Clarissa P. Estes"Die Wolfsfrau" ein archaisches M


Aus dem 5. Kapitel: Die Skelettfrau - Sich dem Werden, Vergehen und Neuwerden der Liebe stellen

DIE SKELETTFRAU

Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstoßen hatte. Die Leute wußten noch, daß ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung ins Eismeer hinabgestoßen hatte und daß sie ertrunken war. So lag sie für eine lange Zeit am Meeresboden. Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und fraßen ihre kohlschwarzen Augen. Blicklos und fleischlos schwebte sie unter den Eisschollen, und ihr Gerippe wurde von der Strömung um- und um- und umgedreht.
Die Fischer und Jäger der Gegend hielten sich fern von der Bucht, denn es hieß, daß der Geist der Skelettfrau dort umginge. Doch eines Tages kam ein junger Fischer aus einer fernen Gegend hergezogen, der nichts davon wußte. Er ruderte seinen Kajak in die Bucht, warf seine Angel aus und wartete. Er ahnte ja nicht, daß der Haken seiner Angel sich sogleich in den Rippen des Skeletts verfing! Schon fühlte er den Zug des Gewichts und dachte voll Freude bei sich: "Oh, welch ein Glück! Jetzt habe ich einen Riesenfisch an der Angel, von dem ich mich für lange Zeit ernähren kann. Nun muß ich nicht mehr jeden Tag auf die Jagd gehen."
Das Skelett bäumte sich wie wild unter dem Wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufbäumte und wehrte, desto unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen Angelleine des ahnungslosen Fischers.
Das Boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten Meer, fast wäre der Fischer über Bord gegangen, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und ließ nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor. "Iii, aiii", schrie der Mann, und sein Herz rutschte ihm in die Hose hinunter, als er sah, was dort zappelnd an seiner Leine hing. "Aiii", und "igitt", schrie er beim Anblick der klappernden, mit Muscheln und allerlei Getier bewachsenen Skelettgestalt. Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit seinem Paddel und ruderte, so schnell er es im wilden Gewässer vermochte, an das Meeresufer.
Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine, und da der Fischer seine kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das Skelett, wohin er auch rannte. Über das Eis und den Schnee; über Erhebungen und druch Vertiefungen folgte ihm die Skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden Totengebein.
"Weg mit dir", schrie der Fischer und rannte in seiner Angst geradewegs über einige frische Fische, die jemand dort zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte. Die Skelettfrau packte ein paar dieser Fische, während sie hinter dem Mann hergeschleift wurde, und steckte sie sich in den Mund, denn sie hatte lange keine Menschenspeisen mehr zu sich genommen. Und dann war der Fischer bei seinem Iglu angekommen. In Windeseile kroch er in sein Schneehaus hinein und sank auf das Nachtlager, wo er sich keuchend und stöhnend von dem Schrecken erholte und den Göttern dankte, daß er dem Verderben noch einmal entronnen war.
Im Iglu herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der Fischer empfand, als er seine Öllampe anzündete und nicht weit von sich, in einer Ecke der Hütte, einen völlig durcheinander geratenen Knochenhaufen liegen sah. Ein Knie der Skelettfrau steckte in den Rippen ihres Brustkorbs, das andere Bein war um ihre Schultern verdreht, und so lag sie da, in seine Angelleine verstrickt. Was dann über ihn kam und ihn veranlaßte, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, wußte der Fischer selbst nicht. Vielleicht lag es an der Einsamkeit seiner langen Nächte, und vielleicht war es auch nur das warme Licht seiner Öllampe, in dem der Totenkopf nicht mehr ganz so gräßlich aussah - aber der Fischer empfand plötzlich Mitleid mit dem Gerippe.
"Na, na, na", murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe Nacht damit, alle Knochen der Skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sie schließlich sogar in warme Felle zu kleiden, damit sie nicht fror. Danach schlief der Gute erschöpft ein, und während er dalag und träumte, rann eine helle Träne über seine Wange. Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die eine Träne, die für sie wie ein Strom war, dessen Wasser den Durst eines ganzen Lebens löscht.
Sie trank und trank, bis ihr Durst gestillt war, und dann ergriff sie das Herz des Mannes, das ebenmäßig und ruhig in seiner Brust klopfte. Sie ergriff das Herz, trommelte mit ihren kalten Knochenhänden darauf und sang ein Lied dazu. "Oh, Fleisch, Fleisch, Fleisch", sang die Skelettfrau. "Oh, Haut, Haut, Haut." Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. Sie sang für ales, was ihr Körper brauchte, für einen dichten Haarschopf und kohlschwarze Augen, eine gute Nase und feine Ohren, für breite Hüften, starke Hände, viele Fettpolster überall und warme, große Brüste.
Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke. Sie gab ihm die mächtige Trommel seines Herzens zurück und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut. So erwachten die beiden, eng umschlungen, fest aneinandergeklammert.
Die Leute sagen, daß die beiden von diesem Tag an nie Mangel leiden mußten, weil sie von den Freunden der Frau im Wasser, den Geschöpfen des Meeres, ernährt und beschützt wurden. So sagt man bei uns, und viele unserer Leute glauben es heute noch.

Der Tod im Haus der Liebe

Viele Liebesbeziehungen scheitern an der Unfähigkeit eines oder beider Partner, der Skelettfrau ins Gesicht zu sehen und ihre einzelnen Teile behutsam zu entwirren. Um lieben zu können, muß man nicht nur stark sein, sondern auch weise. Die Stärke kommt vom Geist. Die Weisheit kommt von den mit der Skelettfrau gemachten Erfahrungen.
Wie wir an dieser Geschichte sehen, muß man eine intime Beziehung zur Leben/Tod/Leben-Natur herstellen, wenn man für den Rest seines Lebens "gut im Fleisch" stehen will. Wenn uns das gelingt, fischen wir nicht länger im trüben, sondern wissen von vornherein, daß eine haltbare Bindung aus einer Serie von unvermeidlichen Toden und überraschenden Neugeburten besteht. Sobald wir die Skelettfrau entwirren, wird uns klar, daß Leidenschaft nicht etwas ist, das man sich "holt", sondern etwas, das in Zyklen geschaffen, gegeben und dann wieder regeneriert wird. Die Skelettfrau führt uns vor, daß Gemeinsamkeit über alle Mehrungen und Minderungen, alle Enden und Anfänge hinweg etwas erzeugt, das wir als wahre Liebe und wahre Hingabe empfinden.
Die Geschichte von der Skelettfrau ist eine sehr treffende Metapher für die Problematik in modernen Liebesbeziehungen, mit all ihren Ängsten vor dem Todesaspekt der Leben/Tod/Leben-Natur.
Von der Mehrheit der Menschen in der westlichen Zivilisation wird der Todesaspekt traditionell vom Lebensaspekt getrennt, woraufhin die beiden Hälften dieser Einheit plötzlich wie unvereinbare Gegensätze wirken. Man hat uns beigebracht, daß der Tod etwas Endgültiges ist, ein Nichtsein, das stets nur weiteres Nichtsein nach sich zieht, was den Beobachtungen in der Natur aber nicht entspricht. Tod erzeugt und birgt ständig neues Leben, selbst wenn man in seiner Existenz schon bis auf die Knochen reduziert ist.
Anstatt die Archetypen Tod und Leben als unvereinbare Gegensätze zu sehen, sollte man sie sich als unzertrennliches Liebespaar vorstellen, als die rechte und die linke Hälfte eines einzigen Gedankens. Im Verlauf einer Liebe werden zahllose Tode gestorben, viele, scheinbar endgültige Endpunkte erreicht, und doch existiert das Wesen der Beziehung fort, solange die beiden Partner begreifen, daß der ewige Wechsel zwischen Werden und Vergehen das wahrhafte Konstante in ihrer Beziehung ist.
Wer unbewußt davon ausgeht, daß Endpunkte unmöglich schon den nächsten Ausgangspunkt in sich bergen können, ist zu fatalistisch, um auch nur ein einziges sogenanntes Ende innerhalb einer Beziehung zu ertragen. Manche verstehen nicht mehr, daß die Künderin des Todes ein fundamentales Muster der Schöpfung repräsentiert. Der Horror vor ihr wird zu übermächtig, um sich voll und ganz auf einen Partner einzulassen, weil solche Hingabe letztlich nichts anderes bedeutet, als sich den Zyklen immer neuer Enden und Anfänge willentlich auszuliefern.
Die östlichen Kulturen haben sich seit Jahrtausenden bemüht, Verständnis für die untrennbare Verknüpfung von Leben und Tod zu verbreiten. Die Hindus sprechen vom ewigen Rad der Geburten und Wiedergeburten. in den Mythen und Legenden nahezu aller Völker ist von Todbringern die Rede, deren Aufgabe darin besteht, dem Menschen die Übergänge zwischen Leben und Tod, zwischen Gestalt annehmen und sich aus der Gestalt zurückziehen, zu erleichtern, denn das Wissen um ewige Erneuerung ist älter als alle Ignoranz. Und Ignoranz ist es, die uns treibt, einen Aspekt der Leben/Tod/Leben-Natur abzulehnen und zu fürchten, ihn mit allen Mitteln zu verleugnen, während der andere Aspekt isoliert wird, als könnte er allein für sich bestehen.
In der archetypischen Psychologie gilt die Leben/Tod/Leben-Natur als fundamentale Komponente der Instinktnatur aller Geschöpfe. Das archetypische Urbild wird unter anderem durch Baba Yaga personifiziert und in den Mythen verschiedener Völker durch mystische Frauenfiguren, wie Coatlique, Hel, Berchta, Kwan Yin und die griechischen Schicksalsgöttinnen, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Alle diese Frauengestalten sind Künderinnen des Todes und des Lebens.
Was wir heutzutage noch über das Wesen der Leben/Tod/Leben-Natur wissen, ist zum größten Teil von unserer Todesangst verzerrt worden. Und so ist es kein Wunder, daß unsere Anpassungsfähigkeiten an diese Zyklen so gering ist und daß wir uns wie trotzige Kinder aufführen, wenn etwas stirbt, weil wir unterschwellig davon ausgehen, daß uns etwas angetan, geraubt, böswillig entrissen wurde, das von Rechts wegen uns gehört. So ist es aber nicht. Die Kräfte des ewigen Werdens, Vergehens und Neuwerdens sind ein Teil unseres Wesens, eine innere Autorität, wenn man so will, die jeden Schritt im Tanz des Lebens kennt. Diese innere Autorität weiß, wann etwas geboren werden soll und wann es sterben muß. Sie ist ein liebevoller, behutsamer Lehrer, wenn man auf sie hören kann. Rosario Castellanos, ein mexikanischer Mystiker und Poet,schreibt über die Hingabe an die Kräfte des ewigen Werdens und Vergehens:

...dadme la muerte que ma falta...
...gib mir den Tod, den ich brauche...

Dichter wissen, daß das Leben ohne den Tod seinen Wert verliert; ohne ihn gibt es keine neuen Lektionen zu lernen, kein Dunkel aus dem das Glitzern eines Diamanten leuchtend hell hervortritt. Die Eingeweihten fürchten den Anblick des Gerippes nicht, während der Rest der Menschheit vehement darauf besteht, daß alle Arten von Skelettfrauen zurück ins Eismeer geworfen werden müssen, sobald man sie (wieder einmal) an der Angel hat. Das ist verständlich, denn ihr Anblick ist zunächst grauenerregend, und selbst wenn man sich an ihren Anblick gewöhnt hat, dauert es noch eine ganze Weile, bis man sie gut genug kennt, um sie von Herzen lieben zu können.
In einer seelenlosen Gesellschaft wird der Bevölkerung weisgemacht, daß der Mensch sich mit rasender Eile fortbewegen muß, um im Verlauf seines einen kurzen Lebens schnell noch die eine, wahre Liebe zu finden, die nie vergeht. Dieses Hasten die eine, wahre Liebe zu finden, die nie vergeht. Dieses Hasten von einem Partner zum nächsten ist eine Suche nach einer sich ewig drehenden Liebesmaschine, und insofern darf es uns nicht wundern, wenn wir alle wirr im Kopf beziehungsweise in der Psyche werden, wie es in Hans Christian Andersens Märchen "Die roten Schuhe" beschrieben ist. Die roten Schuhe tanzen, selbständig geworden, mit der Person fort und wirbeln in ihrem irren Tanz an den Dingen vorbei, nach denen der Mensch sich am meisten sehnt. Aber er steckt in den Schuhen fest und ist nicht mehr imstande, seinen schwindelerregenden Tanz zu beenden.
Es gibt aber auch eine völlig andere Art der Liebe, einen Liebestanz, bei dem alle Schwächen, Ängste und Ticks des Partners dazugehören und bei jedem Schritt mit einbezogen werden. Und, wie so oft bei einem Einweihungsprozeß, stolpern die meisten von uns fast immer "rein zufällig" und "völlig unbeabsichtigt" in die Arme einer solchen Liebe.

Die Anfangsphasen der Liebe - Wenn man zufällig über einen Schatz stolpert

Alle Märchen enthalten Material, das die Vorgänge im Innenleben des Menschen wie in einem Spiegel reflektiert, aber darüber hinausgehende zieht sich immer auch ein universell gültiges Grundthema durch den Text, eine Art Grundmuster, in dem Instruktionen enthalten sind, was man tun muß, damit Innen- und Außenwelten im Gleichgewicht sind.
Die Geschichte der Skelettfrau kommt mir am interessantesten vor, wenn wir sie nicht allein als eine Beschreibung der Vorgänge in der individuellen Psyche verstehen, sonder zudem als eine Serie von sieben Entwicklungsstufen, die ein Mensch durchläuft, um eine dauerhafte Liebesbeziehung mit einem Partner herzustellen. Auf der ersten Stufe begegnet man einer Person, die sich bei fortschreitender geistig-seelischer Entwicklung als kostbarer Schatz erweist, selbst wenn keiner der beiden gleich erkennt, über was er da bei der ersten Begegnung gestolpert ist. Auf der zweiten Stufe zieht sich einer meist zurück und versteckt sich, während der andere ihn sucht und verfolgt. Als nächstes kommen Phasen der Entwirrung, der dämmernden Einsicht in die Zyklen von Werden und Vergehen in der Beziehung und des Mitgefühls für den anderen. Darauf folgt eine Phase des Vertrauens und der völligen Entspannung im Beisein des anderen, und danach weihen beide Partner sich in ihre Vergangenheitserlebnisse und Zukunftsträume ein, wodurch alte Wunden und Liebesängste geheilt werden. In der letzten Phase wird das Herz so eingesetzt, daß neues Leben entsteht und sich Körper und Seele vereinen.
Die erste Phase der Liebe, die zufällige Entdeckung eines Schatzes, wird in Dutzenden von Geschichten aus aller Welt beschrieben. Sobald es heißt, daß ein Geschöpf aus den Tiefen des Meeres an die Oberfläche gezogen wird, können wir sicher sein, daß eine Konfrontation folgt, bei der sich das, was oben, in der bewußten Welt lebt, mit einem oft gruseligen Etwas, das in die Unterwelt verdrängt wurde oder dort beheimatet ist, auseinandersetzen muß. Auch in dieser Geschichte fängt der Fischer mehr, als er je zu hoffen gewagt hätte. "Oh, das ist ein Riesenfisch", denkt er voller Vorfreude, als er das Gewicht an seiner Angel spürt, nicht ahnend, daß er im nächsten Moment eine Beute an Land ziehen wird, die seine Kräfte überfordert.
So geht es allen ahnungslosen Liebesfischern. Sie hoffen, sich einen prachtvollen Fisch zu angeln, der sie bis auf weiteres mit Nahrung versorgt, ihr Leben rundum erleichtert, vielleicht auch ein wenig spannender macht, und mit dem sie den Neid und die Bewunderung der anderen Fischer und Jäger erregen können.
Der naive, ausgehungerte oder psychisch verwundete Liebesfischer wird von dem Verlangen getrieben, eine Trophäe zu erobern. Die jugendlich unbedarften oder naiven Fischer wissen noch nicht genau, was sie in Wahrheit suchen. Die Ausgehungerten werfen ihre Angel aus, um eine innere Leere zu füllen. Die seelisch Verwundeten fischen nach Trostspendern für frühere, schmerzhafte Verluste. Aber alle stolpern irgendwann über einen "unerwarteten" Schatz.
Das vergnügungssüchtige Ego der meisten Liebesfischer ist bei genauerem Hinsehen nicht an Liebe interessiert, sondern an unterhaltsamer Zerstreuung. Das Ego sagt Dinge wie: "Ich wollte doch nur ein bißchen Spaß mit Soundso haben. Warum werde ich plötzlich mit diesen grauenhaften Verwicklungen und Ängsten konfrontiert? Damit will ich nichts zu tun haben."
Aber wer sich in die tosenden Gewässer des Austauschs mit einem anderen begibt, sollte sich von vornherein darauf gefaßt machen, daß der Todesaspekt der Leben/Tod/Leben-Natur sich eines Tages in der Angelleine verfängt und danach nicht mehr loszuwerden ist, selbst wenn man ihm noch so oft einen kräftigen Hieb mit dem Paddel versetzt.
Wir ziehen immer mehr an Land, als wir beabsichtigt haben, solange wir uns der naiven Phantasievorstellung hingeben, daß irgendeine romantische Eskapade, irgendeine berufliche Position oder irgendein Geldsegen tiefere Seelenbedürfnisse erfüllt und auf die Dauer befriedigt. Niemand von uns ist zu Anfang bereit, für eine zutiefst erfüllende Liebe zu arbeiten. Am liebsten wäre es uns, wenn der einmal an Land gezogene Schatz keine weiteren Ansprüche stellen und uns für den Rest des Lebens die Arbeit abnehmen würde. Klar, wir wissen natürlich, daß man sich auf diese Weise nie weiterentwickelt, nicht selbst zum kostbaren Schatz wird. Trotzdem wünschen wir uns wider jedes bessere Wissen, für immer auf der anfänglichen Stufe der Liebe stehenbleiben zu können.

Auch der Fischer meint, nicht mehr als die simple Jagd nach körperlicher Befriedigung zu verfolgen, noch während er die gesamte weibliche Urnatur an die Oberfläche hievt. Die verstoßene Künderin des Todes und der Auferstehung vom Tode taucht aus den Tiefen des Unbewußten auf, klappert mit ihrem fauigen Gebiß, und damit ist die erste Phase des zufälligen Über-einen-Schatz-stolperns abgeschlossen.
Wir wissen, daß Beziehungen ins Schwanken geraten, genauso wie der Kajak des Inuit-Fischers, wenn die hoffnungs­frohe Erwartungsphase beendet ist und wir uns genauer an­schauen, was da sonst noch am Angelhaken hängt. Das gilt ebenso für die Beziehung einer Mutter zu ihrem 18 Monate al­ten Kind wie für die Beziehung eines Elternpaars zu einem Halbwüchsigen beim Übergang in die Pubertät oder für die langjährige Ehe zwischen zwei Partnern oder eine kurze Lie­besaffäre. Wenn die honigsüße »Liebling-Phase« zu Ende geht, wird alles aufgewühlt, die Beziehung gerät in turbulentere Ge­wässer, denn nun werden langgehegte Erwartungen enttäuscht, nun müssen liebgewonnene Illusionen sterben. Auf den ersten Liebesrausch folgt eine ernsthaftere Auseinanderset­zung mit dem Gegenüber, ein intimeres Kennenlernen, bei dem alle Kraftreserven und alles, was wir an instinktivem Wissen besitzen, gebraucht werden.

In einer fortgeschrittenen Liebesbeziehung wird im Laufe der Zeit alles, aber auch alles, was man zu sein glaubt, auseinander­genommen, abmontiert, inspiziert, entwirrt und schließlich, wenn man durchhält, noch einmal ordentlich durchgeknetet und dann erneuert. Das Ego wehrt sich dagegen, aber selbst das arbeitsscheueste Ego der Welt sieht irgendwann ein, daß es nicht anders geht. Wenn die Sehnsucht nach Gefühlstiefe und Wahrheit größer wird als die Arroganz des Egos, fühlt sich die Psyche unwiderstehlich zu den fortgeschrittenen Phasen der Liebe hingezogen.
Und was wird abmontiert? Was stirbt? Außer den Illusionen und Erwartungen auch die Habgier, die alles sofort und mög­lichst gleichzeitig haben will, ebenso wie das Verlangen nach einer »immer nur guten, schönen, lustigen Zeit miteinander«. Liebe führt unweigerlich zu einem Abstieg in die Bereiche der Skelettfrau, und so ist es nicht verwunderlich, wenn der erste Impuls eines Jägers und Fischers darin besteht, die Beziehung ins Meer der Unbewußtheit zurückzustoßen, kaum daß er die Skelettfrau zu Gesicht bekommt.
Diese Weigerung, sich den Zyklen des Werdens, Vergehens und Neuwerdens im Verlauf einer Beziehung zu stellen, wird auch vom Vater der Skelettfrau symbolisiert. Der Vater stürzt seine ungezogene Tochter von einem Felsvorsprung in die Tiefe, er legt sie »auf Eis«, läßt sie untergehen und langsam verrotten, weil sie gegen irgendwelche gesellschaftlichen Regeln verstoßen hat, an die sich nicht viel später kein Mensch mehr erinnern kann. Die »ungezogene« Tochter ist selbstverständlich eine wildnatürliche und instinktiv wissende Frau. Zwar liegt sie nun unter dem Meeresspiegel begraben, ist entsetzlich einsam und »vom Fleische gefallen«, aber sie weiß im Mark ihrer Knochen, daß der Tod ihr ein neues Leben bescheren wird.
Die Instinktnatur kann in das Eismeer gestoßen werden, wo sie zum Skelett reduziert wird, aber das Urwissen geht ihr selbst als Gerippe nicht verloren. Und da die Instinktnatur ein Teil von uns ist, taucht sie bei der nächsten Gelegenheit wieder aus den Tiefen dieses Eismeers auf, denn sie findet immer ein Loch zwischen irgendwelchen Eisschollen. Wenn zwei Liebende auf forcierten Frohsinn bestehen, ein permanentes Disneyland der Liebe, wenn sie auf sexuelles Feuerwerk bestehen oder ewige Eintracht ohne jede Zwiespältigkeit und Mühe, dann wird die Leben/Tod/Leben-Natur ein ums andere Mal vom Felsvorsprung in die Tiefe gestoßen.

Dabei wird der weibliche Partner, aber auch das Seelenvolle im Manne, zum Skelett reduziert; es geht unter und fällt buchstäblich vom Fleische. Die Frau ist die Hüterin der Lebenszyklen; das Gebärende und damit im Endeffekt Todbringende liegt ihr im Blut. Aber da neue Kräfte nun einmal nie ohne eine Minderung des früher Dagewesenen entfaltet werden können, finden Paare, die alles Traurige, alles Negative und Unintensive in ihrer Beziehung ablehnen, sich eines Tages in einer verstei­nerten Beziehung wieder. Das Streben nach einer Liebe, die stets nur Positives mit sich bringt, ist genau das, was einer ursprünglich vielversprechenden Liebe letztendlich den Todesstoß versetzt.
Das Phänomen begegnet mir in tausenderlei Varianten auf der Couch in meinem Sprechzimmer, wo Männer wie Frauen sich seufzend niederlassen und von den Verwicklungen in ihren Beziehungen erzählen. Die Geschichten verlaufen immer nach folgendem Schema: Zwei Menschen beginnen einen Balz­tanz, um zu sehen, ob sie zueinander passen. Plötzlich fischt der eine oder andere die Skelettfrau aus dem Unterbewußtsein, weil irgend etwas in der Beziehung abstirbt und nicht mehr so gut wie früher funktioniert. Oft ist es die sexuelle Anziehungskraft, die dahinschwindet, oder man sieht die schwache, tief verletzte Unterseite des Partners, oder man erkennt, daß der andere »nicht in jeder Hinsicht Trophäenmaterial ist«. Hier haben wir also den Moment an der Angel, in dem die Skelettfrau mit dem fauligen Gebiß klappert und nicht mehr von der Leine loskommt.
O Schreck und Graus! Was nun? Ich sage meinen Patienten, daß sie an einem magischen Wendepunkt stehen, daß sie nicht davonpaddeln, den anderen jetzt auf keinen Fall von sich stoßen sollen. Aber was nützt das? Der eine oder andere Partner rudert, so schnell er kann, an das rettende Ufer, und ich rudere analysierend nebenher und rufe ermunternde Dinge, während die Künderin des Todes hinter uns hergeschleift wird.
Aber selbst das Davonlaufen gehört zu diesem Einweihungsprozeß. Es liegt in der Natur des Menschen, sich eilends in seinem Iglu zu vergraben, wenn ein Schatz sich als Künder von unvermeidlichen Toden offenbart. Davonlaufen ist menschlich, aber nicht für lange und nicht für immer.


aus
http://mitglied.multimania.de/Schattenmond/archiv_wolfsfrau.htm
je weiter wir uns entfernen davon, dass Leben und Tod , Vergehen und Werden eins sind
umso stärker kann Angst die Triebfeder unseres religiösen Suchens sein. Ich hab oft das Gefühl
so unter der Oberfläche des Pragmatismus , den wir alle zum Überleben brauchen,
stecken oft unglaublich gut verpackt und zugeschnürte Ängste.

wer sich bei diesem Regenwetter gern in etwas vertiefen möchte
dem sei dieser Link zu empfehlen:

http://antipsychopathen.blog.de

der Titel soll bitte nicht abschrecken , es ist nur eine Formulierung .

inhaltlich geht dieser Link überein mit
dem, was das archaische Märchen aussagt,
deshalb hab ich es hier an-geknüpft.