Bahai und ich - oder nicht?


Schalom Menschen,

zunächst (zum warm werden) ein wenig zu mir. Ich bin konfessionslos aufgewachsen doch sehne mich allmählich nach Religion. Ich habe mich in Baha'ullahs Lehren eingelesen und verliebt, nachdem ich in einer schweren Sinnkrise steckte.

Eigentlich hege ich den Wunsch ein Bahai zu werden. Leider lebe ich in einem Dorf hinterm Mond, wodurch ich vorerst keine Gemeinde besuchen kann. Trotzdem würde ich gerne mein Leben an Baha'ullah's Lehren ausrichten.

Ich weis, dass sich daraus ein Paradoxum ergibt (Bahai sein, ohne bei einer Gemeinde zu sein) doch dies wäre nur kurzfristig, da ich 2017 nach Hamburg ziehe. Sollte ich bis 2017 weiter konfessionslos sein - oder darf ich auch ein Bahai ohne Gemeinde sein?

Meine Frage beruht auf der Tatsache, dass Baha'ullah's Nachfolger die Gemeinde ist.

Ich wollte noch erwähnen, dass ich nicht "bentrick" bin - der bereits sehr ähnliches fragte.

Was würdest Du überhaupt denken, wenn ein Fynn neu in deine Gemeinde kommt und dir sagen würde "Ich war vier Jahre ein stiller Bahai"?

Hochachtungsvoll
dein Beyouijac
Lieber Beyouijac,

ich denke es ist an dieser Stelle, nachdem ich dich herzlich in unserem Forum begrüßt habe, ganz praktisch, wenn ich einfach erstmal ein Zitat in den Raum stelle:

Abdu'l-Baha hat folgendes geschrieben:
Ein Bahá'i sein heißt einfach, die ganze Welt lieben, die ganze Menschheit lieben und sich bemühen, ihr zu dienen, für den allgemeinen Frieden und die allgemeine Brüderlichkeit zu arbeiten


Es ist also keinesfalls so, dass du dutzende andere Baha'i um dich herum brauchst, um ein Baha'i zu sein. Viele leben allein in ihrem Ort, das bleibt bei einer so kleinen Religionsgemeinschaft nicht aus. Außerdem ist die Arbeit in einer Gemeinde zwar schön und sicherlich auch wichtig, aber worauf es wirklich ankommt, ist das WIE. Es kommt darauf an, wie du persönlich mit deinem Glauben umgehst und wie du ihn lebst. Denn wenn man tatsächlich mit ganzem Herzen dabei ist, dann findet man immer irgendeine Betätigung, und sei es nur, dem Nachbarn mit dem Grünschnitt zu helfen. Der Lebensstil macht einen Baha'i, nicht der Name oder eine Masse an Menschen.

Insofern würde ich dir sehr empfehlen, mal Kontakt zum Nationalen Geistigen Rat aufzunehmen. Und wer weiß, vielleicht wohnt ja im nachbarort oder der nächstgrößeren Stadt ein anderer Baha'i, mit dem du dich austauschen kannst. Ansonsten gibt es auch immer wieder Aktivitäten, die deutschlandweit stattfinden, zum Beispiel das Sommerfest am Haus der Andacht in Langenhain am nächsten Sonntag. Bei solchen Gelegenheiten kommt man dann auch mit vielen anderen Baha'i in Kontakt und hat irgenwann ein Netzwerk, ohne dass man mit den Leuten zwangsläufig am selben Fleck leben muss. Viel an Austausch findet heute schon online statt, auf Facebook oder über Foren. Auch da kann man sicherlich Anschluss finden.

Und wenn du dann nach Hamburg ziehst, wird die Reaktion wahrscheinlich eher Respekt dafür sein, dass du es trotz der ungünstigen Startbedingungen geschafft hast, deinen Weg zum Glauben zu finden und das durchzuhalten, selbst als du der Einzige warst.

Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen weiterhelfen.

Lieben Gruß!
_________________
"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Ohne diesen Thread hier stören zu wollen - es ist schön, wenn sich jemand zu einer Religion bekennt, die offenschichtlich auf Toleranz basiert - aber da ich mich selbst mit ethischen Fragestellungen nicht gerade nur oberflächlich befasse, möchte ich dir, Sören, diesbezüglich eine Frage stellen:

Es geht um Abdul'-Bahas Aussage und zwar konkret um diesen Ausschnitt:

Zitat:
... die ganze Menschheit lieben ...


Nun ist das ethische Spektrum dieser ganzen Menschheit ja ziemlich groß und reicht von unbefleckter Heiligkeit - womit ich keinesfalls den Papst der katholischen Kirche meine - bis hin zum fleischgewordenen Boten und Stellvertreter des Teufels. Diese Pole sind meiner Überzeugung nach antagonistische Widersprüche und irgendwer hat mal den ziemlich klugen (metaphorisch gemeinten) Satz verlauten lassen, dass man zwei Herren nicht gleichzeitig dienen kann.

Wenn die Baha'i also, gemäß Abdul' Bahas Aussage, die ganze Menschheit lieben, dann schließt das alle Bösewichter mit ein. Nun heißt es ja auch bei den Christen "Liebet euere Feinde". Ich meine, solche Sätze sind schnell gesagt und können alles Mögliche bedeuten. Aber was heißt das bei den Baha'i konkret Wie sieht die Liebe aus, die man Schurken (die sich eben gegen das Wohl der Allgemeinheit stellen) zukommen lässt? Wie löst man diesen Interessenkonflikt?

Liebe Grüße
_________________
Nur dem Glühwürmchen ist es immer hell genug
Lieber Marcolo 8,

Gauner lieben oder einen Diakon zu lieben schließt sich nicht aus. Wir können keinen Menschen als Ganoven abstempeln und von der Nächstenliebe ausschließen. Daraus würde eine Abwärtsspirale entstehen. Die ungeliebten Menschen würden beginnen zu revoltieren, da sie ohne Nächstenliebe weiter in eine untere Verhaltensweise fallen würden, weil sie keine stärkere gesellschaftliche Konsequenz als die vollkommene verwährung der Liebe mehr zu erwarten hätten.

Wen sollten wir überhaupt von der Nächstenliebe ausschließen? Sollten wir die Menschen aufgrund von Taten gruppieren, ohne dabei den Menschen hinter den Taten zu sehen?

Bösewichte würden sich bei allgemeiner Nächstenliebe gar nicht erst herausbilden oder würden sich beseitigen lassen. Ein geliebter Bösewicht würde nicht mehr böse sein wollen, da er den Nektar der Liebe trank.

Minderheitenhass würde sich ohne allgemeine Toleranz gar nicht erst bilden und die Minderheiten müssten keine Bösewichte gebären, welche dann revoltieren, weil man sie nicht liebt. Damit meine ich nicht einmal eine ethnische Minderheit; es kann auch eine andere Minderheit sein.

Ein Drogenhändler verkauft Drogen, weil er kein Essen mehr hat. Warum hat der kein Essen mehr? Weil ihn keiner aus Liebe unterstützt. Würde er, wenn er Essen hätte, weiterhin Drogen verkaufen? Nein, außerdem würde er die ihm gegebene Liebe nehmen und weitergeben. Das kannst du dir wie eine Kettenreaktion vorstellen. Ich helfe dir beim Rasen mähen, du hilfst deiner Frau beim Abwasch, sie hilft deinen Kindern, deine Kinder sind lieb zu ihrer Lehrerin, ...

Ich bin zwar nicht der Sören, aber ich hoffe ich konnte deine Frage etwas beantworten.

Liebe Grüße
Beyouijac
Beyouijac hat folgendes geschrieben:
Eigentlich hege ich den Wunsch ein Bahai zu werden. Leider lebe ich in einem Dorf hinterm Mond, wodurch ich vorerst keine Gemeinde besuchen kann. Trotzdem würde ich gerne mein Leben an Baha'ullah's Lehren ausrichten.

Ich weis, dass sich daraus ein Paradoxum ergibt (Bahai sein, ohne bei einer Gemeinde zu sein) doch dies wäre nur kurzfristig, da ich 2017 nach Hamburg ziehe. Sollte ich bis 2017 weiter konfessionslos sein - oder darf ich auch ein Bahai ohne Gemeinde sein?


Man kann auch Mitglied der deutschen Bahai-Gemeinde sein, wenn man abgeschieden lebt. Dazu einfach mit der nationalen Bahai-Gemeinde deines Landes Kontakt aufnehmen:

http://www.bahai.de/kontakt.html
http://at.bahai.org/2/
http://www.bahai.ch/contact/?lang=de

Irgendwo in deinem Umfeld gibt es sicher auch eine lokale Gemeinde. Der Besuch von Gemeindeaktivitäten ist zwar ein Soll, aber kein Muss. Man kann auch Bahai sein ohne physisch bei Gemeindeveranstaltungen dabei zu sein, wenngleich einem da sicher was verloren geht.

Natürlich kannst du dich auch als Bahai im Herzen fühlen ohne dich bei der Bahai-Gemeinde zu registrieren. Wenn du dich aber als Bahai fühlst sehe ich kaum einen Sinn darin dich nicht auch bei der Bahai-Gemeinde zu melden.
Lieber Beyouijac,

es ist ja lobenswert, dass du deine eigene moralische Einstellung so 1:1 auf andere Menschen überträgst, aber die Realität sieht leider weniger erfreulich aus.

Beyouijac hat folgendes geschrieben:
Ein Drogenhändler verkauft Drogen, weil er kein Essen mehr hat. Warum hat der kein Essen mehr? Weil ihn keiner aus Liebe unterstützt. Würde er, wenn er Essen hätte, weiterhin Drogen verkaufen?


Ich werde dir jetzt keine grausamen Bilddokumentationen zumuten, die aufzeigen, wie mexikanische oder kolumbianische Drogenkartelle mit Menschen umgehen, wenn diese ihre Milliardenprofite auch nur ansatzweise gefährden. Das war selbst für eine robuste Natur wie mich zu viel.

Und selbst die in der Hierarchie des Organisierten Verbrechens weiter unten angesiedelten Kleindealer tun dies nicht, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, sich und ihre Familie zu ernähren, sondern weil auch sie vom Leid abhängiger Konsumenten erheblich profitieren. Und du machst solche Vertreter der menschlichen Spezies nicht durch liebevolle Zuwendung zu guten Menschen. Schon dar nicht die Drogenbosse. Das ist - mit Verlaub gesagt - pures Wunschdenken.

Mit freundlichen Grüßen
_________________
Nur dem Glühwürmchen ist es immer hell genug
Marcolo 8 hat folgendes geschrieben:
Ohne diesen Thread hier stören zu wollen - es ist schön, wenn sich jemand zu einer Religion bekennt, die offenschichtlich auf Toleranz basiert - aber da ich mich selbst mit ethischen Fragestellungen nicht gerade nur oberflächlich befasse, möchte ich dir, Sören, diesbezüglich eine Frage stellen:

Es geht um Abdul'-Bahas Aussage und zwar konkret um diesen Ausschnitt:

Zitat:
... die ganze Menschheit lieben ...


Nun ist das ethische Spektrum dieser ganzen Menschheit ja ziemlich groß und reicht von unbefleckter Heiligkeit - womit ich keinesfalls den Papst der katholischen Kirche meine - bis hin zum fleischgewordenen Boten und Stellvertreter des Teufels. Diese Pole sind meiner Überzeugung nach antagonistische Widersprüche und irgendwer hat mal den ziemlich klugen (metaphorisch gemeinten) Satz verlauten lassen, dass man zwei Herren nicht gleichzeitig dienen kann.

Wenn die Baha'i also, gemäß Abdul' Bahas Aussage, die ganze Menschheit lieben, dann schließt das alle Bösewichter mit ein. Nun heißt es ja auch bei den Christen "Liebet euere Feinde". Ich meine, solche Sätze sind schnell gesagt und können alles Mögliche bedeuten. Aber was heißt das bei den Baha'i konkret Wie sieht die Liebe aus, die man Schurken (die sich eben gegen das Wohl der Allgemeinheit stellen) zukommen lässt? Wie löst man diesen Interessenkonflikt?

Liebe Grüße


Lieber Marcolo 8,

ich sehe darin keinen Widerspruch. Denn es ist ein Unterschied, ob man die Taten eines Menschen beurteilt und zu dem Ergebnis kommt, dass sie den eigenen moralischen Maßstäben nicht entsprechen, oder ob man einem Menschen deswegen die Würde abspricht und ihn selbst unmenschlich behandelt. Auch im Grundgesetz heißt es "die Würde des Menschen ist unantastbar". Das gilt für einen Massenmörder nicht weniger als für einen Heiligen. Jeder Mensch hat potenziell die Fähigkeit, gut zu handeln, wenn die notwendigen Bedingungen hierfür gegeben sind. Dass es jemand nicht tut, ist kein Grund, ihn aufzugeben. Das ist es, was Abdu'l-Baha damit meint, dass man die ganze Menschheit lieben sollte. Schließlich kamen die Propheten auch immer zu den Menschen, die sich am weitesten von Gott entfernt hatten.
_________________
"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Sören hat folgendes geschrieben:
... oder ob man einem Menschen deswegen die Würde abspricht und ihn selbst unmenschlich behandelt.


Die Frage bezog sich aber nicht auf unmenschliche Behandlung, sondern ob man solchen Menschen Liebe entgegenbringen darf. Es ist doch nicht so, dass wir automatisch jeden Menschen ihre Würde absprechen oder sie gar unmenschlich behandeln, weil wir sie nicht für liebenswürdig halten.

Der im GG verankerte Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" muss doch angesichts der Realität als Phrase gesehen werden. Denn im realen Alltagsleben wird die menschliche Würde unbekümmert mit Füßen getreten. Positiv gesehen hätte sie bestenfalls den Stellenwert eines Gebotes. Und solche Personen, die sich um die Menschenwürde keinen Deut scheren, disqualifizieren sich doch ganz von selbst. Da muss man ihnen nichts "absprechen". Ein Schwerverbrecher ist in meinem Hause unwillkommen. Ist das denn nicht irgendwie nachvollziehbar?

LG
_________________
Nur dem Glühwürmchen ist es immer hell genug
Marcolo hat folgendes geschrieben:
Ein Schwerverbrecher ist in meinem Hause unwillkommen. Ist das denn nicht nachvollziehbar?


Die Liebe Gottes verwandelt ja Menschen gerade dadurch, dass sie nicht ablehnt. Freilich - der Funke der Bekehrung muss vorher schon übergesprungen sein, damit es Sinn hat einen weit verirrten Menschen, der verschlossen und verstockt ist, in seine intime Nähe - in die Gastfreundschaft einzulassen - das könnte sogar gefährlicher Leichtsinn sein.

Wenn es aber der Fall ist - wenn der Geist eines Menschen sich wirklich durch die Gnade Gottes gewandelt hat, dann wäre es wiederum Sünde ihn mit dem Etikett "Schwerverbrecher" auszugrenzen und nicht einzulassen. Dann würde man mit ihm auch sein eigenes Heil aussperren. Die Gastfreundschaft adelt den, der sie gewährt genau in dem Maße wie den, der sie aufrichtigen Herzens begehrt.

"Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten." (Mt 10,41)

Und was das Stigma "Schwerverbrecher" anbelangt. Der erste Christ der Geschichte war ein bekehrter Schwerverbrecher; einer, der neben Jesus am Kreuz hing. Verwandelt hat ihn die Liebe Gottes.

"Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!
Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen.
Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.
Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." (Lk 23,39-43)
Burkl hat folgendes geschrieben:
Freilich - der Funke der Bekehrung muss vorher schon übergesprungen sein, damit es Sinn hat einen weit verirrten Menschen, der verschlossen und verstockt ist, in seine intime Nähe - in die Gastfreundschaft einzulassen - das könnte sogar gefährlicher Leichtsinn sein.


Genau davon spreche ich aber, Burkl. Die ethisch Verkommenen, die ganz bewusst dem Bösen dienen. Die Unbekehrbaren. Gottes Lichtstrahl der bedingungslosen Liebe dringt nicht bis zu ihren Herzen vor. Sie nehmen auch menschliche Bemühungen und versuchte Zuwendungen (Stichwort Nächstenliebe) nur als Schwäche derer wahr, die die Natur dieser Erzbösewichte nicht erkannt haben.

Vor dieser traurigen Wahrheit darf man sich nicht verschließen.
_________________
Nur dem Glühwürmchen ist es immer hell genug

Forum -> Gott