Schuldgefühle und Alpträume...


Liebe Forummitglieder,

ich habe mich gerade hier angemeldet, weil mich Euer Forum von den Themen her sehr angesprochen hat.
Ich möchte im Vorfeld etwas zu meiner Person sagen, ich bin Asperger-Autist. Dies sage ich, weil es mir öfters in Foren passiert, dass es Probleme mit der Kommunikation und dem Verständnis gibt. Oftmals gab es deswegen auch Streitigkeiten, weil sie Leute durch mein "Verhalten" oder "Sprache" provoziert gefühlt haben. Dass soll nicht sein. Darum bittee ich Euch, um dies zu vermeiden, mir gleich zu sagen, wenn Euch etwas stört, oder ihr etwas nicht ok findet. Danke im Voraus dafür.

Jetzt zum eigentlichen Thema:

Ich stecke zur Zeit in einer großen Krise/Trauer.
In diesem Jahr ist ein Mensch, der mir sehr nahe stand, mein Onkel, von uns gegangen. Er starb nach einem Herzinfarkt auf der Intensievstation. Seine Frau, ebenfalls ein Mensch, der mir sehr nahe steht, wurde ca. 3 Monate später schwer krank und wurde an Darmkrebs operiert. Sie ist seit letzte Woche zuhause und es geht ihr wieder gut.
Durch die ganzen Ereignisse wurde auch bei mir vieles von früher hochgewirbelt. Viele Erinnerungen wurde wachgerüttelt, wobei es sich hierbei eher um negative Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend handelte.
Was mich aber schon seit längerem quält, sind enorme Schuldgefühle.
Ich fühle mich schlecht, weil ich so bin, wie ich bin und weil meine Art und mein Wesen und die Art, wie ich lebe, von anderen sehr häufig missbilligt wurde und wird. Ich wurde oft beschimpft und mir wurde oft eingetrichtert, dass ich ein schlechter Mensch bin.
Ich möchte noch dazu sagen, dass ich mal einen bzw. große Fehler gemacht habe, die mich bis heute belasten. Ich habe früher öfters gestohlen, und dafür schäme ich mich heute sehr und fühle mich schlecht und schuldig, vor allem Gott gegenüber. Ich habe Gott im Gebet schon oft um Vergebung angeflehen, und mich selbst bestraft, dafür, dass ich so bin oder war, indem ich mich geritzt oder selbst geschlagen habe.
Ich hatte erst vorletzte Nacht so einen Alptraum, wo ich von Menschen ganz brutal für mein Verhalten geschlagen und gefoltert wurde, bis meine Schmerzgrenze weit überschritten war. Es war ein sehr grausamer intensiever Traum, der mich jetzt noch nicht loslässt, er war so real, so real habe ich noch nie einen Traum emfunden.
Entschuldigt bitte, dass alles ziemlich wirr klingt, aber mir schwirrt so viel im Kopf herum, ich weiß nicht, wohin mit meinen Gedanken. Sie sprudeln einfach alle so aus mir heraus...

Liebe Grüße an alle

Seerose30!
Zitat:
Liebe Forummitglieder,

ich habe mich gerade hier angemeldet, weil mich Euer Forum von den Themen her sehr angesprochen hat.


Namaste und Willkommen bei Uns, Seerose!

Zitat:
Ich möchte im Vorfeld etwas zu meiner Person sagen, ich bin Asperger-Autist. Dies sage ich, weil es mir öfters in Foren passiert, dass es Probleme mit der Kommunikation und dem Verständnis gibt. Oftmals gab es deswegen auch Streitigkeiten, weil sie Leute durch mein "Verhalten" oder "Sprache" provoziert gefühlt haben.


Du bist erstmal ein Mensch, alles weitere ist zweitrangig und beengt meine Sicht auf dich nicht. Ist nicht böse gemeint, aber ich habe die Erfahrung gemacht das Krankheiten und Behinderungen in der Gesellschaft und auch von einem selbst oft viel zu wichtig genommen/in den Vordergrund gestellt werden.

Sei versichert das Du hier auf ehrliche und freundliche Zuhörer/Leser triffst und das Du mit Sicherheit in vernünftiger Weise auf Probleme solcher Art hingewiesen werden wirst.

Was Du hier nun zu deiner Situation und deinem Leben schreibst klingt sehr traurig aber gleichzeitig auch in vielen Facetten sehr bekannt. Ich glaube das es weit mehr Menschen mit schwerem moralischen Gepäck und tiefen, weit zurückreichenden, dunklen Fußabdrücken als strahlende Saubermänner und selbstlose Gutmenschen auf dem Weg durchs Leben gibt.

Ein jeder von uns muß sich etwas einfallen lassen um dieses Päckchen, die Schuld, bestmöglich schultern und sein Leben so positiv als möglich meistern zu können. Selbstkasteiung (sich schlagen oder ritzen) oder das dauerhafte Ertragen der Schmähungen seitens des täglichen Umfelds mögen ein Weg sein.. aber ein guter? Was denkst Du? Bringt dich das wirklich weiter oder ändert es deine Verfehlungen der Vergangenheit?

Ich persönlich habe mehr als die Hälfte meiner momentanen Existenz auch wenig positiv gestaltet. Wahrscheinlich habe ich weit mehr Fehler begangen als Du. Irgendwann erkannte ich zu was ich geworden war und das war in keiner Weise der Mann zu dem ein Junge mit guten Eltern und einer positiven Erziehung je werden wollte. Für einige Zeit habe ich daraufhin auch mit der Existenz gehadert und das nicht zu knapp... Aber dann begann ich mich mit Philosophie und Religion auseinanderzusetzen und mein gesamtes Leben umzustricken, ich begann zu suchen bis ich zu einem Glauben fand. Seit dem versuche ich jeden Tag etwas mehr nach den Werten und Prinzipien dieses Glaubens und meines Gewissens zu leben als am Tage zuvor. Ich helfe meinen Mitmenschen wo ich kann, ich studiere die Schriften meines Glaubens und meditiere über Sinn und Unsinn im Sein. Ich habe auch heute noch Momente in denen ich mir meine Verfehlungen nur schwer verzeihen kann, aber jetzt sind es Momente und ich weiß wie ich mit ihnen fertig werde.

Die Schwierigkeit die es zu lösen geht ist also den eigenen, ganz persönlich richtigen Weg zu finden, erst dann wird es besser und irgendwann wird es dann vielleicht endlich auch Gut.

Vielleicht magst Du ja noch etwas mehr über deine Lebensumstände erzählen, hier findest Du immer interessierte Leser mit interessanten Meinungen.

LG Tiro
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„Es gibt keinen Schöpfer außer dem Geist.“
(Lord Buddha)

"Es ist ein Vergnügen anzusehen, wie blind die Menschen für ihre eigenen Sünden sind und wie heftig sie die Laster verfolgen, die sie selbst nicht haben."
(Machiavelli)
Liebe Seerose,

erst einmal herzlich willkommen hier! Es freut mich sehr, Dich hier zu sehen bzw. lesen.

Vor einigen Jahren hatte ich eine vierjährige Beziehung zu einer sehr eigenwilligen Frau, die auch Asperger hatte, wie sich später herausstellte. Erst nachdem ich wusste, dass es sich um eine besondere psychologische Sache handelte, konnte ich sie besser verstehen.

Bevor sie und ich das wussten, kam es oft zu schweren Missverständnissen zwischen uns. Sie schien die ungeschriebenen Regeln des menschlichen Miteinanders, die nicht-Asperger einfach "von selbst" verstehen, nicht zu verstehen und hat mich sehr oft völlig unabsichtlich böse verletzt. Ich habe damals nicht verstanden, dass sie das unabsichtlich getan hat und habe ihr oft Böswilligkeit unterstellt. Im Gegenzug habe ich sie dann oft -- aus Trotz und Rache -- auch verletzt.

Wenn es Dir ähnlich geht, dann ist Dein Hauptproblem vielleicht ein ähnliches: Du verstehst nicht immer, wie man sich unter Menschen richtig verhalten soll und die anderen unterstellen Dir eine böse Absicht, wenn Du sie verwirrst. Und das gibt Dir das Gefühl, dass Du ein schlechter Mensch bist.

Ich weiß nicht, ob ich Dir einen guten Rat geben kann, aber ich will es mal versuchen: Du solltest lernen, Dich und Dein Asperger zu akzeptieren. Es ist nunmal eine "Krankheit" (das hört sich negativ an, soll es aber nicht ... mir fällt nur kein besseres Wort ein), für die Du nichts kannst. Du bist einfach so. Du verstehst vielleicht manches nicht so gut, wie andere -- dafür hast Du auf anderen Gebieten sicher große Talente.

Wenn Du merkst, dass Du jemanden verwirrt oder sogar verletzt hast, kannst Du versuchen, ihm das einfach zu erklären: Dass Du das nicht aus Absicht tust, schon gar nicht aus bösem Willen, sondern einfach nur deswegen, weil Du halt so bist. Du kannst sie auch bitten, Dir den Sachverhalt zu erklären. Manche werden das nicht akzeptieren, aber die meisten sicher schon.

Wenn meine damalige Freundin mir das öfter so gesagt hätte, hätten wir uns bestimmt viele Missverständnisse und Verletzungen ersparen können.

Was Deine Schuldgefühle gegenüber Gott angeht, so würde ich sagen, dass Reue nicht unbedingt schlecht sein muss, wenn Du etwas gutes daraus machst. Wenn sie Dir zum Antrieb gereicht, Dein Verhalten zu verbessern, dann hast Du etwas Gutes aus der Reue gemacht. Aber wenn sie Dich lähmt und Dein Selbstwertgefühl total niederdrückt, dann ist das schlecht. Gott geht es sicher nicht darum, Dich zu quälen, sondern Dich auf einen guten Pfad zu führen. Und Gott wird Dich sicher nicht für etwas bestrafen, was Du aus Versehen, unabsichtlich getan hast. Sonst wäre er kein gerechter Gott.

Ich hoffe, meine Worte können Dir ein wenig helfen und gehen nicht an Deinem Problem vorbei, weil der Fall meiner Freundin doch ein anderer war. Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute und Liebe!

Ganz liebe Grüße,
Bernhard
Seerose30 hat folgendes geschrieben:
Liebe Forummitglieder,

ich habe mich gerade hier angemeldet, weil mich Euer Forum von den Themen her sehr angesprochen hat.
Ich möchte im Vorfeld etwas zu meiner Person sagen, ich bin Asperger-Autist. Dies sage ich, weil es mir öfters in Foren passiert, dass es Probleme mit der Kommunikation und dem Verständnis gibt. Oftmals gab es deswegen auch Streitigkeiten, weil sie Leute durch mein "Verhalten" oder "Sprache" provoziert gefühlt haben. Dass soll nicht sein. Darum bittee ich Euch, um dies zu vermeiden, mir gleich zu sagen, wenn Euch etwas stört, oder ihr etwas nicht ok findet. Danke im Voraus dafür.

[...]


Hallo seerose

Willkommen an Board

Wenn du erlaubst lasse ich die Zahl einfach weg, hier sind zwar schon einige "Rosen" an Board, aber noch keine Wasserpflanze soweit ich weiss.

Zu den befürchteten Kommunikationsproblemen, da mach dir mal keinen Kopp...
Irgendwie leiden wir bei der Forenkommunikation alle ein bischen an dem Umstand, dass wir die Gesten und nonverbalen Signale unserer Gesprächspartner nicht wahrnehmen können, daher ist die Internetkommunikation für alle Beteiligten nicht ganz unkompliziert.

Aber auf jeden Fall spannend...

Gruss Grubi
_________________
https://youtu.be/f2ROFnA4HRA
Hallo Seerose, herzlich willkommen.

Als Antwort ein Gedicht, das beim Lesen deines Textes
gerade in mir aufgetaucht ist.

Was mal war das ist vergangen,
darum schaue nicht zurück.
Es bringt nichts dich dran fest zu hangen,
an so einen alten Strick.
Hast dich geändert Tag für Tag
und Jahr für Jahr auch deinen Blick.
Drum schau nach vorn und nicht nach hinten,
denn Vorwärts gehst du, nicht zurück.
Das Gestern ist nur noch ein Schatten,
der sich von dir wegbewegt,
entlasse ihn aus deinem Denken,
und die Fessel ist gelöst.
Gott hat dir schon längst vergeben,
denn Gott liebt dich wie du bist.
Selbstvergebung ist der Schlüssel,
der dir hilft... erkenne dies.
Lass nun die Gedanken los,
an Scham und Schuld sowie Versagen,
so kann dich die Lebensfreude,
im Alltag endlich wieder tragen.

Ich wünsch dir alles Liebe auf deinem weiteren Lebensweg.
Hallo Seerose, ich freu mich, dass Du hier bist. Herzlich willkommen.

Heute möchte ich nur ganz kurz hier ins Forum rein.
Ein bewegender Tag liegt hinter mir. Mein geliebter Vater wurde heute zu Grabe getragen.

Eben hat mir eine Freundin per E-mail folgenden Spruch geschickt, und den möchte ich noch gerne an Dich weiterleiten.

"Möge heute Frieden in Deinem Inneren sein.
Mögest Du darauf vertrauen,
dass Du genauso bist, wie Du gemeint bist.
Mögest Du nie die unendlichen Möglichkeiten vergessen, die aus dem Glauben
an Dich selbst und an andere geboren werden.
Mögest Du die Gaben nutzen, die du bekommen hast und die Liebe weitergeben,
die Du empfangen hast.
Mögest Du mit Dir selbst zufrieden sein, so wie Du bist.
Möge sich dieses Wissen in all deinen Knochen in Dir festigen und Deiner
Seele die Freiheit erlauben zu singen, zu tanzen, zu loben und zu lieben.
Es ist da für jeden und alle von uns."


Herzliche Grüße
Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Hallo zusammen,

erstmal danke für Eure netten und mitfühlenden Antworten.
Ich habe mich sehr gefreut und war sehr positiv überrascht von so viel Mitempfinden.

Linde, mein aufrichtiges Beileid, es tut mir wirklich sehr Leid für Dich, mit Deinem Vater. Ich weiß, in einer solchen Situation, ist es schwer, Worte zu finden. Auch ich habe in diesem Jahr einen geliebten Menschen verloren und trauere immer wieder. Ich versuche mich abzulenken, aber die Traurigkeit bricht noch immer wieder hervor. Fühl dich ganz lieb gedrückt von mir.
Du hast eine ganz liebe Freundin, sie hat ein wunderschönes Gedicht für Dich geschickt. Danke Dir, dass Du dies an mich weitergegeben hast.

Mein Dank gilt auch Ellen, die ebenfalls ein wunderschönes Gedicht für mich hatte. Euer Mitgefühl hat mich sehr berührt.

Hallo liebe Grubi,

ja, ich werde versuchen, einfach so zu schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Aber bitte nicht böse sein, wenn ich euch mal "auf die Füße" trete. Aber sagen solltet ihr mir, was nicht ok war. Sonst weiß ich ja auch nicht, wie ich mich anders verhalten kann.

Bernh,

hmm ja, was Du ansprichst, ist ein Hauptproblem von mir. Ich bin nun 30 Jahre alt, bei mir wurde Asperger aber erst im letzten Jahr festgestellt. Ich habe mich früher sehr oft verstellen müssen, und wenn ich so war, wie ich war, bin ich oft beschimpft worden, und man hat mich wegen meiner Art, meiner "Unachtsamkeit", "Aufmüpfigkeit". "Unangepasstheit" und vor allem "provokanten Art" oft kritisiert und ich wurde sehr oft niedergemacht und erfuhr sogar körperliche Gewalt. Verbal wurde ich auch oft von Erziehern und Lehrern fertiggemacht. Immer wieder schlug mir Missbilligung entgegen, und immer wieder wurde ich niedergemacht, bis ich irgentwann garnicht mehr wusste, wie ich mich verhalten sollte und mich garnicht mehr traute, irgendetwas zu sagen. Auch heute kann ich kaum auf Menschen reagieren, ich verstehe oft nicht, was sie von mir wollen, und was sie überhaupt wollen, ich kann nicht erkennen, ob sie es gut mit mir meinen oder schlecht. Ich habe eher ein schlechtes Bild von der Gesellschaft, ich denke, die meisten Menschen wollen mir Böses.
Immer wieder wurde mir mein "Fehlverhalten" vorgehalten und dass ich mich ändern müsse und wenn Du nicht dies... und wenn Du nicht das... usw.
Wenn ich heute oft versuche, ihnen meine Situation zu erklären, ecke ich oftmals wieder an, dass man mir vorwirft, mein Fehlverhalten und alles auf meine "Krankheit" zu schieben. Neulich hat noch jemand zu mir gemeint, dass meine "Krankheit" kein Freifahrtschein wäre, mich so dermaßen daneben zu benehmen. Dabei hatte ich meine Worte schon sehr bewusst gewählt, und trotzdem haben sich alle provoziert gefühlt...
Caput Tiro
Da hast Du mit Sicherheit Recht, Selbstbestrafung oder Selbstverachtung macht die Sache auch nicht rückgängig und ändert nicht wirklich was, aber ich habe immer geglaubt, wenn man Fehler gemacht hat oder sich Schuldig, muss man dafür bestraft werden, um zu erkennen, das es falsch ist und dies auch zu unterlassen in der Zukunft. Ich habe ja selbst an mir gemerkt, als ich einmal erwischt worden bin, aber es keine weiteren Folgen hatte, dass ich später wieder was habe mitgehen lassen, und genau das war das, was mich heute quält. Einmal kann man einen Fehler machen, ja gut, niemand ist perfekt und solange die Menschheit besteht, wird auch niemals jemand perfekt sein, aber wenn es dann wieder und wieder geschieht, ist es schon schlecht. Oftmals ist es dann so, wenn man keine Konsequenzen spürt, glaubt man, es ist o.k. was man tut, und macht Dinge, die man später bereut. So wie ich mich heute damit quäle. Vielleicht wäre es anders gelaufen, wenn mein falsches Verhalten Konsequenzen gehabt hätte?
Ich finde es übrigens ganz große Klasse, wie Du Deinen Weg gefunden hast. Wie Du Dich mit den Glaubenschriften auseinander setzt, meditieren kannst und zu Dir selbst gefunden hast. Das ist ein Schritt, den viele Menschen heute nicht mehr schaffen, weil sie zu sehr mit der Gesellschaft beschäftigt sind, und damit, es der Gesellschaft recht zu machen. Die wenigsten horchen noch in sich hinein, oder hören noch auf ihr Herz. Dazu fehlt den meisten im hektischen Alltag die Zeit und Ruhe und Besinnung.
Aber genau das ist es, was auch ich anstrebe. Der Weg zu mir selbst. Ich habe gemerkt, dass ich mich in dem ganzen Stress in den letzten Jahren immer mehr selbst aus den Augen verloren habe. Dass ich immer gezwungen war, zu funktionieren, und dies nicht geschafft habe. Immer wieder habe ich gehört, im Alltag muss man funktionieren, wenn man nicht mitkommt. geht man unter oder bleibt auf der Strecke. Das habe ich in meiner Ausbildung gehört, die ich abbrechen musste, aufgrund von totalem Burn Out und Reizüberflutung. Das Problem war der Stress, den die Menschen mir eingetrichtert haben, dieses ständige, "Du musst, Du musst, Du musst," von den Aufgaben her, wäre ich zurechtgekommen. Aber die ganze Zeit den vielen Menschen ausgesetzt sein, den permanenten verbalen Stress, die Hektik, die ständigen Zetereein innerhalb des Betriebes, die "Machtspiele", alles hat mich so fertig gemacht, dass ich mit komplettem "Burn Out" beinahe in einer Pchychiatrie gelandet wäre, wo ich mich mit Händen und Füßen gegen gewehrt habe. Seitdem bin ich zuhause ohne einen Beruf und taste mich gerade langsam wieder ins Leben zurück...
Noch etwas zu meiner Person, ich bin Maler, also Künstler. Ich habe früher sehr viel gemalt, ich male seit ca. 7 Jahren mit Acryl auf Leinwand. Ich mache aber nebenbei auch Bleistiftzeichnungen, Kohlezeichnungen, meistens bei kleinen Aufträgen.
Ich habe 2 Jahre lang eine Kunstschule besucht, dazu noch diverse Kunstkurse. Hatte selbst schon kleinere Ausstellungen bei Bekannten in Firmen oder Geschäften. Hauptsächtlich habe ich die Kunst aber gemacht, weil es mir Freude gemacht hat.
Seit meinem Burn Out bin ich nicht mehr fähig zu malen. Ich würde gerne wieder, aber irgendetwas in mir blockiert, wenn ich anfangen will. Früher konnte ich stundenlang vor der Leinwand sitzten und eine Idee nach der anderen sprudelte aus mir heraus, oftmals musste ich schnell malen, um alle Ideen festzuhalten. Heute sitze ich vor der Leinwand und starre diese verkrampft an.... Das fließende ist fort... Die Energie, etwas darauf zu bringen, fehlt..... Die Harmonie, die in meinen Bildern war, fühle ich nicht mehr....
Ich würde so gerne wieder malen, aber es funktioniert nicht...

Ich wünsche Euch allen eine schöne Nacht,

liebe Grüße an Euch

Eure Seerose!
Seerose30 hat folgendes geschrieben:

Bernh,

hmm ja, was Du ansprichst, ist ein Hauptproblem von mir. Ich bin nun 30 Jahre alt, bei mir wurde Asperger aber erst im letzten Jahr festgestellt. Ich habe mich früher sehr oft verstellen müssen, und wenn ich so war, wie ich war, bin ich oft beschimpft worden, und man hat mich wegen meiner Art, meiner "Unachtsamkeit", "Aufmüpfigkeit". "Unangepasstheit" und vor allem "provokanten Art" oft kritisiert und ich wurde sehr oft niedergemacht und erfuhr sogar körperliche Gewalt. Verbal wurde ich auch oft von Erziehern und Lehrern fertiggemacht. Immer wieder schlug mir Missbilligung entgegen, und immer wieder wurde ich niedergemacht, bis ich irgentwann garnicht mehr wusste, wie ich mich verhalten sollte und mich garnicht mehr traute, irgendetwas zu sagen. Auch heute kann ich kaum auf Menschen reagieren, ich verstehe oft nicht, was sie von mir wollen, und was sie überhaupt wollen, ich kann nicht erkennen, ob sie es gut mit mir meinen oder schlecht. Ich habe eher ein schlechtes Bild von der Gesellschaft, ich denke, die meisten Menschen wollen mir Böses.
Immer wieder wurde mir mein "Fehlverhalten" vorgehalten und dass ich mich ändern müsse und wenn Du nicht dies... und wenn Du nicht das... usw.
Wenn ich heute oft versuche, ihnen meine Situation zu erklären, ecke ich oftmals wieder an, dass man mir vorwirft, mein Fehlverhalten und alles auf meine "Krankheit" zu schieben. Neulich hat noch jemand zu mir gemeint, dass meine "Krankheit" kein Freifahrtschein wäre, mich so dermaßen daneben zu benehmen. Dabei hatte ich meine Worte schon sehr bewusst gewählt, und trotzdem haben sich alle provoziert gefühlt...


Liebe Seerose,

es tut mir leid, dass Du es so schwer hast.

Ich hoffe es stört Dich nicht, wenn ich Deine Situation weiterhin mit meiner damaligen Freundin vergleiche, weil sie die einzige Asperger ist, die ich kenne. Deswegen weiß ich nicht, was genau Teil dieser "Krankheit" ist und wieviel von Person zu Person doch anders ist.

Wenn Du Dich so verhältst, dass andere Dich als "aufmüpfig", "provokant" oder "unachtsam" bezeichnen, weißt Du denn dann, dass Du das tust? Oder tust Du einfach etwas, völlig ahnungslos, wie es ankommen wird, bis dann auf einmal jemand negativ reagiert? Kannst Du es im Vorfeld schon "kommen sehen"?

Von meiner damaligen Freundin sind mir vor allem zwei Aussagen hängengeblieben, die mich damals sehr verletzt haben. Einmal sagte sie mir: "Ich habe da heute einen echt interessanten Typen kennengelernt, den ich sehr sexy finde. Ich würde gerne mal mit ihm schlafen."

Meine Reaktion, sowas von meiner damaligen festen Freundin zu hören, war sinngemäß in etwa: "Sag mal, bist Du völlig bescheuert, mir sowas zu sagen? Was habe ich Dir getan, dass Du mich so verletzen willst?"

Daraufhin ist sie in Tränen ausgebrochen und hat sich noch viel schlimmer gefühlt als ich, weil sie nicht die geringste Ahnung gehabt hatte, dass mich ihre Worte verletzen würden. Und sie war offensichtlich sehr entsetzt darüber, mich verletzt zu haben, ganz aufrichtig.

Sie versuchte mir zu erklären, dass wir doch zusammen seien und ein Paar, und als Paar teile man sich doch alle Gefühle gegenseitig mit. Das sei doch ein Zeichen von Vertrauen. Und gerade ich hätte ihr doch kurz zuvor gesagt, wie wichtig mir Ehrlichkeit und Offenheit in einer Beziehung seien -- sie hatte diese Aussagen von mir ganz offensichtlich sehr wörtlich genommen und allen ernstes, im besten Wissen und Gewissen gedacht, ich würde mich über ihre Ehrlichkeit auch in diesem Fall freuen.

Die zweite Aussage von ihr, bei anderer Gelegenheit, war: "Du wärst der perfekte Mann, um meine Kinder großzuziehen ... aber sie sollten nicht von Dir sein."

Auch hier war ihr völlig unverständlich, warum ich auf dieses "Lob" nicht positiv, sondern arg verletzt reagiert habe. Und als sie dann gesehen hat, was sie angerichtet hatte, hat sie das selbst völlig fertiggemacht, weil (und das wusste ich) es wirklich das letzte war, was sie wollte: Mich zu verletzen. Sie hat einfach wirklich nicht kapiert, was daran verletzend war.

Wenn ich ihr nicht abgekauft hätte, dass sie das aus reiner "Verplantheit", unabsichtlich und ohne jegliche böse Absicht getan hat, und wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, dass sie mich wirklich liebte -- dann hätte ich bestimmt auf der Stelle die Beziehung beendet.

Wie ist das bei Dir? Sind Deine Missverständnisse mit anderen Menschen ähnlich?

Ist es bei Dir auch so, dass Du nicht die geringste Ahnung hast, dass Deine Aktionen andere verwirren oder verletzen, bis Du dann ihre Reaktion sehen kannst?

In jedem Fall denke ich, Du solltest Dich nicht für etwas selbst fertigmachen, wofür Du nichts kannst. Klar solltest Du Dich bemühen, anderen Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen. Aber mehr als Dich nach bestem Wissen und Gewissen zu bemühen kannst Du nicht. Wenn das nicht reicht, dann ist das eben so -- und Du solltest Dir selbst dann verzeihen können.

Wenn man alles gegeben hat, und man dennoch versagt, dann ist das nicht die eigene Schuld.

Und wenn andere Dir dennoch die Schuld geben, dann lass sie reden. Das darfst Du dann nicht zu sehr an Dich herankommen lassen.

Meine damalige Freundin hat übrigens später damit angefangen, sich komplizierte Regelsysteme aufzuschreiben, um sich in sozialen Situationen besser zurechtzufinden. Das, was andere Menschen ganz instinktiv begreifen und beachten, musste sie sich mühsam mit dem Verstand erarbeiten: "Wenn gerade jemand redet, ihn nicht unterbrechen." "Wenn ich mit einem Mann zusammen bin, ihm nicht von den Gefühlen für andere Männer sagen." etc. Sie hatte Tagebücher, in denen sie solche Regeln notiert hat, wannimmer sie eine neue gelernt hatte.

Jedenfalls hoffe ich, dass Du bald über Dein Tief hinweg bist!

Was die Frage angeht, ob andere Dir Böses wollen: Nach meiner Erfahrung wollen die wenigsten Menschen anderen wirklich etwas Böses. Sie sind meist nur etwas egoistisch und auf ihr eigenes Wohl bedacht. Ein sehr weises Sprichwort, das mir oft sehr geholfen hat, lautet: "Schreibe nie etwas der Böswilligkeit zu, das genauso gut mit Ignoranz oder Unachtsamkeit erklärt werden kann."

Ich selbst habe manchmal Probleme mit Paranoia. Dann kommt mir der Gedanke, andere würden schlecht über mich denken oder hinter meinem Rücken lästern. Manchmal stimmt das ja auch -- aber: Und wenn schon! Aber sehr oft stimmt es auch nicht. In solchen Situationen sage ich mir dann, dass ich immerhin einige wirklich gute, enge Freunde habe, und im Notfall reichen die mir völlig aus -- es muss mich nicht jeder mögen.

Ganz liebe Grüße,
Bernhard
Ich würde mal meinen, dass du dir selbst nicht vergeben hast und auch anderen Menschen gegenüber dich so verhältst, als würdest du eventuell ihnen gegenüber in schwerer Schuld stehen. Das solltest du ändern, indem du deine Schuld dem lieben Gott darbringst und löslässt.
Namaste

Lebe Seerose,

Du schreibst:
Zitat:
aber ich habe immer geglaubt, wenn man Fehler gemacht hat oder sich Schuldig, muss man dafür bestraft werden, um zu erkennen, das es falsch ist und dies auch zu unterlassen in der Zukunft.


Schreibst Du hier bewußt in der Vergangenheitsform? Einerseits scheinst Du immer noch zu glauben das Bestrafung eine Änderung in deinem Verhalten bewirken könnte/bewirkt hätte. Andererseits benutzt Du die Formulierung "habe immer geglaubt", was für mich (bewußt oder unbewußt) leichte Zweifel deinerseits impliziert.

Nun.. ich glaube das eine reine Bestrafung, ohne Einbindung von Gesprächen, nachdenken und vorallem Bereuen, gar keine oder kaum eine Wirkung auf den Charakter/das Gewissen hat. Ich habe früher auch gestohlen und sah nichts falsches darin. Ich war ein guter (im Sinne von sehr begabt) Dieb und habe nicht nur Fremde, eher anonyme Personen bestohlen. Meine selbstaufgelegte Strafe, im Zuge der Veränderung die ich durchmachte, war es unter anderem mich persönlich bei jedem den ich bestohlen habe zu entschuldigen und zwar in aller Öffentlichkeit und nach dem ich rechtlich schon aus dem gröbsten (den Folgen von Selbstanzeige und umfangreich gestandenen Gesetzesbrüchen) raus war. Es war mir ungeheuer peinlich und ich habe mich sehr geschämt vor diesen Menschen (besonders denen die mich schon ewig kannten und mir sowas nie zugetraut hätten). Diese Form von Strafe (geistig/psychisch/gewissenstechnisch), eingebettet in ein generelles Umdenken und viele Gespräche, hielt und halte ich für sinnvoll. Selbstaufgabe und körperliche Züchtigung bringt meines Erachtens nach nichts.

LG Tiro
_________________
„Es gibt keinen Schöpfer außer dem Geist.“
(Lord Buddha)

"Es ist ein Vergnügen anzusehen, wie blind die Menschen für ihre eigenen Sünden sind und wie heftig sie die Laster verfolgen, die sie selbst nicht haben."
(Machiavelli)