Kein Bezug zu leiblichem Vater


Hallo liebe Community,

kurz zur Vorgeschichte:
Ich wurde geboren, als meine Eltern bereits getrennt waren (Sie waren relativ kurz zusammen und ich war nicht geplant). Als ich vier Jahre war, heiratete meine Mutter meinen jetzigen Adoptivvater, der von jeher mein richtiger Papa war.

Adoptiert hatte er mich, als ich vier Jahre alt war, somit versickerte der Anspruch meines leiblichen Vaters, mich sehen zu dürfen. Einige sagen, er wäre damals nicht an mit interessiert gewesen und es wäre wegen der Alimente gewesen, andere wiederum sagen, er hätte mich immer geliebt und ich wurde ihm entrissen. Ich werde wohl nie erfahren, wie es damals tatsächlich war.

Mit 14 schrieb er mir einen Brief und mit 15 Jahren trafen wir uns das erste Mal seit über 10 Jahren. Danach wurde es eher ein Hin-und-Her-Kontakt, mal ein Jahr nichts, dann doch wieder getroffen, mal kurz telefoniert, dann wieder ein paar Jahre nichts. Meinen Geburtstag vergisst er nie, seit zwei Jahren gratuliert er mir sogar am Namenstag, meldet sich zu Ostern, Weihnachten etc... Vor wenigen Jahren hatte er mir ein Sparbuch versprochen, welches er angeblich seit meiner Geburt schon hatte, gesehen habe ich davon nichts. Letztens schrieb er mir eine SMS, wenn ich nur irgendetwas bräuchte, würde er mir sofort helfen. Daraufhin schrieb ich, dass es mir gut geht und dass ich vor kurzem eine Eigentumswohnung gekauft habe. Danach war erstmal Funkstille.

Mein Problem ist, dass ich mich nicht wirklich freuen kann, wenn er sich meldet. Er ist für mich ein Fremder. Ich habe überhaupt keinen Bezug zu ihm, ganz zu schweigen von einer emotionalen Bindung. Er war einfach zu lange weg, womöglich in den wichtigsten Jahren eines Kindes.

Oftmals habe ich ein schlechtes Gewissen, da ich mich nicht von mir aus melde. Ehrlich gesagt denke ich einfach nie daran. Es passt nicht ganz in meinen Kopf, dass er mein tatsächlicher Vater ist und ich kann es auch nicht ganz verstehen, dass ich von seiner Seite aus drei Halbgeschwister habe. Auch von ihrer Seite kommt nichts, als ich zu Besuch war, empfanden sie mich eher als befremdlich und konnten nichts mit mir anfangen.

Ich frage mich immer wieder, ob ich wohl versuchen sollte, doch eine Bindung entstehen zu lassen und ob es mir vielleicht irgendwann leid tut, wenn ich es nicht tue? Irgendwo fühle ich mich auch als Eindringling, da er auch bereits seit 1997 verheiratet ist und wenn ich ihn besuchen würde, seine Frau und drei Kinder da sind. Welche Frau freut sich schon, wenn das Kind, entstanden aus einer Jugendsünde, ständig auf der Matte steht?
liebe Samara,

das ist nicht leicht für Dich und ich kann es Dir etwas nachfühlen. Sowohl meine Kinder, als auch ich selbst haben eine "Vaterwunde" im Herzen die immer mal wieder schmerzt. Ich finde es megastark von Dir dass Du dabei für seine jetzige Frau und Situation mitdenkst, aber sie sollten auch an Dich denken !

Ob Du die Beziehung aufnehmen solltest oder nicht kann Dir nur Dein eigenes Herz sagen - tu was für DICH gut ist und wobei DU DICH wohlfühlst

Mein einer Sohn hat sich gegen seinen Vater entschieden und sagt "er ist nur mein Erzeuger aber nicht mein Vater", mein anderer geht immer mal wieder hin und kommt traurig zurück, ich selbst halte sporadisch den Kontakt zu meinem Vater, bin aber in einer Schutzhaltung. Alles drei ist nicht sonderlich beglückend.

Vielleicht hilft Dir der Gedanke, dass Du einfach drei Väter hast:

einen leiblichen der Dich ins Leben brachte, einen seelischen der Dich durch die Kindheit begleitete und als Tochter angenommen und geliebt hat, und einen geistigen von dem Dein Leben wirklich kommt und der über allem steht.

ganz liebe Grüße
`wünsch Dir ein befreites Herz !
visie
Hallo visie,

vielen Dank für deine Antwort.

Ich kann es deinem einen Sohn sehr gut nachfühlen, wie er hin und wieder zu seinem Erzeuger geht und traurig zurückkommt. Auch mir ging es schon oft so. Da sollte man sich wirklich fragen, ob es einem gut tut, ihn zu treffen.

Mir geht es oft so, dass ich mir denke, ob es nicht falsch ist, den Kontakt abzubrechen. Ich fühle mich dann undankbar und ein Gedanke kreist in meinem Kopf, dass "es sich doch gehöre" und man sich nicht von dem abwenden sollte, "der einem das Leben geschenkt hat".

Du hast völlig recht, man sollte das tun, wo man sich wohlfühlt.

Es ist jedenfalls sehr schön zu lesen, dass es Leute gibt, die dasselbe Problem teilen!

LG
liebe Samara,

mir geht es mit meinem Vater ähnlich. Pflichtgefühl und Co lassen mich sporadisch immer wieder hingehen, aber auch eine schwer zu beschreibene Art von Liebe die vielleicht einfach "biologisch" ist. Lange Zeit war es aber auch der zutiefst versteckte Wunsch und die Sehnsuchz, dass er mir doch liebevoller Vater ist.
(kann er nicht wegen einer narzisstischen Störung). Seit ich den überwunden habe komme ich besser mit ihm klar. Ebenso hat mir sehr geholfen darauf zu schauen , dass er halt aufgrund eigener Schädigungen einfach nicht ein liebevoller Vater sein konnte und da hat er mein Mitleid - das ist auch eine Form von Liebe. Auch musste ich erst betrauern, was ich dewegen durchmachen musste bevor ich wieder wenigstens etwas offen sein konnte.

Heute bin ich froh, dass ich den KOntakt nicht ganz abgebrochen habe und kann mit allem Leidvollen in der Sache umgehen.

Ich glaube die wichtigste Frage ist gar nicht Kontakt halten oder nicht, sondern dass Du es schaffst innerlich anzunehmen, dass er Dir nicht seelischer Vater war/sein konte, es zu betrauern und soeit mit Liebe auf ihn zu blicken, das Du verstehen kannst, dass er damals nicht anders konnte. Dann kannst Du ihn in Dir als den "Vater" annehmen der er ist und bist frei. Ob Ihr Euch dann noch trefft oder nicht kommt dann von selber.

lass Dich mal drücken !
visie
Hi Ihr Lieben, zu diesem Thema kann ich aus Erfahrung nichts beitragen, aber ich wollte auf alle Fälle erwähnen, dass es mich sehr berührt, wie Du liebe visie auf samara eingehst.

Schön wenn man mit seinen Problemen auf Menschen stößt wie Dich.

Alles Liebe Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Liebe visie,

das ist bestimmt eine sehr schwere Situation, wenn man weiß, er kann nicht aus seiner Haut.

Mir geht es mit meinem Stiefvater ähnlich. Klingt zwar nach kleinen Lappalien, doch er schaffte es nie, einen in den Arm zu nehmen oder mal zu sagen "das hast du gut gemacht". Irgendwie hatte man somit immer das Gefühl, man würde zu wenig leisten oder würde nicht geliebt. Lange habe ich es darauf geschoben, dass es ist, weil ich nicht seine leibliche Tochter bin. Ich sehe jedoch, dass er mit meinen Geschwistern auch nicht anders kann. Hat es eine Meinungsverschiedenheit gegeben, konnte man ewig nicht mit ihm sprechen, er konnte einfach nie über seinen Schatten springen. Im Grunde hat er es wirklich nicht leicht und ich bin ihm auch nicht böse deswegen.
liebe Samara,
das sind keine Lappalien sondern für die Tochter knallhart. Und das Dumme zusätzlich ist, dass Kinder sich meistens dann auch noch schuldig oder nicht liebenswert fühlen, weil sie es nicht anders verstehen können. Das ist oft unbewusst und dann kanns dramatisch werden für diesen Menschen.

Selbst habe ich erst vor wenigen Jahren - als er es knüppeldick brachte - mit der ganzen Seele erfassen können, dass sein Verhalten / Narzissmus gar nichts mit mir als Tochter und Mensch zu tun hat sondern irgendwo per se in ihm krank ist. Und ich habe "gesehen" wieviel Selbsthass, Schuldgefühle und Komplexe mir die Geschichte beschert hatte, weil ich als Kind ja gar keine andere innere Wahl hatte . Und ...: dass er selbst auch voll davon ist.

Mit diesem "Überblick" kam die Sache langsam in eine Transformation hinein und begann in mir zu heilen.

wünsch Dir einen Riesenheilungsschub !
visie
Das Schuldzuweisen an einen Selbst liegt wohl leider in der Natur eines Kindes. Ist leider bei Scheidungskindern auch nicht selten, dass viele glauben, sie wären Schuld an der Trennung Ihrer Eltern.

Aber liegt wohl an einem selbst, wie man mit der Zeit damit umgeht und ob man sich ein Leben lang unglücklich macht oder sich irgendwann entschließt, dass man ein eigenes Leben hat und auch ein Recht darauf, glücklich zu sein.