Eltern, die die eigene Religion ablehnen


Liebe Freunde
Was mich sehr nachdenklich gestimmt hat als ich vor über 10 Jahren Bahai wurde die Tatsache, dass sich keiner meiner Freunde wirklich für meine neue Religion interessierte. Zu einem großen Teil hat sicher meine eigene Begeisterung und mein Mitteilungsbedürfnis dazu beigetragen. Beim Thema Alkohol stößt man in meinem Umfeld sowieso auf großes Unverständnis. Selbst in Familien in denen unsägliches Leid durch Alkoholismus über Generationen verursacht wurde trifft man auf Mauern.

Mein Vater starb 1992 leider bevor ich mit der Bahai-Lehre in Verbindung kam.

Meine Mutter starb vor einigen Wochen. Mit ihr hab ich im Laufe der letzten Jahre viel über Religion gesprochen. Sie war in ihrem Leben sehr vom Klerus verunsichert worden, der ja damals gerne Mit dem strafenden Gott und der Allmacht der Katholischen Kirche operiert hat. Daher ist das Thema Religion generell in unserer Umgebung total negativ oder oberflächlich besetzt.
Die letzten eineinhalb Jahre litt sie an Brustkrebs. Für diese Zeit bin ich sehr dankbar. Wir kamen uns dadurch natürlich viel näher als wir uns sonst gekommen wären. Im Angesicht des Todes relativieren sich die Dogmen aller Religionen. Was bleibt ist die Hoffnung und der Trost den sie uns spenden. Ich hab viel für sie gebetet und die letzten Tage hatte ich sogar die Gelegenheit das lange Heilungsgebet und andere Gebete an ihrem Bett zu lesen. Das fand ich sehr tröstlich und der Situation angemessen. Man neigt sonst ja leicht dazu den Ernst der Lage herunter zu spielen um es allen Betroffenen (besonders den Enkelkindern 10 bis 1 nicht zu schwer zu machen.
Sie wünschte sich zu ihrem Begräbnis eine Rede vom Diakon der sie in dem Seniorenheim in dem sie lebte betreut hat. Wir haben das als sie gestorben war für sie verwirklicht. Er hat es ganz wunderbar gemacht und auch viel über ihre (nicht immer leichte) Auseinandersetzung mit der Bahai-Religion erzählt. Im Zuge des Katholischen Begräbnisses hat er auch ein Gebet aus der Bahai-Religion gelesen.
Auch die tags zuvor abgehaltene Gebetsstunde in der Kirche wurde von der Dame die sie geleitet hatte durch ein Bahai Gebet erweitert.

Wir dürfen also wirklich Geduld mit unserer Familie haben. Wir wissen ja nie was wir noch alles einbringen können. Wenn wir dazu bereit sind werden sich auch Wege zeigen.
Alles Liebe
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"Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger"
Bahà'u'llàh
Hallo Robinson,

zu allererst entbiete ich Dir mein aufrichtigstes Beileid zum Tod Deiner Mutter. Es ist immer hart, Abschied von der Mutter nehmen zu müssen.

Danke, dass Du Dein Erleben mit uns teilst. Es hat mich tief berührt, wie Deine Mutter sich mit dem Glauben beschäftigt hat, und dass der Diakon sich auf ein Baha'i-Gebet eingelassen hat - Respekt.

Ich wünsche Dir Trost in Deiner Trauer und von Herzen Gottes reichen Segen.

Liebe Grüße,
Minou
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Lieber Yahia,

die Enttäuschung über mangelndes Interesse bzw. Verständnis von den Menschen, die einem den ganzen Anfang des Lebens beiseite standen, kenne ich auch.

Als ich mich 1972 für Christus entschied, konnten das meine Eltern (Mutter evangelisch, Vater: "Atheist") nicht verstehen. Da ich bereits konfirmiert war, wurde ich ganz schräg angesehen. Meine positiven Verhaltensänderungen waren suspekt, denn es schien eher fanatisch und sektiererisch, wenn ich konsequent manche Verhaltensweisen vertrat.

Was mir geholfen hat, war meine Erwartungen an die Eltern aufzugeben.
Das gelang mir durch die Vorstellung sie wären fremde Menschen, mit deren Unverständnis und mangelndem Interesse ich viel besser umgehen konnte. Auch das Wegziehen von Zuhause half mir dabei, da ich jedes mal bemerkte, wie unterschiedlich unsere Lebenswege jetzt verliefen.

Irgendwann schaffte ich es tatsächlich, wirklich nichts mehr zu erwarten und ich erinnere mich an ein Weihnachtsfest, als ich mit Humor ein Streitgespräch meines Vaters beendete, in dem ich sagte: " Lassen wir´s, oder glaubst du im Ernst, dass einer von uns in 100 Jahren seine Meinung ändern wird?" Er musste lachen und wir wechselten das Thema.

Als meine Mutter 1996 im Sterben lag und die letzten sieben Wochen mit ihrem Krebsleiden hier vor Ort im Krankenhaus verbrachte, meinte sie, als ich ihr bei der Toilette half, jetzt hätte es sich umgedreht und sie sei das Kind und ich die Mutter. Wir hatten viele gute, vor allem auch Glaubens-Gespräche und ich bin dankbar für diese Zeit, die so intensiv und von Verständnis und Nähe geprägt war, wie niemals zuvor.

Etwa ein Jahr bevor mein Vater 2009 starb, hatte er einen Mormonen näher kennengelernt, dadurch dass dieser ihn regelmäßig besuchte, ihn mit seinem Auto chauffierte, mit ihm Fernsehen schaute und darüber, über Politik und auch über seinen Glauben sprach. Kurz vor seinem Tod stellten wir erstaunt fest, dass mein Vater, uns über diesen Glauben sehr detailliert berichtete und erstaunlich viel Verständnis zeigte. Zuletzt war er kein überzeugter Atheist mehr und glaubte offenbar auch nicht mehr, dass mit dem Tod einfach alles aus sei. - Dass ich noch einmal für den Glauben der Mormonen dankbar sein würde, hätte ich nie gedacht.

Meine Kinder und deren Partner gehen ihre ganz eigenen Glaubenswege und ich versuche es besser zu machen und mehr Verständnis und Intesse zu zeigen. Dabei geschieht es manchmal, dass ich enttäuscht bin. Daran merke ich, dass ich mal wieder Erwartungen hatte, diesmal an meine Kinder, und versuche diese loszulassen.

Dazu fallen mir Worte von Khalil Gibran, aus seinem Buch "Der Prophet", ein:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch Euch aber nicht von euch,
und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen.



Als ich mich damals von Eltern, Freunden oder andere Menschen unverstanden und enttäuscht fühlte, half mir folgender Psalmanfang:

Psalm 139
1 (Ein Psalm Davids, vorzusingen.)
HERR, du erforschest mich
und kennest mich.
2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von ferne.
3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege.
4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, HERR, nicht schon wüsstest.
5 Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.



Alles Gute für dich, lieber Yahia, und mögest du diese Geborgenheit in Gott immer wieder und besonders in schwierigen Augenblicken erfahren.

Sei herzlich gegrüßt von Mara, die an dich denkt.
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Einfach nur schön, Mara. Was soll man dazu noch sagen.

Ganz liebe Grüße
Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Vielen Dank Minou für Deine lieben Worte
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"Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger"
Bahà'u'llàh