Fragen und Antworten zur Baha'i-Religion


Die Unterordnung unter eine Regierung bedeutet nicht, dass man alles gut finden muss, was sie tut oder lässt. Vor allem bedeutet sie aber nicht, dass man alles hinnehmen muss. Shoghi Effendi hat ganz klar die Grenzen aufgezeigt, über die ein Bahá'í niemals hinausgehen darf.

Sollte eine Regierung die Bahá'í in ihrer Verwaltung behindern, wie im Iran Bahá'í-Kinder von höherer Bildung fernhalten oder Geschäftsinhaber drangsalieren, sollte man zwar alle legalen Mittel nutzen, um dort Abhilfe zu schaffen (z.B. durch Petitionen, Klagen vor Gericht oder andere juristische Wege, sein Recht durchzusetzen) - aber eben nicht seinerseits die Regierung angreifen, deren Funktion beeinträchtigen oder gar zur Gewalt greifen. Wo diese Wege nicht funktionieren, bleibt einem nur, es über sich ergehen zu lassen.

Anders liegt der Fall bei Eingriffen in die Grundlehren des Glaubens. Wenn es mir ein Gesetz z.B. verbieten würde, zu beten oder zu fasten, oder würde mir ein Gesetz vorschreiben, ich müsste jedem Schwarzen, dem ich auf der Straße begegne, ins Gesicht spucken, wären solche Vorschriften nichtig, weil sie dem Glaubensgewissen fundamental widersprechen. In solchen Fällen ist also passiver Widerstand durch Nichtbefolgen nicht nur möglich, sondern in meinem Verständnis sogar zwingend geboten.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Danke für eure Antworten!

Habe ich das richtig verstanden Sören, dass wenn es im Iran kein Klagerecht gäbe, die Bahai sich dort damit abfinden würden, dass die Kinder keinen Zugang zu Bildung bekommen?
Das von Cacau angesprochene Problem scheint mir genereller Art zu sein. Heißt es nicht auch bei den Christen "Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen", d.h. die vorgeblich von "Gott" gegebenen Vorschriften stehen über der weltlichen Gesetzgebung? Wenn allerdings, wie Im Iran, die "göttliche" Gesetzgebung identisch ist mit der staatlichen (Stichwort: Scharia), dann erledigt sich das Problem von selbst.
Cacau hat folgendes geschrieben:
Danke für eure Antworten!

Habe ich das richtig verstanden Sören, dass wenn es im Iran kein Klagerecht gäbe, die Bahai sich dort damit abfinden würden, dass die Kinder keinen Zugang zu Bildung bekommen?


Naja, das Recht auf Bildung und die zwingende Notwendigkeit derselben sind in der Bahá'í-Lehre ganz zentrale Punkte. Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Kindern die bestmögliche Bildung zuteil werden zu lassen - besonders den Mädchen. Deshalb haben dann auch einige iranische Bahá'í eine private Hochschule gegründet, um ihren Jugendlichen ein Studium zu ermöglichen - dann halt außerhalb des staatlichen Bildungssystems. Bildungsinitiativen - besonders für Frauen - gibt es in vielen Ländern, auch und gerade dann, wenn die Mehrheit der Männer des Landes (und entsprechend auch der Staat) genau das verhindern will, weil Bildung eben als Schlüssel gesehen wird, um überhaupt ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Aber ja, natürlich ist solcherart passiver Widerstand durch Umgehen des Problems ein letztes Mittel, wenn alle anderen legalen Wege ausgeschöpft sind. Und an seine Regierung wenden mit Bitten oder Anfragen kann man sich grundsätzlich erst einmal überall. Ob sie drauf reagieren, ist dann wieder ihre Sache.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Templer hat folgendes geschrieben:
Das von Cacau angesprochene Problem scheint mir genereller Art zu sein. Heißt es nicht auch bei den Christen "Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen", d.h. die vorgeblich von "Gott" gegebenen Vorschriften stehen über der weltlichen Gesetzgebung? Wenn allerdings, wie Im Iran, die "göttliche" Gesetzgebung identisch ist mit der staatlichen (Stichwort: Scharia), dann erledigt sich das Problem von selbst.


Nun kann aber theologisch ein Bahá'í nicht umhin, die Unrechtmäßigkeit der iranischen Theokratie anzunehmen. Denn wenn die Islamische Republik das Reich Gottes wäre, wäre Bahá'u'lláh kein Offenbarer und der Islam nach wie vor die letztgültige Offenbarung. Da wir aber glauben, dass der Verborgene Imam in der Gestalt des Báb bereits zurückgekehrt ist, kann Ali Chamenei nicht sein Stellvertreter sein. Genau deshalb hat die iranische Führung ja so ein großes Problem mit den Bahá'í. Unsere bloße Existenz untergräbt die Glaubwürdigkeit des Systems schon ab dessen Selbstanspruch.
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Da setzt du eine Ideologie gegen eine andere. Mir soll es recht sein.
Templer hat folgendes geschrieben:
Da setzt du eine Ideologie gegen eine andere. Mir soll es recht sein.


Wo hat Sören etwas "gegen gesetzt"?
Tobias hat folgendes geschrieben:
Wo hat Sören etwas "gegen gesetzt"?


Ich schätze, er meint, dass ich die theologische Fundierung des iranischen Regimes vom Standpunkt der Bahá'í-Theologie aus ausgewertet habe.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Neue Frage: Warum sind nach Bahaiglauben mit dem Bab und Bahaullah zwei Gottesoffenbarer in einem vergleichbaren Zeitraum an einem vergleichbaren Ort erschienen? Hätte einer nicht gereicht?
Cacau hat folgendes geschrieben:
Neue Frage: Warum sind nach Bahaiglauben mit dem Bab und Bahaullah zwei Gottesoffenbarer in einem vergleichbaren Zeitraum an einem vergleichbaren Ort erschienen? Hätte einer nicht gereicht?


Der Bab wird gerne mit der Rolle Johannes des Täufers verglichen, der den Weg für Jesus ebnete.
Der Unterschied ist, dass der Bab als eigener Offenbarer verstanden wird. Bab bedeutet "das Tor" also den Weg zu einem größeren Offenbarer, nämlich Baha'u'llah. Der Bab hatte ja eine sehr kurze Wirkungszeit, da er jung hingerichtet wurde. Die damaligen Babi (Anhänger des Bab) sollten zu Baha'u'llah geführt werden. Da Baha'u'llah ein relativ langes Leben hatte, konnte er so viele Schriften offenbaren, von denen viele noch nicht übersetzt sind.
Ich sehe es so, dass die Babi nach dem Märtyrertod des Bab nicht verwaist zurückblieben und sich Baha'u'llah anschließen konnten, obwohl dessen Erklärung zu der Zeit noch nicht stattgefunden hatte.

Die Zeit zwischen zwei Offenbarungen soll ungefähr 1000 Jahre betragen, wenn aber ein Offenbarer als Märtyrer stirbt, so wird die Zeit verkürzt.
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten