Ist Schönheit subjektiv oder objektiv?


Zur Einleitung des Themas und als Impuls verlinke ich auf ein kurzes Video, in dem der Erzbischof von Wien, Dr. Christoph Schönborn, einen kurzen "Überflug" über das Thema macht.

http://www.youtube.com/watch?v=pV7mRg21CYQ

Seine Konklusio lautet dann: Ja - es gibt das "objektiv Schöne". Man kann es in Gesichtern von Menschen erkennen, die die Liebe leben.

Eine Arbeitskollegin hat heute im Büro davon gesprochen, dass ein bestimmter Mann einen "schönen Körper" habe - dort in der Küche hängt ein "Feuerwehrkalender", der "harte Männer" mit wohlproportionierten und durchtrainierten Oberkörpern zeigt.
Ist die Schönheit eines wohlproportionierten Körpers, die Schönheit einer blühenden Orchidee oder eines Pfauenrades und diejenige, die im faltigen Gesicht einer gütigen alten Frau zu erkennen ist, jeweils diesselbe Art Schönheit? Gibt es mehrere "Schönheiten"? Können zwei Menschen überhaupt gemeinsam erkennen, was hässlich und was schön ist? Gibt es Menschen, die keinen Blick bzw. einen sehr ausgeprägten Blick für das Schöne haben? Hat Schönheit etwas mit "Liebe" zu tun?

Ich würde gerne ein wenig darüber philosophieren/diskutieren.
Für mich hat Schönheit auf jeden Fall etwas mit Liebe zu tun, mit Liebe und Güte.
Die äußere Schönheit täuscht sehr oft.
Ich habe äußerlich unattraktive Menschen kennengelernt, und beim ersten Gespräch fand ich sie wunderschön, umgekehrt natürlich genau so.
Für mich spielt überhaupt das Wesen eines Menschen die Hauptrolle.
Das ist natürlich meine subjektive Sicht.

Ist Schönheit objektiv? Nun, wenn man sich die Kriterien für Misswahlen ansieht, anscheinend schon.
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Minou hat folgendes geschrieben:
Ist Schönheit objektiv? Nun, wenn man sich die Kriterien für Misswahlen ansieht, anscheinend schon.


Gerade diese Art Schönheit ist eigentlich die höchst subjektive. Man muss Claudia Schiffer nicht zwangsläufig schön finden.

Offenbar gibt es auch eine "Schönheit", die - wie sollte man das ausdrücken - "unecht" ist - sozusagen "synthetisiert", aus der Konserve. Man könnte sie auch "plakative Schönheit" nennen: Schönheit, die per Hochglanzkommerz daherkommt verliert irgendwie ihr inneres Wesen.
"Plakatierte Schönheit" - wie eben am Laufsteg oder im "Firemen"-kalender wäre demnach gar keine echte Schönheit mehr - ähnlich wie pornographische Darstellungen auch nichts mit Erotik zu tun haben.
Burkl hat folgendes geschrieben:
Gerade diese Art Schönheit ist eigentlich die höchst subjektive. Man muss Claudia Schiffer nicht zwangsläufig schön finden.


Ich habe nicht gemeint, dass einzelne Models schön sind, sondern ich meine, dass die Kriterien, die an die Kandidatinnen gestellt werden, doch objektiver Natur sein müssen, weil alle irgendwie 'ähnlich' schön sind. Ist vielleicht das, was Du als plakative Schönheit benennst. Und diese scheint mir eben deswegen objektiv zu sein.
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Ich denke, Schönheit ist so ziemlich das Subjektivste, was es gibt. Mode kann sich ja auch immer ändern.
Ich meine, Schönheit ist ein innerer Zustand. Im Lichte des Glücks ist Schönheit und die wird dann auch in sogenanntem Häßlichen gesehen. Umgekehrt ist im unglücklichen Zustand gar nichts schön.

Die sogenannte äußere Schönheit von Menschen richtet sich nach dem jeweiligen Zeitgeist und hat mit Schönheit gar nichts zu tun, meinem Gefühl nach.
Minou hat folgendes geschrieben:
Ich habe nicht gemeint, dass einzelne Models schön sind, sondern ich meine, dass die Kriterien, die an die Kandidatinnen gestellt werden, doch objektiver Natur sein müssen, weil alle irgendwie 'ähnlich' schön sind. Ist vielleicht das, was Du als plakative Schönheit benennst. Und diese scheint mir eben deswegen objektiv zu sein.


Du musst aber auch bedenken, dass Misswahlen nur von einem verschwindend geringen Teil der Gesellschaft überhaupt für voll genommen werden. In den USA sind es wahrscheinlich noch mehr, als in Europa, aber die Mehrheit der Gesellschaft ist es sicherlich nicht. Und es sind gerade diejenigen, die in einer Welt des Schönheitswahns gefangen immer neue Idealbilder von dem konstruieren, was angeblich objektiv schön sein soll. Dass hunderttausende Frauen an Esstörungen leiden oder sehr viel Geld ausgeben, um sich unter das Messer zu legen, weil sie eben diesen Idealbildern nicht entsprechen, sollte eigentlich reichen, um den Beweis anzutreten, dass äußerliche Schönheit das Subjektivste der Welt ist. Zum Beispiel wurde ich wegen meiner Haarfarbe lange Zeit ausgegrenzt und gemieden, es wurden dann immer mehr angeblche negative Dinge auf diese Schablone projiziert, die mir gar nicht entsprachen, einfach, weil man sowieso schon negativ dachte. Dadurch, dass ich mit den Jahren einen Bauch bekommen habe, wurde es auch nicht unbedingt besser. Meine Freundin findet aber genau diese Haare und meine leicht kräftige Statur attraktiv.

Ich glaube auch, dass das einzige wirklich halbwegs brauchbare Kriterium für Schönheit ein guter Charakter ist. Das hält die Menschen leider nicht davon ab, sich genau in solche Krampen zu verlieben, aber sie wissen auch dann, dass sie eigentlich was anderes gewollt hätten.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Burkl hat folgendes geschrieben:

Seine Konklusio lautet dann: Ja - es gibt das "objektiv Schöne". Man kann es in Gesichtern von Menschen erkennen, die die Liebe leben. (...)

Ich würde gerne ein wenig darüber philosophieren/diskutieren.


Zunächst einmal wundert es mich, dass ein Erzbischhof sich so einem Thema widmet. Aber gut, es beschäftigt die Menschheit ja schon ewig und hat daher sicher einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert innerhalb der Themen, die die Menschen umtreiben.

Die Fragestellung ist ja fast schon langweilig geworden, denn ich denke die Antwort ist weder neu, noch wird sie sich jemals ändern: Innere und äußere Schönheit eines Menschen müssen Hand in Hand gehen, wenn man sie als objektive und vollkommene Schönheit bezeichnen möchte möchte.

Zitat:
Eine Arbeitskollegin hat heute im Büro davon gesprochen, dass ein bestimmter Mann einen "schönen Körper" habe - dort in der Küche hängt ein "Feuerwehrkalender", der "harte Männer" mit wohlproportionierten und durchtrainierten Oberkörpern zeigt.
Ist die Schönheit eines wohlproportionierten Körpers, die Schönheit einer blühenden Orchidee oder eines Pfauenrades und diejenige, die im faltigen Gesicht einer gütigen alten Frau zu erkennen ist, jeweils diesselbe Art Schönheit?

Wenn man es analytisch angehen will, dann muss man zwischen der Wesensschönheit und der formalen Schönheit unterscheiden. Man kann ein Pfauenrad nicht mit einem gütigen Gesicht vergleichen, weil man nicht Form und Inhalt vergleichen kann. Da der Mensch ein Empfinden für Ästhetik hat, sprich ihn die Symetrie eines Pfauenrades an, genau wie die Pracht der Farben. Da der Mensch aber auch eine empfindsame Seele hat, spricht ihn die Liebe bzw. Güte in einem Gesicht genauso an. Es ist jeweils eine andere Art der Schönheit, die hier aufgeführt ist. Es gibt also zwei Arten von Schönheit, die objektiv feststellbar sind: die formästhetische und die wesensbezogene Schönheit.

Zitat:
Gibt es mehrere "Schönheiten"? Können zwei Menschen überhaupt gemeinsam erkennen, was hässlich und was schön ist? Gibt es Menschen, die keinen Blick bzw. einen sehr ausgeprägten Blick für das Schöne haben? Hat Schönheit etwas mit "Liebe" zu tun?


Zwei Menschen können in Übereinstimmung die auf Ästhetik bezogene, also die formale Schönheit erkennen, wenngleich sie nicht denselben Geschmack haben müssen. (Siehe Claudia Schiffer)
Neben der begrenzten obektiven, vollkommenen Schönheit gibt es ganz viel subjektive Schönheit. Das subjektive Schönheitsempfinden setzt die Gewichtungen anders, setzt sich also über die objektiven Maßstäbe hinweg. Das kann im positiven wie im negativen Sinne geschehen, will heißen ein Mensch kann einen Menschen ausschließich nach der Form beurteilen, ohne das hässliche Wesen zu bemerken oder bemerken zu wollen. Er kann sich aber auch über eine weniger ästhetische Form hinwegsetzen und das Gewicht auf die innere Wesensschönheit legen.
In beiden Fällen hat Schönheit etwas mit der (Vor-) Liebe des Betrachters zu tun und damit auch etwas mit seiner persönlichen Reife (Klugheit) und seiner eigenen inneren Schönheit oder Hässlichkeit ,um in diesen Extremen zu reden.

Die innere Wesensschönheit eines Menschen kann sich unabhängig von der ästhetischen Form im Liebreiz der Erscheinung äußern. (Ein tolles Wort in diesem Zusammehang, finde ich) Liebreiz ist die innere Schöhneit, die sich ins Äußere gekehrt hat und formunabhängig ist. Von daher hat Schönheit natürlich auch etwas mit Liebe zu tun. Sowohl von Seiten des Liebenden wie von Seiten des Geliebten.

Zitat:
Offenbar gibt es auch eine "Schönheit", die - wie sollte man das ausdrücken - "unecht" ist - sozusagen "synthetisiert", aus der Konserve. Man könnte sie auch "plakative Schönheit" nennen: Schönheit, die per Hochglanzkommerz daherkommt verliert irgendwie ihr inneres Wesen.

Das liegt daran, dass die Schönheit instrumentalisiert wird. Es geht bei der Hochglanzschönheit ja nicht um den inneren Menschen, der hinter der Form steht, sondern um das Produkt, das verkauft werden soll. Das Wissen um den ansprechbaren ästhetisch orientierten Teil des Menschen, macht sich die Werbung zunutze.

Zitat:
"Plakatierte Schönheit" - wie eben am Laufsteg oder im "Firemen"-kalender wäre demnach gar keine echte Schönheit mehr

Sie ist echt, aber eben nur in Bezug auf den formal-ästhetischen Aspekt der Schönheit. Deine Überlegung zeigt aber, dass es uns Menschen offenbar doch sehr um die vollkommene Schönheit geht, eben jene Schönheit, die aus dem Zusammenspiel eines lieben Wesens und einer ästhetischen Form besteht. Das ist, am Rande bemerkt, die Sehnsucht nach der Vollkommenheit in Gott.

Es scheint ja offensichtlich, dass innere Schönheit äußeren Liebreiz bestimmt. Aristoteles geht aber sogar soweit, dass die Seele (Inhalt) die Verwirklichung des Leibes (Form) ist, was eine ganz neue Fragestellung aufwirft. Inwiefern beeinflusst die äußere Erscheinung die Seele? Und in inwiefern steht dies im Zusammenhang mit der Zukunft des Geistes in der jenseitigen Welt?
Meinte Aristoteles, dass das Materielle, das Äußere eine Vorstufe zum Geistigen ist? Eine Wahrwerdung, Manifestation des im Materiellen gelegten Grundsteins? Oder meinte er nur, dass das Äußere das Innere beeinflusst, statt umgekehrt?



Zitat Sören
Zitat:
Zum Beispiel wurde ich wegen meiner Haarfarbe lange Zeit ausgegrenzt und gemieden, es wurden dann immer mehr angeblche negative Dinge auf diese Schablone projiziert, die mir gar nicht entsprachen, einfach, weil man sowieso schon negativ dachte. Dadurch, dass ich mit den Jahren einen Bauch bekommen habe, wurde es auch nicht unbedingt besser.


Ja, die menschliche Sehnsucht nach Vollkommenheit, die sich aber nicht bewusst ist, dass es die Sehnsucht nach Vollkommenheit in Gott ist, wird auf die Mitmenschen projeziert, was dazu führt, dass die Erwartungen an menschliche Vollkommenheit überhöht sind. Sobald man nicht dem Ideal entspricht wird man dafür abgestraft nicht Gott zu sein, was ja völlig absurd ist, aber eben auch so menschlich.
Was die Ausgrenzung von Merkmalen angeht, die im jeweiligen Kreis nicht der Norm/Mehrheit entsprechen (zum Beispiel die Haarfarbe) ist wohl ein materiell-instinktives Relikt der Evolution, da es früher immer um das Überleben der eigenen Sippe (Gleichheit/Ähnlichkeit) ging.
Darüberhinaus ist das Herumreiten auf den Schwächen der Anderen (kleines Bäuchlein etc.) immer Ausdruck eigener Minderwertigkeitsgefühle und dem Wunsch geschuldet von den eigenen Schwächen abzulenken. Es ist immer die eigene Sehnsucht nach Vollkommenheit, die auf andere projeziert wird.

Für deine Freunding bist du vollkommen liebreizend.

LG
Elemet Luft



P.S.
Zitat:
(...) - ähnlich wie pornographische Darstellungen auch nichts mit Erotik zu tun haben.


Auch in diesem Zusammenhang mit der formbezogenen Schönheit, der Anziehung durch attraktive Bilder in Zeitschriften, geht es ja im Grunde um die Sehnsucht nach Vollkommenheit in Gott, da die Anziehung nach Vereinigung strebt. Als unecht und unerotisch empfunden wird dies, weil der spirituelle Mensch intuitiv wahrnimmt, dass es das aber mit dem Pin-up-girl/dem Muskelmann nicht geben wird. Als echt, also erotisch wird daher die Vereinigung mit dem geliebten Partner empfunden, da der re-ligiös orientierte Mensch sich durch seine Partnerwahl schon dem Menschen zugewandt hat, der ihm von Gottes Vollkommenheit am meisten vermittelt. Von daher ist der Liebesakt in der Ehe die Simulation der Vereinigung mit Gott, weist daher über den materiellen Aspekt der Kinderzeugung hinaus und darf daher als uneingschränkt sündlos gelten.
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Locker bleiben, Maß halten (frei nach Aristoteles)
wow - super geschrieben !

was mich dazu noch beschäftigt: Es gibt doch auch "schöne Seelen", die aber gerade wegen ihrer Fähigkeit offen und liebend zu sein soviel erlitten haben, dass sich das eben auch in Körperhaltung, Gesichtszügen und Ausstrahlung widerspiegelt - z.B. als Schmerz oder gedrückt sein oder Trauer über die Härte der Welt.
Ihre innere Schönheit ist dann auch nicht gut zu erkennen .


was denkt Ihr so dazu ?
visie hat folgendes geschrieben:
wow - super geschrieben !

was mich dazu noch beschäftigt: Es gibt doch auch "schöne Seelen", die aber gerade wegen ihrer Fähigkeit offen und liebend zu sein soviel erlitten haben, dass sich das eben auch in Körperhaltung, Gesichtszügen und Ausstrahlung widerspiegelt - z.B. als Schmerz oder gedrückt sein oder Trauer über die Härte der Welt.
Ihre innere Schönheit ist dann auch nicht gut zu erkennen .


was denkt Ihr so dazu ?


Auch da kann ich mich sehr gut selbst als Beispiel heranziehen, denn ich war jahrelang genau so ein Mensch, der immer gelitten hat und dann auch der Außenwelt sehr deutlich mitgeteilt hat, dass er gelitten hat.

Das hat sich eigentlich auch erst richtig im letzten Vierteljahr geändert.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523