Hohe Filmkunst oder ein geschmackloses Verbrechen?


Ich bin neulich auf einen Film gestoßen der sich „a Serbian Film“ nennt. Ein Horrorfilm des Regisseurs Srdjan Spasojević. Der Film selber spielt, wie der Name schon andeutet, in Serbien. Es geht um einen ehemaligen Pronodarsteller in Geldnöten Namens Milos der für einen Pornofilm engagiert wird über dessen Story er nicht wirklich viel erfährt. Im Laufe des Filmes erfährt man immer mehr das es sich bei dem Film um eine Art Snuffmovie handelt. Der Film zeigt schrecklichste Bilder der brutalsten Nekrophilie und bildhafte Phädophelie.

Ich habe vorgestern ganze 3 Min dieses Filmes bei einem Freunde ausgehalten (und ich bin wirklich nicht zart beseidet) als ich ihn dann doch gebeten hatte aus zu machen. Die schrecklichen Bilder sind kaum zu ertragen. Mir ist noch heute richtig flau im Magen. Dabei soll ich die richtig harten Szenen noch gar nicht gesehen haben.
Ich wollte mich etwas kundig machen und in praktisch allen Kritiken, die ich über diesen Film gelesen habe, wird er zwar als ultra brutal und dramatisch bezeichnet, aber der Film selber solle als Hilfeschrei einer gebeutelten serbischen Gesellschaft gesehen werden. In Wiki zb steht:

„Ein Film wie ein Faustschlag, ein Wutausbruch, ein Hilfeschrei.“[11]
„Es ist ein wilder Film, der auf jeden Fall eines ist: unbequem.“[12]
„… als Metapher für eine Gesellschaft, die ihre Kinder von Geburt an misshandelt, in sinnlose Kriege schickt, ihnen jede Zukunft nimmt und sie in einem Zustand aus Unterdrückung und dumpfen Nationalismus dahindämmern lässt.“[13]

Auch Srdjan Spasojević selber bezeichnet seinen Film als hohe Kunst und Metapher für eine unterdrückte Gesellschaft.

Kann man sich damit abspeisen lassen? Ist das noch „Kunst“? Wo endet die Kunst? Wo beginnt ein Verbrechen? Wo werden die Grenzen der Kunstfreiheit überschritten und dient dieser Begriff „Kunstfreiheit“ am Ende vielen nur als eine Art Schutzschild um ihre widerlichen Fantasien unter die breite Masse zu bringen?
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Realität ist etwas für Leute, die Angst vor Einhörnern haben!
Der Film, so wie du ihn beschreibst, ist für mich ein klares no go. Wenn er zur Unterhaltung dienen soll ist er klar ein geschmackloses "Verbrechen".

Ich bin selbst kein Fan von Zensur, gewisse Grenzen sollten jedoch trotzdem nicht überschritten werden. Vor allem in bildhaften Darstellungen. Wenn etwas angedeutet oder beschrieben wird ist es noch mMn vertretbar. Z.B. wenn eine Darstellerin erzählt, dass sie als Kind missbraucht wurde. Kindesbissbrauch ist ein sehr problematisches Thema und soll daher nicht tabuisiert werden, aber eine bildliche Darstellung geht zu weit.

PS: Nach deinem Filmerlebnis würde ich von der Lektüre von "Die 120 Tage von Sodom" vom Marquis de Sade abraten
Im Abschnitt "Veröffentlichung" im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel sieht man ja, dass der Film in Deutschland ohnehin selbst ab 18 nur deutlich geschnitten erscheinen durfte, da es bisweilen strafrechtliche (!) Bedenken gab. Der Vertrieb einer anderen Fassung als der deutschen geschnittenen ist in Deutschland auch strafrechtlich verboten. In Zeiten des Internets heißt das freilich wenig. Schon die Postproduktion konnte - auch schon aus strafrechtlichen Bedenken - nicht in Deutschland stattfinden.

Zudem enthält der Abschnitt "Rezensionen" ja auch deutlich kritischere Stimmen, welche sagen, dass der Film letztlich im besten Falle schockieren will, aber nichts wirklich über die serbische Gesellschaft aussagt, so wie diverse amerikanische Horrorfilme auch nichts über die amerikanische Gesellschaft aussagen.

Letztlich gibt es diese Form der "Kunst" seit de Sade seine Störungen literarisch verbreiten durfte. Es gibt ja bis heute Kreisen die das schönreden und meinen er hätte da einer libertäre Gesellschaftsordnung vorbereiten wollen. Andersrum wird wohl ein Schuh draus.
Man kann sich in Österreich eigendlich alle Filme in unzensierter Fassung mit Deutscher Tonspur bestellen. Es bedarf da nichtmal Internet für. Viele bestellen sich ihre PC Spiele ja auch in Österreich weil die Deutschen Fassungen oft zu zensiert sind.
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Pommes hat folgendes geschrieben:
Man kann sich in Österreich eigendlich alle Filme in unzensierter Fassung mit Deutscher Tonspur bestellen. Es bedarf da nichtmal Internet für. Viele bestellen sich ihre PC Spiele ja auch in Österreich weil die Deutschen Fassungen oft zu zensiert sind.


Der Unterschied ist ja, dass PC-Spiele in Deutschland meist "zensiert" werden, damit sie eine niedrigere Jugendfreigabe erhalten, womit der Absatzmarkt größer wird. Besagter Film musste schon massiv geschnitten werden um für Erwachsene erscheinen zu dürfen. Er ist in seiner ungeschnittenen Fassung auf der Liste B und damit ist sein Vertrieb in Deutschland strafbar und auch seine Einführung nach Deutschland.
Long Road hat folgendes geschrieben:
Der Film, so wie du ihn beschreibst, ist für mich ein klares no go. Wenn er zur Unterhaltung dienen soll ist er klar ein geschmackloses "Verbrechen".

Ich bin selbst kein Fan von Zensur, gewisse Grenzen sollten jedoch trotzdem nicht überschritten werden. Vor allem in bildhaften Darstellungen. Wenn etwas angedeutet oder beschrieben wird ist es noch mMn vertretbar. Z.B. wenn eine Darstellerin erzählt, dass sie als Kind missbraucht wurde. Kindesbissbrauch ist ein sehr problematisches Thema und soll daher nicht tabuisiert werden, aber eine bildliche Darstellung geht zu weit.

PS: Nach deinem Filmerlebnis würde ich von der Lektüre von "Die 120 Tage von Sodom" vom Marquis de Sade abraten


Nur tragen solche Filme nicht wirklich zur Enttabuisierung von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung bei, sondern dienen wohl zum gewichtigen Teil entsprechend gestörten Personen ihre Fantasien auszuleben.

Nicht alles muss bildlich im Detail dargestellt werden damit die Gesellschaft weiß das es so etwas leider gibt und das man etwas dagegen tun sollte.
Tobias hat folgendes geschrieben:
Der Unterschied ist ja, dass PC-Spiele in Deutschland meist "zensiert" werden, damit sie eine niedrigere Jugendfreigabe erhalten, womit der Absatzmarkt größer wird. Besagter Film musste schon massiv geschnitten werden um für Erwachsene erscheinen zu dürfen. Er ist in seiner ungeschnittenen Fassung auf der Liste B und damit ist sein Vertrieb in Deutschland strafbar und auch seine Einführung nach Deutschland.


Ganze 13 min haben sie aus dem Film rausgeschnitten. Ist trotzdem immernoch krank.

Der Kerl hier fürchtet die Justiz scheinbar nicht

http://www.youtube.com/watch?v=pXF1270P1GI

Aber das ist hier nicht Thema. Es geht um die Frage der Filmkunst. Ab wann man etwas als Kunst bezeichnen kann und ab wann nicht. Hast du da eine Meinung zu?
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Pommes hat folgendes geschrieben:
Ganze 13 min haben sie aus dem Film rausgeschnitten. Ist trotzdem immernoch krank.


Das will ich nicht bestreiten.

Das ganze Problem ist, dass die ganze Sache mit der Zensur und dem Schnitt in Deutschland auch einen gewichtigen Teil Bigotterie enthält. So ist man heute z.B. PC-Spielen viel skeptischer gegenüber als Filmen und Filmen viel skeptischer gegenüber als Büchern. Wohl u.a. weil das eine jeweils gesellschaftlich akzeptiert ist als das Andere.

Wenn ich es richtig aus den Informationen des Wikipedia-Artikels ausgerechnet habe, dann sind damit 10% des Films weggeschnitten. Das könnte fast Rekord sein. Geben muss es den Film meiner Meinung nach aber überhaupt nicht.

Pommes hat folgendes geschrieben:
Der Kerl hier fürchtet die Justiz scheinbar nicht

http://www.youtube.com/watch?v=pXF1270P1GI


Er hat es ja auch gekauft, nicht vertrieben. Zumal ist die praktische strafrechtliche Verfolgung in dem Bereich eher gering. Zumal es auf Wikiepdia auch Videos gibt wie Personen körperverletzt werden. Solange es niemand meldet und YouTube es nicht bemerkt passiert da auch nichts.

Pommes hat folgendes geschrieben:
Es geht um die Frage der Filmkunst. Ab wann man etwas als Kunst bezeichnen kann und ab wann nicht. Hast du da eine Meinung zu?


Das ist eine sehr schwierige Frage. Schnell kann man eine konkrete Antwort dazu missbrauchen Kunst die man nicht mag als Nichtkunst zu klassifzieren und deshalb auch als nicht schützenswert zu bezeichnen.

Freud hatte mal einen ganz interessanten Gedanken, nämlich das Kunst jenes sei was die niederen Triebe des Menschen sublimiert, also in die Höhe hebt. Dann wären "Kunstwerke" welche letztlich nur den Drang nach Gewalt und Sexualität befriedigen (oder hier sogar die Mischung daraus) keine Kunst, sondern sogar ihr Gegenteil.
Man schadet sich selber, wenn man sich Horrorfilme anschaut.

So was würde ich mir nicht antun. Ohne Horrorfilme lebe ich schöner und besser.
Hm, von besagtem serbischen Film höre ich jetzt zum ersten Mal.

Aber ich hatte eine ähnliche Erfahrung, als mir jemand "Saw" (glaube, der dritte Teil) zeigen wollte. Nach 15 Minuten war bei mir Schluss. Ich fand, das war einfach nur ein Gewaltporno, nicht auszuhalten. Und ich glaube, um so etwas genießen zu können, muss man entweder total abgestumpft, oder ernsthaft gestört sein.

Was Zensur angeht, da wäre ich sehr vorsichtig. Was Kunst ist und was nicht, ist ja eine subjektive Entscheidung und wenn man die Büchse der Pandora erstmal geöffnet hat und den Zensoren zuviel Freiraum gibt, dann kann das schnell zur Zensur von gewissen Personen missliebigen Inhalten führen.

Gerade zu früheren Zeiten, noch vor wenigen Jahrzehnten, wurde ja willkürlich unter dem Vorwand des Jugendschutzes alles Mögliche gekürzt und zensiert, was aber durchaus heute als harmlos angesehen wird.

Z.B. Roman Polanskis geniale Darstellung einer schizophrenen Psychose im Film "Der Mieter" (wenn man ihn heute sieht, fragt man sich, was es gerechtfertigt haben soll, dem Film keine Jugendfreigabe zu geben in den 70ern). Wahnsinnig explizit sind die Gewaltdarstellungen dort absolut nicht -- es gibt einen Selbstmörder, der aus dem Fenster springt. Es gibt einen Mann, der Frauenkleider anzieht. Das wars auch schon.

Das erste Album der "Ärzte" hatte auch keine Jugendfreigabe erhalten in den 80ern, was erst vor wenigen Jahren wieder aufgehoben wurde, weil "die satirische Intention der Texte offenkundig" sei. Aber die fehlende Jugendfreigabe hatte damals den Mythos dieser Musikgruppe maßgeblich mitbegründet.

Und wurde nicht auch "Monty Pythons Das Leben des Brian" zunächst wegen "Blasphemie" zensiert?


Grundsätzlich finde ich Gewalt- und Sexdarstellungen in Filmen nicht allzu schlimm, wenn der Kontext stimmt. Damit meine ich, dass diese Darstellungen nicht zum Selbstzweck dastehen, sondern das Narrativ des Films unterstützen, bzw. eine Botschaft übermitteln sollen. Objektiv zu entscheiden, wann das der Fall ist und wann nicht, ist freilich kaum möglich.

So fand ich z.B. die sadistische Gewalt zum Selbstzweck in "Saw" unerträglich, aber die durchaus harten Gewaltdarstellungen in "American History X" durchaus geeignet, das kritische Bild, das von der Neo-Nazi-Szene gezeichnet wird, zu unterstützen.

In einem Fall soll man sich an der Gewalt wohl ergötzen, im anderen aber soll sie Betroffenheit auslösen, das ist der Unterschied. Aber wiegesagt, das zu entscheiden ist wohl notwendigerweise subjektiv.

LG,
B.