Bahai und ich - oder nicht?


Zitat:
Sie nehmen auch menschliche Bemühungen und versuchte Zuwendungen (Stichwort Nächstenliebe) nur als Schwäche derer wahr, die die Natur dieser Erzbösewichte nicht erkannt haben.

Vor dieser traurigen Wahrheit darf man sich nicht verschließen.


Ja - aber dennoch. In jedem Menschen stecken zu jedem Zeitpunkt - bis zum letztem Atemzug beide Wege - Hölle und Himmel, Tod und Leben. Wir sollten niemanden "abschreiben" - aber selbstverständlich uns gegen das Böse schützen und wachsam sein.
Hallo Burkl, hallo Marcolo 8

Macht ihr es euch da nicht ein bißchen einfach?
Neuere Forschungen haben wohl ergeben, daß es bei einer Gruppe von Psychopathen (besser Soziopathen) zu einer geringeren Aktivierung des Frontallappens kommt. Diese Personen müssen bei guter Erziehung nicht kriminell werden, sind aber sehr durchsetzungsstark bzw rücksichtslos bei der Verfolgung ihrer Ziele und erreichen sie oft viel schneller als andere Menschen.
Sind diese "Unbekehrbaren" nun voll verantwortlich für ihre Taten oder muß man ihnen einen Bonus für ihre verminderte Hirnleistung zubilligen?

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Sind diese "Unbekehrbaren" nun voll verantwortlich für ihre Taten oder muß man ihnen einen Bonus für ihre verminderte Hirnleistung zubilligen?


Lieber Pjotr,

jeder Mensch kann nur in dem Maße verantwortlich gemacht werden als er überhaupt eine Bandbreite an Handlungsspielraum hat, sich für das Böse bzw. das Gute zu entscheiden. Doch jeder Mensch hat das in einem gewissen Ausmaß. Das Gewissen ist im übertragenen Sinn ein "Organ". Wir sind dafür verantwortlich wenn wir es selbst zum Schweigen bringen und absichtlich degenerieren, sodass dieses "Organ" schwächer wird und irgendwann seine Funktion einstellt. Menschen, deren Gewissen auf Grund von Geisteskrankheiten eingeschränkt sind, sind auch genau in dem Maße dieser Einschränkung nicht verantwortlich für ihr Tun.

Das sind eigentlich Gedanken, die schon die rein menschliche Gerechtigkeit implizieren. Dazu muss ich gar keine transzendente Begründung heranziehen.

Aber auch Gott misst die Menschen mit dem Maßstab, der ihnen zukommt - der ihrer Position entspricht, ihrem sittlichem Können und ihrer Zugangsmöglichkeit zu Gott. Der Maßstab mit dem gemessen wird ist umso höher, je mehr einem Menschen in jeder Hinsicht - körperlich, geistig, materiell, spirituell - anvertraut wurde.

"Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen.
Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man um so mehr verlangen." (Lk 12,47 u. 48 )
Re: Pjotr Kala

Ich weiß, das ist jetzt ein ziemlich gewagter Vergleich und es geht mir auch nicht darum, tierisches und menschliches Verhalten auf eine Stufe zu stellen. Vielmehr geht es mir um Vorsorge / Gefahrenabwendung

Auf deine Fragestellung:

Zitat:
Sind diese "Unbekehrbaren" nun voll verantwortlich für ihre Taten oder muß man ihnen einen Bonus für ihre verminderte Hirnleistung zubilligen?


antworte ich daher wie folgt:

Wenn ein Jäger im Wald ein tollwütiges Tier entdeckt, schießt er dieses dann deshalb ab, weil er meint, das Tier wäre für diese Erkrankung voll verantwortlich? Oder tut er dies nicht vielmehr aus reiner Sorgfaltspflicht?


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Nur dem Glühwürmchen ist es immer hell genug
Burkl hat folgendes geschrieben:
Wir sind dafür verantwortlich wenn wir es [unser Gewissen] selbst zum Schweigen bringen und absichtlich degenerieren, sodass dieses "Organ" schwächer wird und irgendwann seine Funktion einstellt.


Genau so ist es. Sehr gut ausgedrückt, Burkl.
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Nur dem Glühwürmchen ist es immer hell genug
Hallo Marcolo 8,

Ach ja? Sollen wir dann alle Soziopathen auch erschießen. Du drückst dich um eine klare Aussage. Wie behandeln wir in Zukunft die Gruppe der Soziopathen, nachdem wir wissen, daß zumindest ein Teil ihrer Aktionen auf ein nicht normales Gehirn zurückzuführen ist. Sie sind aber nicht "geisteskrank" im Sinne von der Erfordernis einer psychologischen Betreuung. Und sie fallen in der Regel oft nur dadurch auf, daß sie eine ausgeprägte "Ellbogen-Mentalität" besitzen.
Vielleicht wird man in Zukunft versuchen, durch vermehrte Schulung das Sozialverhalten dieser Personen dem "Normalzustand" anzugleichen. Ob dies möglich ist, wird erst die Zukunft zeigen.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Vielleicht wird man in Zukunft versuchen, durch vermehrte Schulung das Sozialverhalten dieser Personen dem "Normalzustand" anzugleichen.


In diesem Satz steckt eine verborgene Ironie. Denn faktisch verhält es sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt genau umgekehrt: Die erfolgreichsten Soziopathen sind obskurerweise auch in der Position, selbst Bildungsrichtlinien zu erstellen (sei es auch nur auf indirektem Wege - Geld regiert die Welt) und streben danach, ihre Abartigkeit durch entsprechende "Bildungsprogramme" salonfähig zu machen. Und dann haben wir einen Zustand, den Orwell in seinem Buch 1984 in weiser Vorhersage beschrieben hat.

Aber genau das, Pjotr, ist eine Erkenntnis, gegen die du dich vehement zur Wehr setzt. Du willst das nicht wahrhaben, weil du ansonsten all deine Vorurteile gegen so genannte Verschwörungstheoretiker revidieren müsstest. Weil nicht sein kann was nicht sein darf. Nichts für ungut.
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Nur dem Glühwürmchen ist es immer hell genug
Marcolo 8 hat folgendes geschrieben:

In diesem Satz steckt eine verborgene Ironie. Denn faktisch verhält es sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt genau umgekehrt: Die erfolgreichsten Soziopathen sind obskurerweise auch in der Position, selbst Bildungsrichtlinien zu erstellen (sei es auch nur auf indirektem Wege - Geld regiert die Welt) und streben danach, ihre Abartigkeit durch entsprechende "Bildungsprogramme" salonfähig zu machen. Und dann haben wir einen Zustand, den Orwell in seinem Buch 1984 in weiser Vorhersage beschrieben hat.



Das ist schon eine gewaltige Anschuldigung. Kannst du sie belegen? Wen meinst du denn damit?
Und was genau verstehst du unter dem Begriff Soziopath?
Marcolo 8 hat folgendes geschrieben:
Ohne diesen Thread hier stören zu wollen - es ist schön, wenn sich jemand zu einer Religion bekennt, die offenschichtlich auf Toleranz basiert - aber da ich mich selbst mit ethischen Fragestellungen nicht gerade nur oberflächlich befasse, möchte ich dir, Sören, diesbezüglich eine Frage stellen:

Es geht um Abdul'-Bahas Aussage und zwar konkret um diesen Ausschnitt:

Zitat:
... die ganze Menschheit lieben ...


Nun ist das ethische Spektrum dieser ganzen Menschheit ja ziemlich groß und reicht von unbefleckter Heiligkeit - womit ich keinesfalls den Papst der katholischen Kirche meine - bis hin zum fleischgewordenen Boten und Stellvertreter des Teufels. Diese Pole sind meiner Überzeugung nach antagonistische Widersprüche und irgendwer hat mal den ziemlich klugen (metaphorisch gemeinten) Satz verlauten lassen, dass man zwei Herren nicht gleichzeitig dienen kann.

Wenn die Baha'i also, gemäß Abdul' Bahas Aussage, die ganze Menschheit lieben, dann schließt das alle Bösewichter mit ein. Nun heißt es ja auch bei den Christen "Liebet euere Feinde". Ich meine, solche Sätze sind schnell gesagt und können alles Mögliche bedeuten. Aber was heißt das bei den Baha'i konkret Wie sieht die Liebe aus, die man Schurken (die sich eben gegen das Wohl der Allgemeinheit stellen) zukommen lässt? Wie löst man diesen Interessenkonflikt?

Liebe Grüße



Das Zitat, welches aus einer Rede von von Abdulbaha stammt, heißt vollständig "Ein Bahá'í sein heißt einfach, die ganze Welt lieben, die ganze Menschheit lieben und sich bemühen, ihr zu dienen, für den allgemeinen Frieden und die allgemeine Brüderlichkeit zu arbeiten."

Wie sich bei dem vollen Zitat zeigt ist damit ja tatsächlich bereits eine inhaltliche Version verbunden.

Die gesamte Menschheit zu lieben kann inhaltlich ja in zweierlei Hinsicht aufgefasst werden:

1) man soll die Menschheit als ganzes lieben, also keine Personen von dieser Menschheitsfamilie ausschließen
2) man soll jedes einzelne Mitglied dieser Menschheit lieben

Nun will ich ich sicherlich nicht sagen, dass die zweite Bedeutung hier ausgeschlossen ist, wenn man sich das ganze Zitat anschaut geht die Bedeutung aber wohl deutlich zur ersten Bedeutung.

Natürlich inkludiert diese Bedeutung eben auch Menschen die böse Dinge getan haben und tun. Es ist jedoch ein sehr gefährlicher Schritt den Personen die man für böse betrachtet die Menschlichkeit abzusprechen. Es ist einerseits gefährlich, da es sehr schnell dazu führen kann Gewalt gegen vermeintlich böse Einzelpersonen oder Gruppen zu legitimieren. Andererseits ist es gefährlich, weil so die Schuld für schlechte Dinge vom Menschen hinfort geschoben wird.

Wenn man über diese Ansicht nachsinnt, so wird man merken, dass sie sowohl böses als auch verantwortungsloses Handeln nicht zulässt. Ich denke das dies genau der Punkt ist den Abdulbaha hier machen möchte.



Nun siehst du einen Konflikt darin, dass man einerseits jeden Menschen lieben soll (diese Bedeutungsebene will ich wie gesagt nicht ausklammern) und auf der anderen Seite das Böse verhindern soll. Das Problem wird freilich noch dadurch aufgeladen das alle Menschen ja von Gott stammen (ein zentraler Grund warum man sie lieben soll) und einige von ihnen eben böses (also gottloses) tun. So sagte etwa Jesus:

"denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte." (Mt 5,45)

Und auch Bahaullah schrieb in seinem Testament:

"»Sprich: Alle Dinge sind von Gott.« Dieser erhabene Vers ist wie Wasser, das Feuer des Hasses und der Feindseligkeit zu löschen, welches in der Menschen Herz und Brust schwelt. Durch diesen einen Vers werden streitende Völker und Geschlechter zum Lichte wahrer Einheit gelangen. Wahrlich, Er spricht die Wahrheit und führt den Weg. Er ist der Allmächtige, der Erhabene, der Gnädige." (12)

Grundlegend bringt einen Hass gegen Menschen nicht weiter. Die böse Tat, die Sünde soll man gewiss verachten; aber nicht die Menschen. Bei der Verachtung von Menschen kommt noch hinzu, dass diese oft ohne faktisch richtigen Grund geschieht. Oft stecken da Vorurteile, Manipulation, Selbstüberheblichkeit und Bigotterie dahinter.

Gegen böse Taten und Ideen haben sich sowohl Jesus als auch Bahaullah klar ausgesprochen und ebenso Abdulbaha. Gegen das selbstgerechte Verurteilen von Mitmenschen aber auch.

Marcolo 8 hat folgendes geschrieben:
Burkl hat folgendes geschrieben:
Freilich - der Funke der Bekehrung muss vorher schon übergesprungen sein, damit es Sinn hat einen weit verirrten Menschen, der verschlossen und verstockt ist, in seine intime Nähe - in die Gastfreundschaft einzulassen - das könnte sogar gefährlicher Leichtsinn sein.


Genau davon spreche ich aber, Burkl. Die ethisch Verkommenen, die ganz bewusst dem Bösen dienen. Die Unbekehrbaren. Gottes Lichtstrahl der bedingungslosen Liebe dringt nicht bis zu ihren Herzen vor. Sie nehmen auch menschliche Bemühungen und versuchte Zuwendungen (Stichwort Nächstenliebe) nur als Schwäche derer wahr, die die Natur dieser Erzbösewichte nicht erkannt haben.

Vor dieser traurigen Wahrheit darf man sich nicht verschließen.


Auch eben solche Personen gilt es als Menschen und Geschöpfe Gottes anzuerkennen.

Wenn Sie versuchen andere Personen zu schädigen, dann hat die Gesellschaft die Pflicht sie bei maximaler Wahrung ihrer Würde und Rechte daran zu hindern und sie möglichst wieder ihrer Pflichten als Personen und Gottesgeschöpfe bewusst zu machen. So zumindest mein Verständnis der Bahai-Position.
@ Tobias betreffs Text Datum: 30.06.14, 01:00 Titel: Re: Bahai und ich - oder nicht?

Vielen Dank für die detaillierte Antwort. Ich werde zu gegebener Zeit ausführlich darauf eingehen.
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