Als Baha'i buddhistische Texte lesen


Guten Abend allerseits,

die letzten Tage habe ich viel in buddhistischen Schriften gelesen ("Die Reden Buddhas -- Mittlere Sammlung -- Übersetzung von K. E. Neumann").

Als Baha'i interessiert mich natürlich die Offenbarung Buddhas, der immerhin ein unabhängiger Prophet/Manifestation Gottes war. Ich finde es schade, dass die Baha'i-Schriften zumindest oberflächlich sehr stark in der abrahamitisch-islamischen Tradition verwurzelt sind (die meisten Zitate in den Baha'i-Schriften verweisen wohl auf den Quran, einige auf die Bibel (AT und NT), aber bisher habe ich keine direkten Zitate zu den anderen Religionen gefunden) und sich nicht stärker direkt auf die Religionen anderer Manifestationen Gottes beziehen.

Aber viele Anknüpfungspunkte habe ich dann doch gefunden. So ging es in den buddhistischen Texten, die ich gelesen habe, sehr stark um die Loslösung (wenn ich das richtig verstanden habe, ist das ja auch der zentrale Kern des Buddhismus). Es werden sehr viele weise Ratschläge gegeben, wie der Weg des Mönchs aussehen sollte, um sich von der Verhaftung am Materiellen zu lösen.

Dabei fand ich die Parallelen zu Baha'u'llahs Offenbarung unübersehbar: Auch Baha'u'llah fordert ja eine Loslösung von der Verhaftung in der materiellen Welt und ein "Aufschwingen" in die Höhen des Geistigen. In den mystischen "Vier Tälern" und "Sieben Tälern" wird der Weg des Suchers geschildert. Die buddhistischen Texte haben mich streckenweise daran erinnert, nur dass sie weitaus detaillierter sind!

Ob man das zu erreichende Ziel nun als "Nibbana/Nirvana" oder "Gott" bezeichnet (wobei Baha'u'llah ja auch ein Gottesbild zeichnet, das nicht einen personalen, vermenschlichten Gott beschreibt, sondern einen völlig unergründlich-transzendenten), ist dabei vielleicht eher zweitrangig?

Jedenfalls kann ich feststellen, dass ich schon jetzt eine große Ehrfurcht vor den buddhistischen Schriften empfinde, wie auch bei der Bibel und dem Quran.

Oh, und die Übersetzung Neumanns erscheint mir geradezu genial. Wirklich eine sehr, sehr schöne Sprache!

Was meint ihr? Wenn Ihr Baha'i seid, wie steht Ihr zu den buddhistischen Schriften? Und wenn Ihr Buddhisten seid, was ist Euer Eindruck von den Baha'i-Schriften?

Ganz liebe Grüße,
Bernhard
Namaste

Lieber Bernhard,

Ich persönlich habe nur "7 Täler" komplett gelesen. Selbst das hat mich schon fast 4 Monate beschäftigt da es ungeheuer viele Metaphern und Wortspiele enthält welche man nur mit entsprechendem Hintergrundwissen aus Geschichte und Koran verstehen kann. Die Sprache und Eigenheit im Aufbau der Sätze fand ich sehr schön, Baha'ullah war künstlerisch hoch begabt! Auch fühlte ich mich in einigen Nuancen an die Lehrreden Lord Buddhas erinnert. Aber eben mehr wie ein schwacher Widerhall der letztlich durch das Gotteskonstrukt der monotheistischen Grundeinstellung seines Autors geschluckt wird.


Zitat:
Ob man das zu erreichende Ziel nun als "Nibbana/Nirvana" oder "Gott" bezeichnet (wobei Baha'u'llah ja auch ein Gottesbild zeichnet, das nicht einen personalen, vermenschlichten Gott beschreibt, sondern einen völlig unergründlich-transzendenten), ist dabei vielleicht eher zweitrangig?


Der Unterschied liegt u.a. in der Zielsetzung aller Existenz, in der Geschichte der Entstehung jeder Existenz, in der Loslösung (nämlich nicht nur vom materiellen, sondern gleichsam vom geistigen).


Unser Glaube lehrt uns das Lord Shakyamuni Buddha selbst mehrfach Brahma (unsere mächtigste Diesseitige Gottheit) war (Itivuttakam 20 - 29) und das er weit über jeder Form von Gottheit (auch dem Schöpfenden) steht (Majjhima Nikāya 49). Wir erwarten weder Paradies noch Gott, auf uns wartet Nibbana nach der Überwindung von Samsara.

LG Tiro
_________________
„Es gibt keinen Schöpfer außer dem Geist.“
(Lord Buddha)

"Es ist ein Vergnügen anzusehen, wie blind die Menschen für ihre eigenen Sünden sind und wie heftig sie die Laster verfolgen, die sie selbst nicht haben."
(Machiavelli)
Lieber Bernhard,

Danke für diesen Thread

Also ich habe mich nicht so umfassend in die Buddhistischen Schriften vertieft, jedoch ansatzweise versucht, mich in sie zu vertiefen. Ich muss sagen, dass ich wirklich viel Respekt vor den Buddhistischen Schriften habe und oft Dinge, die Baha'u'llah schrieb, besser und tiefer verstehe, wenn ich sie durch Erläuterungen des Buddha aus einer anderen Perspektive lese. Vor allem im Bezug auf Ethik und ihrem Zusammenwirken mit Geistigkeit / Loslösung merke ich, dass Baha'u'llah und Buddha sehr ähnliche oder gleiche Ansätze vertraten: Erst durch die Loslösung von der materiellen Welt verlieren wir Untugenden und Laster wie Arroganz, Geiz, zügellose Lust, ...

Da ich gerade dabei, einen neuen Schritt der 'Vergeistigung' meines Lebens zu gehen, interessiert mich dieser Zusammenhang besonders: Ich merke, dass ich in leider teilweise noch sehr arrogant bin, obwohl Demut und Respekt gegenüber anderen wichtig ist. Auch andere Dinge in meinem Leben muss ich zunehmend anfangen zu reflektieren. Darum habe ich mich mit einem Zentrum in Verbindung gesetzt, die in meiner Heimatstadt kostenlos Meditationskurse anbieten. Auch wenn ich hierzu bewusst eine religionsneutrale Einrichtung gesucht habe, denke ich doch, dass ich durch das Erlernen der Meditation auch zunehmend mehr Verbindungen zu Buddhisten aufbauen kann. Zumindest ist das sicherlich ein positiver Nebeneffekt solcher Techniken

GlG Yahia
_________________
https://youtu.be/XJ9E4sbnW-k
Zitat:
die letzten Tage habe ich viel in buddhistischen Schriften gelesen ("Die Reden Buddhas -- Mittlere Sammlung -- Übersetzung von K. E. Neumann").


Hallo Bernhard, zunächst mal danke für den Tipp mit der Übersetzung von K.E.Neumann.

Zu Deinen Fragen möchte ich nur kurz erwähnen, dass ich zwar nicht täglich, aber doch öfter Buddhistische Schriften lese. Direkt vor mir auf dem Schreibtisch habe ich 2 kleine Büchlein >Buddha der Erwachte spricht< und >Die grossen Weisheiten des Buddha.< Darin, und auch in den Büchern die noch bei mir im Regal stehen, lese ich sehr gerne.

Da mein Vater sich diese Woche von dieser Welt verabschiedet hat, interessiert mich im Moment auch alles was ich zum Thema Tod und Sterben finden kann.
Grad schlag ich auf und finde: "Betrachtet ein Mensch diese Welt wie eine Schaumblase, wie eine Sinnestäuschung, so hat der König des Todes keine Macht über ihn." Dhammapada


O wow, Tiro, ausgerechnet die sieben Täler hast Du Dir ausgesucht. Die waren in meinen Augen, zu Beginn als ich mich mit den Bahai-Schriften befasste, noch etwas für Fort-fort-fortgeschrittene.
Aber jeder kommt eben aus einer anderen Richtung. Ich, als ehemalige Christin und dann völlig "Ungläubige" benötigte zunächst viel "leichtere Kost"

Schönen Abend und
liebe Grüße Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Zitat:
O wow, Tiro, ausgerechnet die sieben Täler hast Du Dir ausgesucht. Die waren in meinen Augen, zu Beginn als ich mich mit den Bahai-Schriften befasste, noch etwas für Fort-fort-fortgeschrittene.


Liebe Linde,

Mit deinem Urteil liegst Du sicher richtig. Ich schrieb ja bereits, auch für mich war es eine gewaltige Herausforderung. Das ich ausgerechnet mit diesem Buch anfing begründet sich nicht in einer freiwilligen Wahl, eine gute Freundin hatte es mir zum 30. Geburtstag geschenkt. Vorher hatte ich aus den Bahai Schriften lediglich einige Sammlungen von Zitaten gelesen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung das der Tod meist den Sterbenden am wenigsten nimmt, daher wünsche ich dir und deinen Lieben Kraft und eine Rückkehr zur Freude!Deinem Vater wünsche ich Frieden und Glück in kommender Existenz, denn er ist weitergegangen.

Sollten dich buddhistische Texte zum Thema "Tod und Sterben" interessieren, so möchte ich dir "Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben - Ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Leben und Tod" von Sogyal Rinpoche empfehlen. Es basiert auf vielen Originaltexten aus dem "Bardo Thödröl" im Westen auch als das Tibetische Totenbuch bekannt. Mir war diese Lektüre schon oft ein Hilfe, insbesondere während der langen Leidenszeit und dem Tod meiner Großmutter im letzten Jahr.

Eine sehr gute Verkausausgabe findest Du hier: http://www.amazon.de/Das-tibetische.....qid=1350073058&sr=1-1

Und hier ist es auch als kostenfreies Onlinedokument: http://home.arcor.de/maciek_mucha/s.....Leben%20und%20Sterben.pdf


LG Tiro
_________________
„Es gibt keinen Schöpfer außer dem Geist.“
(Lord Buddha)

"Es ist ein Vergnügen anzusehen, wie blind die Menschen für ihre eigenen Sünden sind und wie heftig sie die Laster verfolgen, die sie selbst nicht haben."
(Machiavelli)
Liebe Linde,

es tut mir leid, von Deinem Verlust zu erfahren. Ich werde Dich und Deinen Vater in meine Gebete miteinschließen.

Liebe Grüße,
Bernhard
Caput_Tiro hat folgendes geschrieben:
Namaste

Lieber Bernhard,

Ich persönlich habe nur "7 Täler" komplett gelesen. Selbst das hat mich schon fast 4 Monate beschäftigt da es ungeheuer viele Metaphern und Wortspiele enthält welche man nur mit entsprechendem Hintergrundwissen aus Geschichte und Koran verstehen kann.


Lieber Tiro,

oh ja, die "Sieben Täler" sind schon harte Kost. Ich glaube, ich habe nur einen Bruchteil der Anspielungen verstanden, als ich sie gelesen habe.

Zitat:
Die Sprache und Eigenheit im Aufbau der Sätze fand ich sehr schön, Baha'ullah war künstlerisch hoch begabt! Auch fühlte ich mich in einigen Nuancen an die Lehrreden Lord Buddhas erinnert. Aber eben mehr wie ein schwacher Widerhall der letztlich durch das Gotteskonstrukt der monotheistischen Grundeinstellung seines Autors geschluckt wird.


Mir geht es bei den buddhistischen Schriften, die ich natürlich aus Baha'i-Sicht lese, so, dass ich den Eindruck habe, Buddha konzentriert sich besonders auf einen Aspekt der Religion, den er dafür sehr ausführlich und genau beschreibt, die anderen jedoch nicht anspricht.

Aber ich habe bisher auch erst knapp 250 Seiten gelesen ... der Pali-Kanon ist ja, wenn ich richtig informiert bin, weitaus umfangreicher ...

Zitat:
Unser Glaube lehrt uns das Lord Shakyamuni Buddha selbst mehrfach Brahma (unsere mächtigste Diesseitige Gottheit) war (Itivuttakam 20 - 29) und das er weit über jeder Form von Gottheit (auch dem Schöpfenden) steht (Majjhima Nikāya 49). Wir erwarten weder Paradies noch Gott, auf uns wartet Nibbana nach der Überwindung von Samsara.

LG Tiro


Darf ich fragen, welcher buddhistischen Schule Du Dich zurechnest?

Liebe Grüße,
Bernhard
Lieber Yahia!

Yahia hat folgendes geschrieben:
Lieber Bernhard,

Danke für diesen Thread

Also ich habe mich nicht so umfassend in die Buddhistischen Schriften vertieft, jedoch ansatzweise versucht, mich in sie zu vertiefen. Ich muss sagen, dass ich wirklich viel Respekt vor den Buddhistischen Schriften habe und oft Dinge, die Baha'u'llah schrieb, besser und tiefer verstehe, wenn ich sie durch Erläuterungen des Buddha aus einer anderen Perspektive lese. Vor allem im Bezug auf Ethik und ihrem Zusammenwirken mit Geistigkeit / Loslösung merke ich, dass Baha'u'llah und Buddha sehr ähnliche oder gleiche Ansätze vertraten: Erst durch die Loslösung von der materiellen Welt verlieren wir Untugenden und Laster wie Arroganz, Geiz, zügellose Lust, ...

Da ich gerade dabei, einen neuen Schritt der 'Vergeistigung' meines Lebens zu gehen, interessiert mich dieser Zusammenhang besonders: Ich merke, dass ich in leider teilweise noch sehr arrogant bin, obwohl Demut und Respekt gegenüber anderen wichtig ist. Auch andere Dinge in meinem Leben muss ich zunehmend anfangen zu reflektieren.


Oh ja, ein bisschen mehr Demut könnte ich auch gut gebrauchen ...

Zitat:
Darum habe ich mich mit einem Zentrum in Verbindung gesetzt, die in meiner Heimatstadt kostenlos Meditationskurse anbieten. Auch wenn ich hierzu bewusst eine religionsneutrale Einrichtung gesucht habe, denke ich doch, dass ich durch das Erlernen der Meditation auch zunehmend mehr Verbindungen zu Buddhisten aufbauen kann. Zumindest ist das sicherlich ein positiver Nebeneffekt solcher Techniken

GlG Yahia


Das hört sich nach einem guten Plan an! Ich hatte auch schonmal darüber nachgedacht. Also an "professionelle" Meditation. Bin aber bisher nicht dazu gekommen.

LG,
Bernhard
Lieber Bernhard,

Zitat:

oh ja, die "Sieben Täler" sind schon harte Kost. Ich glaube, ich habe nur einen Bruchteil der Anspielungen verstanden, als ich sie gelesen habe.


Ich kann auch nicht behaupten das meiste verstanden zu haben. Einige Stellen unterscheiden sich auch erheblich von der des Korans auf die sie verweisen.

Zitat:
Mir geht es bei den buddhistischen Schriften, die ich natürlich aus Baha'i-Sicht lese, so, dass ich den Eindruck habe, Buddha konzentriert sich besonders auf einen Aspekt der Religion, den er dafür sehr ausführlich und genau beschreibt, die anderen jedoch nicht anspricht.


Der Dharma behandelt die Edlen 4 Wahrheiten und den zur Erkenntnis führenden Achtfachen Pfad. Es dreht sich um Praxis und Theorie im Ziel der vollkommenen Befreiung. Gott, Schöpfungsmythos und diverse Dogmen hat die buddhistische Religion nicht, daher konzentriert sich der Tathagata auf den Dharma, nicht auf "nur einen Aspekt".


Zitat:
Aber ich habe bisher auch erst knapp 250 Seiten gelesen ... der Pali-Kanon ist ja, wenn ich richtig informiert bin, weitaus umfangreicher ...


Der Pali- Kanon hat in seiner deutschen Übersetzung, je nach Ausgabe, bis zu 6900 Seiten in Din A4.


Zitat:
Darf ich fragen, welcher buddhistischen Schule Du Dich zurechnest?


Sicher darfst Du. Ich rechne mich in erster Linie zur Waldtradition des Theravada- Buddhismus, im weiteren Sinne aber auch zur internationalen Sangha der Engagierten Buddhisten.

LG Tiro
_________________
„Es gibt keinen Schöpfer außer dem Geist.“
(Lord Buddha)

"Es ist ein Vergnügen anzusehen, wie blind die Menschen für ihre eigenen Sünden sind und wie heftig sie die Laster verfolgen, die sie selbst nicht haben."
(Machiavelli)
Namaste, Tiro!

Caput_Tiro hat folgendes geschrieben:
Lieber Bernhard,

Der Dharma behandelt die Edlen 4 Wahrheiten und den zur Erkenntnis führenden Achtfachen Pfad. Es dreht sich um Praxis und Theorie im Ziel der vollkommenen Befreiung. Gott, Schöpfungsmythos und diverse Dogmen hat die buddhistische Religion nicht, daher konzentriert sich der Tathagata auf den Dharma, nicht auf "nur einen Aspekt".


Entschuldige bitte. Ich habe mich ungeschickt ausgedrückt. Was ich sagen wollte: Als Baha'i beziehe ich die Lehre von der Loslösung natürlich auf ähnliche Aussagen Baha'u'llahs. Und ich habe bisher erst ca. 250 Seiten der "Mittleren Sammlung" gelesen. Bisher ging es fast nur um den Weg zur Loslösung, aber ethische Anweisungen, metaphysische Aussagen und dergleichen habe ich bisher nicht gelesen.

Daher mein Eindruck, dass die buddhistischen Schriften, die ich bisher gelesen habe, ein weniger "weites" Spektrum behandeln, dafür aber mehr in die Tiefe gehen.




Zitat:

Der Pali- Kanon hat in seiner deutschen Übersetzung, je nach Ausgabe, bis zu 6900 Seiten in Din A4.


Oh ha, das ist ja einiges!

Kannst Du mir vielleicht Hinweise geben, in welcher Reihenfolge man die verschiedenen Texte lesen sollte? Oder ist das nicht von so großer Bedeutung?

Unterscheiden sich die verschiedenen Sammlungen ("Körbe?") thematisch voneinander?

LG,
B.