Achtsamkeit - ein zweischneidiges Schwert?


Als (Zen-)Buddhist habe ich mich nun schon Jahre darauf trainiert, stets in der Gegenwart zu leben (so weit das eben geht), also das Hier-und-Jetzt achtsam zu registrieren und es mir bewusst zu halten.
So weit okay.
Aber manchmal denke ich, dass ich durch diese - zwar zwanglose, aber doch "bezwingende" - Gegenwartsorientierung irgendwie emotional verarme. Sind es nicht die Träume(reien) und Sehnsüchte, die uns durch's Leben tragen?
Natürlich weiß ich als Buddhist, dass es nicht heilsam ist, Tagträumen nachzuhängen; dass es eher verstörend sein kann, sich um die Zukunft Gedanken zu machen; dass man mit der Vergangenheit sich nicht zum Kaffee und Kuchen treffen soll (wenigstens nicht länger als unbedingt nötig). Aber wenn man einen Sonnenaufgang sieht, sollte man da die rationalistischen Gedanken nicht wegdrängen und einfach sagen: "Herrlich!" Oder sich mal an netten Erinnerungen wärmen. Oder sich in hellsten Farben ausmalen, wie es wäre, 6 Richtige im Lotto zu haben?

Was meint ihr, wird man durch eine ständige Achtsamkeit nicht ein bisschen zu einer Art Informationsverarbeitungsmaschine? Man verarmt emotional, steht beständig neben sich,überwacht und überprüft.
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Maranatha!
Kann schon sein, wenn man es übertrieben macht, dass man dabei ziemlich emotionslos wird oder so.
Alle Systeme haben die Eigenart, zur Verhärtung zu führen.
Jedes System kennt Teilwahrheiten.

So ist es sicherlich ein Ziel, ins Jetzt zu kommen- indem man sich mit Gott verbindet.

Wenn man sich ins Jetzt zwingt ohne Berührung mit Gott, dann ist das Jetzt tot und leer.

Wie, wenn du zwar einen Stecker in die Steckdose steckst, aber es fließt kein Strom auf der Leitung.

Die emotionale, die innere Verbindung zu Gott ist das Wesentliche, ins Jetzt kommt man dann dann von alleine.

Und im Jetzt sein heißt niemals, dass man keine Wünsche, keine Sehnsüchte und keine Träume haben darf.

Ganz und gar im Gegenteil. Zu was sonst haben wir unsere Phantasie?

Die ganz entscheidende Frage ist nur: was stellen wir uns vor? Was träumen wir? Um was kreisen unsere Bilder?

Ist die Sehnsucht materieller Natur und beschränkt sie sich auf die Welt oder ist unsere Sehnsucht immaterieller Natur?

Auf deutsch: was ist dir wichtiger? Dein Auto oder die Liebe?

Der Zen-Weg neigt zum vertrocknen, weil er den Menschen das lebendige Leben vergällt.

Aber Gott ist kein humorloser, trockener Schweiger.

Es geht nicht ums Schweigen. Gott ist voller Leben und voller Worte.

Es geht nur um die richtigen Worte. Um die guten und wahren Worte.
Die richtige Sehnsucht, den richtigen Wunsch: der, der dich ins Glück bringt, statt an die Welt nagelt.

Es geht vornehmlich um die lebendige Beziehung zwischen Gott und dir und ein Werkzeug ist die Phantasie.

Denn da wir die Liebe in ihrer höheren Form hier gar nicht kennen, müssen wir sie erst mal "erfinden".

Alles, was du denkst und träumst und tust, zieht Folgen nach sich in der Form, in der es gegeben wurde.

Wenn deine Träume voll von Liebe sind, von Menschlichkeit, Schönheit, Wohlwollen, Wärme, Freude und Glück, so sind sie der Wagen, der dich ins Paradies bringt.

Der Wille ist des Menschen Himmelreich.

Die Zenmeister haben diese Kraft verneint, um ihre Macht zu behalten, denn nur über unglückliche Menschen kann man Macht ausüben und der Zen kommt aus einer alten Tradition.
Ich glaube, dass nichts, was immer nur extrem in eine Richtung zielt, richtig ist. Es gibt immer Polarität. Also auf deine Frage: nur in dem "Zen-Pol" der Gegenwart zu leben ist ein Extrem. Zum Leben gehört ALLES, also auch das Tagträumen und Erinnerungen und Zukunftspläne. Also: mal das eine, mal das andere. Persönlich mag ich außerdem keine SOLLs, werder von Zen noch von sonst welchen Normen vorgebenden Personen/Institutionen...
Hallo henning.m,

Das mit der Achtsamkeit wird falsch verstanden, oder falsch ausgelegt.

Buddha: „Lebt achtsam“.
Jesus: „Wachet“.
Beide Aussagen drücken das Gleiche Prinzip aus. Es bedeutet bewusst und absichtlich zu leben. Sich seiner Handlungen in Tat, Wort und Gedanken immer bewusst zu sein.
Das hat ganz und garnichts mit dem Hier und Jetzt zu tun, sondern damit, daß man darauf ACHTET, WARUM man eine Handlung in Tat, Wort und Gedanken vollzieht. Aus egoistischen Gründen, oder aus selbstlosen Gründen – zum Eigennutz, oder zum Wohle Anderer oder Aller.
Im Buddhismus natürlich nicht zur Schädigung anderer, oder aus Wut, Hass, Missgunst, Neid, usw. zu handeln. Darauf ist zu ACHTEN.

Was nun Vergangenheit und Zukunft betrifft, sagt auch Jesus: „Was macht ihr Euch Sorgen um Morgen … seht die Vögel des Himmels – sie sähen nicht sie ernten nicht, und der Herr ernährt sie doch“.
Es geht also darum, sich keine unnötigen Gedanken darüber zu machen, was in Zukunft alles schief laufen könnte. Genau so unnötig ist es, darüber nachzudenken, was man in früherer Zeit alles falsch gemacht, oder hätte besser machen können. Das sind UNNÖTIGE und Sinnlose Gedanken. Denn ändern kann man nur im JETZT etwas.
Das bedeutet aber nicht, daß man nicht mit ZUVERSICHT und VERTRAUEN (das kommt schon gut) im Jetzt handeln darf.
Handeln im Jetzt, zum Wohle ALLER!
Dann, kommen lassen was kommt, gehen lassen was geht, und mit dem zufrieden sein was IST.

Grüße,
Demetrius
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Auf der Erde gibt es seit jeher den Kampf zwischen Egoismus und Selbstlosigkeit.
Die Egoisten werden reich, die Selbstlosen schaffen große Werke.
www.demetrius-degen.de
Hallo lieber Henning, erstmal herzlich willkommen hier im Forum.

Ich glaube meine "Vorredner" haben schon so ziemlich alles gesagt was ich auch denke.

Achtsamkeit ist eine sehr große, wichtige Sache. Viele Menschen sind mit ihren Gedanken irgendwo, ständig im Später oder der Vergangenheit und kriegen kaum mit was jetzt ist, können darum nicht genießen was sie jetzt grade tun oder sehen und hören.

Trotzdem gehört ja alles zusammen, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.
Ich kann mir Gedanken über Vergangenes machen und daraus lernen. Ich freu mich an der Gegenwart und an dem was ich eben tue und muss meine Gedanken natürlich auch in die Zukunft richten und schaun was es da für Aufgaben gibt, an was ich mich morgen freuen, wem ich morgen eine Freude machen oder irgendwie helfen kann usw.

Ich denke das Wesentliche hierbei ist immer das Maß.

Es kann nicht gut für mich und andere sein wenn ich ständig in der Vergangenheit bin, ebensowenig wenn ich mir nur Sorgen um das Morgen mache oder schaue welche Freuden ich in Zukunft haben kann.

Und so glaube ich auch, dass es nicht gut ist nur im hier und jetzt zu sein. Doch Achtsamkeit sehe ich auf alle Fälle positiv.

In allem eben das rechte Maß halten

Was die Grenzen der Mäßigung überschreitet, hört auf, wohltätigen Einfluß auszuüben.

(Baha'u'llah, Ährenlese)


Liebe Grüße Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
henning.m hat folgendes geschrieben:
Als (Zen-)Buddhist habe ich mich nun schon Jahre darauf trainiert, stets in der Gegenwart zu leben (so weit das eben geht), also das Hier-und-Jetzt achtsam zu registrieren und es mir bewusst zu halten.
So weit okay.
Aber manchmal denke ich, dass ich durch diese - zwar zwanglose, aber doch "bezwingende" - Gegenwartsorientierung irgendwie emotional verarme. Sind es nicht die Träume(reien) und Sehnsüchte, die uns durch's Leben tragen?
Natürlich weiß ich als Buddhist, dass es nicht heilsam ist, Tagträumen nachzuhängen; dass es eher verstörend sein kann, sich um die Zukunft Gedanken zu machen; dass man mit der Vergangenheit sich nicht zum Kaffee und Kuchen treffen soll (wenigstens nicht länger als unbedingt nötig). Aber wenn man einen Sonnenaufgang sieht, sollte man da die rationalistischen Gedanken nicht wegdrängen und einfach sagen: "Herrlich!" Oder sich mal an netten Erinnerungen wärmen. Oder sich in hellsten Farben ausmalen, wie es wäre, 6 Richtige im Lotto zu haben?

Was meint ihr, wird man durch eine ständige Achtsamkeit nicht ein bisschen zu einer Art Informationsverarbeitungsmaschine? Man verarmt emotional, steht beständig neben sich,überwacht und überprüft.


Hallo henning,

willkommen im Forum, auch von mir.

Seit ein paar Jahren praktiziere ich Zazen.
Mein Leben wurde dadurch bereichert und intensiviert.

Emotionen, Gedanken, Schmerzen usw. sind immernoch da, aber sie beherrschen mich nicht mehr.
Das heißt auch, nicht mehr völlig zu Tode betrübt oder himmelhochjauchzend zu sein, also keine Extreme mehr zu erleben.

Ein stetiges Gefühl von innerem Frieden und Zufriedenheit mit allem, was war und was ist, ist jetzt ein dauerhaftes Glück.


Wenn Du bei einem Sonnenaufgang zwischen rationalen und emotionalen Gedanken unterscheidest, hat das meiner Meinung nach nichts mit Zen zu tun, sondern mit Gedankenakrobatik.
Ist ein ganz im Augenblick Sein, nicht gleichzeitig ein ganz intensives Erleben, z.B. eines Sonnenuntergangs?

Es gibt eine alte Weisheit, die Deas, der Administrator, in leicht abgewandelter Form, hier ins Forum gestellt hat:
http://www.geistigenahrung.org/ftopic1199.html


Lieber Gruß

Mara
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.