Gott in den Baha'i-Schriften -- Person oder Prinzip?


Guten Abend allerseits,

es treibt mich die Frage um, wie ich mir Gott vorzustellen habe. Auf der Basis der Baha'i-Schriften frage ich mich, ob Gott eher ein persönlicher Gott oder ein Prinzip ist.

(Im Folgenden werde ich einige Aussagen sinngemäß wiedergeben, weil ich den exakten Wortlaut und die Quellenangabe nicht genau im Kopf habe und Nachschlagen sehr zeitraubend wäre -- Baha'is werden die stellen aber hoffentlich wiedererkennen.)

Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass ich mir Gott nicht "vorstellen" kann. In unzähligen Gebeten macht Baha'u'llah ja deutlich, dass sich ein sterblicher Mensch, ja nicht einmal die unsterbliche Seele jemals wird "in die Höhen" Gottes "aufschwingen" können, selbst wenn die Seele Ihm idealerweise immer näherkommen wird. Aber erreichen kann man Gott nie.

Abdul-Baha schreibt u.a. in "Ansprachen in Paris", dass der Mensch Gott genausowenig begreifen kann, wie eine Pflanze das Empfindungsvermögen des Tieres verstehen, oder das Tier das Abstraktionsvermögen des Menschen begreifen kann. "Das Umfasste wird niemals das Umfassende umfassen können".

Also ist klar: Gott kann man sich gar nicht vorstellen. Aber trotzdem ist der ganze Sinn der Religion doch, es dennoch zu versuchen, sich Gott zu nähern, auf ihn zuzustreben, ihn zu lieben -- das wird in den Schriften ja auch sehr oft gesagt.

In den mystischen Schriften Baha'u'llahs wird ja deutlich, dass es geradezu der Inbegriff der Gottesliebe zu sein scheint, ihn unbedingt erreichen zu wollen und die Unmöglichkeit dieses Versuchs, und die steigende Sehnsucht zum Anlass zu nehmen, es umso verbissener zu versuchen.

Was oder wer ist also Gott?

Gott ist alles, was die Schöpfung nicht ist: Alles Erschaffene, die materielle Welt, ist endlich, doch Gott ist unendlich. Alles Erschaffene ist zusammengesetzt aus Atomen und Partikeln und teilbar, doch Gott ist eins und unteilbar. Alles Erschaffene ist fehlbar oder fehlerhaft, Gott ist unfehlbar.

Die materielle Schöpfung ist ein wilder Wirbel von Partikeln, der zum Zerfall, zur Entropie strebt -- doch die göttliche Kraft sorgt dafür, dass aus dem Chaos Strukturen wachsen. Die Partikel werden durch göttlichen Einfluss so angeordnet, dass ihnen eine Kraft zum immer größeren Wachstum innewohnt -- Planetensysteme bilden sich, Kristalle wachsen, Pflanzen entsehen, Tiere, schließlich der Mensch. Dennoch zerrt an dieser durch göttliche Kraft der Ordnung und Struktur zustrebenden Materie auch immer die materielle Kraft der Zersetzung, der Entropie, die alles derart geordnet zusammengesetzte wieder in seine Einzelteile auflösen will.

So ist es auch mit dem menschlichen Wachstum auf moralischer Ebene: Dadurch, dass der Mensch gelehrt wird, durch Gott Sitten und Wissen aufnimmt und sich zivilisiert, erlangt er höhere Struktur und Ordnung im Vergleich zum "chaotischeren", dem Materiellen näheren Tier. Göttliche Erziehung erhebt den Menschen über das reine Tiersein zum Geistigen -- er strebt Gott zu, dem ordnenden Prinzip, freilich ohne Gott jemals erreichen zu können.

Je mehr ein Mensch sich vergeistigt und den göttlichen Lehren folgt, desto näher kommt er Gott; jedoch zerrt stetig auch immer seine materielle, "tierische" Seite an ihm. Ganz analog zum oben dargestellten Wachstum und Zersetzung, Chaos und Ordnung in der materiellen Welt von Planeten, Mineralien und Flora.

Ist Gott also ein Prinzip? Die heilige, schöpfende Kraft, die dem Zerfall und Chaos entgegenwirkt?

Kann man Gott also rein philosophisch betrachten, einfach als Begriff für die Kraft, die hinter jedem Wachstum steckt?


Oder ist Gott doch eher eine Person im weitesten Sinne? In vielen Gebeten werden Gott Eigenschaften zugesprochen, die unserem Verständnis nur von anderen Menschen her bekannt sind:

Gott ist gerecht, liebend, gnädig, hat einen Willen, sorgt sich um jeden Menschen, erhört Gebete -- sind das nur poetische Umschreibungen für ein Prinzip und machen wir einen Fehler, wenn wir uns von diesen Zuschreibungen dazu verleiten lassen, uns Gott als Person vorzustellen? Oder ist Gott tatsächlich so etwas wie eine "Super-Person", ein intelligentes Lebewesen (das freilich über jedem erschaffenen Lebewesen steht)?

Ist Gott ein personaler Gott?


Was denkt Ihr dazu?

Grüße,
Bernhard
Er, der ewig vor den Augen der Menschen verborgen bleibt, kann nie anders als durch Seine Manifestation erkannt werden....

Das Tor zur Erkenntnis des Altehrwürdigen Seins ist immer vor den Menschen verschlossen gewesen und wird es für immer bleiben. Kein menschliches Begreifen wird jemals zu Seinem heiligen Hofe Zutritt erlangen. Als Zeichen Seiner Barmherzigkeit und als Beweis Seiner Gnade hat Er jedoch den Menschen die Sonnen Seiner göttlichen Führung, die Sinnbilder Seiner göttlichen Einheit offenbart und verfügt, dass die Erkenntnis dieser geheiligten Wesen mit der Erkenntnis Seines eigenen Selbstes gleichzusetzen sei. Wer sie erkennt, hat Gott erkannt.


Ich finde, diese Worte aus der Ährenlese sagen über Deine Frage Fundamentales aus. Nur durch die Sprachrohre Gottes, die ER uns von Zeitalter zu Zeitalter sendet, können wir den Willen Gottes für die jeweilige Zeit erkennen.

Liebe Grüße
Linde
_________________
******************************************
Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
linde hat folgendes geschrieben:
Er, der ewig vor den Augen der Menschen verborgen bleibt, kann nie anders als durch Seine Manifestation erkannt werden....

Das Tor zur Erkenntnis des Altehrwürdigen Seins ist immer vor den Menschen verschlossen gewesen und wird es für immer bleiben. Kein menschliches Begreifen wird jemals zu Seinem heiligen Hofe Zutritt erlangen. Als Zeichen Seiner Barmherzigkeit und als Beweis Seiner Gnade hat Er jedoch den Menschen die Sonnen Seiner göttlichen Führung, die Sinnbilder Seiner göttlichen Einheit offenbart und verfügt, dass die Erkenntnis dieser geheiligten Wesen mit der Erkenntnis Seines eigenen Selbstes gleichzusetzen sei. Wer sie erkennt, hat Gott erkannt.


Ich finde, diese Worte aus der Ährenlese sagen über Deine Frage Fundamentales aus. Nur durch die Sprachrohre Gottes, die ER uns von Zeitalter zu Zeitalter sendet, können wir den Willen Gottes für die jeweilige Zeit erkennen.

Liebe Grüße
Linde


Hallo Linde!

Danke für Deine Antwort!

Die Aussagen, dass man den Willen Gottes nur über seine Offenbarer erkennen kann, kenne ich natürlich auch. Aber ich bin einfach neugierig, wer oder was Gott selbst denn nun ist.

Immerhin wird in fast allen offenbarten Baha'i-Gebeten ja Gott selbst angesprochen, nicht etwa ein Offenbarer. Man betet also zu Gott. Dann wieder heißt es, Gott braucht das Gebet nicht, sondern die Seele des betenden Menschen braucht das Gebet. Und Gott erhört Gebete.

Was denkst Du dazu?

Ist es überflüssig, sich Gedanken um die Natur Gottes zu machen, weil ja gesagt ist, dass man Gott sowieso nie wird verstehen können (außer halt seinen Willen und ggf. weitere seiner Eigenschaften, durch die Offenbarer)?

Grüße,
Bernhard
Hallo Bernhard,

Zitat:
So ist es auch mit dem menschlichen Wachstum auf moralischer Ebene: Dadurch, dass der Mensch gelehrt wird, durch Gott Sitten und Wissen aufnimmt und sich zivilisiert, erlangt er höhere Struktur und Ordnung im Vergleich zum "chaotischeren", dem Materiellen näheren Tier.


Das sehe ich anders. Der Mensch hat nicht "durch Gott" Sitten und Wissen aufgenommen, sondern durch seine in der Evolution vorgenommene Sozialisation, die einen Wertekodex erforderlich machte und schließlich auch zu einer Gottesvorstellung führte (wobei man sich fragen kann, ob hierbei nicht sehr starke Machtinteressen der damals lebenden Menschen oder Vormenschen dazu führte.

Alles, was hier immer so schön als "das Geistige" beschrieben wird, sind Ergebnisse unseres Gehirns, wie sich das ja allein schon durch die bekannten Ausfallerscheinungen ergibt.

Wenn es einen Gott gibt, so höchstens als ein Prinzip, das aber auch gar nichts mit den bekannten Gottesvorstellungen zu tun hat.

Pjotr Kala
_________________
Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Hallo Bernhard,

Zitat:
So ist es auch mit dem menschlichen Wachstum auf moralischer Ebene: Dadurch, dass der Mensch gelehrt wird, durch Gott Sitten und Wissen aufnimmt und sich zivilisiert, erlangt er höhere Struktur und Ordnung im Vergleich zum "chaotischeren", dem Materiellen näheren Tier.


Das sehe ich anders. Der Mensch hat nicht "durch Gott" Sitten und Wissen aufgenommen, sondern durch seine in der Evolution vorgenommene Sozialisation, die einen Wertekodex erforderlich machte und schließlich auch zu einer Gottesvorstellung führte (wobei man sich fragen kann, ob hierbei nicht sehr starke Machtinteressen der damals lebenden Menschen oder Vormenschen dazu führte.

Alles, was hier immer so schön als "das Geistige" beschrieben wird, sind Ergebnisse unseres Gehirns, wie sich das ja allein schon durch die bekannten Ausfallerscheinungen ergibt.

Wenn es einen Gott gibt, so höchstens als ein Prinzip, das aber auch gar nichts mit den bekannten Gottesvorstellungen zu tun hat.

Pjotr Kala


Hallo Pjotr Kala!

Danke für Deine Antwort. Bei meiner Frage hatte ich zwar speziell das Gottesbild auf Basis der Baha'i-Schriften im Sinn, aber natürlich sind auch nicht-Baha'i-Meinungen intressant.

Ich sehe nicht, dass Deine Meinung der Baha'i-Sicht widersprichen muss. Sozialisation durch Evolution ist einfach das Mittel, das Gott (wie auch immer man ihn versteht -- wenn Du magst, einfach als Prinzip, das u.a. auch hinter der Evolution steckt) gewählt hat, um das gewünschte Ergebnis zustande zu bringen.

An einen Gott, der mit den Fingern schnippt und dann ist einfach alles "da", glaube ich auch nicht. Wissenschaft erklärt das "Wie", Religion das "Warum", und wenn ein Glaube der Wissenschaft widerspricht, ist es ein Aberglaube.

Wenn Du mir also wissenschaftlich begründet erklärst, wie es zur Entwicklung des Menschen kam, dann freue ich mich darüber, dass ich besser verstehen kann, auf welche Weise Gott seine Macht ausgeübt hat.

Gruß,
Bernhard
Hallo Bernhard,

Zitat:
Wenn Du mir also wissenschaftlich begründet erklärst, wie es zur Entwicklung des Menschen kam, dann freue ich mich darüber, dass ich besser verstehen kann, auf welche Weise Gott seine Macht ausgeübt hat.


hmm sagen wir es so: In der Evolutionsforschung ist man heute wohl mehrheitlich der Meinung, daß sich der Mensch aus kleinsten Anfängen des Lebens heraus entwickelt hat (auch mit lateralem Gentranfer) und daß es mehrere Entwicklungslinien gegeben hat, die sich teilweise untereinander vermischt haben, aber teilweise auch ohne Vermischung wieder ausgestorben sind.

Gott scheint also doch zu würfeln.


Pjotr Kala
_________________
Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Hallo Bernhard,

Du hast einen guten Beitrag geschrieben, auf den ich Dir auch antworten wollte.
Meine Antwort ist allerdings etwas länger als erwartet geworden, und so habe ich doch einen Neuen, Beitrag: „Gott ist ein Lebensprinzip“ eingesetzt.
http://www.geistigenahrung.org/ftopic72584.html
Ich denke, daß Du Deinen Nutzen daraus ziehen kannst.
Wenn Du noch Fragen hast, einfach schreiben,

Grüße,
Demetrius
_________________
Auf der Erde gibt es seit jeher den Kampf zwischen Egoismus und Selbstlosigkeit.
Die Egoisten werden reich, die Selbstlosen schaffen große Werke.
www.demetrius-degen.de
@Bernh

Gott liegt außerhalb jeder Begrenzung und Begrifflichkeit der menschlichen Sprache. Deshalb kann der Mensch keine Erkenntnis über ihn erlangen (außer dem was er durch seine Manifestationen mitteilt und man z.T. aus Natur und Ratio schließen kann). Zugleich ist Gott dem Menschen aber näher als dieser sich selbst.

Ob du dazu nun "Prinzip" oder "Person" sagen willst ist dir überlassen. Beides ist wohl gleich richtig oder falsch.
@ Bernh
Ich denke man kann Gott sowohl als Prinzip, wie auch als Person erfahren.
Ob diese Erfahrungen etwas über die letztendliche Realität aussagen, das bezweifle ich.
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Hallo Bernhard,

Zitat:
So ist es auch mit dem menschlichen Wachstum auf moralischer Ebene: Dadurch, dass der Mensch gelehrt wird, durch Gott Sitten und Wissen aufnimmt und sich zivilisiert, erlangt er höhere Struktur und Ordnung im Vergleich zum "chaotischeren", dem Materiellen näheren Tier.


Das sehe ich anders. Der Mensch hat nicht "durch Gott" Sitten und Wissen aufgenommen, sondern durch seine in der Evolution vorgenommene Sozialisation, die einen Wertekodex erforderlich machte und schließlich auch zu einer Gottesvorstellung führte (wobei man sich fragen kann, ob hierbei nicht sehr starke Machtinteressen der damals lebenden Menschen oder Vormenschen dazu führte.

Alles, was hier immer so schön als "das Geistige" beschrieben wird, sind Ergebnisse unseres Gehirns, wie sich das ja allein schon durch die bekannten Ausfallerscheinungen ergibt.

Wenn es einen Gott gibt, so höchstens als ein Prinzip, das aber auch gar nichts mit den bekannten Gottesvorstellungen zu tun hat.

Pjotr Kala


Lieber Pjotr Kala!

Für mich ist Gott ein Produkt des Herzens, denn die Wahrheit und die Liebe sind in diesem bei jedem Menschen festgeschrieben. Allerdings merkt man das erst, wenn man den Verstand ( Ego und Superego ) verlässt, und die Einklehr ins Herz zur Selbsterfahrung wird.

Gott ist sowohl Prinzip als auch Person. Das Prinzip ist der Ozean der Liebe und der Barmherzigkeit, das auch im einzelnen Tropfen verkörpert ist. Als Person gibt es Vater, Mutter ( im christlichen Glauben ist das der heilige Geist ) und Sohn. Sowohl das Prinzip als auch die Personen sind in uns im subtilen System angelegt.

Alles Liebe

Erich
_________________
Es leitet mich die reine Liebe, die frei von Ego und frei von Konditionierungen ist!

Forum -> Gott