Neue Beziehungsarten in einer neuen Welt


RoseGarden hat folgendes geschrieben:

Ich denke solange Frauen von Männern ökonomisch abhängig sind, wird es keine Gleichwertigkeit in Partnerschaften und Ehen geben.


Hallo RoseGarden,

mir gefallen deine Argumente in diesem Thema sehr gut, aber in diesem Punkt möchte ich ein wenig einhaken: gesellschaftlich gesehen sorgen ökonomische Abhängigkeiten einer Gruppierung gegenüber einer anderen immer auch für Machtgefälle innerhalb der Beziehung zueinander.

Im Einzelfall muß das jedoch nicht zutreffen.

Ich bezeichne meine Ehe als gleichwertig zwischen meinem Mann und mir, und das, obwohl er mein Chef ist, obwohl ich wirtschaftlich von ihm abhängig bin. Was unsere Beziehung zueinander gleichwertig macht, ist die Wertschätzung, die wir füreinander hegen - das schließt auch Differenzen, teilweise 'harte' Auseinandersetzungen und ständige Weiterentwicklung - z.T. miteinander, z.T. aber auch unabhängig voneinander - nicht aus.

Unter 'Gleichwertigkeit' verstehe ich, daß beide Beziehungspartner für sich das Recht und auch die Möglichkeit in Anspruch nehmen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, offen zu äußern und nach Möglichkeit auch zu erfüllen, selbst dann, wenn sie dem Partner u.U. nicht gefallen oder sogar Kummer bereiten.

Für uns heißt das konkret (um auch den Bogen zum Threadthema wieder zu finden): wir leben zwar in einer konventionellen Beziehungsform - der Ehe - und es ist diese Beziehungsform, die meinem Mann und seinem Wesen und Bedürfnissen gerecht wird. Ich selbst war nie sehr bindungsfreudig und -fähig, habe mein früheres Leben als Lesbe überwiegend je nach Lebensabschnitt mit Kurzbeziehungen bzw. flüchtigen Abenteuern verbracht und habe auch innerhalb meiner Ehe durchaus Bedürfnisse, die mein Mann mir nicht erfüllen kann, auch im Hinblick auf die Exklusivität unserer Paarbeziehung. Dennoch sind wir einander in einer tragfähigen, vertrauensvollen Weise verbunden, die in erster Linie auf unbedingter Ehrlichkeit zueinander beruht.

Wir sprechen miteinander, wir lassen einander wissen, was wir wollen und uns ersehnen ohne die Angst, dafür vom Partner verlassen zu werden. Wir wertschätzen einander auch wegen der 'Andersartigkeit' des anderen, und das zeigt sich auch darin, daß nicht einer von beiden seinen "höheren Wert" durch finanzielle oder sonstige Machtmittel zu belegen versucht.

Ich denke, daß das gar nicht so besonders 'althergebrachte' Modell Ehe gerade in den letzten Jahrzehnten einem starken Wandel unterworfen ist, der noch ziemlich am Anfang steht, gleichgültig, was uns moderne Lifestyle-Modelle suggerieren wollen. Ich erlebe selbst im Zusammenhang mit polyamoren, polygamen oder sonstigen Beziehungsformen immer wieder, daß die grundlegenden Wertvorstellungen von Liebe, Loyalität und Fairneß nach wie vor gültig sind - zu Irritationen scheint es in Beziehungsgeflechten vor allem dann zu kommen, wenn Menschen glauben, 'neuartige Freiheiten' ohne Rücksicht auf die eigenen, tiefen und meist doch unspektakulären Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Verluste ausleben zu müssen.
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Wahrer Trost kennt keine Gefühlsduselei.
© Thomas Holtbernd