"Wahrheitsgehalt" der älteren Heiligen Schriften


Hallo,

ich möchte hier mal ein Thema in den Raum werfen, das mich schon lange beschäftigt. Es geht um die älteren Heiligen Texte der Religionen. Die Sache ist, dass ich sie aufgrund meines Berufs als Historische Quellen sehe und daher nur bedingt glauben kann, was darin steht. Z.B wurden die Bibel und der Quran erst Jahre nach dem Tod ihrer Offenbarer niedergeschrieben/gesammelt und danach noch oft übersetzt und verändert. Wenn ich mich nicht irre, entstand der Quran 80 Jahre nach Mohammad und die Bibel wurde im Laufe der ersten 2 Jahrhunderte nach Jesus zusammengetragen bzw. es wurde beschlossen, welche Schriften aus dem alten und neuen Testament in die christliche Bibel hinein sollen. Die hinduistischen Texte sind ja noch älter...da kenne ich mich nicht so aus, aber vermutlich, können 3000 Jahre alte Schriften nicht mehr in ihrer ursprünglichen Weise vorhanden sein. Wenn man das ganze logisch sieht, ist klar, dass vieles davon gar nicht "original" sein kann. Schriften wurden absichtlich und unabsichtlich verfälscht und fehlerhaft übersetzt und es sind auch Teile verloren gegangen. Außerdem sind viele der mündlichen Überlieferungen durch die Menschen damals interpretiert worden und dann wahrscheinlich verändert niedergeschrieben worden. Man hatte wohl auch nicht unbedingt den Anspruch auf Wahrheit beim Erzählen von Geschichten, sondern es kam auf die Botschaft und den Unterhaltungswert an...so die Geschichtsforschung.
In den Baha'i-Schriften steht nun, dass die älteren Heiligen Schriften unter Gottes Schutz standen, gegen "Verlorengehen" und Verfälschung. Ich glaube Abdu'l-Baha sagt es in "Beantwortete Fragen"...kann jemand die genaue Stelle zitieren?
Und genau das ist mein Problem. Ich bin begeistert von den Baha'i Schriften, aber diese Sache macht mir Kopfschmerzen.

Mich würde auch interessieren, wie die Baha'i hier das sehen, die sich mit Geschichte oder Archäologie auskennen...für mich widersprechen sich Wissenschaft und Religion in diesem Punkt nämlich...
Liebe RoseGarden!

Ich prüfe generell des Geschriebene, denn ich mache mir selbst ein Bild, indem ich meine wahres Selbst erfahre, wobei ich generell sagen kann, dass alle Propheten einzig und allein ein besseres Zusammenleben der Menschheit verfolgen. Es gibt keinen Propheten, dem nicht ein Leben nach der goldenen Regel ( Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! ) vorschwebt.

Alles Liebe

Erich
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Es leitet mich die reine Liebe, die frei von Ego und frei von Konditionierungen ist!
RoseGarden hat folgendes geschrieben:
Mich würde auch interessieren, wie die Baha'i hier das sehen, die sich mit Geschichte oder Archäologie auskennen...für mich widersprechen sich Wissenschaft und Religion in diesem Punkt nämlich...


Liebe RoseGarden,

da ich sowohl Baha'i als auch Archäologe und Religionswissenschaftler bin, beschäftigt mich diese Frage selbstverständlich auch regelmäßig. Tatsächlich ist es nicht so, dass die Baha'i-Offiziellen an eine wortwörtliche Überlieferung von Prophetentexten durch Bibel, Bhagavadgita oder Pali-Kanon glauben, sondern erkennen die von dir erwähnten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entstehung der Schriften an.

Schon Baha'u'llah wies darauf hin, dass die Evangelien Sekundärliteratur sind, die erinnerungen an das Leben und Wirken Jesu zusammenfassen. Shoghi Effendi ging sogar so weit, die Möglichkeit anzuerkennen, dass wichtige Teile der Lehre Jesu im Zeitraum zwischen seinem Leben und der Verfassung der Evangelien verloren gegangen sein könnten.

Im Grunde gibt es also neben den Baha'i-Schriften nur eine direkte Offenbarungsschrift, die auch als solche anerkannt wird, nämlich der Koran. Die Hadithliteratur wird dagegen in ihrer Gesamtheit ebensowenig als hundertprozentig authentisch anerkannt wie Geschichten über Baha'u'llah oder Abdu'l-Baha.

Was mit den Aussagen Abdu'l-Bahas zum Wahrheitsgehalt der Bibel gemeint war, so erklärte Shoghi Effendi später, sei der Wesenkern wahrer Religion, der in ihr genauso enthalten sei wie in allen anderen Schriften auch. Es geht bei den biblischen Geschichten also nicht in erster Linie darum, ob sie tatsächliches historisches Geschehen berichten, sondern was die Aussage der Erzählungen ist. Es wird beispielsweise als völlig unerheblich betrachtet, ob Abraham Isaak (wie im AT) oder Ismael (wie im Koran) opfern wollte, denn der Sinn der Geschichte wäre, sein Gottvertrauen und seine Ergebenheit herauszustellen. So verhält es sich mit fast allen biblischen Geschichten. Der Sinn dahinter ist das Entscheidende, und solange der erhalten bleibt, ist es eigentlich relativ unwichtig, was konkret drinsteht.

Ich hoffe, ich konnte dir damit ein wenig helfen. Die Quellentexte kann ich leider nicht einfügen, da sie alle auf Englisch sind. Man findet aber vieles zum Thema Bibel unter www.bahaiquotes.com und in der Zusammenstellung "Lights of Guidance" von Helen Hornby.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Zitat:
dass alle Propheten einzig und allein ein besseres Zusammenleben der Menschheit verfolgen. Es gibt keinen Propheten, dem nicht ein Leben nach der goldenen Regel ( Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! ) vorschwebt.


Ja Erich, die Frage ist halt, was haben die Nachfolger aus dem gemacht, was ihre Propheten ihnen gesagt, erklärt haben?

Liebe Grüße
Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Sören hat folgendes geschrieben:
Schon Baha'u'llah wies darauf hin, dass die Evangelien Sekundärliteratur sind, die erinnerungen an das Leben und Wirken Jesu zusammenfassen.


Da hört es ja schon auf, weder Markus hat das Evangelium nach Markus geschrieben, noch Lukas Lukas oder Johannes Johannes.
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Man kann Gläubige nicht überzeugen, da ihr Glauben nicht auf Beweisen beruht, sondern auf dem tiefen Bedürfnis zu glauben. - Carl Sagan.

Die Wahrheit siegt nie, ihre Gegner sterben nur aus.
Danke für eure Antworten!

Sören ok, das hilft mir weiter. Kannst du mir die genauen Textstellen sagen, vielleicht per link? Wo genau in Lights of Guidance steht denn was dazu? Unter welchem Punkt soll ich gucken?

Mich interessiert es schon genau, ich will es richtig verstehen...
Busshari hat folgendes geschrieben:
Da hört es ja schon auf, weder Markus hat das Evangelium nach Markus geschrieben, noch Lukas Lukas oder Johannes Johannes.


Und das sagt mir in dem Kontext... was? Wer sagt denn, dass die Namen der Verfasser nicht Markus, Matthäus, Lukas und Johannes sind? Dass es sich dabei nicht um Jünger Jesu handelt ist ja nochmal 'ne ganz andere Geschichte.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
RoseGarden hat folgendes geschrieben:
Sören ok, das hilft mir weiter. Kannst du mir die genauen Textstellen sagen, vielleicht per link? Wo genau in Lights of Guidance steht denn was dazu? Unter welchem Punkt soll ich gucken?


Freut mich!

Bei Bahaiquotes ist es der Unterpunkt "Bible", in Lights of Guidance sind es insbesondere die Lemmata 1645, 1648, 1649, 1658, 1659, 1660 und 1688.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Sören hat folgendes geschrieben:

Schon Baha'u'llah wies darauf hin, dass die Evangelien Sekundärliteratur sind, die erinnerungen an das Leben und Wirken Jesu zusammenfassen. Shoghi Effendi ging sogar so weit, die Möglichkeit anzuerkennen, dass wichtige Teile der Lehre Jesu im Zeitraum zwischen seinem Leben und der Verfassung der Evangelien verloren gegangen sein könnten.

Also das grundlegendste aller Gebote ist natürlich die Wertschätzung Gottes sowie des Nächsten, daran hat Jesus von Nazareth in seinen Lehren festgehalten. Dieser Grundsatz lässt sich natürlich auf alle Lebensbereiche übertragen. Erwartungsgemäß wird er natürlich nicht auf sämtliche Situationen hingewiesen haben, aber das Prinzip ist ja das Um und Auf, und das steht auch in den Evangelien geschrieben. Daher meine ich nicht, dass wesentliche Aspekte der Lehre Jesu verloren gegangen sind.
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Jedes Schicksal ist angemessen, individuell zugeschnitten, denn nichts, was Gott tut, ist sinnlos!
Peter.Trim hat folgendes geschrieben:
Also das grundlegendste aller Gebote ist natürlich die Wertschätzung Gottes sowie des Nächsten, daran hat Jesus von Nazareth in seinen Lehren festgehalten. Dieser Grundsatz lässt sich natürlich auf alle Lebensbereiche übertragen. Erwartungsgemäß wird er natürlich nicht auf sämtliche Situationen hingewiesen haben, aber das Prinzip ist ja das Um und Auf, und das steht auch in den Evangelien geschrieben. Daher meine ich nicht, dass wesentliche Aspekte der Lehre Jesu verloren gegangen sind.


Ich hab grad erst meine Bachelorarbeit über das Jesusbild der Baha'i-Schriften geschrieben. ich glaube in Anbetracht dessen auch nicht, dass wirklich grundsätzliche Dinge verloren gegangen sind. Allerdings gings in dem Zitat auch gar nicht darum, dass die Grundlagen weggebrochen wären. Es ging dabei mehr um so Sachen wie, ob Jesus ein tägliches Pflichtgebet oder eine feste Fastenzeit bestimmt haben könnte. Solche Details lassen sich tatsächlich nicht nachvollziehen. Der Religionswissenschaftler in mir würde jetzt natürlich ergänzen, dass der historische Jesus ohnehin kein Interesse an der Gründung einer neuen Religion oder dem Erlass von Religionsgesetzen hatte.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523