Ein Europäer, der Bahá'u'lláh gegenüber stand


Ich finde die Beschreibungen des Orientalisten Edward Browne fantastisch, die John Esslemont in seinem Buch "Bahá'u'lláh und das Neue Zeitalter" festgehalten hat:

Zitat:

Der hervorragende Orientalist, Professor Edward G. Browne von der Universität in Cambridge, besuchte Bahá'u'lláh im Jahre 1890 in Bahjí und schrieb seine Eindrücke wie folgt nieder:

»Mein Führer stand einen Augenblick stille, während ich meine Schuhe ablegte. Mit einem raschen Griff zog er den Vorhang zurück, und ich betrat ein großes Zimmer, an dessen oberem Ende ein Diwan und der Türe gegenüber zwei oder drei Stühle standen.

Obschon ich dunkel ahnte, wohin ich jetzt ging, und wen ich sehen sollte (eine bestimmte Andeutung war mir nicht gemacht worden), stand ich doch einige Sekunden mit Herzklopfen und voll Ehrfurcht da, bevor ich mir endlich bewußt wurde, daß der Raum nicht leer war. In der Ecke, wo der Diwan an die Wand stieß, saß eine hoheitsvolle, ehrwürdige Gestalt mit jener Kopfbedeckung, wie sie bei den Derwischen Táj genannt wird (aber von ungewöhnlicher Höhe und Form), und um deren unteren Teil ein kleiner weißer Turban gewunden war. Das Antlitz, in das ich nun blickte, kann ich nie vergessen, obgleich ich nicht imstande bin, es zu beschreiben. Diese durchdringenden Augen schienen auf dem Grunde der Seele zu lesen. Macht und Würde lagen über diesen breiten Augenbrauen; die tiefen Falten auf Seiner Stirne und Seinem Gesicht verrieten ein Alter, das Sein tiefschwarzes Haar und der in üppiger Fülle bis zur Leibesmitte herabwallende Bart Lügen zu strafen schienen. Unnötig zu fragen, in wessen Gegenwart ich stand, als ich mich vor Dem verneigte, Der das Ziel einer Verehrung und Liebe ist, um die Ihn Könige beneiden könnten und nach der sich Kaiser vergeblich sehnen.«

»Eine milde, würdevolle Stimme bat mich, Platz zu nehmen, und sprach sodann:«

»'Gelobt sei Gott, daß du es erreicht hast! ... Du bist gekommen, um einen Gefangenen und Verbannten zu sehen ... Wir wünschen nur das Wohl der Welt und das Glück der Völker; dennoch hält man Uns für Anstifter von Streit und Aufruhr, die Gefangenschaft und Verbannung verdienen ... Wir wünschen, daß alle Völker in einem Glauben vereint und alle Menschen Brüder werden; daß das Band der Liebe und Einigkeit zwischen den Menschenkindern gestärkt werde; daß Religionsverschiedenheit aufhöre und die Unterschiede, welche zwischen den Rassen gemacht werden, aufhören - was ist nun Schlimmes hieran? ... Aber trotz all dem wird es dahin kommen; diese fruchtlosen Kämpfe, diese zerstörenden Kriege werden aufhören und der 'Größte Friede' wird kommen ... Habt ihr dies in Europa nicht auch nötig? Ist dies nicht das, was Christus verhieß? ... Aber dennoch sehen Wir eure Könige und Regenten die Schätze ihrer Länder mehr auf die Zerstörung der menschlichen Rasse verschwenden als darauf, was zum Glück der Menschheit führen würde ... Diese Kämpfe, dieses Blutvergießen und diese Zwietracht müssen aufhören, alle Menschen müssen sein, also ob sie einem Geschlecht und einer Familie angehörten. Es rühme sich kein Mensch dessen, daß er sein Land liebt, sondern eher dessen, daß er das ganze Menschengeschlecht liebt ...



Bahá'u'lláh sagte den letzten Satz in einer Zeit, in der die Liebe zur Nation selbstverständlich war und die Ausgrenzung "artfremder" nicht mal von der Religion als falsch betrachtet wurde...
Wow...
Geht das noch weiter?
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@Pommes

Das Ganze ist aus einem der Bücher von Browne über die Babi-Religion (zu der Zeit als er diese schrieb sah man die Bahai-Religion oft noch als eine babistische Splittergruppe). Browne war lange der herausragendste Experte im Westen bezüglich Persien und Babi-Religion. Allerdings hat er sich ziemlich mit seinen Untersuchungsgegenständen identifiziert und so schwankte seine Anhängerschaft immer zwischen säkularem persischen Nationalismus, den Azali und den Bahai. So gibt es teilweise ähnlich positive Stellen über Subh-e Azal. Deshalb ist es immer ein etwas zweischneidiges Schwert Browne in diesem Kontext zu zitieren. Browne hat diverse Bände zum Thema Babi-Religion geschrieben bzw. herausgegeben und übersetzt. In der Öffentlichkeit und der Fachwelt wurden diese Bücher aber wenig berücksichtigt, dagegen sind seine Werke über Persien bis heute Klassiker. In der Regel zitieren auch Bahai heute nur die Stelle gern, welche Hitman hier gepostet hat. Browne war es auch, welcher die englische Übersetzung von dem was wir auf Deutsch als "Pfade der Gottesliebe" kennen .

Das von Hitman erwähnte Buch "Bahaullah und das Neue Zeitalter" war am Anfang des 20. Jahrhunderts (und noch lange darüber hinaus!) DIE Einführung in die Bahai-Religion. Es dürfte durchaus viele Bahai gegeben haben die ihr Glaubensverständnis aus diesem Buch gezogen haben. Es wurde von der Hand der Sache Gottes John Ebenezer Esslemont verfasst und sehr oft nachgedruckt und nach seinem Hinscheiden auch weiter editiert. Der Mann war also durchaus wichtig für die Entwicklung der Bahai-Gemeinde im Westen. Saed ist offenbar so begeistert von ihm, dass er seinen Verlag nach ihm benannt hat. Das ganze Buch kannst du heute noch kaufen oder kostenlos online anschauen:

http://reference.bahai.org/en/t/je/BNE/ (Englisch, 1980er Edition)
http://www.holy-writings.com/?a=SHO.....nd+das+Neue+Zeitalter.txt (Deutsch, 1970er Edition)
Cool, danke Tobias.
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Hier übrigens ein Bild von Browne in persischer Tracht des 19. Jh.:

http://users.whsmithnet.co.uk/ispal.....itage/pictures/egbmid.jpg

Und hier in späteren Jahren in der typischen Tracht eines englischen Professors zu Beginn des 20. Jh.:

http://users.whsmithnet.co.uk/ispalin/heritage/pictures/egb.jpg