Fragen und Antworten zur Baha'i-Religion


Tobias hat folgendes geschrieben:
Was macht denn bitte der Codex Iuris Canonici?

Nur mal angemerkt: eine vergleichbare Rechtssammlung kennt das Baha'itum nicht...

Rein innerweltliche Rechtsvorschriften und das Kirchenrecht sind zwei verschiedene Sphären: Das kirchliche kanonische Recht kommt, obwohl aufgrund des Wesens und der Sendung der Kirche mit göttlicher Autorität ausgestattet, nicht direkt und unmittelbar von Gott und ist als menschliche Satzung somit der Abänderung unterworfen - es ist flexibel und hat sich an die jeweiligen Rahmenbedingungen erforderlichenfalls anzupassen. Es dient einerseits der Ordnung der kirchlichen Organisation sowie des Gemeindelebens und andererseits betrifft es einige Aspekte des geistlichen (nicht des zivilen!) Lebens - z.B. die Verpflichtungen den Sonntagsgottesdienst zu besuchen oder die Beichte zumindest einmal jährlich abzulegen. Es enthält aber keine Bestimmungen darüber wie der Christ seine innerweltlichen Angelegenheiten zu regeln hat: Ein göttliches Zivil-, Erb- oder Strafrecht gibt es im katholischen Glauben nicht. Ein Beispiel: Die Ehe wird kanonisch geregelt unter ihrem sakramentalen Aspekt, nicht aber unter dem zivilrechtlichen, d.h. es gibt z.B. keine Regelung der ehelichen Vermögensaufteilung und Unterhaltspflichten.

Diesen göttlichen "Erziehungsprozess", von dem Bahai so gerne sprechen, sehen wir Katholiken auch: Er schreitet allerdings nicht in einer zeitlichen Abfolge von Offenbarer zu Offenbarer mit offenem Ende fort, sondern geht vom Alten Bund - in dem Gott als Hilfestellung und Leitung (so wie Eltern das bei kleinen Kindern tun, die den Sinn von Vielem noch nicht verstehen) zahlreiche Details des Lebens geregelt hat - hin zu seinem Ziel: dem Neuen Bund.

Im Neuen Bund ist sozusagen die göttliche "Kindererziehung" mit dem typischen (und sukzessive abnehmend) notwendigen "Tu dies, lass jenes!" vorbei; Gott braucht uns jetzt nicht mehr kasuistische Einzelregeln für jeden Aspekt des Lebens geben - wir sollten kapiert haben, worum es Ihm geht. Was einem Kind an Vorschriften für sein Leben hilft und Lenkung und Orientierung gibt, kann einen Erwachsenen in seinem seinem Wachstum behindern, ja lähmen - jedenfalls wird es ihm aber nicht mehr gerecht, solche Details vorzuschreiben. Er muss sie selbst für sich unter Zuhilfenahme seines Verstandes regeln, laufend bezüglich ihrer Zweckmäßigkeit evaluieren und sie nötigenfalls anpassen.

Im Neuen Bund ist der Kern und Inhalt des göttlichen Gesetzes offenbar geworden, und damit das "geistige Erwachsenwerden" abgeschlossen - das Gesetz ist eine Person: Jesus Christus. Dieses Ziel, das letztlich das Ziel aller Menschen ist, nennt Paulus in Eph 4,13 „das Maß der Vollreife der Fülle des Christus".
Hallo Tobias,

Zitat:
2) Den 'Spruch' kenne ich aus dem Jura-Studium auch. Der Geist dahinter ist auch ein Grund warum ich dieses Studium nicht fortgeführt habe. Ethisch gesehen ist das freilich eine Katastrophe, da hier Moral von Recht getrennt wird. Letztlich ist das eine vulgäre Weiterführung des Dezisionismus. Scheint aber irgendwie kaum jemanden zu kümmern.

Was ist daran falsch, wenn man Recht, Gesetz und Moral nur als Audruck einer Kultur oder Zeit ansieht. Ein Blick in die Geschichte reicht, um die Wahrheit hier zu erkennen. Das hat und wird nicht zur Trennung von Moral und Recht führen, sondern höchstens einige Grenzen einziehen. Ich halte das für eine ziemlich dumme Einschätzung des Rechtswesens.

Zitat:
Woher nimmst du das Wissen das besonders viele Fälle in denen der Erblasser Baha'i war vor weltlichen Gerichten landen?


gg, ich empfehle dir zum wiederholten Male, meine Texte genauer zu lesen. Ich habe eine ganz allgemeine Aussage gemacht und damit nicht explizit die Bahais gemeint. Dazu wird es auch wohl kaum Material geben.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Was ist daran falsch, wenn man Recht, Gesetz und Moral nur als Audruck einer Kultur oder Zeit ansieht. Ein Blick in die Geschichte reicht, um die Wahrheit hier zu erkennen. Das hat und wird nicht zur Trennung von Moral und Recht führen, sondern höchstens einige Grenzen einziehen. Ich halte das für eine ziemlich dumme Einschätzung des Rechtswesens.


Recht in seinem Kontext zu sehen ist nicht das Problem. Das Problem beginnt da, wo man Recht als bloße wahllose Setzung zu sehen die mit Gerechtigkeit nichts zu tun hat oder etwas gerecht sein soll, nur weil es positiv im Recht so gesetzt wurde.

Ich verwies ja auch auf die Rechtstheorien die ich meinte. Gegen historische Kontextualisierung habe ich nie etwas gesagt.
Hallo,
mich würde interessieren, ob es es zum Bab und Bahaullah auch bahaiunabhängige, neutrale Biographien gibt?

Liebe Grüße,
Cacau
Cacau hat folgendes geschrieben:
Hallo,
mich würde interessieren, ob es es zum Bab und Bahaullah auch bahaiunabhängige, neutrale Biographien gibt?

Liebe Grüße,
Cacau


Was macht eine Biographie 'unabhängig'? Eine Biographie basiert immer auf Quellen und die sind zumindest immer gefärbt.

Die Biographie von Momen über Bahaullah ist recht neutral gehalten, aber weist auch Tendenzen der Haiographie auf. Sonst gibt es freilich die Artikel in der Iranica und anderen Fachlexika. Zudem gibt es freilich Fachliteratur.
Danke für die Antwort, Tobias. Sicherlich ist kein Autor 100% objektiv. Ich würde tendenziell aber eine Biographie von jemandem bevorzugen, der Bahaullah als "normalen Mann", allenfalls als ein ethisches Vorbild, nicht aber als einen unfehlbaren Heiligen sieht. Wenn du meinst, dass Momen in diesem Sinne "auf dem Teppich" bleibt, will ich deinem Verweis gerne folgen.
Cacau hat folgendes geschrieben:
Danke für die Antwort, Tobias. Sicherlich ist kein Autor 100% objektiv. Ich würde tendenziell aber eine Biographie von jemandem bevorzugen, der Bahaullah als "normalen Mann", allenfalls als ein ethisches Vorbild, nicht aber als einen unfehlbaren Heiligen sieht. Wenn du meinst, dass Momen in diesem Sinne "auf dem Teppich" bleibt, will ich deinem Verweis gerne folgen.


Momens Buch heißt einfach nur Baha'ullah. Das englische Original ist bei Oneworld erschien. Die deutsche Übersetzung beim Baha'i-Verlag.
Es gibt aber auch Berichte von Orientalisten, die damals durch das Persische Reich gereist sind.
@cacau

Wenn ich dich richtig verstehe, möchtest du eine Biographie lesen, der die Annahme zugrunde liegt, dass der Bahai-Glaube falsch ist. Warum?

Wieso sollte denn eine naturalistische Grundannahme richtiger sein als eine falsche?
Menon hat folgendes geschrieben:
@cacau

Wenn ich dich richtig verstehe, möchtest du eine Biographie lesen, der die Annahme zugrunde liegt, dass der Bahai-Glaube falsch ist. Warum?

Wieso sollte denn eine naturalistische Grundannahme richtiger sein als eine falsche?


Von 'falsch' war doch nirgendwo die Rede?