Was ist Keuschheit?


Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Wo hat die Kirche jemals Hochachachtung vor der "Leiblichkeit" (= Sexualität) bewiesen.


Zum einen - Leiblichkeit ist mehr als Sexualität, das Istgleichzeichen passt nicht. Und zum anderen - die ganze Lehre von der leiblichen Auferstehung ist eine Symphonie auf die Leiblichkeit. Es kann nicht mehr Hochachtung geben als der Glaube daran, dass der Leib ein "Tempel des Heiligen Geistes" (vgl. 1 Kor 6,19) ist, genauso wichtig und wertvoll und das Menschsein ausmachend wie die Seele.

Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Hmm, nüchtern betrachtet müssten dir eigentlich schon die vielen Rückzugsgefechte (geozentrisches Weltbild, Schöpfungsgeschichte, Evolution) schwer im Magen liegen, da sie mit dem absoluten "Wahrheitsanspruch" der Kirche nicht zu vereinbaren sind.


Sehr interessant ist, dass immer wieder der Fall Galileo Galilei monoton und gebetsmühlenartig als Argument dafür ins Treffen geführt wird, dass die Kirche sich angeblich vehement gegen den wissenschaftlichen Fortschritt gestellt hätte. Aber der Grund dafür ist sehr einfach: Das ist nämlich tatsächlich der einzige Fall, wo es Reibungswärme gab. Und selbst dort hat die Kirche - wenn auch nicht unmittelbar gewollt - dazu beigetragen, dass Fortschritt entstanden ist. Denn durch die Interventionen wurde Galileo erst recht dazu getrieben weiterzuforschen.

Wie gesagt - ein einziger Fall in 2000 Jahren - und nein, der liegt mir sicher nicht "schwer im Magen", weil ich ja weiß, dass Menschen in der Kirche immer fehlbar waren und sein werden. Die Kirche gibt es ja nicht, weil die Menschen schon so gut sind, sondern weil sie es werden sollen.

Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Und das "Geheimnis des Lebens" findest du schon in den ersten Prionen und nicht erst in der Ehe.


Ein Stück Stein ist aber auch noch keine Kathedrale. Genauso wenig ist ein Eiweißmolekül im Urmeer ein Mensch. Wenn ich mir den Menschen ansehen will als das, was er ist, dann kann ich das nur durch die Religion, weil sie eine Perspektive eröffnet, die "darüber" liegt. Ich sehe nicht das Ganze, wenn ich nicht "darüber stehe" und "hinunterblicke". Diese Perspektive hat aber nur Gott, und nur er kann uns daran teilhaben lassen.

Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:

Man kann einen logischen oder einen metaphysischen oder eine Kombination von beiden zu Christus suchen. Die Antwort von Newman ist wohl nur rein metaphysisch zu erklären.


Nicht nur rein metaphysisch. Ein rein anthropologischer Aspekt dabei ist, dass die Mutter eines Menschen ihn wesentlich prägt. So wäre Mozart ohne seine Mutter nicht Mozart, sein Wesen und Sein - sein Schaffen und Wirken - ist zutiefst von ihr geprägt. Bei Maria ist das im Verhältnis zu ihrem Sohn Jesus noch viel stärker. Da er keinen menschlichen Vater hat, hat er seine Menschlichkeit ganz von Maria - er ist "von ihrer Art". Wer sie daher nicht kennenlernt, kann auch Jesus nicht kennen - denn seine Göttlichkeit ist weit über uns. Maria ist sozusagen der "menschliche Zugang" zur Göttlichkeit Jesu. Weil Gott über einen menschlichen Zugang - Maria - in die Welt gekommen ist. Ist auch der Zugang zu ihm menschlich. Das "Fiat", es soll geschehen von Maria ist das Schlüsselwort, in dem das menschliche Wesen Jesu Christi zu finden von dem aus erst seine göttliche Dimension erkennbar und erfahrbar wird. Oder anders formuliert: Wer nicht über Maria zu Jesus gehen will kommt nicht sicher bei ihm an - denn er nimmt nicht den Weg den Gott dafür vorgesehen hat.
Nunja: Jesus ist doch auch menschlich und nicht nur "göttlich"!
Peter.Trim hat folgendes geschrieben:
Nunja: Jesus ist doch auch menschlich und nicht nur "göttlich"!


Ja - deshalb ja auch die Wichtigkeit des menschlichen Leibes. Gott selbst hat sich einen menschlichen Leib gegeben; das gibt dem Leib einen ganz hohen Stellenwert im Christentum.
Hallo Burkl,
Zitat:
Zum einen - Leiblichkeit ist mehr als Sexualität, das Istgleichzeichen passt nicht. Und zum anderen - die ganze Lehre von der leiblichen Auferstehung ist eine Symphonie auf die Leiblichkeit. Es kann nicht mehr Hochachtung geben als der Glaube daran, dass der Leib ein "Tempel des Heiligen Geistes" (vgl. 1 Kor 6,19) ist, genauso wichtig und wertvoll und das Menschsein ausmachend wie die Seele.


Das ist eine rein metaphysische Betrachtungsweise, die keinen Rückhalt in irgendeiner Wissenschaft hat.

Zitat:
Sehr interessant ist, dass immer wieder der Fall Galileo Galilei monoton und gebetsmühlenartig als Argument dafür ins Treffen geführt wird, dass die Kirche sich angeblich vehement gegen den wissenschaftlichen Fortschritt gestellt hätte.

Aber klar, weil sich hier nämlich hier der eklatanteste Fehltritt der kath. Kirche dokumentiert.

Zitat:
Das ist nämlich tatsächlich der einzige Fall, wo es Reibungswärme gab.


Nö! Die kath. Kirche hat nur aus ihrem damaligen Fehlverhalten gelernt und sich danach nur noch sehr vorsichtig zu neuen wissenschaftlichen Forschungsergebenissen geäußert.
Trotzdem mußte sie den Jahrhunderte lang als historische Tatsache verkauften Schöpfungsbericht zurückstufen auf den Rang einer Fabel oder eines Gleichnisses.
Als Nächstes wird sie wahrscheinlich die "Erbsünde" darauf zurückstufen, daß der Mensch nur allgemein fehlbar ist. Die Aussagen zur Erbsünde stehen im krassen Gegensatz zur Evolution.
Es ist also nicht "ein einziger Fall" sondern ein kontinuierlicher Rückzug in vielen kleinen Punkten, die ehemals hart verteidigte Glaubenspositionen waren. Du brauchst dir da nur die Kirchengeschichte und die heutigen Positionen dazu durchlesen.

Zitat:
Und selbst dort hat die Kirche - wenn auch nicht unmittelbar gewollt - dazu beigetragen, dass Fortschritt entstanden ist. Denn durch die Interventionen wurde Galileo erst recht dazu getrieben weiterzuforschen.


gg, das ist ungefähr so, als würde ich den Bischof von Limburg lobend erwähnen, weil er zu so vielen Kirchenaustritten geführt hat.

Zitat:
Wenn ich mir den Menschen ansehen will als das, was er ist, dann kann ich das nur durch die Religion, weil sie eine Perspektive eröffnet, die "darüber" liegt. Ich sehe nicht das Ganze, wenn ich nicht "darüber stehe" und "hinunterblicke". Diese Perspektive hat aber nur Gott, und nur er kann uns daran teilhaben lassen.


Wieder eine rein metaphysische Betrachtungsweise, die sich durch keine wissenschaftliche Forschung bestätigen läßt.

Zitat:
Bei Maria ist das im Verhältnis zu ihrem Sohn Jesus noch viel stärker. Da er keinen menschlichen Vater hat, hat er seine Menschlichkeit ganz von Maria - er ist "von ihrer Art". Wer sie daher nicht kennenlernt, kann auch Jesus nicht kennen - denn seine Göttlichkeit ist weit über uns. Maria ist sozusagen der "menschliche Zugang" zur Göttlichkeit Jesu.

Die Aussagen zu Maria sind in der Bibel recht spärlich. Wortgetreu geben sie kaum her, was nächträglich metaphysisch in diese Worte hineingelegt wurde.

Pjotr Kala
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Hüte dich vor Institutionen, die dir das Denken abnehmen wollen!
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Aber klar, weil sich hier nämlich hier der eklatanteste Fehltritt der kath. Kirche dokumentiert.


Wie gesagt - ein einziger Fall in 2000 Jahren wird ins Treffen geführt - und der extrem undifferenziert. Etwas spärlich, finde ich. Könnte man aus dem Vollen schöpfen würde man wohl wesentlich breiter ausholen. Aber bei Nachfrage kommen dann immer nur allgemeine "Breitseiten" wie - "Das ist ja nur einer von sehr vielen!" oder das "Ist das symptomatisch und typisch!". Als Vertreidiger im Strafprozess würde ich mich über so einen Anklage freuen - keine Chance.

Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
gg, das ist ungefähr so, als würde ich den Bischof von Limburg lobend erwähnen, weil er zu so vielen Kirchenaustritten geführt hat.


Wenn man etwas Bestimmtes bezwecken will, kann man immer Einzelfälle herauspicken und sie instrumentalisieren. Intellektuell redliche Menschen machen sich ein umfassendes Bild und sehen die Wirklichkeit differenzierter.

Und noch einmal - "Fehltritte" sind das Wesen des Menschen. Die größten Sünden entstehen dort, wo sie nicht bearbeitet und angeschaut werden. Oder auch dort, wo permanent mit dem Finger auf andere gezeigt wird, was dazu führt, dass man an sich nicht mehr arbeitet - "die Bösen" sind ja vermeintlich die Anderen. Und je geifernder jemand bei jeder Gelegenheit über den Anderen herfällt, desto größer wird wohl seine eigene unangeschaute und unbearbeitete Schuld sein, die ihn am wahren und freien Leben hindert und dazu führt, dass er sich auf das hohe Podest heben muss, von dem aus der Fall sehr tief sein wird, was die Angst und das Fremdbeschulden noch mehr steigert.

Wie hat der Papst vor wenigen Minuten in der Angelus-Sprache so treffend gesagt: "Der Papst ist Apotheker. Die Medizin, die ich zu geben habe ist Barmherzigkeit." Diese Medizin brauchen alle Menschen, egal wo sie stehen. Sie ist lebensnotwendig. Verwehrt man sie Anderen, ist sie auch bei einem selbst wirkungslos. Gibt man sie anderen, erhält man selbst den vollen Effekt - inklusive aller positiven Nebenwirkungen, wie Freundschaft, Frieden, Ruhe, Zuversicht, Hoffnung - und alle Gaben des Heiligen Geistes.
Moin

Burkl hat folgendes geschrieben:
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Aber klar, weil sich hier nämlich hier der eklatanteste Fehltritt der kath. Kirche dokumentiert.


Wie gesagt - ein einziger Fall in 2000 Jahren wird ins Treffen geführt - und der extrem undifferenziert. Etwas spärlich, finde ich. Könnte man aus dem vollen schöpfen würde man wohl wesentlich breiter ausholten. Aber dann kommen immer nur allgemeine Breitseiten wie - "Das ist ja nur einer von sehr vielen!" oder das ist ja "symptomatisch". Als Vertreidiger im Strafprozess würde ich mich über so einen Anklage freuen - keine Chance.
[...]


Die Schöpfungsgeschichte wurde hier auch noch erwähnt, diese ist mit der stattfindenden Evolution nicht wirklich vereinbar.
Es sei angemerkt dass an einigen Schulen in den USA keine Evolutionstheorie aus religiösen Gründen gelehrt wird.

Auch würde ich den ganzen Bereich des Aberglaubens noch anführen wollen, wenn es darum geht aufzuzeigen wo sich kirchliche Organisationen nicht gerade um Aufklärung bemüht haben.

In Afrika werden heute noch die traditionellen bösen Geister durch den Teufel und nicht durch Aufklärung ersetzt, da gibt es viel Leid im Namen des Christentums.

Allerdings gab es früher schon sowas wie unsere moderne "Esomedizin".
Spasseshalber möchte ich mal an die berühmt berüchtigten Schluckbildchen erinnern: http://de.wikipedia.org/wiki/Schluckbildchen
Die christlichen Heilsversprechen kann ich nur sehr kritisch betrachten...

Insgesamt betrachtet würde ich nicht auf christliche Massstäbe alleine zurückgreifen wollen, wenn es darum geht eine menschengerechte Moral zu entwickeln, da muss man immer gucken wer da welche Interessen durchsetzen möchte.


LG
_________________
https://youtu.be/f2ROFnA4HRA
Burkl hat folgendes geschrieben:


Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
gg, das ist ungefähr so, als würde ich den Bischof von Limburg lobend erwähnen, weil er zu so vielen Kirchenaustritten geführt hat.


Wenn man etwas Bestimmtes bezwecken will, kann man immer Einzelfälle herauspicken und sie instrumentalisieren. Intellektuell redliche Menschen machen sich ein umfassendes Bild und sehen die Wirklichkeit differenzierter.



Ist das wirklich ein Einzelfall?
Wieso sprichst du Pjotr Kala die intellektuelle Redlichkeit ab?
Oder habe ich etwas falsch verstanden?
Bezüglich der Problematik mit den Prachtbauten, in einer Organisation die von ihren Geistlichen stets zu Bescheidenheit und Barmherzigkeit aufrufen lässt, möchte ich nur bemerken dass das ja nicht neu ist sondern die komplette Bauphase der christlichen Tempel begleitet hat...
Das ist kein Einzelfall, Menschen lassen sich von monumentalen Bauwerken blenden, wer solche Paläste bauen kann, muss einen guten göttlichen Beistand haben.
Es hat sich halt bewährt mit prächtige Bauten zu locken.

Das ist halt Kultur, selbst die Pyramiden finden alle irgendwie toll, obwohl sie eigentlich Ausdruck von völlig dekadenten Jenseitsvorstellungen sind.

LG
Burkl hat folgendes geschrieben:
Pjotr Kala hat folgendes geschrieben:
Wo hat die Kirche jemals Hochachachtung vor der "Leiblichkeit" (= Sexualität) bewiesen.


Zum einen - Leiblichkeit ist mehr als Sexualität, das Istgleichzeichen passt nicht.


Das ist auch meine Meinung. Aber Leiblichkeit beinhaltet Sexualität. Das stellt für mich schon einige Anfragen an die leibliche Auferstehung.
Grubi hat folgendes geschrieben:
Es sei angemerkt dass an einigen Schulen in den USA keine Evolutionstheorie aus religiösen Gründen gelehrt wird.


Die erbitterte Gegenschaft zwischen Evolutionisten und Kreationisten ist ein aus den USA importiertes Gefecht, das hauptsächlich etwas mit dem dort mächtigen Evangelikalismus zu tun hat.

Eine gute und wichtige Folge des vielzitierten Falles Galileo Galilei ist, dass die Kirche ihren universalen Deutungsanspruch der Wirklichkeit - auch in rein wissenschaftlichen Fragen - zu Recht aufgegeben hat.