr freuen wird als über ein anderes.

Unabhängig davon gibt es bei den Bahá'í allerdings auch noch den Gedanken, dass von Gott Prüfungen ausgehen, die den Menschen auf seinem Weg begleiten und ihn an seinen Aufgaben wachsen lassen. Bahá'u'lláh versichert, dass Gott keine Seele über ihre Fähigkeiten hinaus belasten würde. Das könnte man so interpretieren, dass derjenige, der an seinen Aufgaben verzweifelt, sich nur nicht genug angestrengt hat, aber ich persönlich halte davon nichts. Ich sehe im Gegenteil das ganze Leben als eine einzige Prüfung, die gleichermaßen auch Chance und Segen ist, sodass man letztendlich kein Einzelereignis als konkrete göttliche Prüfung benennen muss oder kann. Im Gegenteil wird das meiste Leid vom Menschen selbst verursacht, anderes ist Folge der Naturgesetze (Naturkatastrophen). Allerdings gibt es zu dem Ausmaß, in dem Gott konkret in unser Leben eingreift, unter den Bahá'í unterschiedliche Ansichten.

Ich hoffe, ich konnte dir damit ein wenig helfen.

ps: Herzlich Willkommen im Forum!
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
@all!

Einerseits wird alles in der Vaikuntha ( feinstoffliche Welt ) auf energetischer Ebene bereits durchgespielt, andererseits haben wir in der grobstofflichen Welt den freien Willen. Dieser freie Wille bedingt, dass wir uns zu jedem beliebigen Zeitpunkt in jeder beliebigen Situation für oder gegen Gott entscheiden können. Entscheiden wir uns im Sinne Gottes, so handeln wir im Sinne unseres Herzens, entscheiden wir uns gegen Gott, so bauen wir Ego und Superego, sprich Konditionierungen, auf, die uns in Wahrheit unfrei machen, denn wir ernten das, was wir säen, und das sind Leid und Krankheit als Folge unserer Fehler, die bis zu sieben Generationen und alle unsere Vorleben zurückreichen können. Diesem karmischen Rad können wir allerdings entkommen, indem wir uns realisieren lassen und Schritt für Schritt unsere Fehler erkennen und nicht mehr begehen, was dazu führt, dass wir nach kürzerer oder längerer Zeit den Bewusstseinszustand des Himmels auf Erden haben.

Alles Liebe

Erich
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Es leitet mich die reine Liebe, die frei von Ego und frei von Konditionierungen ist!
Hallo zusammen!

Auch eines der Fragen vom Threadersteller:
Rentner hat folgendes geschrieben:
Gibt es keinen Zufall?

Vor allem die Bahai-Meinung würd ich gern wissen.

LG,
JackCM
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http://www.exometa.de/vr.htm
http://youtu.be/_h0ozLvUTb0
http://youtu.be/jWUAI_gywfM
Hallo Rentner

Schön ein neues Gesicht hier zu sehen.

Rentner hat folgendes geschrieben:

Ist die Geschichte der Welt und der Verlauf des Lebens der Menschen von vornherein festgelegt?


Nein.
Zitat:

Gibt es keinen Zufall?


"Zufall" ist ist ein mMn missbräuchlich verwendetes Wort, das meistens von Gläubigen verwendet wird um die Gegenseite zu diskreditieren. So Aussagen wie "Entweder hat Gott das Leben, den Menschen etc. geschaffen, oder es war Zufall". Ich halte beides für falsch. Ich glaube nicht an eine lenkende Macht, aber ich glaube auch nicht an willkürliche Zufälle.

Zitat:
Ist der freie Wille des Menschen real oder eine Illusion?


MMn ist er real, aber nicht 100%ig frei. Ich denke wir sind innerhalb eines eines Rahmens mehr oder weniger frei Entscheidungen zu treffen, doch die Rahmenbedingungen können wir schwer oder gar nicht ändern.

Ich hoffe ich habe meine Meinung einigermaßen verständlich wiedergegeben.
Vielen Dank für die bisherigen Beiträge. Ich warte ab bis morgen, ob noch mehr kommt, dann schreib ich mal, was bzw. wie ich darüber denke.
In diesem Geistige-Nahrung-Forum mit seinen vielen threads wird ja wahnsinnig viel geschrieben, vor allem über Homosexualität und Sexualfragen generell, da kommt man ja gar nicht mit dem Lesen und Schreiben hinterher.
Ich frage mich inzwischen, ob mir mein Psychologie-Studium da hilfreich ist oder nicht.
Bis morgen, man liest sich!
Hi Long Road,

Long Road hat folgendes geschrieben:
...Ich halte beides für falsch. Ich glaube nicht an eine lenkende Macht, aber ich glaube auch nicht an willkürliche Zufälle.

Dann sprichst Du bestimmt vom Karma oder?

LG,
JackCM
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@JackCM

"Karma" ist mMn ein Begriff der von verschiedenen Menschen unterschiedlich besetzt ist.

Ich meinte Ursachen und Wirkungen sowie Gesetzmäßigkeiten. Karma spielt da nur eine Teilrolle.

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