Darf man Erwartungen an andere haben?


Burkl hat folgendes geschrieben:
War jetzt nur so ein Beispiel. Ist einigermaßen klar, worauf ich hinauswill?

Ich glaube schon, dass ich Dich verstanden habe. Und im Grunde gebe ich Dir ja auch Recht.
Wenn ich ein Heiliger wäre, könnte ich mich vielleicht daran halten (manchmal schaffe ich es sogar). Aber ich bin (leider) nur ein unvollkommener Mensch mit Emotionen, Empfindlichkeiten und einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl.

Unrecht macht mich zornig und ich glaube, wenn ich einmal den Berliner Bürgermeister Wowereit zitieren darf, "es ist auch gut so".

Aber ich weiß, dass ich damit konstruktiver und gesünder umgehen sollte.

Burkl hat folgendes geschrieben:
Also z.B.: "Ich habe auch einmal geraucht wissen Sie, sogar Ihre Marke. Es kann auch ein Genuss sein zu einer guten Tasse Kaffee. Aber auf dem Bahnsteig hier in der Kälte - Ist das überhaupt noch Genuss für Sie? Es interessiert mich ehrlich." Dann könnte sich ja ein positives Gespräch ergeben, das Beide weiterbringt - dein Groll wird vielleicht gestoppt und der Raucher hat einmal darüber nachgedacht, ob er nicht schon zu sehr Sklave seiner Gewohnheit geworden ist und wann ihm das letzte Mal eine Zigarette geschmeckt hat.


Weißt Du, ich bin Bayer. Die reden nicht stundenlang um den heißen Brei und versuchen mit viel Einfühlungsvermögen, Taktik und Honigschmiererei ein Problem zu lösen. Das könnte auch zur Folge haben, dass sich das Gegenüber veräppelt fühlt. Ich bin da lieber direkt, zwar höflich, aber wenn es sein muss auch schonungslos.
Ich denke, wenn man selber gut erzogen wurde und von Kindesbeinen an dazu angehalten wurde, bestimmte Dinge "richtig" zu machen, dann wird man leicht ungehalten, wenn andere es nicht "richtig" machen. Das hat so etwas an sich von: Warum muss ich mich gut benehmen und andere nicht?
Dahinter steckt eigentlich die Wut darüber, dass man selber gegen seine Bedürfnisse handelt, andere sich aber die Freiheit nehmen, das nicht zu tun.

Vielleicht sollte man mehr seinen eigenen Bedürfnissen nachkommen, um anderen gegenüber auch großzügiger sein zu können?
Elem. Luft hat folgendes geschrieben:
Ich denke, wenn man selber gut erzogen wurde und von Kindesbeinen an dazu angehalten wurde, bestimmte Dinge "richtig" zu machen, dann wird man leicht ungehalten, wenn andere es nicht "richtig" machen. Das hat so etwas an sich von: Warum muss ich mich gut benehmen und andere nicht?
Dahinter steckt eigentlich die Wut darüber, dass man selber gegen seine Bedürfnisse handelt, andere sich aber die Freiheit nehmen, das nicht zu tun.
Vielleicht sollte man mehr seinen eigenen Bedürfnissen nachkommen, um anderen gegenüber auch großzügiger sein zu können?

Da ist was dran
Ich denke mir, ich soll meine Mitmenschen mitunter wertschätzen, auch dann, wenn sie nicht unbedingt immer meinen Erwartungen entsprechen. Zudem entspreche ich oft auch nicht den Erwartungen meiner Mitmenschen.
Ich weiss, dass meine Mitmnschen Opfer und Täter ihres Egos und Superegos sind. Das bin ich, so hoffe ich, nicht mehr, da ich meinen inneren Djihad beendet habe. Früher war ich auch sehr oft in der Opfer- und Täterolle. Weswegen sollte ich daher, da ich mich ja geläutert habe, meine Mitmenschen weniger wertschätzen? Ich versuche Vorbild zu sein, in der Hoffnung, dass meine Mitmenschen meinem Beispiel nachkommen.

Alles Liebe

Erich
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Es leitet mich die reine Liebe, die frei von Ego und frei von Konditionierungen ist!
leuthner hat folgendes geschrieben:
Ich weiss, dass meine Mitmnschen Opfer und Täter ihres Egos und Superegos sind. Das bin ich, so hoffe ich, nicht mehr, da ich meinen inneren Djihad beendet habe. Früher war ich auch sehr oft in der Opfer- und Täterolle. Weswegen sollte ich daher, da ich mich ja geläutert habe, meine Mitmenschen weniger wertschätzen? Ich versuche Vorbild zu sein, in der Hoffnung, dass meine Mitmenschen meinem Beispiel nachkommen.

Lieber Erich, wie hast Du es denn geschafft, Deinen inneren Kampf zu beenden und Dich zu läutern?
Wenn Du versuchst Vorbild zu sein und dann hoffst, dass Deine Mitmenschen es nachmachen, hast Du ja schon wieder Erwartungen, die enttäuscht werden können.

Ich befinde mich noch in einem Stadium, wo es mich wütend macht, wenn Menschen sich so verhalten, als gäbe es nur sie allein auf der Welt. Und ehrlich gesagt, kann ich solche auch nicht wertschätzen. Ich versuche schon zu differenzieren zwischen "Tat" und "Täter". Aber dann denke ich mir oft, mein Gott, was wäre die Welt doch um ein Vielfaches lebenswerter, wenn es solche rücksichtslosen Gesellen nicht gäbe?

"Der Ehrliche ist der Dumme" lautet ein Buch von Ulrich Wickert. Man könnte auch sagen: "Der Anständige ist der Dumme".

Ein weiteres Beispiel:
Wenn ich hier auf dem Land spazieren gehe und mir kommt jemand auf meinem Gehweg entgegen, grüße ich freundlich, auch wenn ich diesen Menschen garnicht kenne. Die meisten schauen mich kurz und mürrisch an, grüßen aber nicht zurück. Ich finde das sehr unhöflich (die Franken sind aber allgemein schlecht gelaunt) und ich ärgere mich über mich selbst, dass ich es nicht sein lasse. Aber ich bin nun einmal zu einem höflichen Menschen erzogen worden. Die Folge wird sein, dass ich mich anpasse und wie die anderen auch, stumm und mit gesenktem Blick an meinen Mitmenschen vorbeilaufe. Für mich ist das eine grauenvolle Vorstellung und es ist auch gegen meine Natur.

In meinem Realschul-Abschluss-Zeugnis steht als Beurteilung: "Der fleißige Schüler arbeitete gewissenhaft und beharrlich. Sein Betragen kennzeichnen Bescheidenheit und Anstand."
Du glaubst nicht, wie negativ mir das bei Bewerbungsgesprächen schon ausgelegt wurde. Auch Freunde kritisieren manchmal meine Sorgfalt und Ordnungsliebe. Ich bin dann immer ganz perplex und frage mich, was daran falsch ist. Ich kann Unordnung und Unzuverlässigkeit nicht ertragen.

Wahrscheinlich ist es unmöglich und unvereinbar, sich in einer Gesellschaft wohl zu fühlen, in der ein sehr großer Teil der Menschen auf solche Werte nichts mehr gibt. Und es bleibt nicht aus, dass man sich langsam aber sicher ungewollt anpasst. Es ist auch unmöglich, in einem weißen Anzug einen Misthaufen umzudrehen, ohne dabei schmutzig zu werden.
Zitat:
Wenn ich ein Heiliger wäre, könnte ich mich vielleicht daran halten (manchmal schaffe ich es sogar). Aber ich bin (leider) nur ein unvollkommener Mensch mit Emotionen, Empfindlichkeiten und einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl.


Lieber Achim,

ja glaubst du denn etwa, dass die Heiligen Menschen ohne "Ecken und Kanten" waren und niemals mit sich ringen mussten? Und glaubst du etwa, dass Heiligkeit nur etwas für wenige "Auserwählte" ist?
Sicherlich nicht - wir sind alle dazu bestimmt heilig zu werden. Es ist ein ständiges Ringen, ein Weg - aber es zahlt sich aus ihn tagtäglich aufs Neue zu kämpfen diesen Kampf für das Heiligwerden, Gott wird uns auf diesem Weg die Hindernisse wegräumen - wenn wir beharrlich sind. Und laut deinem Zeugnis ist das ja eine deiner stärksten Charaktereigenschaften. Ich wünsche Dir alles Gute für deinen Weg.

LG Burkl
Hallo Achim. Ich finde das ist ein hochinteressantes Thema das Du hier angesprochen hast.
Gerne hätte ich mich geäußert, aber mein Gesundheitszustand ließ es grade nicht zu.

Nun wurde mittlerweile schon so viel geschrieben und ich weiß garnicht wo ich anfangen soll.

Mal schaun wie weit ich komme und wie weit meine Konzentration bei meinem angeschlagenen Zustand ausreicht.

Keine Erwartungen zu haben das geht ja garnicht.

Und den Spruch, lieber keine Erwartungen zu haben als enttäuscht zu werden, find ich ziemlich dumm.

Wenn ich z.B. Hilfe von Dir bräuchte und ich würde Dich nicht darum bitten mir zu helfen, dann hätte ich ja schon ein "nein" und Du hättest gar keine Möglichkeit meine Erwartung zu erfüllen.
Und würde ich Dich darum bitten und Du könntest oder wolltest meine Erwartung nicht erfüllen, wer zwingt mich dann enttäuscht zu sein?
Wenn ich eine Erwartung an einen anderen habe, muss ich doch immer auch damit rechnen, dass der andere sie evtl. nicht erfüllt.

Manchmal ist es aber auch so, dass ich eine Bitte ausspreche, äußerlich erwarte, dass diese erfüllt wird, aber im Unterbewusstsein glaube ich eigentlich doch nicht dran.
Könnte es sein, dass Du z.B. andere bittest die Türen nicht so laut zuzuschlagen oder an bestimmten Stellen nicht zu rauchen und Dein Unterbewusstsein glaubt garnicht daran, dass diese Erwartung erfüllt wird? Könnte es sein, dass Dein Bild von Deinem Mitmenschen so negativ ist, dass Du ihm garnicht zutraust, dass er Deine Erwartung erfüllt?

Erik Blumenthal schrieb in einem seiner Bücher, dass zu 85 % die Erwartung erfüllt wird an die ich glaube.

Ich hab mal eine Geschichte gelesen.
Ein Fremder kommt in eine Stadt und frägt einen Weisen der da am Wegesrand sitzt: "Sag mal weiser Mann, wie sind denn die Menschen hier in Deiner Stadt? Sind sie freundlich und hilfsbereit oder gemein und unverbesserlich?
Ich habe vor umzuziehen und suche eine Stadt mit lieben, netten Menschen."
Der Weise fragte: "Wie sind denn die Menschen in Deiner alten Stadt?"
"O ganz fürchterlich" sagte der Fremde, "sie sind gemein, rücksichtslos, bösartig, dumm, uneinsichtig und vieles mehr."
Der Weise sagte: "Komm lieber nicht in unsere Stadt. Hier sind die Menschen genauso gemein, rücksichtslos, bösartig und dumm wie in Deiner alten Stadt. Möglicherweise noch viel schlimmer."
Der Fremde bedankte sich und ging von dannen.

Daraufhin kam ein 2. Fremder, der den weisen Mann auch fragte wie die Menschen in dieser Stadt seien, denn er möchte sich gerne verändern und in einer fremden Stadt ein neues Leben beginnen.

Der Weise fragte wieder: "Wie sind denn die Menschen in der Stadt in der Du jetzt noch wohnst?"

Der Fremde antwortete: "Die Menschen in meiner Stadt sind sehr liebevoll, rücksichtsvoll und hilfsbereit. Ich kann mich absolut nicht beklagen."

"Genauso sind auch die Menschen hier, vielleicht sogar noch etwas mehr" sagte der Weise.

Der Fremde bedankte sich ganz herzlich und ging beschwingt und glücklich weiter. Er freute sich auf seine neue Stadt.

Ein Passant, der beide Gespräche mit angehört hatte, sagte zu dem weisen Mann: "Wie kannst Du zu dem einen sagen, dass die Menschen hier liebevoll, friedvoll und nett sind und zu dem andern genau das Gegenteil?"

"Weil jeder das hier finden wird das er sieht und sucht. Der zweite sieht nur das Liebevolle, Freundliche in seinen Mitmenschen, der erste dagegen konzentriert sich auf das Unvollkommene im Menschen" sagte der weise Mann.

Wünsch Dir von Herzen alles Gute!
Schöne Grüße Linde


Werdet niemals aufeinander böse ... Liebt die Geschöpfe aus Liebe zu Gott und nicht um ihrer selbst willen. Ihr werdet niemals böse oder ungeduldig werden, wenn ihr sie um Gottes willen liebt. Die Menschheit ist nicht vollkommen. In jedem Menschenwesen gibt es Unvollkommenheiten, und ihr werdet immer unglücklich sein, wenn ihr auf die Menschen selbst schaut. Wenn ihr aber auf Gott schaut, werdet ihr sie lieben und gut zu ihnen sein; denn die Welt Gottes ist die Welt der Vollkommenheit und vollendeter Barmherzigkeit. Schaut darum nicht auf die Mängel an diesem und jenem. Blickt mit dem Auge der Vergebung. Das unvollkommene Auge sieht Unvollkommenheiten. Das fehlerbedeckende Auge aber schaut auf den Schöpfer der Seelen. Er erschuf sie, erzieht und versorgt sie, verleiht ihnen Fähigkeiten und Leben, Gesicht und Gehör. Darum sind sie die Zeichen seiner Größe. (PUP p.93)

(Compilations, Göttliche Lebenskunst)


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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
linde hat folgendes geschrieben:
Könnte es sein, dass Du z.B. andere bittest die Türen nicht so laut zuzuschlagen oder an bestimmten Stellen nicht zu rauchen und Dein Unterbewusstsein glaubt garnicht daran, dass diese Erwartung erfüllt wird? Könnte es sein, dass Dein Bild von Deinem Mitmenschen so negativ ist, dass Du ihm garnicht zutraust, dass er Deine Erwartung erfüllt? Erik Blumenthal schrieb in einem seiner Bücher, dass zu 85 % die Erwartung erfüllt wird an die ich glaube.

Liebe Linde,
herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ich hoffe, dass es Dir bald wieder sehr gut geht.

Ich muss zugeben, dass Du damit Recht hast, dass mein Bild von den Mitmenschen eher negativ ist. Aber ich möchte es auf die Menschen beschränken, die sich offensichtlich asozial verhalten.

Deine Geschichte kannte ich schon und da ist auch etwas dran. Aber es hat mit der Realität nur begrenzt etwas zu tun. Wie oft wird man trotzdem enttäuscht, auch wenn man den Menschen einen Vertrauens- oder Höflichkeitsvorschuss gibt? Beispiele habe ich ja genannt. Ständig mit der rosaroten Brille "alle Menschen sind liebevoll, friedvoll und nett" herumzurennen, halte ich für Selbsttäuschung. Mit einer Negativ-Brille herumzulaufen ist es aber auch.

Wenn ich die Nachrichten oder Filmberichte ansehe, erlebe ich es manchmal, dass mein Hass auf bestimmte Menschen enorm groß ist. Z.B. habe ich heute einen Film über die Firma "Red Bull" gesehen und deren Konzernchef, der Milliardär ist, in Saus und Braus lebt und sich wie ein Oligarch aufführt. Es gibt immer wieder Todesfälle von Extremsportlern, die für seinen Dreckladen Werbung machen. Meistens passieren solche Unfälle, weil sie vom Konzern unter Druck gesetzt werden. Zu Interviews ist dieser Typ nicht bereit. Im Gegenteil: Er hat sogar einmal einen Reporter mit schwerer Körperverletzung gedroht, wenn er weiter "herumschnüffeln" sollte. Und die Staatsanwaltschaft stellt ihre Nachforschungen immer zugunsten des Konzerns ein. Die Todesfälle seiner Werbeträger nimmt dieser Kerl billigend in Kauf. Ich kann für solche menschenverachtenden Kapitalisten (von denen es sehr viele gibt) nur Ekel empfinden und habe hier wirklich einen großen Konflikt mit der Forderung, alle Menschen um Gottes Willen zu lieben. Denn wenn ich Gott wäre, würde ich solche Typen schnellstens in einem schwarzen Loch verschwinden lassen.

Mein Hauptproblem ist wahrscheinlich der ausgeprägte Wunsch nach Gerechtigkeit gepaart mit Ungeduld und eher verkümmerter Liebesfähigkeit. An den letzten beiden kann ich vielleicht arbeiten.

"O Sohn des Geistes!
Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit. Wende dich nicht ab von ihr, wenn du nach Mir verlangst, und vergiß sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann..."

(aus Verborgene Worte von Bahá'u'láh)
Du schlägst ja ganz schön auf die Pauke. Du sprichst von Hass auf Fremde, das finde ich persönlich verdammt übel. Ich gehe davon aus, dass du weder Didi Mateschitz persönlich oder seinen Konzern von innen kennst. Wie entwickelt man Hass auf etwas, mit dem man keine persönlichen Berührungspunkte hat? Wahrscheinlich führt auch genau diese Art zu denken zu deiner jetzigen Situation, in der du dich über deine Mitmenschen stellst, da sie in deinen Augen asozial agieren. Arbeite lieber an dir als an deinem Umfeld. Vielleicht erledigt sich der Rest dann von alleine.