Buddhismus und Baha'i-Glaube


Busshari hat folgendes geschrieben:


Wie löst du denn als Bahai, die meiner Meinung nach drei größten Widersprüche auf ohne zu sagen, hier hat sich der Buddhismus geirrt, das ist eine eine falsche Interpretation ... wie ohne diese Religion zu akzeptieren, wie sie ist? Das würde mich sehr interessieren.

• Gottes(un)glaube (unsterbliche, dauerhafter, unveränderlicher Gott)
• (Nicht)-Existenz der Seele, d.h. einer festen unsterblichen Person
• Wiedergeburt bis Nirvana (Verslöschen des Bewusstseins) erlangt ist vs. Eingang ins Paradies.


Guten Tag lieber Busshari,

in der letzten Zeit habe ich mich bemüht, mich in den Buddhismus, bzw. genauer gesagt buddhistische Lehren bzw. Philosophie einzulesen. Deswegen setze ich mich gedanklich gerade genau mit diesen Fragen auseinander.

Wenn ich gemäß der Baha'i-Lehre davon ausgehe, dass Buddha eine Manifestation Gottes war, also beide Lehren in Einklang zu bringen sein müssen (ein Problem, dass Du als Buddhist ja nicht hast, und auch nicht haben musst), komme ich zu dem Ergebnis, dass das nicht möglich ist, ohne auch viele Baha'i-Lehren in einem neuen Licht zu sehn.

Ohne größere Probleme lassen sich die ethischen Lehren vereinbaren. Gemeinsamkeiten finden sich hier zu hauf.

Auch wird von den Autoritäten der Baha'i immer wieder die besondere Bedeutung der Loslösung von weltlichen bzw. materiellen Dingen und Zusammenhängen für die persönliche Erlösung betont; hier kann man als Baha'i die buddhistische Lehre als sehr hilfreiche, weil viel detailliertere Anleitung betrachten, *wie* genau man das anstellen soll. Auch sollen Baha'is ausdrücklich täglich meditieren, ohne dass in den Baha'i-Schriften genauer darauf eingegangen wird, wie man das anstellen soll -- auch hier ist der Buddhismus äußerst hilfreich.


Etwas komplizierter wird es bei den metaphysischen Fragen. Zur Frage der Wiedergeburt: Wenn ich die (Theravada-)Lehre richtig verstanden habe, geht Buddha ja nicht davon aus, dass man tatsächlich als Person, als Selbst bzw. Seele, in einen neuen Körper inkarniert würde. Dass es ein "Selbst" überhaupt gibt, verneint Buddha, so kann auch keine Person reinkarnieren.

Sondern die Konditionalkette von Ursache und Wirkung sorgt dafür, dass die fünf Elemente, aus denen sich jede Person zusammensetzt (die aber jeweils weder die Seele, noch das "Ich" sind), ihre karmische Form bzw. Energie an einen neu empfangenen Menschen weitergeben. In einem Einführungsbuch las ich dazu die Analogie einer Billardkugel, die die nächste anstößt und ihre Energie überträgt.

Soweit ich das sehen kann, gibt es in den Baha'i-Lehren keinerlei Aussagen, die dieser Auffassung widersprechen. Baha'u'llah äußert sich zu diesen Zusammenhängen nicht, was nicht bedeutet, dass sie nicht wahr sein könnten. Tatsächlich spricht Baha'u'llah aber davon, dass es in gewissem Sinne "Wiedergeburten" früherer Personen gibt -- so etwa sind die Manifestationen Gottes jeweils die "Wiederkunft" aller früheren Erscheinungen. Auch Personen in ihrem Umfeld sind die Wiedergänger ihrer Vorgänger: So ist z.B. Mirza Yahja, der Baha'u'llah verriet, die "Wiedergeburt" von Judas Iscariot, der Jesus verriet -- diese Sicht ließe sich möglicherweise mit dem Gedanken von karmischer Wiedergeburt vereinbaren, zumal es in beiden Fällen nicht um identische Personen, die wortwörtlich wiedergeboren wurden, geht.

Bin etwas in Zeitdruck, deswegen meine Gedanken zu Gott, Nirwana etc. später.

LG,
Bernhard
Hier jetzt die weiteren Gedanken:

Obwohl Baha'u'llah also die "Physik" des Karma weder systematisiert noch das Konzept benennt, gibt es also deutliche Hinweise in der Baha'i-Offenbarung, dass dieses Konzept durchaus damit in Einklang zu bringen ist. Wenn das so ist, können Baha'i sich glücklich schätzen, dass Buddha wertvolle Informationen offenbart hat, die so in der Baha'i-Lehre nicht vorkommen, aber zu einem vertieften Verständnis beitragen können.

Schwieriger ist es bei der Frage nach Gott und dem Nirwana.

Zwar sind beides Begriffe für "das Absolute" bzw. "Absolutheit", jedoch gibt es in der Beschreibung zunächst unvereinbar erscheinende Unterscheidungen.

Eine Gemeinsamkeit ist, dass der Baha'i-Glaube Gott als einzig Voraussetzungsloses, Unbedingtes denkt, während alles andere Teil der Schöpfung ist, die bedingt ist, also Gott als Voraussetzung hat. Analog dazu sehen Buddhisten (wenn ich es richtig verstehe) die Welt als riesiges System aus einzelnen "bedingten" Punkten (war Kamma der passende Terminus?), die in den karmischen Konditionalnexus von Ursache und Wirkung eingebunden sind, lediglich das Nirwana ist ein "Punkt" außerhalb dieses Geflechts.

Sowohl im Buddhismus wie auch Baha'i-Glauben besteht die "Erlösung" im Eintreten des Einzelnen in diese unbedingte Absolutheit.

Meine momentane "Arbeitshypothese" ist, dass der Schlüssel zum Verständnis darin liegt, dass jede Manifestation Gottes Rücksicht auf den geistigen Entwicklungsstand des jeweiligen Volkes nimmt und seine Lehren nur so verkündet, dass sie auch verstanden werden können. Das trifft auch auf Baha'u'llah zu!

Im Besonderen heißt das, dass Baha'u'llah, selbst wenn er ein Nirwana im Sinne Buddhas hätte beschreiben wollen, durch das Verständnis seiner (potentiellen) Anhänger beschränkt war, die nunmal überwiegend aus einem monotheistischen Kontext stammten (insb. dem Islam). Deswegen war Baha'u'llah gezwungen, Termini und Konzepte zu verwenden, die diesem Publikum verständlich waren, sie nur in soweit abzuändern, wie sie das Verständnis nicht unnötig verstellt hätten und lediglich vorsichtige Korrekturen verbreiteter Gottesbilder vorzunehmen.

Dennoch ist Baha'u'llah ziemlich eindeutig, wenn er feststellt, dass Gott sich völlig und vollständig dem menschlichen Verständnis entzieht und lediglich die Manifestationen gewisse Ahnungen von Gott erlauben: Eine Beschreibung, die man ähnlich sicher auch auf Buddha und seinen "Weg" münzen könnte.

Das monotheistische Gottesbild hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert: Im Alten Testament bzw. Judentum ist Gott noch stark personifiziert, tritt sogar als "Person" direkt in Erscheinung. Das geschieht im Neuen Testament nicht mehr, doch auch Jesus benutzt den Vergleich mit einem gütigen Vater, um die Liebe Gottes zu beschreiben.

Der Islam hat schon ein abstrakteres Gottesbild. Jedoch tritt auch hier Gott als absolute Autorität auf, was für gewöhnlich die Eigenschaft einer Person impliziert. Und ganz unabhängig davon gibt es eine Vielzahl von ganz individuellen Gottesbildern der einzelnen Gläubigen, ob Jude, Christ, Moslem oder Baha'i, die in den meisten Fällen Gott wohl eine gewisse Persönlichkeit unterstellen.

So eine Personifizierung geben die offenbarten Schriften des Baha'i-Glaubens aber meines Erachtens kaum her: Sogar die Gebete, die zumeist poetische Huldigungen sind, die man am ehesten an eine Person richtet, sollen ausdrücklich nicht zum Nutzen Gottes gesprochen werden, sondern dienen dem spirituellem Wachstum der Gläubigen. Sie sind praktisch nichts anderes als eine Meditationstechnik. Gott selbst bleibt vollständig abstrakt. Warum soll man nicht über das ausdrücklich Unvorstellbare meditieren (bzw. es anbeten)? Jedenfalls tun Buddhisten das durchaus, wenn ich mich nicht irre -- sind die scheinbar an eine Person gerichteten Gebete der Baha'i letztlich vielleicht nichts anderes, in Bezug auf die Funktion für den Einzelnen und sein "Karma"?


Auf der anderen Seite muss man sich Buddhas Hintergrund vor Augen halten: Er grenzte seine neue Lehre scharf vom hinduistischen Brahmanismus ab, der seinerzeit dominierend war. Und in jener Religion war ein sehr spezifisches Konzept einer "Seele" selbstverständlich, direkt verbunden mit der Idee einer persönlichen Reinkarnation.

Selbst wenn Buddha davon ausgegangen wäre, dass es irgendein Attribut der individuellen Person gibt, das den leiblichen Tod überdauert, hätte er es unmöglich äußern können, ohne sofort Missverständnisse wegen im Brahmanismus bestehender Seelenvorstellungen zu provozieren. Vielleicht hielt er es also für das kleinere Übel, diesen abstrakten Gedanken nicht näher auszuführen -- Zumal er für die Erlösung auch nicht unbedingt erforderlich war?

Im Gegenzug dazu müssen aber auch Baha'i sich fragen, ob das Bild, das sie sich von der "Seele" machen (welche nach dem Tod in die göttlichen Welten übergeht), wirklich zutreffend ist. Denn wenn Buddha Recht hat, ist die Seele (die Buddha nicht erwähnt) jedenfalls keine "Ich-Essenz", kein Bewusstsein mit Erinnerungen.

Aber das behauptet Baha'u'llah ja auch gar nicht. Das denken sich nur einzelne Gläubige. Wie schon zu Gott hält sich Baha'u'llah zur Seele sehr bedeckt, und stellt nur fest, dass das Verständnis der Seele und der göttlichen Welten, in die sie eintritt, uns in dieser Welt nicht möglich ist.

Das Nirwana im Buddhismus hat mit Sicherheit keine Eigenschaften einer Person, und der Weg dorthin ist kein Befolgen von autoritär diktierten Befehlen, sondern das Anerkennen eines Naturgesetzes: Ist der persönliche, befehlende Gott (den auch Baha'u'llah letzten Endes predigt) letztlich also vielleicht nur ein pädagogisches Konzept um Leute auf einen Weg zu bringen, den sie nur durch Einsicht kaum befolgen würden?


Was bleibt unterm Strich? Im Idealfall ergänzen sich die Lehren der beiden Manifestationen, Baha'u'llah und Buddha. Wenn wir Widersprüche sehen, dann muss das an unserem begrenzten Verständnis liegen. Und zur Auflösung dieser Widersprüche mag es ratsam sein, wenn wir Baha'i unsere eigenen Überzeugungen kritisch hinterfragen, bzw. in einem neuen Licht zu sehen versuchen -- denn falsch kann Buddhas Lehre nicht sein, denn wenn sie es wäre, wäre Baha'u'llahs es auch.

Beste Grüße,
Bernhard
Der Buddha könnte auf Baha'u'llah's Lehren sicher bestens verzichten.
Templer hat folgendes geschrieben:
Der Buddha könnte auf Baha'u'llah's Lehren sicher bestens verzichten.


Und auf solche negativen Kommentare, die keine andere Absicht haben, als Verachtung auszudrücken, kann auch wirklich die ganze Menschheit verzichten.

Und nun?
Der Weg des Erhabenen ist jenseits aller Religionen.
Hallo Bernhard,

vielen Dank, dass Du Deine wertvollen Gedanken mit uns geteilt hast! Ist für mich sehr lehrreich, weil ich mich selbst noch nicht all zu viel mit dem Buddhismus beschäftigt habe.

Liebe Grüße,
Minou
_________________
»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Hallo zusammen,
http://www.demetrius-degen.de/religionen/buddhismus/buddha28.htm

Da beherrscht, Kevaddha, ein Mönch in mannigfacher Weise die höheren Kräfte eine um die andere - aus einem Einfachen wird er vielfach, und aus einem Vielfachen wird er einfach; erscheinend und verschwindend geht er durch Mauer, Wall und Felsgestein unbehindert hindurch gleichwie in der freien Luft; in der Erde taucht er auf und unter wie im Wasser; auf dem Wasser geht er ohne einzubringen wie auf der Erde, und in der Luft fliegt er kreuzbeinig dahin wie der beschwingte Vogel, und diese Sonne und Mond, die so gewaltigen, so mächtigen, die berührt er, befaßt er mit der Hand; ja, bis zur Brahma-Welt reicht körperlich seine Gewalt.

Ist das nicht GLEICH mit den Fähigkeiten des Jesus nach der Auferstehung?

Der Buddha war ein reiner LOGIKER. Doch er kam damit genau so weit wie ein Jesus durch seinen
Glauben.

http://www.demetrius-degen.de/zeit-themen/mensch03.htm
Daher gibt es 2 Wege, die zur Vollendung führen: Über Wissen, Erkennen und Verstehen (reine Logik) und über Glaube, Vertrauen und Hingabe. (über die Liebe).
Am Anfang wirken sie Getrennt, am ENDE kommen beide ZUSAMMEN und sind EINS!
BEIDE WEGE führen ans Ziel!

Grüße, Demetrius
_________________
Auf der Erde gibt es seit jeher den Kampf zwischen Egoismus und Selbstlosigkeit.
Die Egoisten werden reich, die Selbstlosen schaffen große Werke.
www.demetrius-degen.de
Minou hat folgendes geschrieben:
Hallo Bernhard,

vielen Dank, dass Du Deine wertvollen Gedanken mit uns geteilt hast! Ist für mich sehr lehrreich, weil ich mich selbst noch nicht all zu viel mit dem Buddhismus beschäftigt habe.

Liebe Grüße,
Minou


Danke, liebe Minou, und gerne!

Gerade kann ich begeistert feststellen, dass die buddhistischen Erläuterungen darüber, wie genau das Leid, Hass und dergleichen durch "Anhaften" entsteht, mir eine Tür, oder sogar ein riesiges Tor geöffnet hat:

Ich verstehe die Bedeutung der Loslösung, und die Aufgabe des "Selbst", die Baha'u'llah einfordert, jetzt viel besser! Die Erläuterungen Buddhas sind dahingehend viel detaillierter und haben mir ein Verständnis ermöglicht, dass ich vorher in der Form nicht hatte. Vor allem aber habe ich dank Buddha viel konkretere Vorstellungen davon, worauf ich genau achten muss, wenn ich an mir arbeiten will.

Vielleicht sind diese Einsichten für andere ja viel offenkundiger, oder auf andere Weise zugänglich -- aber mir persönlich haben die buddhistischen Begriffe sehr weitergeholfen.

Auch deswegen bin ich gerade ganz voller Begeisterung darüber, und Dankbarkeit, dass Baha'u'llah es uns ermöglicht, auch aus dem reichen Schatz früherer Offenbarungen zu schöpfen!

Manchmal helfen eben zwei unterschiedliche Beschreibungen zweier unterschiedlicher Lehrer zum Verständnis eines Sachverhalts weiter, als sich nur auf einen zu stützen.

Liebe Grüße,
Bernhard
Bernhard hat folgendes geschrieben:
Ich verstehe die Bedeutung der Loslösung, und die Aufgabe des "Selbst", die Baha'u'llah einfordert, jetzt viel besser!


Hallo Bernhard,

leider haben wir zu wenig wahre Baha'i-Gelehrte. Einer ist Prof. Farhad Sobhani. Durch seine Seminare habe ich die Bedeutung der Loslösung tief erfahren. Er fasst die Aussagen Baha'u'llahs in einfühlsamer und eindrücklicher Art so zusammen, dass man ein Aha-Erlebnis nach dem anderen hat; mir zumindest ist es so ergangen. Er wiederholt viel Substanzielles in verschiedenen Zusammenhängen. Ich kann seine Arbeit schwer beschreiben, bin nur froh, ihn gefunden zu haben. Falls Du aus Deutschland bist, kennst Du ihn wahrscheinlich.

Liebe Grüße,
Minou
_________________
»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Minou hat folgendes geschrieben:
Bernhard hat folgendes geschrieben:
Ich verstehe die Bedeutung der Loslösung, und die Aufgabe des "Selbst", die Baha'u'llah einfordert, jetzt viel besser!


Hallo Bernhard,

leider haben wir zu wenig wahre Baha'i-Gelehrte. Einer ist Prof. Farhad Sobhani. Durch seine Seminare habe ich die Bedeutung der Loslösung tief erfahren. Er fasst die Aussagen Baha'u'llahs in einfühlsamer und eindrücklicher Art so zusammen, dass man ein Aha-Erlebnis nach dem anderen hat; mir zumindest ist es so ergangen. Er wiederholt viel Substanzielles in verschiedenen Zusammenhängen. Ich kann seine Arbeit schwer beschreiben, bin nur froh, ihn gefunden zu haben. Falls Du aus Deutschland bist, kennst Du ihn wahrscheinlich.

Liebe Grüße,
Minou


Hallo Minou,

Prof. Sobhani kenne ich nur dem Namen nach. Sein Büchlein über die Seele des Menschen habe ich gelesen. Das fand ich sehr erhellend!

LG,
Bernhard