Der Sinn von Kritik


Lieber Tiro,

Du schreibst:
Zitat:
Es macht sicher einen Unterschied ob ich nun eine Sache auf Basis gewisser "allgemein anerkannter" Normen kritisiere oder ob ich es auf Basis meines speziellen Subjektiven Geschmacks tue. Insofern ist es bei Fall 2 sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, völlig objektiv zu bleiben.

Auf der Basis meines subjektiven Geschmacks etwas nicht schön zu finden, also ästhetische Gründe, sind für mich keine legitime Grundlage, Kritik zu üben. Wenn mir im Alltag mal eine derartig bewertende Bemerkung ungefragt rausrutscht, ist es ein Verhalten, von dem ich loskommen möchte. Was jedoch nicht bedeutet, dass, danach gefragt, ich nicht meine Meinung ehrlich sagen würde.

Zitat:
Ein gutes Beispiel erleben wir hier tag für tag im Forum. Wenn einer des anderen Glauben kritisch reflektiert oder hinterfragt. Kann man dies überhaupt objektiv tun oder setzen wir unbewußt immer unsere eigenen Wahrnehmungen und unseren Urglauben als Basis der Kritik ein?
Die Motivation hier im Forum zu schreiben ist sicher vielfältig und wenn ich von mir ausgehe, hat sie sich im Laufe der Zeit auch verändert.
Am Anfang ging es mir mehr darum, den Glauben der anderen kennenzulernen, zu hinterfragen und auch meinen eigenen zu überprüfen und mir darüber bewusster zu werden.
Auch wenn ich manchmal schockiert war und ungute "Angriffe" erlebte, kann ich inzwischen rückblickend schätzen, was und wieviel ich von anderen Glaubensrichtungen lernen durfte.
Interessant zu entdecken war auch, dass es nicht nur bei den Gottgläubigen "Fundamentalisten" gibt.
Die Neigung zwanghaft an einem bestimmten Denken festzuhalten, ist wohl doch ein allgemein menschliches Problem.

Zitat:
Könnte eine Kritik von unserem Standpunkt gesehen überhaupt ehrlich sein wenn sie keine subjektive Färbung hätte?
Das eine schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil, eine Kritik, die sich ihrer subjektiven bzw. objektiven Maßstäbe bewusst ist, diese sogar offen legt, ist meiner Meinung nach ehrlich.
Zitat:
Ist es eine Meinung eigentlich keine Meinung zu haben?

"Keine Meinung" kann bedeuten, sich im Augenblick nicht festlegen zu können oder zu wollen.

Zitat:
Fragen über Fragen. Ich tendiere daher zu dem Weg den ich schon beschrieben habe, denn ich glaube nicht das ein "Andersgläubiger" meine Ansichten zugleich ehrlich und objektiv kritisieren kann.

Ehrlichkeit in obigem Sinne finde ich wichtig und objektiv würde ich es empfinden, wenn der andere bei seiner "Kritik" auch andersartige Wertmaßstäbe einbeziehen kann, bzw. sich darum bemüht.

Zitat:
Darum nehme ich hier von jedem mit was ich gebrauchen kann und als sinnvoll erkenne.
Das handhabe ich genauso.

Zitat:
Toleranz auf beidseitiger Basis muß meiner Meinung nach der Filter jeder Kritik sein und das besonders beim Empfänger.

Das verstehe ich nicht. Kannst Du es an einem Beispiel deutlich machen?

Zitat:
Wie behandelst du das, im Zwischenspiel aus Christentum und Zen?
Im Zen geht es nicht um Glauben, sondern um Erfahrungen und Fakten. Diese wiederum können als Grundlage oder Unterstützung verschiedenster Glauben dienen.
Die letzten 4 Sesshins habe ich mit zwei japanischen ZEN-Meistern erlebt, der eine schon pensioniert, der andere noch berufstätig, der eine Buddhist, der andere Christ.
Gewöhnungsbedürftig waren für mich die japanischen Rituale.
Je tiefer ich in der Meditation kam, desto weniger spielten "Äußerlichkeiten" eine Rolle, was sich immer mehr auch in meinen Alltag überträgt.

Lieber Gruß

Mara
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OM LOKAH SAMASTHA SUKHINO BHAVANTHU
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Liebe Linde,

Du schreibst:

Zitat:
Kinder die viel ermutigt statt entmutigt werden, stehen ganz anders im Leben.
Kritik ist meiner Meinung nach meistens entmutigend
Positive Verstärkung wirkt auch noch bei Erwachsenen viel besser und ich finde, Du selbst praktizierst dies vorbildlich hier im Forum.

Zitat:
Auch von Selbstkritik halte ich nicht so viel. Auch das zieht runter.
Wenn Du Dich dabei mehr oder weniger selbst zerfleischst, schadest Du Dir mehr, als Du Dir nützt.
Zitat:
Doch sollte ich ständig bereit sein mein Verhalten täglich zu reflektieren um zu erkennen wo und was ich besser machen kann.

Für mich ist diese Reflexion eine konstruktive Form der "Selbstkritik".
Entscheidend ist meiner Meinung nach eine innere Haltung der Demut und die ständige Bereitschaft zur Veränderung.

Schön, mit Menschen wie Dir, hier auf dem Weg zu sein.

Herzlich

Mara
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Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Hi linde

linde hat folgendes geschrieben:
Sorry, ich hatte mal wieder weder Zeit, noch Kraft noch Konzentration mir alles durchzulesen. Daher kann es durchaus sein, dass ja alles schon gesagt ist. Wollte jetzt einfach mal versuchen meine Gedanken zum Thema aufzuschreiben.
>Der Sinn von Kritik< heißt es ja.

Ich selbst sehe keinen Sinn darin andere zu kritisieren und wahrscheinlich haben auch die meisten Menschen damit Probleme selbst kritisiert zu werden.



Mich beschleicht gerade der Verdacht dass du dir selbst wiedersprichst.
Daher möchte ich diesen Sachverhalt mal kritisieren*g*
Das wird auch nicht unangenehm.

Du siehst also keinen Sinn darim andere Menschen zu kritisieren.
Mein Eindruckt ist aber, dass es dir nur unangenehm ist, denn im folgenden Text schilderst du ja ganz genau wie du selbst kritisierst und wie du dir Kritik konkret vorstellst, was ich auch ganz gut finde...

Du kannst das wohl anders nennen, aber das wovon du redest, nennt man trotzdem Kritik.
Also so ganz kaufe ich dir nicht ab dass du keinen Sinn in der Kritik siehst, nachfolgend führst du ja schliesslich ein gutes Beispiel für sinnvolle Kritik an.

Hier:

Zitat:
Das heißt für mich nicht, alles unter den Teppich zu kehren und fünfe grad sein lassen.

Heute hat z.B. eine Helferin, die hin und wieder meinen Sohn mitbetreut, die Medizin nicht so verabreicht wie das sein soll.

Natürlich habe ich ihr nochmal erklärt, warum die Medizin so und nicht auf ihre Art gegeben werden soll und habe nochmal erklärt, warum das so wichtig ist..

Wichtig finde ich auch, dass nicht der Mensch kritisiert wird, sondern dass erklärt wird, dass eine Sache so und nicht so gemacht werden darf/soll/muss und warum.


Also das nennt man dann kritik, ist aber nicht schlimm, wenn es um die Gesundheit deines Kindes geht ist es wichtig dass du ein Problem aufzeigst und im Idealfall Lösungsmöglichkeiten anführst.
Also durchaus eine sinnvolle Kritik.

Zitat:

Im Falle des Schneiders, der einen Anzug/Kleid zu klein/zu weit/zu eng oder was auch immer macht ist ja ganz klar, dass ich das nicht einfach so hinnehme.
Ich würde hier auch nicht den Schneider kritisieren, sondern erklären, dass ich ein Kleid das mir zu eng ist natürlich nicht abnehmen kann , er es ändern oder neu schneidern muss. Also die Sache vom Menschen trennen.


Auch das ist wieder sinnvolle Kritik.
Es spielt keine Rolle ob du das Problem von dem Menschen trennst, es bleibt Kritik.
Lass uns dazu kurz einen Blick auf die Wiki-Definition werfen :
Zitat:

Kritik (französisch: critique; ursprünglich griechisch: κριτική [τέχνη], kritikē [téchnē], abgeleitet von κρίνειν krínein, „[unter-]scheiden, trennen“) bezeichnet „die Kunst der Beurteilung, des Auseinanderhaltens von Fakten, der Infragestellung“ in Bezug auf eine Person oder einen Sachverhalt.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik


Der Begriff kommt tatsächlich von "trennen" oder "unterscheiden".
Das wird es sein was eine gute Kritik ausmacht.
Wir können uns aber manchmal noch so sachlich und Lösungsorientiert ausdrücken um einen Sachverhalt von einer persönlichen Verfehlung zu trennen.
Derjenige der kritisiert wird und das nicht möchte, findet garantiert einen Weg wie er aus einer sachlichen Kritik eine zutiefst persönliche Angelegenheit gestalten kann.
Und wer nie gelernt hat zu sinnvoll zu kritisieren und auch selbst mit Kritik sachlich umzugehen, der bekommt dann ständig Probleme weil er aus allen eigentlich sachlichen Angelegenheiten, ganz persönliche Dramen veranstaltet...

Es liegt nicht immer in der Hand des Kritikers wie seine Kritik letztendlich beim Empfänger ankommt und seine Wirkung entfaltet.
Jeder kennt Personen die sich gegen jeden gut gemeinten Ratschlag zur Wehr setzen um bloss keine Schwäche eigestehen zu müssen...

Zitat:
Ich erinnere mich noch sehr daran, wie ich als Kind für alles und jedes kritisiert wurde. Hätte man auch die Dinge anerkannt die ich gut gemacht habe, wäre das für mein Selbstwertgefühl wohl sehr stärkend gewesen, so aber konnte sich das kaum entwickeln.

Wenn ein Kind z.B. ein Diktat schreibt in dem es 120 Wörter richtig geschrieben hat, dann erfährt es das nicht. Es kriegt nur mit, dass es beispielsweise 5 Fehler gemacht hat.

Würde man unter ein Diktat schreiben >von 125 Wörtern hast Du 120 Wörter richtig geschrieben, bitte schau Dir nochmal genau die 5 an die nicht richtig waren und übe sie< dann hätte das eine ganz andere Wirkung auf das Kind.
Kinder die viel ermutigt statt entmutigt werden, stehen ganz anders im Leben.
Kritik ist meiner Meinung nach meistens entmutigend


Kann ich ganz gut nachvollziehen.
Leider geht es vielen Erziehungsberechtigten und Atoritäten nicht darum Kinder mit Selbstbewusstsein zu betanken.
Bei manchen Leuten hat man geradezu den Eindruck es geht ihnen nur darum den Willen eines Menschen zu brechen.
Das ist dann aber auch meistens keine sinnvolle Kritik, sondern irgendwas zwischen Mobbing und Kompensation von eigener Unzufriedenheit mit sich selbst und dem Rest der Welt *denk*
Aber letzendlich halb so wild, ein scharfer Verstand gedeiht nicht in einem wohligen Umfeld

Zitat:

Auch von Selbstkritik halte ich nicht so viel. Auch das zieht runter.

Doch sollte ich ständig bereit sein mein Verhalten täglich zu reflektieren um zu erkennen wo und was ich besser machen kann.

Liebe Grüße Linde


Auch wenn du Überlegungen über dein Handeln anstellst oder dich persönlich verbessern möchtest, nennt man das Kritik oder eben Selbstkritik.
Versuche es evtl. mal mit dem Begriff "Training", das Wort ist für dich persönlich wahrscheinlich positiver belegt und verursacht weniger negative Assoziationen...

Gruss Grubi
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https://youtu.be/f2ROFnA4HRA
Danke, liebe Mara, dass Ermutigung auch noch bei Erwachsenen gut ankommt, und positiv stimuliert, konnte ich bei Deinem letzten Kommentar ganz besonders spüren. Aber nicht nur da.

Alles Liebe
Linde
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Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Ja danke Grubi, das ist schon auch so wie Du sagst.
Für mich ist das Wort halt negativ besetzt und ich denke, dass wir grundsätzlich zu viel kritisieren und zu wenig auf die positiven Seiten eines Menschen sehen.

Bei der Betreuerin meines Sohnes ist das gestern gut rüber gekommen, aber da gibt es auch Leute die auch bei einer "konstruktiven Kritik" sauer reagieren oder gar ausflippen, wie Du ja auch so ähnlich geschildert hast.

So und nach meiner momentanen Kurzreflexion stelle ich fest, dass ich mal jetzt hier vom Acker kommen muss um noch einige andere wichtige Dinge zu erledigen. Der Tag ist immer so schnell um.

Alles Liebe Linde
Grubi, ich möchte Deinem Beitrag, dem ich sehr zustimme, noch hinzufügen, daß Menschen, die weder Kritik üben möchten, sich alles gefallen lassen, was die Mitmenschen mit ihnen anstellen, von diesen auch nicht ernst genommen werden.

Mir sind Menschen bekannt, die sich gern loben, obwohl ich ihre Handlungsweise oft nicht so sehe, wie sie gern gesehen werden möchte.

Manchmal bin ich lange still, bis es zur Übertreibung kommt und ich dann doch mal sage, wie ich es sehe.

Es gab Zeiten, da hat mir jeder knallhart gesagt, was er über mich denkt, auch unaufgefordert, bis ich ins Grübeln kam und dachte, warum trauen sie sich diese Frechheiten zu und ich bekam Magenverstimmung.

Ich war so vorsichtig, daß ich mich oft nicht traute, mal recht energisch zu sein, weil ich glaubte, die Menschen dann zu verstimmen, so kam das Ungleichgewicht - man traute sich mir gegenüber Dinge zu sagen, die die Grenze überschritten.

Die Furcht, jemanden zu verletzten, immer nur ein freundliches Gesicht zu zeigen, wurde teilweise von den Eltern suggeriert, immer der nette Mensch zu sein, egal, ob man auch mißlaunigen Menschen begegnete, die ewig ihre schlechte Laune an anderen Menschen auslassen wollten.

Ich kenne die vielen Facetten der Menschen hautnah aus dem FF - bis mir der Kragen platze und ich mir so einiges verbat. Zumal manchmal Aussagen von Leuten kamen, die absolut kein Niveau hatten - nur freche Sprüche von sich gaben.

Irgendwo und irgendwann gibt es Grenzen.

Ich kenne auch Menschen, die immer ein scheinbares Lächeln auf dem Gesicht tragen, aber wenn es um ihre Interessen geht, dann verändern sich die Augen, das Lächeln um die Mundwinkel blieb, nur die Augen bekamen einen harten Ausdruck.

Kritik muß sein, obwohl man sich heutigentags sehr zurück nimmt, wenn man Menschen begegnet, die alles andere als pflegeleicht sind.

Man hat jederzeit die Freiheit, sich auch von Menschen zu trennen, die einem nicht gut tun.

Und dann muß eine Aussprache sein und dann muß gesagt werden, was notwendig ist.

Schmerzhafte Einschnitte im Leben fordern auch dazu auf, über sich und das Zusammenspiel mit anderen Menschen nachzudenken.

Und auch, warum man bestimmte Menschen anzieht, mit denen man Probleme hat.

Gruß
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Das, was sich im Menschen reinkarniert, ist das spirituelle Ego, die göttliche Individualität.
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