Gewissen= Echo der Stimme Gottes?


Hallo Curly Sue,

Zitat:
Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, entwickelt sich bei Kindern zwischen 4 und 5 Jahren. Würde das also im Umkehrschluss bedeuten, dass wir erst ab dem 4. Lebensjahr ein Gewissen bekommen? Oder sich erst dann entwickelt?


Ich meine, mal gelesen zu haben, daß sich die Fähigkeit, Konflikte einigermaßen friedlich zu lösen schon früher entwickelt. Wahrscheinlich greift hier aber auch schon die Erziehung.

Zitat:
Wenn der Teil im Gehirn, der für unsere Emotionen und Empathie Fähigkeit, nicht richtig oder gar nicht entwickelt ist, kann dann ein Gewissen überhaupt existieren?


Zumindest nicht in der Form, wie wir hier das Gewissen definieren. Autisten haben teilweise ein ganz anderes Verständnis bzw Nichtverständnis von Eigentum. Soziopathen halten ihren eigenen Vorteil in fast jedem Fall für gerechtfertigt. Durch Training kann man zwar eine Milderung dieser Eigenarten erreichen, die Grundveranlagung bleibt jedoch fast immer erhalten.

Zitat:
Oder warnen durch Körpersignale, dass sie sich gleich nicht mehr steuern können.
Auch da stellt sich mir die Frage: Ist das ein rein erlerntes Verhalten?
Ein erlerntes Verhalten, durch die Eltern in Kinderzeit? Oder erlerntes Verhalten, durch Lernen am Erfolg. Sprich, er hat gelernt, dass sein Körper weniger Stress hat, wenn er sich bei Überforderung zurück zieht, als dass er angreift oder sich selbst verletzt.


Ich schätze, daß jeder von uns eine genetische Grundausstattung bekommen hat, für die er ja wohl kaum verantwortlich gemacht werden kann. In der Erziehung wird versucht, die gesellschaftlich akzeptierten Normen jedem Kind mit mehr oder weniger Erfolg beizubringen. Wenn ein sehr agressives Kind gelernt hat, durch bestimmte Körpersignale klar zu machen, daß es gleich ausrastet, so ist das für seine soziale Umgebung ein positiver Anfang, vorausgesetzt, die Umgebung kann die Signale auch richtig deuten. Oft ist es jedoch wohl so, daß gerade Agressionsverhalten nur einen nichtigen Anlaß benötigt, um gleich in voller Stärke da zu sein.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Burkl hat folgendes geschrieben:

Ich sehe es so: Totalitarismus in jeder Form muss das Gewissen des Menschen hassen. Denn es auszuschalten ist Voraussetzung, um alle "gleichzuschalten". Das Gewissen des Menschen zu hassen, bedeutet letztlich Gott zu hassen. Den von ihm kommt es.

So sehe ich das auch. Wenn Menschen wie Roboter gleichgeschaltet werden sollen, dann müssten sie ziemlich abgestumpft sein.
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Jedes Schicksal ist angemessen, individuell zugeschnitten, denn nichts, was Gott tut, ist sinnlos!
Curly Sue hat folgendes geschrieben:
Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, entwickelt sich bei Kindern zwischen 4 und 5 Jahren. Würde das also im Umkehrschluss bedeuten, dass wir erst ab dem 4. Lebensjahr ein Gewissen bekommen? Oder sich erst dann entwickelt?


Ich denke es kommt weniger auf das "sich in andere hineinzuversetzen" an, sondern mehr darauf, dass man Regeln und Normen als gültig und richtig anerkennt.

Wenn ich akzeptiere, dass Gott Tieropfer, Menschenopfer, Todesstrafe etc. will, werde ich dabei kein schlechtes Gewissen haben, auch wenn ich mich hundertmal in das Opfer hineinversetzen kann. Weil das eben richtig und gottgewollt ist. Natürlich muss diese oberste Instanz nicht unbedingt Gott sein, wie wir in unserer Geschichte gesehen haben. Es können auch Ideologien, politische Systeme etc. sein, die Massenmorde, Krieg etc. als gut und richtig definieren.

Dieses "sich in andere hineinversetzen" und diese "innere Stimme, als Echo der Stimme Gottes" spielt sich auf einer individuellen Ebene ab und tritt sicher oft in Konkurrenz mit kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Normen und Regeln. Die Frage ist dann eben, welche Seite dominiert. Und ich würde nicht sagen, dass es immer besser ist, wenn nur eine Seite dominiert.
"Nicht die sind vor Gott gerecht, die das Gesetz hören, sondern er wird die für gerecht erklären, die das Gesetz tun.
Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz.
Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich - an jenem Tag, an dem Gott, wie ich es in meinem Evangelium verkündige, das, was im Menschen verborgen ist, durch Jesus Christus richten wird." (Röm 2,13-16)

Das ist vielleicht ganz interessant. Die christliche Religion geht davon aus, dass es "das Gewissen" gibt - also das eine allen Menschen eigene "Unterscheidungsorgan" zwischen gut und böse.

Aber dieses Gewissen ist eben auch verdunkelt - durch die Erbsünde und die persönliche Sünde.
Das heißt, das dieses Gewissen nicht per se voll ausgebildet ist, sondern der Bildung bedarf. "Bildung" bedeutet hier mehr als bloß intellektueller Wissenszugewinn. Es ist ein umfassender Prozess menschlichen Wachstums, der von den Eltern entscheidend gefördert werden kann, aber nicht ausschließlich von ihnen abhängt - es ist vor allem auch ein spiritueller Prozess. Ein gebildetes Gewissen ist dann ein allerdings ein sehr zuverlässiges Instrument zur Scheidung der Geister.

Und zu deiner Frage, liebe Sue, ob man das Gewissen unterdrücken bzw. sogar abtöten könne - Ja, denn das Gewissen ist wie ein seelisches "Organ", das erkranken und sterben kann. Wenn das Gewissen stirbt ist das gleichsam der "Seeleninfarkt".
Das Gewissen kann Schaden nehmen, ja verkümmern und absterben, wenn es nicht genährt wird - eben mit (Herzens-)Bildung - und auch mit geistiger Nahrung.
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Autisten haben teilweise ein ganz anderes Verständnis bzw Nichtverständnis von Eigentum. Soziopathen halten ihren eigenen Vorteil in fast jedem Fall für gerechtfertigt. Durch Training kann man zwar eine Milderung dieser Eigenarten erreichen, die Grundveranlagung bleibt jedoch fast immer erhalten.


Aber in diesen Fällen stimmt ja etwas mit dem Geist nicht.

Und da wir ein mit einer "Geistseele" durchdrungener Leib sind - Geist, Seele und Leib bilden einen Menschen - beeinflusst ein kranker Geist auch die Seele. In diesen konkreten Fällen, die du genannst hast, die Funktion des Gewissens.
Curly Sue hat folgendes geschrieben:

Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, entwickelt sich bei Kindern zwischen 4 und 5 Jahren. Würde das also im Umkehrschluss bedeuten, dass wir erst ab dem 4. Lebensjahr ein Gewissen bekommen? Oder sich erst dann entwickelt?

Wenn ich dich richtig verstehe, liebe Heike, fragst du, ob die Entstehung bzw. Entwicklung des Gewissens Empathie voraussetzt.

Ich denke, dass "Gewissensbildung" teilweise durch reine Konditionierung erfolgen kann, d.h. wenn das Kind das Richtige tut, wird es belohnt bzw. bei Nichtbefolgen bestraft.

Ein angedrohter Verlust von Bezugspersonen bzw. die Androhung von deren Schädigung bei Nichtbefolgen bestimmter Verhaltensweisen, ist die gemeinste Art von "Gewissensbildung" bei Kindern.
Dadurch kann es dazu kommen, obwohl ein Kind intuitiv (mitgebrachtes "Gewissen") spüren kann, dass es etwas Falsches tut, trotzdem weiter mitmacht (z.B. bei Sexuellem Missbrauch, Kriminalität etc.), weil durch das Einreden einer Schuld bei Nichtbefolgen das Gespür für sich selbst bei Kindern völlig unterdrückt werden kann.

Es gibt Erwachsene, die immer noch Einstellungen und Verhaltensweisen einer "schlimmen" Erziehungsperson so stark verinnerlicht haben, dass sie teilweise unbewusst danach handeln und dieser dadurch ähnlicher sind, als sie selbst bemerken und/oder ihnen lieb ist.

Menschen, die z.B. Blutrache ausgeübt hatten, waren durchaus empathisch mit ihren eigenen Familienangehörigen, was noch einmal zeigt, dass der soziokulturell bedingte Erziehungsfaktor bei der Gewissensbildung nicht zu unterschätzen ist.


Zitat:
Ich habe 2 Jahre in einem Heilpädagogischem Intensivbereich gearbeitet. Unter anderem, mit Menschen, die eine Impulskontrollstörung haben.
Bei Überforderung oder Reizüberflutung kam es oft zu Impulskontrolldurchbrüchen, die meist Autoaggression oder Fremdaggression bedeuteten. In diesem Moment haben diese Menschen keine Möglichkeit sich zu steuern. Im Umkehrschluss also keine Chance, in dem Moment, ihr Gewissen wahr zu nehmen. Sie machen es nicht, weil sie "böse" sind, sondern weil sie nicht anders können.

Etwas Ähnliches habe ich mit einem Autisten erlebt, der im Zuge der sogenannten Inklusion in eine Regelschule aufgenommen worden war und mit Hilfe einer ständig anwesenden Begleitperson den anfänglichen strukturell bedingten Überforderungen und der Reizüberflutung gegensteuern konnte, bis er sich schließlich immer wieder und immer mehr begann abzukapseln, wiederholt laut das gleiche Wort schrie und immer öfter kaum noch von außen erreichbar war. Als er zuletzt in einer Stresssituation handgreiflich gegenüber der Betreuungsperson wurde und eine Tür gewaltsam aufdrückte und dadurch dahinter stehende Kinder gegen den Kopf stieß, wurde die Probezeit vorzeitig beendet.

Bei bestimmten Störungen kann es dazu kommen, dass ein Mensch völlig die Verbindung zu seinem Gewissen verliert. Deswegen geht es bei uns vor Gericht immer auch darum, ob ein Täter straffähig war und ist.

Zitat:
Wenn der Teil im Gehirn, der für unsere Emotionen und Empathie Fähigkeit, nicht richtig oder gar nicht entwickelt ist, kann dann ein Gewissen überhaupt existieren?

Ich kenne Menschen mit Behinderungen, die kein Empathie Empfinden haben. Und doch versuchen sie oft, durch selbstschützendes Verhalten (z.B. wegrennen bei Überforderung) Fremdaggression zu vermeiden.
Oder warnen durch Körpersignale, dass sie sich gleich nicht mehr steuern können.
Auch da stellt sich mir die Frage: Ist das ein rein erlerntes Verhalten?
Ein erlerntes Verhalten, durch die Eltern in Kinderzeit? Oder erlerntes Verhalten, durch Lernen am Erfolg. Sprich, er hat gelernt, dass sein Körper weniger Stress hat, wenn er sich bei Überforderung zurück zieht, als dass er angreift oder sich selbst verletzt.

Am Beispiel von Autisten wird ja deutlich, dass dieses "Rückzugsverhalten" Teil der Erkrankung und Selbstschutz ist.
Wenn man versucht diese Menschen aus ihrer Isolation zu holen, setzt man sie Überforderungen aus, die dann zu noch stärkerem Rückzug und Schutz durch sich wiederholende Bewegungen bzw. Schreien oder durch Aggression führen können und da beginnt m.M.n. das Lernen, auch noch anders den Überforderungen gegenzusteuern, um so mehr am Außenleben teilhaben zu können.

Hast du vielleicht mal von Temple Grandin gehört bzw. den Film gesehen "Du gehst nicht allein"?
Diese Autistin schaffte es sogar zu studieren und Vorlesungen zu halten, dabei half ihr eine selbst erfundene Apparatur, die für sie die Umarmung von Menschen ersetzte und als Kompensation diente, um der Reizüberflutung gegenzusteuern.
Ihre Masterarbeit schrieb sie über das unterschiedliche Muhen von Rindern.
"Temple veröffentlicht weitere Arbeiten über Apparaturen und Konstruktion in der Viehwirtschaft, die den Schlachtablauf effizienter und vor allem für die Tiere weniger grausam gestalten sollen. Dies gelingt ihr dadurch, dass sie sich exakt in Rinder hineinversetzen kann. http://de.wikipedia.org/wiki/Du_gehst_nicht_allein

Zitat:
Es ist wirklich schön, sich endlich mal mit anderen über so ein Thema austauschen zu können...Dank euch ♥

Finde ich auch und schön, dass du auch praktische Erfahrungen einbringen kannst.

LG
Mara
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Mara-Devi hat folgendes geschrieben:

Hast du vielleicht mal von Temple Grandin gehört bzw. den Film gesehen "Du gehst nicht allein"?
Diese Autistin schaffte es sogar zu studieren und Vorlesungen zu halten, dabei half ihr eine selbst erfundene Apparatur, die für sie die Umarmung von Menschen ersetzte und als Kompensation diente, um der Reizüberflutung gegenzusteuern.
Ihre Masterarbeit schrieb sie über das unterschiedliche Muhen von Rindern.
"Temple veröffentlicht weitere Arbeiten über Apparaturen und Konstruktion in der Viehwirtschaft, die den Schlachtablauf effizienter und vor allem für die Tiere weniger grausam gestalten sollen. Dies gelingt ihr dadurch, dass sie sich exakt in Rinder hineinversetzen kann. http://de.wikipedia.org/wiki/Du_gehst_nicht_allein

Na das ist ja genial!
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Jedes Schicksal ist angemessen, individuell zugeschnitten, denn nichts, was Gott tut, ist sinnlos!
Hallo Burkl,

Zitat:
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Autisten haben teilweise ein ganz anderes Verständnis bzw Nichtverständnis von Eigentum. Soziopathen halten ihren eigenen Vorteil in fast jedem Fall für gerechtfertigt. Durch Training kann man zwar eine Milderung dieser Eigenarten erreichen, die Grundveranlagung bleibt jedoch fast immer erhalten.

Du antwortest:
Aber in diesen Fällen stimmt ja etwas mit dem Geist nicht.

Und da wir ein mit einer "Geistseele" durchdrungener Leib sind - Geist, Seele und Leib bilden einen Menschen - beeinflusst ein kranker Geist auch die Seele. In diesen konkreten Fällen, die du genannst hast, die Funktion des Gewissens.


hmm, ich rede lieber nicht von einer "Geistseele", sondern von einem Verstand, der von einem "normal" funktionierenden Gehirn abhängig ist (wobei man sich wahrscheinlich stundenlang streiten kann, was hier eigentlich normal bedeutet).

Da ich nicht an etwas fest Definiertes wie etwa "das Böse" oder "das Gute", sondern nur zeitlich- und situations- begrenzte Definitionen für gut und böse für richtig halte, kann ich deiner Erklärung eines Gewissen nicht zustimmen.

Für mich ist "Gewissensbildung" hauptsächlich eine Erziehungssache (wenn diese nicht durch genetische Besonderheiten behindert wird).

Ich weiß allerdings nicht, ob es bereits Forschungen darüber gibt, ob vielleicht doch ein kleiner Teil des Gewissens genetisch fixiert ist, oder ob es nur durch die Erziehung und Erfahrung weitergegeben wird.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!

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