Darf man Erwartungen an andere haben?


Da ich keinen passenden Thread (gibt es kein deutsches Wort dafür) zu diesem Thema gefunden habe, eröffne ich hiermit einen neuen.

Es geht mir darum, ob Erwartungen an andere gut oder schlecht sind. Ob sie im psychologischen Sinn falsch oder gar schädlich sind. Oder ob es ganz normal und menschlich ist, Erwartungen zu haben. Ist es gar der Beweis eines starken Ego, wenn ich darauf warte, dass etwas nach meinen Vorstellungen geschieht? Ist es sinnvoll, sich den beliebten Satz "Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden" zu Herzen zu nehmen, oder ist er "nur" ein besänftigendes Mantra. Sind Erwartungen nicht auch berechtigt, wenn es um das reibungslose Zusammenleben der Menschen geht.

Wenn mein Nachbar ständig mit den Türen schlägt und ich ihn freundlich bitte, dies zu unterlassen, weil ich jedesmal vor Schreck zusammenfahre. Erwarte ich nicht automatisch, dass er meiner Bitte entspricht? Habe ich hingegen keine Erwartung an ihn, hätte ich meine Beschwerde auch bleiben lassen können. Es ist aber auch keine Lösung, es einfach hinzunehmen, wenn andere sich rücksichtslos verhalten.

Darf ich von meinem Kind erwarten, dass es sich an meine Ermahnungen hält? Wenn nein, wie schaffe ich es dann, gelassen zu bleiben und nicht in die Gegenposition "Dann mach' doch was Du willst" zu verfallen?

Ich rege mich z.B. häufig darüber auf, wenn Leute an Stellen rauchen, an denen es explizit verboten ist. Manchmal sitzen sie sogar im Bus-Wartehäuschen unter dem Verbotsschild und qualmen. Daraufhin angesprochen reagieren die meisten sehr aggressiv.

Es fällt mir immer schwerer, das Haus zu verlassen, weil mich die Menschen zunehmend nerven. Überall (Supermarkt, Friseur, Arztpraxis usw.) wird man mit lauter Popmusik vollgedudelt. Deshalb kaufe ich nur noch mit Ohropax ein. Man muss immer auf der Hut vor rücksichtslosen Verkehrsteilnehmern sein. Das Ellbogendenken, der Egonismus, die Unhöflichkeit, der Lärm (und die Dummheit) werden scheinbar immer größer.

Ich erwarte nicht mehr und nicht weniger, als Rücksicht und Einhaltung der Regeln (z.B. Straßenverkehrsordnung). Ist das schon zu viel verlangt?

Im Augenblick ist die Vorstellung für mich nicht vorstellbar, keine Erwartungen diesbezüglich zu haben. Das wäre für mich gleichzusetzen mit Gleichgültigkeit und Resignation. Aber ich merke auch, dass sie mir gesundheitlich garnicht gut tun.

Nun bin ich mal auf Eure Beiträge gespannt und versuche aber, nicht allzu viel zu erwarten.
Lieber Achim,

das ist ein kompliziertes Thema, was du ansprichst. Bei mir hat es sich im Grunde gegenläufig entwickelt. Früher in meiner Jugend war ich sehr schnell von irgendetwas genervt und habe auch nicht damit hinterm Berg gehalten. Das Ergebnis war aber nicht, dass die anderen Rücksicht auf mich genommen hätten, sondern dass ich mich selbst immer mehr ausgeschlossen habe. Meine Meinung war eine Minderheitenmeinung und es hatte auch niemand ein Bedürfnis, meinen Erwartungen zu entsprechen.

Ich habe irgendwann angefangen, viele von den Dingen, die dich heute stören, als dem Zeitgeist geschuldet zu dulden und mich nicht mehr (allzu sehr) darüber aufzuregen. Das gilt insbesondere fürs Rauchen, wo ich mich mit vielen Menschen insbesondere auf dem Bahnsteig in die Haare gekriegt habe.

Und letzten Endes habe ich auch Möglichkeiten gefunden, bestimmte Dinge zu überhören, zu übersehen oder mich davon abzulenken. Anders würde man es glaub ich auch nicht aushalten. Außerdem habe ich bemerkt, dass die Gelassenheit in vielen anderen Ländern wesentlich größer ist als in Deutschland und hier die Erwartungen an "Sitte und Anstand" ungleich viel höher sind als anderswo.

Es gibt natürlich immer noch Dinge, über die ich mich aufrege. Z.B. werde ich ruppig, wenn Absprachen nicht funktionieren oder sich auf meiner Gutmütigkeit und meinem Pflichtgefühl ausgeruht wird. Ehrlichkeit und Verlässlichkeit sind für mich wichtige Dinge, deren Nichteinhaltung direkt meine Lebensführung betrifft und dazu führt, dass ich jedes Mal, wenn ich mit jemandem eine Absprache treffe, schon insgeheim einen Plan B für den Fall überlegen muss, dass sie nicht funktioniert.

So etwas geht mir auf den Keks und da beschwere ich mich auch. Der Unterschied ist aber finde ich, dass das Gegenüber in dir durch die Absprache direkt Erwartungen geweckt hat. In Menschen, die ich nicht einschätzen kann, setze ich aus Erfahrung erstmal keine Hoffnungen oder Erwartungen.
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"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Sophokles: Antigone, Vers 523
Zitat:
Ich erwarte nicht mehr und nicht weniger, als Rücksicht und Einhaltung der Regeln (z.B. Straßenverkehrsordnung). Ist das schon zu viel verlangt?


Newin, sicher nicht,allerdings beginnt ja hier bereits das Problem. Es gibt ein geflügeltes Wort" Gesetze/Regeln sind dazu da umgangen zu werden. Daran halten sich leider viel zu viele Menschen.
Rücksicht ist für viele ein Fremdwort..........
Allerdings finde ich es auch nicht gut immr in einer erartungshaltung zu sein. Ich weiß ja nicht wie andere das sehen,aber mir fallen so einige Beispiele ein daß die Menschheit Rücksicht und Respekt nicht mehr kennt. Einfaches Beispiel - älteren wird in den Öffis kein Sitzplatz angeboten,es ist doch viel "wichtiger" daß Schüler die grade heimfahren sitzen. Sind ja grad erst 6 Std. in der Schule gesessen,Handygespräche in den Öffis - ich bin meistens unfreiwillig gut informiert was die einzelnen am Abend oder in der Nacht getan haben,bzw welche Probleme sie grade beschäftigen....
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Carpe Diem
hallo Achim,

finde ich super, dass Du den thread eröffnest - es ist ein interessantes Thema.

Mir ist z.B. aufgefallen, dass viele rücksichtslose Menschen den Satz "man soll keine Erwartungen stellen" mißbrauchen um weiterhin rücksichtslos/lieblos zu sein und Menschen die rücksichtsvoll und einfühlsam sind dies nicht aussprechen.

Bei Deinem Popmusik-Raucher-Verkehrsrowdie-Stress kann ich Dich auch gut verstehen.

Ich glaube man muss immer genau hinschauen :
-ob man Erwartungen an andere gestellt hat, weil man egomässig was von ihnen will
-ob man gerade intolerant ist
-ob Bedürfnisse /Grundrechte verletzt werden die einem zustehen.

Wenn jemand z.B. dauernd Türen schlägt oder - wie mein Nachbar - sonntags hämmert, dann darf man schon erwarten, dass er das unterlässt.

Kennst Du die Literatur über Hochsensibilität ? Es ist mittlerweile bekannt, dass ca 20% ! der Bevölkerung aufgrund eines hochsensiblen Nervesystems unter Belastungen wie Du sie schilderst ziemlich leiden.

Eine Erzieherin in deren Kindergarten ich Musikunterricht gebe meinte letztens : unsere Kinder werden immer lauter und denken immer mehr nur noch an sich .

Es gibt Studien, die aussagen, dass der menschliche Geist Reize sucht, aber bei zu hohen Reizen wiederum abstumpft (außer Hochsensible, die sich nicht zu schützen wissen ) und dann wiederum stärkere Reize braucht um sich wieder zu spüren. Deswegen wird unsere Welt auch immer lauter und greller . Das ist für alle Nichtabgestumpften eine Riesenbelastung.


soweit ein paar Gedanken.

schöne Grüße
Stefi
achim56 hat folgendes geschrieben:
Ich erwarte nicht mehr und nicht weniger, als Rücksicht und Einhaltung der Regeln (z.B. Straßenverkehrsordnung). Ist das schon zu viel verlangt?


Ehrlich gesagt: Ja!

Vieles von dem was du schreibst kenne ich aus eigener Ehrfahrung. Solche Dinge haben mich früher auch sehr häufig aufgeregt (rücksichtsloses Verhalten im Strassenverkehr, rauchende Mitmenschen wo es nicht erlaubt ist etc.)

Ich würde dir raten den Spruch in deiner Signatur zu befolgen, mir hat das geholfen. Vieles kann man einfach nicht ändern, und daran zu verzweifeln macht es nur noch schlechter. Arrangiere dich so gut es geht. Das mit den Ohropax gefällt mir z.B.
@achim56

Das ist ein interessantes Thema, das du da anschneidest. Es geht letzlich darum sozusagen die richtige Balance zwischen Abgrenzung und Einmischung zu finden.

"Das Pochen auf das eigene Recht darf nicht die Folge eines individualistischen Egoismus sein. Man liebt die Gerechtigkeit nicht, wenn man sie nicht im Hinblick auf die anderen lebt. Ebensowenig ist es erlaubt, sich auf Kosten der anderen hinter einer bequemen Frömmigkeit zu verstecken. Wer vor Gott gerecht sein will, kämpft auch um die Verwirklichung der Gerechtigkeit unter den Menschen; und er tut es nicht nur in der guten Absicht, daß der Name Gottes nicht beleidigt wird, sondern auch, weil Christsein bedeutet, alle echten menschlichen Anliegen zu den eigenen zu machen."

Das ist vielleicht eine gute Formel, die nicht von mir stammt, sondern vom Heiligen Josemaría Escrivá. Das heißt im Grunde kann es durchaus Situationen geben, wie du sie geschildert hast, wo es angebracht ist "etwas zu sagen" - nämlich dann, wenn es aus "reinen" Motiven geschieht, also um den Anderen menschlich weiterzubringen.
Angelehnt an das Beispiel, das du gebracht hast: Jemand raucht am Bahnsteig und es stört dich. Jetzt würde ich in mich gehen und mich ehrlich prüfen, warum es mich gerade jetzt stört: Bin ich einfach ohnedies schon "schlecht drauf" und dieser Typ "kommt mir gerade recht", dann ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Intervention meinerseits im Geiste gar nicht darauf angelegt, diesen Menschen menschlich weiterzuhelfen, sondern mir ein "Ventil" zu verschaffen für meine inneren Skrupel. Ich würde also schweigen.
Gleichfalls könnte es sein, dass der andere geradezu "auf Streit" aus ist und durch das Rauchen provozieren will. Dann wäre ein Ansprechen genau das Falsche. Dann lieber ausweichen - aber nicht aus Feigheit, sondern um das Negative der Situation nicht zusätzlich zu vermehren.

Es könnte aber durchaus eine Situation geben, wo ein Ansprechen gut ist - also das Ziel verfolgt, genau diesen Menschen wahrzunehmen und ihm weiterzuhelfen. Also z.B.: "Ich habe auch einmal geraucht wissen Sie, sogar Ihre Marke. Es kann auch ein Genuss sein zu einer guten Tasse Kaffee. Aber auf dem Bahnsteig hier in der Kälte - Ist das überhaupt noch Genuss für Sie? Es interessiert mich ehrlich." Dann könnte sich ja ein positives Gespräch ergeben, das Beide weiterbringt - dein Groll wird vielleicht gestoppt und der Raucher hat einmal darüber nachgedacht, ob er nicht schon zu sehr Sklave seiner Gewohnheit geworden ist und wann ihm das letzte Mal eine Zigarette geschmeckt hat.

War jetzt nur so ein Beispiel. Ist einigermaßen klar, worauf ich hinauswill?
Guten Abend,

ich denke, da wird oft mit zweierlei Maß gemessen. Regeln, die ich selber eingehalten wissen will, oder die mir nicht so wichtig erscheinen, werden anders bewertet als die, die jemand anders als wichtig oder unwichtig erklärt.

Regeln sind für das Zusammenleben der Menschen überlebenswichtig, aber ohne den gelegentlichen Bruch dieser Regeln gäbe es keine Veränderung.


Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
ich denke, da wird oft mit zweierlei Maß gemessen. Regeln, die ich selber eingehalten wissen will, oder die mir nicht so wichtig erscheinen, werden anders bewertet als die, die jemand anders als wichtig oder unwichtig erklärt. Regeln sind für das Zusammenleben der Menschen überlebenswichtig, aber ohne den gelegentlichen Bruch dieser Regeln gäbe es keine Veränderung.

Es geht mir nicht um den "gelegentlichen Bruch" von Regeln, der ja manchmal auch unabsichtlich geschieht. Aber Regeln sind Regeln und an die sollte man sich aus Rücksicht für andere versuchen zu halten, auch wenn man sie für nicht so wichtig erklärt.

Ich wundere mich manchmal über Leute, die nichts sagen, wenn z.B. jemand neben ihnen im Bushäuschen qualmt, obwohl es verboten ist. Mag sein, dass es einige nicht stört, weil sie selbst Raucher sind oder waren. Viele aber ertragen es nur, weil sie sich nichts sagen trauen. Ich jedoch traue mich etwas sagen und das ist manchmal nicht ganz ungefährlich. Einmal habe ich jemanden auf das Rauchverbot in der U-Bahn angesprochen. Er nahm einen Zug, fragte mich, wer denn da rauche, und blies mir den Qualm ins Gesicht. Ich musste mich sehr zusammenreißen, nicht handgreiflich zu werden. Ein Gericht hat neulich in einem ähnlichen Fall den Raucher sogar wegen Körperverletzung verurteilt.
Long Road hat folgendes geschrieben:
Ich würde dir raten den Spruch in deiner Signatur zu befolgen, mir hat das geholfen. Vieles kann man einfach nicht ändern, und daran zu verzweifeln macht es nur noch schlechter. Arrangiere dich so gut es geht. Das mit den Ohropax gefällt mir z.B.

Dass die Gesellschaft immer rücksichtsloser, egoistischer, dekadenter und gemeiner wird, haben wir der Tatsache zu verdanken, dass sich die Menschen mehrheitlich von religiösen und moralischen Werten verabschiedet haben und ihr einziges Heil im Hedonismus und Konsum sucht. Das global agierende Wirtschaftssystem, das hemmungslos, unkontrolliert und kaum hinterfragt sein Unwesen treiben darf, wirkt sich ebenso negativ auf alle Lebensbereiche aus und degradiert den eigentlich edel und geistig erschaffenen Menschen zu einem gefolgsamen und ahnungslosen Erfüllungsgehilfen.

Daran kann ich kaum etwas ändern. Ich kann nur versuchen, ein anderes Vorbild zu sein und (manche) Menschen zum Nachdenken bewegen.

Ich könnte schon manchmal verzweifeln, wenn ich merke, wie die Medien (z.B. Privatfernsehen, Bildzeitung) gezielte Volksverdummung betreiben, um dieses System aufrecht erhalten zu können, und wie wenige sich dessen bewusst sind oder schlimmer, garnicht bewusst werden wollen.

Sicher kann ich mich arrangieren und mit Ohropax einkaufen, Rauchern aus dem Weg gehen, Primitivfernsehen meiden und gegen den Strom schwimmen. Aber es kostet viel Kraft und die Alternativen werden immer rarer.

Ein wenig kann ich meine Wut kanalisieren, weil ich z.B. Mitglied in den Vereinen "Lautsprecher aus" und "Nichtraucher-Inititative-Deutschland" bin. Aber gegen den Mainstream kommen auch die, wenn überhaupt, nur sehr sehr langsam an.
visie hat folgendes geschrieben:
Mir ist z.B. aufgefallen, dass viele rücksichtslose Menschen den Satz "man soll keine Erwartungen stellen" mißbrauchen um weiterhin rücksichtslos/lieblos zu sein und Menschen die rücksichtsvoll und einfühlsam sind dies nicht aussprechen.
Es gibt Studien, die aussagen, dass der menschliche Geist Reize sucht, aber bei zu hohen Reizen wiederum abstumpft (außer Hochsensible, die sich nicht zu schützen wissen ) und dann wiederum stärkere Reize braucht um sich wieder zu spüren. Deswegen wird unsere Welt auch immer lauter und greller . Das ist für alle Nichtabgestumpften eine Riesenbelastung.

Ich stimme Dir zu. Solche Leute sagen einem auch, dass es in erster Linie an einem selber liegt, wenn man sich z.B. über die permanente Unzuverlässigkeit eines anderen ärgert. Oder wie eine Patientin in einer Klinik vor wenigen Jahren, die mit einem mumpskranken Kind angereist war, dieses auf die Essensausgbe setzte und durch das ich mich schließlich angesteckt hatte, zu mir sagte, dass man immer nur die Krankheiten bekomme, die man gerade für seine Entwicklung brauche. Ich weiß bis heute nicht, was zwei Wochen aufgeschwollenes Gesicht und bis zu 41 Grad Fieber für meine Entwicklung gebracht haben sollen.

Vielleicht bin ich auch hypersensibel, denn es ist tatsächlich eine Riesenbelastung für mich, den zunehmenden Lärm zu ertragen. Und scheinbar nimmt auch meine Sensibilität zu. Deshalb fahre ich meistens auch mit Ohropax in den Öffentlichen Verkehrsmitteln, weil es einige rücksichtslose Stumpfköpfe gibt, die ständig telefonieren oder extrem laut Musik hören, was trotz Kopfhörer manchmal durch den ganzen Bus zu hören ist. Es ist zwar auch verboten, aber scheinbar leben wir inzwischen in einer Anarchie.