Das Tal der Erkenntnis


Sprich über das Tal der Erkenntnis, bat ein Schüler den Sufi Meister Attar, und so sprach er: Wenn die Sonne der Erkenntnis an der Wölbung dieses Weges strahlt, den man nicht würdig zu beschreiben vermag, zeigt sich in Klarheit das Geheimnis des Wesens der Dinge, und der feurige Ofen der Welt wird zum Blumengarten. Der Wanderer wird die Mandel unter ihrer Schale schauen. Er wird sich selbst sein „Ich“ nicht mehr erblicken, nichts mehr wird er erblicken als seinen Freund allein in allem; in allem, was er sehen wird, wird er sein Antlitz schauen, in jedem Atom die Sphäre des Alls; unterm Schleier wird er zahllose Heimlichkeiten betrachten, die leuchten wie die Sonne. Alle, die in dieser Wüste das Haupt erheben, ziehen es aus dem gleichen Kragen. Betrittst du das Tal der Erkenntnis, so siehst du in einem einzigen Strahl der Sonne, Tausende ewiger Schatten verschwinden, die dich umgaben. Als die Sonne der Erkenntnis über mir leuchtete, verbrannte sie beide Welten des Gegensatzes so leicht wie ein Hirsekorn. Als ich die Strahlen dieses Lichts sah, bin ich nicht allein geblieben: der Wassertropfen ist ins Meer zurückgekehrt. Ob ich auch in meinem Spiele zuweilen gewonnen und zuweilen verloren habe, zuletzt warf ich alles in das schwarze Wasser. Ich bin verschmolzen mit dem Meer.
_________________
http://azmuto.blogspot.de
Ausschnitt aus den Sieben Tälern von Bahá'u'lláh. Dieses mystische Werk -Sieben Täler- war die Antwort auf eine Frage Shaykh Muhyi'd-Dín, die sich auf das bekannte Werk des frühen Súfí-Dichters 'Attár "Vogelgespräche" bezog.

>Darum muß das Feuer der Liebe die Schleier des teuflischen Selbstes verbrennen, damit der Geist geläutert und rein sei und die Stufe des Herrn der Welten erkenne. »Entfach' das Feuer der Liebe und verbrenne alle Dinge, dann geh in der Liebenden Land ein«¹

(¹ Aus einem religiösen Gedicht Bahá'u'lláhs.)

Ist der Liebende durch Gottes Beistand den Krallen des Adlers der Liebe entronnen, so gelangt er in das

Tal der Erkenntnis

und er wird vom Zweifel zur Gewißheit, vom Dunkel der Täuschung zum Lichte der Führung in der Gottesfurcht kommen. Er wird mit dem Auge des inneren Schauens sehen und in vertraute Zwiesprache mit seinem Geliebten treten. Er wird die Pforte der Wahrheit und Ehrfurcht öffnen und die Türen der eitlen Einbildungen schließen.<


In dem berühmtem Mantiqu'-ayr ('Sprache der Vögel'; um 1180) wird die Fabel von der Suche der Vögel nach dem mythischen Vogel Phönix, dem Symbol der Unsterblichkeit, erzählt. Sie kommen dabei durch die sieben Täler des Suchens, der Liebe, des Wissens, des Nichtbedürfens, der Einheit, der Verwirrung und der 'Entäußerung und des Entwerdens'.¹ Die Suche der Vögel und die dabei erforderlichen Eigenschaften wie Liebe, Duldsamkeit und Opferwille, versinnbildlichen den Wanderweg des Súfí-Gottsuchers zu den Urgründen der Gottheit.

Auf diesem Hintergrund beschreibt Bahá'u'lláh »die sieben Stadien, welche die Seele des Suchers notwendig durchlaufen muß, ehe sie zum Ziel ihres Daseins gelangen kann«². Er bestätigt mit Seiner Darstellung die göttliche Wahrheit, die in allen Religionen als höchstes und letztes Ziel geschildert wird: ein Reich, das nicht von dieser Welt, aber vom wahren, opferbereiten und hingebungsvollen Gottsucher, der sich vom Ego und seinen Vorurteilen gelöst hat, zu erstreben und zu erreichen ist.

(So steht es im Vorwort zu den Sieben Tälern)
Liebe Grüße Linde
_________________
******************************************
Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Aus dem Gespräch der Vögel:
Farid-ed-din Attär
Die sieben Täler


http://www.demetrius-degen.de/fabeln/mystik2.htm

Viel Erkenntnis wünscht
Demetrius
_________________
Auf der Erde gibt es seit jeher den Kampf zwischen Egoismus und Selbstlosigkeit.
Die Egoisten werden reich, die Selbstlosen schaffen große Werke.
www.demetrius-degen.de
Danke Demetrius, es ist lange her, dass ich die "Vogelgespräche" gelesen habe. Hab das Buch garnicht mehr. Jetzt kann ich sie wieder nachlesen.

Liebe Grüße Linde
_________________
******************************************
Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Eine Geschichte, erzählt von Bahá'u'lláh in Seinen >Sieben Tälern<,
im Tal der Erkenntnis

Es wird erzählt, wie ein Liebender Mann durch lange Jahre hindurch unter den Qualen der Trennung von der Geliebten gelitten hatte und vom Feuer des Fernseins verzehrt ward. Durch die Gewalt der Liebe wurde sein Herz der Geduld bar und sein Körper des Lebens müde. Leben ohne sie schien ihm Blendwerk, und die Zeit begann, ihn zu verzehren. Wie viele Tage verbrachte er ruhelos in Sehnsucht nach ihr, und in wie vielen Nächten floh ihn der Schlaf in seinem Schmerz nach ihr. So wurde sein Körper zum Seufzer, und die Wundheit seines Herzens machte ihn zum Wehlaut. Vergebens hätte er tausend Leben verschenkt, um nur einen Tropfen vom Wein ihrer Gegenwart zu kosten; aber es gelang ihm nicht. Kein Arzt vermochte ihn zu heilen, und seine Nähe wurde von den Freunden gemieden. Ärzte kennen kein Mittel, um Liebe zu heilen, nur die Hand der Geliebten vermag ihm zu helfen.

Schließlich trieb der Baum seiner Sehnsucht die Frucht der Verzweiflung, und das Feuer seiner Hoffnung erstarb in der Asche, so daß er eines Abends lebensmüde sein Haus verließ und die Straße hinauszog. Plötzlich gewahrte er, wie ihn eine Nachtwache verfolgte. Er versuchte zu fliehen, doch die Wache eilte ihm nach, und es wurden ihrer viele, so daß ihm am Ende jeder Ausweg verstellt war. Gehetzt schrie er auf, lief ohne Ziel hin und her und stöhnte:

»Gewiß ist diese Wache 'Izrá'il, mein Engel des Todes, daß sie sich so eilt, mich zu packen, oder es ist ein Menschenschinder, der nach mir greift.«

So kam dieser weidwunde Liebende mit Füßen, die liefen, und einem Herzen, das ächzte, bis an die Mauer eines Gartens, die er mit größter Mühe erklomm. Aber oben angelangt, erkannte er ihre schwindelnde Höhe und stürzte sich, sein Leben nicht achtend, hinab in den Garten.

Doch siehe, welch ein Anblick! Dort war seine Geliebte, eine Lampe in der Hand, einen Ring suchend, den sie verloren hatte. Und als er, der sein Herz verloren, sie, die es ihm geraubt hatte, ansah, entrang sich ihm ein Seufzer der Erlösung, und er rief, die Hände zum Himmel erhoben:

»O Gott, gib der Wache Ruhm, Reichtum und langes Leben, denn sicher war sie der Engel Gabriel, der mich geführt hat, oder Isráfil, der Engel des Lebens, der mich, den Gequälten, erquickte.«


Dieser Mann hatte recht, denn wieviel Gerechtigkeit und Erbarmen waren in der scheinbaren Grausamkeit jener Wache verborgen! In ihrem Grimm hatte sie den in der Wüste der Liebe Verdurstenden zum Meere der Geliebten geführt und die Finsternis der Trennung durch das Licht des Wiedersehens vertrieben. Sie hatte den Entfernten in den Garten der Nähe und die leidende Seele zum Arzte des Herzens geleitet.

Hätte der Liebende im Voraus den Ausgang gesehen, so hätte er von Anfang an die Wache gesegnet und für sie gebetet, in ihrer Grausamkeit die Gerechtigkeit erkennend; doch da er das Ende nicht absah, begann er von Anfang an zu klagen und zu weinen. Die Wanderer aber in den Gärten der Erkenntnis sehen das Ende im Beginn und darum .... die Freundlichkeit im Zorn.

(Baha'u'llah, 1817-1892, Die Sieben Täler)


( Bahá'í Schriften )
_________________
******************************************
Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse und Forderungen.
Bahá'u'lláh
Danke sehr