Fragen und Antworten zur Baha'i-Religion


Und ich würde noch ergänzen, dass der Báb vor allem die Aufgabe hatte, die verkrusteten islamischen Strukturen aufzubrechen und daher mit einer in Teilen sehr radikalen Botschaft gesandt wurde, wohingegen Bahá'u'lláh "die Wogen wieder glätten" und den neuen Glauben in geordnete Strukturen überführen konnte.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Danke für eure Antworten. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum der Bab nicht einfach als "normaler" Prophet wie Johannes der Täufer auftreten konnte? Johannes hat doch mit seinem Handeln auch verkrustete Strukturen unter den Juden aufgebrochen. Außerdem ist Jesus ebenfalls als Märtyrer gestorben und trotzdem hat es einige hundert Jahre gedauert, bis mit Mohammed ein anderer Offenbarer (nach Bahaiglaube) erschien.
Cacau hat folgendes geschrieben:
Danke für eure Antworten. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum der Bab nicht einfach als "normaler" Prophet wie Johannes der Täufer auftreten konnte?


Vermutlich weil bei den Juden Bußpredigten reichten, bei den Muslimen aber "das Gesetz" überwunden werden musste, um Platz für Neues zu machen. 1848 erklärten die Anhänger des Báb in Badasht die Sharia für aufgehoben. Anderenfalls hätte der Báb innerhalb der Sharia agieren können und hätte kaum eine solche Breitenwirkung erzielen können.

Man muss glaube ich auch bedenken, dass zwischen Jesus und den alten Propheten Israels nur wenige Jahrhunderte liegen, zwischen Mohammed und dem Báb aber nicht ein einziger abhängiger Prophet erschienen ist. Das mag dazu beigetragen haben, dem Báb einen besonderen Rang einzuräumen.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Okay, danke für deine Antwort Sören. Welche Stellung haben die zwölf Imame eigentlich im Bahaiglauben? Sind sie für euch auch unfehlbare Quellen der Nachahmung wie für die Schiiten?
Cacau hat folgendes geschrieben:
Okay, danke für deine Antwort Sören. Welche Stellung haben die zwölf Imame eigentlich im Bahaiglauben? Sind sie für euch auch unfehlbare Quellen der Nachahmung wie für die Schiiten?


Unfehlbar ja, da von Mohammed (da sind wir den Schiiten wieder sehr nahe) als seine Nachfolger eingesetzt, aber "Quellen der Nachahmung" im islamischen Sinne können sie für die Bahá'í natürlich nicht mehr sein. Die Sunna ist für uns ohne Bedeutung, hatte aber zur damaligen Zeit ihre Berechtigung. Einen vergleichbaren Status hat bei uns 'Abdu'l-Bahá, Shoghi Effendi wiederum nicht. Der ist zwar unfehlbar, aber keine "Quelle der Nachahmung".

Im Übrigen ist Taqlid bei uns ausdrücklich auf das Vorbild im persönlichen Lebenswandel beschränkt und ersetzt nicht das eigene Denken, wie im traditionellen schiitischen Islam, wo der Schüler jede Meinung seines Lehrers zwingend übernehmen muss. Zwar ist 'Abdu'l-Bahá eine theologische Autorität, aber das bedeutet nicht, dass seine Lesart der Schriften die einzig zulässige sein muss. Im Gegenteil fordert er häufig zum selbstständigen Weiterdenken auf, auch und gerade dort, wo er bereits Auslegungen präsentiert hat.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Wenn du sagst, die Sunna habe ihre Berechtigung gehabt: Seht ihr die drei ersten Kalifen (Abu Bakr, Umar und Uthman) als rechtmäßig an oder nicht?

Glauben die Bahai auch an eine physische Entrückung des zwölften Imams, also dass der Bab tatsächlich einige Jahrhunderte vorher schon einmal gelebt hat? Oder wie interpretieren sie sonst die Mahdi-Prophezeiung?

Und wie stehen die Bahai zum islamischen Verschleierungsgebot? Ich habe noch nichts davon gelesen, dass dieses aufrecht erhalten wurde. Wurde seine Abschaffung vom Bab, Bahaullah, Abdul Baha oder Shogi Effendi begründet?
Cacau hat folgendes geschrieben:
Danke für eure Antworten. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum der Bab nicht einfach als "normaler" Prophet wie Johannes der Täufer auftreten konnte? Johannes hat doch mit seinem Handeln auch verkrustete Strukturen unter den Juden aufgebrochen. Außerdem ist Jesus ebenfalls als Märtyrer gestorben und trotzdem hat es einige hundert Jahre gedauert, bis mit Mohammed ein anderer Offenbarer (nach Bahaiglaube) erschien.


Hallo Cacau,

Soeren hat ja schon eine (wie ich vermute) religionswissenschaftlich fundierte Antwort gegeben ...

Spontan fällt mir aber auch noch ein weiterer Grund ein: Das Judentum war immer mal wieder auftauchende "normale" Propheten gewöhnt. Da musste man um Johannes nicht viel Aufhebens machen.

Aber im Islam herrschte seinerzeit (wie heute) das Dogma, dass nach Mohammed nie nicht niemals kein neuer Prophet erscheinen werde, und jeder der anderes behauptete, hat sich, vorsichtig gesagt, heftigster Anfeindungen ausgesetzt.

Also war der Bab gewungen, erstmal einen Punkt zu machen und das Dogma aufzubrechen. Johannes hatte das in der Form nicht nötig.

LG, Bernhard
Cacau hat folgendes geschrieben:
Wenn du sagst, die Sunna habe ihre Berechtigung gehabt: Seht ihr die drei ersten Kalifen (Abu Bakr, Umar und Uthman) als rechtmäßig an oder nicht?


Zu den Vier Rechtgeleiteten Kalifen (meine Übernahme des islamischen Sprachgebrauchs, kein Bahá'í-Begriff) gibt es, soweit ich das beurteilen kann, keine Aussagen. Ali wird gemeinhin als erwählter Nachfolger Mohammeds angesehen, ohne dass aber die drei anderen Kalifen deshalb explizit negativ beurteilt werden würden. Ali selbst hat ja seinen Anspruch alle drei Male zurückgestellt, um den Frieden in der Umma zu wahren. Erst mit dem syrischen Statthalter Muawiya, der Ali ermorden ließ, endet jedes Verständnis der Bahá'í für's Kalifat. Denn Muawiya war, das muss man mal so klar sagen, ein Putschist ohne Legitimation.

Cacau hat folgendes geschrieben:
Glauben die Bahai auch an eine physische Entrückung des zwölften Imams, also dass der Bab tatsächlich einige Jahrhunderte vorher schon einmal gelebt hat? Oder wie interpretieren sie sonst die Mahdi-Prophezeiung?


Nein, die Bahá'í glauben nicht an eine physische Entrückung des Zwölften Imams. Dieser Titel ist in unseren Augen eine Funktionsbezeichnung und drückt keinen physischen Zustand aus, genauso wie Bahá'u'lláh als Wiederkunft Christi angesehen wird, ohne Jesus von Nazareth zu sein. Es handelt sich um ein (geistiges) Anknüpfen, um eine Gleichheit der Vollmacht und Aufgabe, nicht um eine Gleichheit der Personen.

Die Mahdi-Prophezeiung wird so verstanden, dass der Mahdi die Menschheit auf das Kommen des Gottesgerichts und die Wiederkunft Christi vorbereiten soll. Christus ist es schließlich, der mit Vollmacht über die Welt richtet. Und, wie oben bereits gesagt, ist "Wiederkunft Christi" einer der Titel Bahá'u'lláhs.

Cacau hat folgendes geschrieben:
Und wie stehen die Bahai zum islamischen Verschleierungsgebot? Ich habe noch nichts davon gelesen, dass dieses aufrecht erhalten wurde. Wurde seine Abschaffung vom Bab, Bahaullah, Abdul Baha oder Shogi Effendi begründet?


Das Verschleierungsgebot ist mit dem Rest des islamischen Gesetzes aufgehoben worden. Tahirih, eine herausragende Anhängerin des Báb, legte auf der Konferenz von Badasht symbolisch ihr Kopftuch ab, um diese Trennung von der Sharia zu verdeutlichen.

Dennoch riet 'Abdu'l-Bahá zu seiner Zeit den Bahá'í-Frauen in islamischen Ländern, "aus Gründen der Weisheit" dennoch ein Kopftuch zu tragen - hauptsächlich um nicht unnötig aufzufallen und sich zur Zielscheibe zu machen, nicht, weil es irgendeine religiöse Bedeutung hätte. Ähnlich liegt der Fall übrigens auch bei der Beschneidung.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Cacau hat folgendes geschrieben:
Neue Frage: Warum sind nach Bahaiglauben mit dem Bab und Bahaullah zwei Gottesoffenbarer in einem vergleichbaren Zeitraum an einem vergleichbaren Ort erschienen? Hätte einer nicht gereicht?


Die "doppelte" Offenbarung bzw. Geschichte im frühen Baha'itum ist tatsächlich schon früh ein Stein des Anstoßes und der Verwirrung geblieben und ist es bis heute geblieben.

Die theologische Antwort auf diese Frage ist, dass es die Aufgabe des Bab war das Ende der alten Welt zu verkündigen und die Baha'ullahs den Anbruch einer neuen Welt zu verkündigen. Das ist auch die Antwort, welche du, in Variationen, von den meisten Baha'i gesagt bekommen wirst.

Historisch-sozialwissenschaftlich gesehen war die Religion des Bab sehr messianisch und revolutionär (wenngleich der Bab, anders als oft behauptet wird, nie direkt zu Gewalt oder Umsturz aufgerufen hat) und endete auch in einer gewalttätigen Katastrophe. Die Religion Bahaullahs dagegen ist deutlich mehr auf Reform ausgerichtet und kennt zwar noch immer einen Messianismus, dieser ist jedoch darauf ausgelegt das Menschen in einer weisen, friedlichen und konstruktiven Art den göttlichen Plan umsetzen.
Cacau hat folgendes geschrieben:
Danke für eure Antworten. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum der Bab nicht einfach als "normaler" Prophet wie Johannes der Täufer auftreten konnte? Johannes hat doch mit seinem Handeln auch verkrustete Strukturen unter den Juden aufgebrochen. Außerdem ist Jesus ebenfalls als Märtyrer gestorben und trotzdem hat es einige hundert Jahre gedauert, bis mit Mohammed ein anderer Offenbarer (nach Bahaiglaube) erschien.


Tatsächlich war die Position des Bab unter den frühen Babi sogar durchaus umstritten. Einige hielten ihn lediglich für ein Tor zum Mahdi (der Titel "Bab" bezog sich in der klassischen Zwölferschia eigentlich auf jene Boten, die vermeintliche Botschaften vom verborgenen zwölften Imam brachten), andere dagegen hielten ihn für die Wiederkunft des Verborgenen Imam und wieder andere hielten ihn für den Zwölften Imam. Schließlich gab es bereits auch früh jene, die erkannten das der Bab einen Anspruch darauf erhebt eine Offenbarung zu haben, welche zumindest ebenbürtig mit jener Muhammads ist. Letztere Position setze sich dann durch und ist wohl, unter der Beachtung seines Gesamtwerks, wohl auch jene die der Bab selbst vertrat, wenngleich er sie zu Beginn noch allegorisch und verborgenen ausdrückte.

Historisch-sozialwissenschaftlich gesehen war der Bab also all diese Positionen für seine Anhänger in nur wenigen Jahren.