Berateramt Hilfsamt


Meine Frage ist damit schon gestellt. Um sie zu erklären, möchte ich den Anlass kurz schildern. Unsere Gemeinde bekam Zuwachs durch einen Studenten, der in unserer Stadt sein Studium fortsetzen wollte. Er erschien allerdings nur zwei-, dreimal und blieb dann weg. Irgendwann fiel es mir auf und ich fragte nach. Zur Erklärung: wir sind nur eine kleine Gemeinde; der geistige Rat stellt den größten Teil der Gemeindemitglieder, daneben gibt es nur noch ein paar Rentner mich und das Hilfsamtsmitglied. Meine Fragen zum Verbleib des jungen Mannes wurden mit Schulterzucken oder Kopfschütteln beantwortet. Irgendwann landete ich mit meinen Fragen dann beim Hilfsamtsmitglied, der mir erklärte, dass es heftige Auseinandersetzungen gegeben habe, woraufhin er (Hilfsamt) den jungen Mann quasi aus der Gemeinde ausgeschlossen hat. Er darf zu keinem Anlass mehr erscheinen; sein Wahlrecht kann er per Briefwahl in Anspruch nehmen. Ich bin völlig fassungslos. Die Gemeinde hätte in angemessener Weise über diesen Vorfall informiert werden können. Die Machtfülle, die ein einzelner Bahai ausüben kann, stellt meine ganze bisherige Vorstellung der demokratischen Führung auf den Kopf. Ich habe mich voller Enttäuschung komplett zurückgezogen, gehe zwar noch zu privaten Andachten, aber von den verlogenen 19-Tage-festen haben ich verabschiedet. Mein Vertrauen ist weg.
Hallo Franziska,

so sehr mir die Erfahrung auch leid tut, die du gemacht hast, möchte ich dich doch bitten, zwischen der konkreten Person und den Baha'i in ihrer Gesamtheit zu trennen. Es gibt immer einige, die glauben, die könnten absolute Macht ausüben. Tatsächlich ist es aber weder Aufgabe der Hilfamtsmitglieder noch in irgendeiner Weise rechtlich gedeckt, dass sie Gemeindemitglieder vom persönlichen Kontakt, nicht aber vom Wahlrecht ausschließen. Tatsächlich gibt es nur eine Ordnungsmaßnahme, die überhaupt innergemeindlich verhängt werden kann, und das ist der eben besagte Entzug des Wahrechts.

Außerdem bedeutet das noch lange nicht, dass der Entzug des Wahlrechts dazu führt, dass jemand aus der Gemeinde ausgegrenzt wird. Und das paassiert auch nicht, weil sich Einzelpersonen nicht mögen. In jedem Fall hätte sowohl der Geistige Rat darüber in Kenntnis gesetzt werden müssen als auch der Nationale Geistige Rat drüber entschieden haben. Im Geheimen unliebsame Personen abzuschießen geht aber weder rechtlich noch menschlich!

Ich kann dich nur bitten, nicht vom Verhalten einer Einzelperson (Hilfsamtsmitglieder haben keinerlei rechtliche Befugnisse, um Ordnungsmaßnahmen zu verhängen!) auf die ganze Gemeinde oder gar die ganze Religion zu schließen, denn du wirst zum Glück viele andere finden, die mit so einem Verhalten ebenfalls nicht einverstanden wären.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Hallo FranziskaL,
geh doch mal zu dem Studenten und rede mit ihm. Auch bei dem 19-Tage-Fest würde ich thematisieren OHNE über den Hilfsamtler schlecht zu reden.
Es ist doch schade, wenn man nicht offen darüber reden kann und ich würde es von Herzen einfach tun.
Zu schweigen wäre irgendwie fehl am Platze - lieber würde ich mein Wahlrecht verlieren, weil ich meine Meinung in Liebe zu der Baha'i-Sache gesagt habe. Entsprechende Zitate kannst Du Dir ja rauskramen...
Hallo Franziska,

ich würde auch in der Gemeinde offen darüber reden. Man muss auch beide Seiten hören, finde ich.
Dass einfach eine Person einen Menschen ausschließen kann, wäre mir komplett neu, habe ich so noch nie gehört.

Alles Liebe,
Minou
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Minou hat folgendes geschrieben:
Dass einfach eine Person einen Menschen ausschließen kann, wäre mir komplett neu, habe ich so noch nie gehört.


Rein rechtlich darf das alles ausschließlich über den NGR laufen. Die Hilfsamtsmitglieder dürfen zwar Hinweise geben, wenn etwas wirklich auffälliges vorgefallen ist, aber auf keinen Fall eigenmächtig irgendwas entscheiden. Sie dürfen dir nicht einmal verbindlich erzählen, was richtig und was falsch ist, wie dann das?

Und wie gesagt, jemanden aus dem Gemeindeleben, aber nicht vom Wahlrecht auszuschließen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, das rechtlich völlig unzulässig ist.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Mir ist da noch eine Alternative gedämmert:
Die beiden hatten privat Meinungsdifferenzen. Der Student hätte sich nicht ausschließen lassen müssen, sondern sich selbst erheben können und es der Gemeinde mitteilen können. Mich könnte "eine Person" nur körperlich rausschmeißen *g*
Somit könnte es sein, dass der Student "nur" die Schnauze voll hat und sich nicht mal rausgeschmissen fühlt.
Na und Du hast Dich ja auch eine gewisse Art und Weise auch selbst rausgeschmissen!

Spekulative Theorie, aber denk mal drüber nach, ob da was dran sein könnte.
Reden ist immer gut und nachfragen bei Unklarheiten auch:
Zum Hilfsamt und da mal fragen, ob ihr beraten könnt über das Thema. Genau die Fragen, die Du hier gestellt hast direkt beraten...
Hallo Franziska,

ich finde es immer schwierig zu solchen Fällen etwas aus der Ferne zu sagen.

Grundlegend hat ein Hilfsamt von sich aus keinerlei Autorität innerhalb der Gemeinde. Die Autorität liegt völlig bei den Räten. Was natürlich sein kann ist, dass das Hilfsamt von einem Rat mit der nötigen Autorität ausgestattet wurde.

Grundlegend kann es aber sein das jemand aus der Gemeinde geworfen wird, dann aber noch Wahlrecht hat. Diesem religionsrechtlichen Zustand gibt es in der Bahai-Gemeinde nicht.

Sollte das alles wirklich so sein wie du beschreibst, dann solltest du das Thema dringend deinem Geistigen Rat vorbringen. Wenn es dort nicht fruchtet dem Nationalen Geistigen Rat.
Ich danke Euch für Eure Antworten. Das hilft mir tatsächlich sehr. Die Auskunft, dass es ein Gemeindemitglied der Gemeinschaft verweisen kann, kam von Hilfsamtler selbst. Ich habe gesucht und gelesen und nichts entsprechendes gefunden und dachte, dass es vielleicht an meiner Unfähigkeit liegt. Aber das ist ja jetzt geklärt. Ich habe den Hilfsamtler noch mal angesprochen und die Antwort war: das liegt daran, dass wir so eine kleine Gemeinde sind. In einer großen Gemeinde wäre das gar nicht aufgefallen. Ich habe mit allen Mitgliedern des geistigen Rates gesprochen. Glaubt mir, ich habe mich ausgesprochen unbeliebt gemacht. Die Entscheidung wird vom geistigen Rat getragen oder zumindest toleriert. Ich hätte mir gewünscht, dass der geistige Rat der Gemeinde wenigstens eine Erklärung gibt, aber leider keine Reaktion. Was den Sachverhalt angeht, bin ich da leider auch nur ein Außenstehender. Ich weiß ja auch nicht mehr. Nach der Tiefe des Schweigens muss es etwas sehr Schlimmes gewesen sein, was vorgefallen ist. Über die Bemerkung, dass ich mich selbst rausgeschossen habe, musste ich lächeln, bitter. Da ist was dran. Das allgemeine Klima hier ist jedoch im Moment recht schwierig. Wenn ich einen Witz mache, werde ich zurechtgewiesen. Es wird verboten, bestimmte Bücher oder Webseiten zu lesen, - ein Gemeindemitglied gebrauchte das Wort "Indoktrination" - ich werde darüber belehrt, wer sich in meiner Wohnung aufhalten darf (wenn das "Hilfsamt" mich besucht, sollte mein Freund nicht in der Wohnung sein.) Von anderen Gemeindemitgliedern bekomme ich den Rat, doch die Klappe zu halten. Es sind auch andere meiner Meinung bzw. in einer ähnlichen Lebenssituation. Von denen "kommt" aber nichts. Ich respektiere das das und wahre die "Geheimnisse". Jeder hat einen Grund für das, was er tut. Aber ich möchte so angenommen werden, wie ich bin. Vielleicht bin ich ein wenig zu ehrlich, jedenfalls fühle ich mich im Moment als "Störer" und habe mich auch deswegen zurückgezogen. Was mich allerdings nicht hindert, zu einzelnen Gemeindemitgliedern eine liebevolle und ehrliche Freundschaft zu pflegen.
FranziskaL hat folgendes geschrieben:
Es wird verboten, bestimmte Bücher oder Webseiten zu lesen, - ein Gemeindemitglied gebrauchte das Wort "Indoktrination"


Welche Bücher oder Webseiten sollen das sein? Und wer soll das verbieten?

Mir fallen da lediglich die Werke von 'Bundesbrechern' ein, die man als Bahai möglichst nicht konsumieren sollte.

Hinzu kommen freilich Werke die den moralischen Anforderungen des Bahaiseins nicht genügen. Wobei es hier wohl eine enorme Grauzone gibt.

FranziskaL hat folgendes geschrieben:
ich werde darüber belehrt, wer sich in meiner Wohnung aufhalten darf (wenn das "Hilfsamt" mich besucht, sollte mein Freund nicht in der Wohnung sein.)


Hier kommt es wohl etwas darauf an was 'dein Freund' ist. An sich sollten Bahai möglichst nicht mit Personen des anderen Geschlechts zusammenleben mit denen sie nicht verwandt oder verschwägert sind. Für Studenten, etc. gibt es hier jedoch einen Dispens, da es in unserer aktuellen Kultur kaum anders geht.

Grundlegend hat ein Hilfsamt dir aber nicht zu befehlen wer wann in deiner Wohnung ist.

FranziskaL hat folgendes geschrieben:
Ich weiß ja auch nicht mehr. Nach der Tiefe des Schweigens muss es etwas sehr Schlimmes gewesen sein, was vorgefallen ist.


Für 'schlimme Sachen' gibt es den Entzug der administrativen Rechte. Der behinhaltet aber auch den Entzug des Wahlrechts innerhalb der Gemeinde.




Ich kann dir generell nur noch einmal raten dich bezüglich der von dir beschriebenen Vorgänge an deinen Geistigen Rat zu wenden oder wenn das nicht hilft an den Nationalen Geistigen Rat.
Hallo Franziska,

Na bei euch gehts ja auch ab. Ich würde auf jedem Fall dem NGR eine e-mail schreiben, wegen dem Hilfsamtsmitglied. Lass den/die mal nicht den Dorfsherrif spielen.

Wegen den Büchern: Es gibt Leute, die mit Absicht Lügen über die Baha'i Sache säen und die Baha'i wollen natürlich, dass ihre Sache geschützt wird und raten ihren neuen Mitgliedern, solche Bücher nicht zu lesen. Ich würde das auch nicht lesen, es ist wie Gift, dass du nicht mehr aus dem Kopf kriegst. Ich war mal aus Versehen auf so einer Website und es ist nicht schön. Man spürt ganz genau, dass es einer bösen Absicht entspringt.

Lass dich von den "alten Baha'i Hasen" nicht einschüchtern, die machen auch nicht alles richtig, wie du siehst, auch wenn sie gerne so tun als ob. Immer schön der eigenen Intuition vertrauen!