Gewissen= Echo der Stimme Gottes?


Oft frage ich mich, wie es Menschen möglich ist, anderen Lebewesen Leid zu zufügen. Wie sie ihren Opfern dabei in die Augen schauen können.

Gibt es Menschen, die kein Gewissen haben? Oder erlöscht die Stimme des Gewissens, wenn man nur lange genug nicht darauf hört?
Oder ist das Gewissen wirklich nur geprägt von Erziehung und gesellschaftlichen Einflüssen?

Ich empfinde mein Gewissen, als eine Hilfestellung Gottes. Ich für mich, empfinde es, wie John Henry Newman es beschreibt:

„Was das Gewissen betrifft, gibt es zwei Weisen,
wie die Menschen sich dazu verhalten. Bei der einen ist das Gewissen lediglich
eine Art Sinn für Anstand, ein Geschmack, der uns das eine oder das andere nahe
legt. Bei der anderen ist es das Echo der Stimme Gottes. Nun hängt alles an dieser
Unterscheidung. Der erste Weg ist nicht der des Glaubens, der zweite ist es“

Wie seht ihr das? Würde mich sehr über eure Gedanken dazu freuen.

Lg Heike
_________________
Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche behauptete: «Das Gewissen ist die tiefste Erkrankung des Menschen, deshalb weg mit dem Wahn von Schuld und Gewissen.»

Adolf Hitler lag auch auf dieser Linie: «Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung, eine Verstümmelung des menschlichen Wesens. Ich befreie den Menschen von der schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigung.»
Zitat:

Gibt es Menschen, die kein Gewissen haben? Oder erlöscht die Stimme des Gewissens, wenn man nur lange genug nicht darauf hört?
Oder ist das Gewissen wirklich nur geprägt von Erziehung und gesellschaftlichen Einflüssen?


Hallo Heike,

danke für das wichtige Thema, mit welchem ich mich schon oft beschäftigt habe.

Wenn ich mir überlege, warum wir überhaupt ein Gewissen haben und wozu wir es brauchen, halte ich es für eine notwendige Einrichtung die uns ein selbstverantwortliches Leben als Mensch in einer Gemeinschaft ermöglicht und dabei helfen soll, eigenständig zwischen richtig und falsch entscheiden zu können.

Das Gewissen wirkt also wie eine Richtschnur, aber auch wie ein Wegweiser, ein innerer Gerichtshof oder eine innere Alarmanlage.

Meiner Einschätzung nach bringen wir einen Teil unseres Gewissen schon mit, der andere wird im Laufe unseres Lebens durch unsere Erziehung und Kultur geprägt.

Was mir ganz wichtig erscheint: das Gewissen bleibt zeitlebens veränderbar.


Welche Beziehung hat das Gewissen zu Gott?

Wenn ich John Henry Newman richtig verstehe, hilft ihm sein Gewissen auf dem Weg des Glaubens, die Stimme Gottes als Echo zu hören, was ich einen interessanten Vergleich finde.

Voraussetzung dafür ist mMn erst einmal ein Anschluss dieses Echoempfängers und dann immer wieder neu die Empfangsausrichtung und -einstellung durch den Glauben.

LG
Mara
_________________
***************************************
OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Curlysue hat folgendes geschrieben:
Ich empfinde mein Gewissen, als eine Hilfestellung Gottes. Ich für mich, empfinde es, wie John Henry Newman es beschreibt


Der selige Kardinal John Henry Newman ist sicherlich ein überragender Lehrmeister des Gewissens. Sein ganzes Leben war er im intensiven Dialog mit seinem Gewissen, über das er nichts gestellt hat. Seine wichtigsten Lebensentscheidungen fällte er nur nach intensiver Prüfung seines Gewissens.

Ich sehe es so: Totalitarismus in jeder Form muss das Gewissen des Menschen hassen. Denn es auszuschalten ist Voraussetzung, um alle "gleichzuschalten". Das Gewissen des Menschen zu hassen, bedeutet letztlich Gott zu hassen. Den von ihm kommt es.

Hier ein Gedicht von John Henry Newman, das eigentlich mehr Gebet ist:

Führe Du, mildes Licht, im Dunkel, das mich umgibt,
führe Du mich hinan!
Die Nacht ist finster, und ich bin fern der Heimat:
führe Du mich hinan!
Leite Du meinen Fuß - sehe ich auch nicht weiter:
wenn ich nur sehe jeden Schritt.

Einst war ich weit zu beten, dass Du mich führtest.
Selbst wollt ich wählen.
Selbst mir Licht, trotzend dem Abgrund,
dachte ich meinen Pfad zu bestimmen,
setzte mir stolz das eigene Ziel.
Aber jetzt - lass es vergessen sein.

Du hast so lang mich behütet -
wirst mich auch weiter führen:
über sumpfiges Moor,
über Ströme und lauernde Klippen,
bis vorüber die Nacht
und im Morgenlicht Engel mir winken.
Ach, ich habe sie längst geliebt -
nur vergessen für kurze Zeit.
Echt gute Frage, liebe Heike.

"Wie können Menschen soo grausam zu ihren Mitmenschen sein?" habe ich mich gerade die letzen 2 Tage so oft gefragt, nachdem ich etwas gelesen habe das mich ungeheuer beschäftig t hat.

Auf Deine Frage hin kamen mir jetzt folgende Gedanken.

"Der Mangel an geeigneter Erziehung hat ihn (den Menschen) dessen beraubt was er seinem Wesen nach besitzt"

Ich denke, Gott hat im Menschen alles Gute angelegt. Liebe, Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit etc. alles ist in ihm.

Aber es muss durch die Erziehung gefördert werden.

Wenn die Fähigkeit im Menschen, z.B. lesen und schreiben zu lernen niemals gefördert würde, weil der Mensch in einer Umgebung aufwächst in der dies nicht möglich ist, dann wird er es nicht lernen.

Genauso kann die Fähigkeit der Liebe zum Mitmenschen nicht ans Licht kommen wenn sie nicht durch Erziehung gefördert wird. Und wenn der Mensch nicht liebt, dann ist er grausam und ungerecht.

Das Böse ist demnach der Mangel am Guten.

Alle Religionen lehren, dass wir unsere Mitmenschen lieben sollen. Insofern ist unser Gewissen sicher das Echo der Stimme Gottes, wenn wir auf sie hören.

Wenn ich selbst nicht so erzogen wurde, dann kann doch irgendwann die Selbsterziehung beginnen.

Liebe Grüße
Linde




_________________
******************************************
Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Curly Sue hat folgendes geschrieben:
Oft frage ich mich, wie es Menschen möglich ist, anderen Lebewesen Leid zu zufügen. Wie sie ihren Opfern dabei in die Augen schauen können.
(...)
Oder ist das Gewissen wirklich nur geprägt von Erziehung und gesellschaftlichen Einflüssen?


Großteils denke ich das schon. Man muss nur Kinder beobachten. Die trampeln auf Ameisenhaufen herum, reißen Insekten die Flügel aus oder grillen sie unter einer Lupe, ziehen Katzen am Schweif etc.

Solange ihnen niemand sagt, dass das "böse" ist, tun sie das. Nicht weil sie "böse" sind, sondern einfach so, weil sie können. Später kann man dann natürlich auch selbst darauf kommen, dass das nicht gut ist und dieses Wissen dann der nächsten Generation weitergeben. Gesellschaftlich haben wir inzwischen teilweise schon dazu gelernt, aber nur teilweise.
Guten Abend,

ich stimme hier LongRoad zu und würde es noch weiter fassen.
Das Gewissen spiegelt die Moralvorstellungen der entsprechenden Zeit wieder. Es ist hauptsächlich wie die Moralvorstellungen nicht angeboren sondern anerzogen. Und damit unterliegt es auch dem Wandel der Zeit (womit sich allerdings gerade die monotheistischen Religionen schwer tun).

Ein Mensch, der nicht sozialisierbar ist, ist eigentlich nicht "gewissenlos", er hat nur die gängigen Moralvorstellungen entweder nicht gelernt oder hat sie als für sich nicht gültig erklärt. Gut zu erkennen daran, daß es auch unter Verbrechern meist einen "Ehrenkodex" gibt.

Pjotr Kala
_________________
Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Curly Sue hat folgendes geschrieben:
Oft frage ich mich, wie es Menschen möglich ist, anderen Lebewesen Leid zu zufügen. Wie sie ihren Opfern dabei in die Augen schauen können.

Gibt es Menschen, die kein Gewissen haben? Oder erlöscht die Stimme des Gewissens, wenn man nur lange genug nicht darauf hört?
Oder ist das Gewissen wirklich nur geprägt von Erziehung und gesellschaftlichen Einflüssen?

Ich empfinde mein Gewissen, als eine Hilfestellung Gottes.


Ja, das sehe ich auch so, allerdings meine ich, kann ich das selbst auch ausschalten oder gemäß gesellschaftlicher Richtlinien anpassen.
_________________
Jedes Schicksal ist angemessen, individuell zugeschnitten, denn nichts, was Gott tut, ist sinnlos!
Evolutiv betrachtet sind wir Menschen Instinkt-reduzierte Wesen.
Dennoch sind uns Instinkte noch zu eigen:
Das ist häufig zunächst mal eine gewisse Skepsis, ja Ablehnung, gegenüber dem,
was uns als Fremd erscheint.
Man denke mal daran, wie Menschen reagieren würden, wenn ein Mann im Minirock über die Straße liefe.

Im zweiten Moment schaffen es dann viele (oder nur wenige?) den Instinkt kognitiv zu dominieren.

Nun passiert diesem Mann außer angefeindet, oder ausgelacht zu werden, hierzulande glücklicherweise wenig.

Wenn aber z.B. im Iran eine Frau eine Hose anzieht,
dann bekommt sie gleich mindestens ein Dutzend Peitschenhiebe.
Gewissen? Fehlanzeige!

Es ist leider für viele Menschen so:
Was nicht in den eigenen begrenzen Verstand passt,
muss passend gemacht werden,
damit die Begrenzung des Verstandes nicht erweitert werden muss.

Und hierbei stünde ein Gewissen ja im Weg!
_________________
Sind wir denn wirklich die heiligsten Wesen auf Erden?
>HIER KLICKEN<
Long Road hat folgendes geschrieben:


Großteils denke ich das schon. Man muss nur Kinder beobachten. Die trampeln auf Ameisenhaufen herum, reißen Insekten die Flügel aus oder grillen sie unter einer Lupe, ziehen Katzen am Schweif etc.

Solange ihnen niemand sagt, dass das "böse" ist, tun sie das. Nicht weil sie "böse" sind, sondern einfach so, weil sie können. Später kann man dann natürlich auch selbst darauf kommen, dass das nicht gut ist und dieses Wissen dann der nächsten Generation weitergeben. Gesellschaftlich haben wir inzwischen teilweise schon dazu gelernt, aber nur teilweise.


Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, entwickelt sich bei Kindern zwischen 4 und 5 Jahren. Würde das also im Umkehrschluss bedeuten, dass wir erst ab dem 4. Lebensjahr ein Gewissen bekommen? Oder sich erst dann entwickelt?


Ich habe 2 Jahre in einem Heilpädagogischem Intensivbereich gearbeitet. Unter anderem, mit Menschen, die eine Impulskontrollstörung haben.
Bei Überforderung oder Reizüberflutung kam es oft zu Impulskontrolldurchbrüchen, die meist Autoaggression oder Fremdaggression bedeuteten. In diesem Moment haben diese Menschen keine Möglichkeit sich zu steuern. Im Umkehrschluss also keine Chance, in dem Moment, ihr Gewissen wahr zu nehmen. Sie machen es nicht, weil sie "böse" sind, sondern weil sie nicht anders können.

Zitat:
Pjotr Kala:"Ein Mensch, der nicht sozialisierbar ist, ist eigentlich nicht "gewissenlos", er hat nur die gängigen Moralvorstellungen entweder nicht gelernt oder hat sie als für sich nicht gültig erklärt. Gut zu erkennen daran, daß es auch unter Verbrechern meist einen "Ehrenkodex" gibt."


Wenn der Teil im Gehirn, der für unsere Emotionen und Empathie Fähigkeit, nicht richtig oder gar nicht entwickelt ist, kann dann ein Gewissen überhaupt existieren?

Ich kenne Menschen mit Behinderungen, die kein Empathie Empfinden haben. Und doch versuchen sie oft, durch selbstschützendes Verhalten (z.B. wegrennen bei Überforderung) Fremdaggression zu vermeiden.
Oder warnen durch Körpersignale, dass sie sich gleich nicht mehr steuern können.
Auch da stellt sich mir die Frage: Ist das ein rein erlerntes Verhalten?
Ein erlerntes Verhalten, durch die Eltern in Kinderzeit? Oder erlerntes Verhalten, durch Lernen am Erfolg. Sprich, er hat gelernt, dass sein Körper weniger Stress hat, wenn er sich bei Überforderung zurück zieht, als dass er angreift oder sich selbst verletzt.


In meinem Kopf schwirren zu diesem Thema viele unterschiedliche Gedankenansätze. Nun muss ich aber gleich zur Arbeit.

Es ist wirklich schön, sich endlich mal mit anderen über so ein Thema austauschen zu können...Dank euch ♥
_________________
Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken.

Forum -> Gott